Probleme? Herausforderungen! Tag vierundfünfzig.

Wanderung54_NebelDas Leben schießt Sprüche wie Blitze durch den Alltag und immer wenn sie einen streifen, greift man sich an den Kopf. „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung.“ Oder: „Alles hat auch etwas Gutes.“ Mein absoluter Favorit: „Wer will, sucht einen Weg. Wer nicht will, sucht einen Grund.“ Wow, dieser Superstar unter den Weisheiten, ist so wahr, dass er weh tut.

Ich merke, dass ich seit Wochen keine Gründe mehr suche. Anfangs war das schon so, manchmal hoffte ich nach dem Aufstehen auf einen Regentropfen. Ich wollte einen Grund haben, mehr Pausen zu machen. Oder gar mit dem Bus fahren zu müssen. Ich wollte, dass mich das Schicksal mit seinem großen Hammer niederstreckt und ich gar nicht anders kann als eben… Das Schicksal ist in dem Punkt ein feiner Gefährte, es deckt dich mit seinem Mantel wohlig ein Wanderung54_HamEggsund schützt gegen alle hämischen Stimmen, auch gegen die innere eigene. Aber seit irgendwo suche ich nicht mehr nach Gründen, die mir das Schicksal liefert. Ich suche nach Wegen: Wie kann ich diesen Tag doch gehen, wenn es regnet? Wie kann ich den Weg ändern, wenn ich festsitze (festsitzen ist übrigens gleich: Blog schreiben)? Wenn sich ein motorisierter Abkürzer anbietet, sage ich lieber nein. Ich will jeden Weg probieren.

Ich erkläre mir das mit dieser Yin & Yang-Geschichte. Ich finde mittlerweile zu jedem Grund einen Weg. Und auch wenn auf den ersten Blick die Lösung nicht immer zum Problem passt, hat es mir am heutigen Tag immer geholfen:

  • Früh morgens schauten Mitwanderinnen Ingrid, Steffi und ich vor die Türe des Schneealpen Hauses, um das Wetter zu kontrollieren. Es Wanderung54_LurgbauerHütteschlug uns bösartiger, die Sinne wirrender Nebel ins Gesicht, meine Reaktion: Zum Frühstück Ham & Eggs statt schnödem Schwarzbrot.
  • Die erste Gehstunde glich einem Sehtest, das Wetter machte die Schneealpe zur Markierungswüste. Aber nach einer Stunde tauchte die Lurgbauerhütte aus dem weißen Nichts auf. Man muss die Feste feiern, wie sie aus dem Nebel fallen, sagten wir zueinander und rasteten bei einem netten Wanderung54_SteffiFruchtGespräch mit dem unfassbar sympathischen Alm-Paar bei noch unfassbarer leckeren Almkäse.
  • Der Nebel reagierte gehässig und wurde nasser. Die Feuchtigkeit kroch wie Ungeziefer Richtung Knochen. Einzig wahre Reaktion: Die rote Rüstung, volle Montur gegen das Wetter.
  • Da und dort tauchten aus der weißen Luft Schreckgespenster auf, an mehreren Stellen Geisterkühe. Nein, im Ernst: Der Nebel wird lichter, da ist eine Kuh mitten auf dem Weg, der Nebel wird dicht, sie ist weg, er ist wieder lichter, die Kuh ist nicht mehr da. Gruselig. Белгород-Днестровский Meine Mitwanderinnen reagierten richtig: Sie schauten stur auf den nassen Weg und fanden Walderdbeeren.
  • Wanderung54_GamsecksteigDas Schicksal legt dir Bäume in den Weg? Reiße sie aus, lege sie um, posiere für das Foto. Motto: Zähne zeigen!!!
  • Die größte Herausforderung des Tages war der Gamsecksteig. Heißt: Zahmes Gamseck, ich möchte das Wilde gar nicht kennenlernen. Aber: Wären vor Wochen Drahtseil-Versicherungen, leichte Klettereien und Eisenleitern noch gute, sehr gute Gründe gewesen, sind es heute Wege. Die mir als Herausforderung gerade recht kommen, die ich bewältigen will, um danach oben zu stehen und zurückzuschauen. Oh ja!
  • Ist man einmal auf dem Raxplateau, gehen dem mächtigen Weg die Herausforderungen aus: Wind pfeift dir auf der Heukuppe um die Ohren. Lächerlich! Gämsen nähern sich dir und pfauchen wild, wenn du entgegengehst. Pah! Distanzen werden für Langzeitwanderer zeitlich viel zu großzügig bewertet. Kann mir gar nichts! Trotzdem kam uns das Otto Haus sehr gelegen, als es beim Jakobskogel plötzlich ums Eck bog. Apropos: Der Tourismusverband Wanderung54_Baumtöterhatte mich gebeten, am Abend ein bisschen von den Erlebnissen meiner Wanderung zu erzählen, im Rahmen eines Angebots der Hütte: Schmankerlteller, Nächtigung und Axels Erlebnisse um wohlfeile 17 Euro. Oh ja, ich fühlte mich wie ein in die Jahre gekommener Schlagerstar, als ich davon hörte. Aber soll ich was sagen: Es war ein netter, sehr netter Abend. Warum? Weil die Zuhörer (ja, das hat wirklich jemand gebucht!) begeistert waren von meiner Sache. Und weil dich das dann rückbegeistert. Von Problemen sagte ich übrigens kein Wort. Weil mir bewusst wurde, dass ich da bin, am Otto Haus. Und immer einen Weg gefunden hatte. Bis hier. Und weiter.

Tag 54 (23.8.2009): Schneealpen Haus – Lurgbauerhütte – Karl Alm – Naßkamm – Gamsecker Hütte – Zahmes Gamseck – Heukuppe – Carl Ludwig Haus – Otto Haus. Dichter, nasser Nebel mit winzigen Hoffnungsfenstern. Dazu Wanderung54_RoteRüstungkriechende, hinterlistige Kälte. Es war subjektiv der kälteste Tag bisher, aber Regen-frei. Achteinhalb Stunden unterwegs, davon sechseinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Wer auf der Schneealpe nächtigt, muss, ich meine: MUSSSSSSSSSSSS, in der Lurgbauerhütte nächtigen. Das sind so nette Menschen, die machen so leckeren Käse, wie gesagt: muss!

Keine Blase. Neun Zigaretten geraucht, abends zwei weiße Spritzer (es kamen meine Traubezeugte Anna und ihr Gatte Martin auf das Otto-Haus, um am nächsten Tag ein Stück mitzugehen. Sie brachten auch zwei Überraschungsgäste mit: Sabine und Edi. Dazu noch die Zuhörer des Hüttenabends.) Lieber Hund Niko Poldi, du fehlst mir schon, muss ich sagen. Und das Zahme Gamseck hätte dir gefallen, da wäre nix passiert. Komm bald wieder!

Wanderung54_Hüttenabend



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 Axel Halbhuber am 25.08.2009  |   2 Kommentare

Rain Fan. Tag fünfundvierzig.

„Lass regnen, wenn es regnen will, dem Wetter seinen Lauf;
denn wenn es nicht mehr regnen will, so hört‘s von selber auf!“

Das habe nicht ich gesagt, sondern Meister Goethe. Aber ich sage das jetzt auch. Dem Regen wird ja oft Unrecht getan, wenn Wanderer morgendlich aus dem Fenster schauen, naserümpfend den Rucksack ins Eck und sich selbst wieder unter die Decke legen. Sie betrachten ihn als natürlichen Feind des gelungenen Wanderns. Jaja, die nun folgenden Erbostheiten über den doppelzüngigen Halbhuber, dieses Wendeblatt, das in den vergangenen Wochen oft den zynischsten Kritiker des Regens gegeben hat, überhöre ich gelassen. Weil mir die Schönheit des heutigen Regentages eine unfassbare Gelassenheit in Hirn trommelte.

Und weil man einem lyrischen Meister wie Goethe nicht widerspricht. Oder einer Dichterin wie Mascha Kaléko (aus „Es regnet“):

„Es regnet Blümchen auf die Felder,
Es regnet Frösche in den Bach.
Es regnet Pilze in die Wälder,
Es regnet alle Beeren wach!“

Recht hat Kalénko, der Regen belebt den Wandertag. Er lässt die Blätter unter dem Gewicht fallender Tropfen tanzen, den Nebel im Steigen und Sinken Figuren in die Luft malen. Er macht den Weg zwar glatt, aber er schenkt ihm ein Schillern und Glitzern. Moment, Hugo von Hofmannsthal kann das besser (aus „Regen in der Dämmerung“):

„Der wandernde Wind auf den Wegen
War angefüllt mit süßem Laut,
Der dämmernde rieselnde Regen
War mit Verlangen feucht betaut.
(…)
Der Weg im dämmernden Wehen,
Er führte zu keinem Ziel,
Doch war er gut zu gehen
Im Regen, der rieselnd fiel.“

Was mich auf der heutigen Almenwanderung zum derartigen Rain Fan gemacht hat? Ich weiß es gar nicht. Vielleicht der unglaubliche Kampf der Schnecke, die gegen das Wasser auf der Straße ankam. Oder die Farbenpracht des Waldes, den der Regen heute besonders herausgeputzt hat. Oder der Dampf, mit dem sich das Nass still verzog, als die Sonne zurückschlug. Wahrscheinlich aber die monotone Harmonie des Prasselns, das alle anderen Waldgeräusche übertönte. Dazu sagt Joachim Ringelnatz in „Landregen“ übrigens „(…) der Wald hat Ruh. Gelabte Blätter blinken. Im Regenrauschen schweigen – alle Vögel und zeigen sich nicht.“

Egal, was es war: Ich lege jedem Wanderer ans Herz, sein Regenzeug zu überprüfen und sich bei folgenden Bildern Lust auf den nächsten Regenwandertag zu holen.

 

Tag 45 (14.8.2009): Johnsbach – Ebner Alm – Neuburgsattel – Neuburgalm – Radmer an der Hasel – Radmer an der Stube. Regen andante, Regen vivace, Regen grave, am Nachmittag Finale. Danach feierte die Sonne eine strahlende Rückkehr. Sieben Stunden unterwegs, davon gut fünf auf den Beinen. Tipp des Tages: Die Einkehr in der Neuburgeralm ist herzlich, schmeckt lecker und verrät einem, dass es einen ganz besonders schönen Abkürzer durch den Wald gibt. продажа роз

Keine Blase. Sechs Zigaretten geraucht, zwei Achterl Rot, ein Schnaps (Zur Begrüßung meiner Mitwanderer Peter und Romy. An dieser Stelle möchte ich auch erwähnen, dass heute wieder Laszlo ums Eck bog. Wie immer überraschend, wie immer zur großen Freude aller.) Hund Niko Poldi findet den Regen an sich nicht so toll. Aber dann war er mir doch dankbar: Mit Peter und Romy kam auch Hündin Chili und auf die hat das gewaschene und luftgetrocknet lockere schwarze Fell mächtig Eindruck gemacht. Ja, das ist auch einem kastrierten Niko Poldi nicht egal.



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 Axel Halbhuber am 16.08.2009  |   14 Kommentare

Mitwanderer am Wort. Tag vierzig.

Manchmal übersehe ich schon fast, was den Berg ausmacht. Ich übersehe die Mühe, den Schweiß. Ich übersehe das Glücksgefühl am Ende der Etappe. Auch deswegen ist es so wichtig, dass Freunde mitgehen und mich wieder daran erinnern. Wenn mich eine große Gruppe über das Warscheneck (oder sagen wir fast ganz darüber) begleitet, klingt das dann so.

Sandra: „Beherrsche ich mich. Oder beherrscht mich der Berg. Ich weiß es auch nach dieser Wanderung nicht ganz genau. Ein paar Dinge habe ich wieder mal gelernt: Stöcke sind eine große Hilfe. Studentenfutter ist ein superguter Energielieferant – am Berg schmecken sogar die Rosinen. Niko Poldi ist der beste Berghund – gämsenartig, trittsicher, fröhlich, und ein guter Gruppenhüter. Und am allerschönsten ist es, wenn nur noch der nächste Schritt zählt, der nächste Atemzug. Und der Kopf ganz leer wird. Ich kenn’ kein schöneres Runterkommen (obwohl ich aufs Runtergehen locker verzichten könnt, das geht auf die Psyche. Und auf die Knie. Aber ich weiß’ eh: Das gehört schon auch dazu :-)

Gerti: „Nirgendwo liegen Verzweiflung und Glück so dicht beieinander wie am Berg. Die letzten Schritte zum Gipfel sind unbeschreiblich: Endlich ankommen. Endlich geschafft. Jetzt weiß ich, es geht viel mehr im Leben als man glaubt. Am Berg gibt es kein Umdrehen. Und manchmal braucht man jemanden, der einen zum Gipfel führt (Danke Julia!). Heute bin ich froh, dass ich weitergegangen bin. Und sehr glücklich und stolz über diesen Gipfelsieg!“

Robert: „Wer rauf geht, muss runter gehen – auch wenn es bergab gar nicht lustig ist. Wenn man unten aber in den Rückspiegel schaut und die Wand sieht, ist das das größte Glücksgefühl. Zugegeben: Zwischendurch hat es keinen Spaß gemacht. Aber jetzt weiß ich: Ich hab’s geschafft und will es wieder erleben.“

Marc: „Ich war goschert am Anfang und hab mir gedacht: kleine Wanderung, kein Problem. Die Anstrengung und den Berg habe ich total unterschätzt – nie hätte ich mir gedacht, dass das so schwierig sein kann. Jetzt bin ich stolz, es als Nicht-Sportler geschafft zu haben. Und habe großen Respekt vor Axels Leistung und seiner Motivation. Am Berg da oben hat mich die Stille überrascht.“

Tom: „Ich liebe die Action und brauche Adrenalin. Beim Abstieg vom Toten Mann war‘s mir dann schon fast zuviel – wenn mal die Hüttenwirtin von „ausg’setzt“ spricht, verspricht das keinen Spaziergang. Mein neues Motto beim Wandern lautet ab sofort: Lieber zwei Mal rauf als ein Mal runter.“

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Julia: „Herrliches Naturerlebnis, eine tolle Wandergruppe – ein unvergessliches Erlebnis, das vor allem eine nachhaltige Erkenntnis brachte: Ich hasse bergab gehen!“

 

Tag 40 (9.8.2009): Zeller Hütte – Toter Mann – Speikwiese – Brunnsteiner See – Wurzer Alm – mit der Standseilbahn bergab – Spital am Pyhrn. Nebelig, nieselig, regnerisch, erst am Nachmittag ein wenig Sonne: Kein gutes Wetter für einen felsig-anspruchsvollen Abstieg. Acht Stunden unterwegs, davon sechseinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Man unterschätze nie den Abstieg vom Toten Mann Richtung Speikwiese. Das ist bei Regen durchaus eine alpine Sache. Trotzdem: Überwinden, man fühlt sich danach stark!

Keine Blase. Sechs Zigaretten geraucht, kein Alkohol. Am Abend wartete übrigens meine Freundin im Hotel auf mich. Und da fiel mir auf, wie sehr körperliche Nähe einem nach über einem Monat abgeht. Nein, da reden wir jetzt gar nicht blöd kichernd über das Sexuelle, sondern über das Kuscheln, werte Leserin und werter Leser. Ja, das kann einem ganz schön fehlen, lassen Sie das nicht zu! Hund Niko Poldi war es aber recht wurscht, der suchte sich das beste Eck des Zimmers aus und träumte nochmal das Tote Gebirge durch новости дом 2. Es war ein tiefer Schlaf mit gelegentlichen Seufzern. Ich sage Ihnen: Es ist sehr süß, wenn ein Hund im Schlaf tief seufzt.



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 Axel Halbhuber am 12.08.2009  |   2 Kommentare

Antworten. Tag sechsundzwanzig.

Wanderung26_MitwandererMichiMitFreundZur Klarstellung: Die Berge zwischen Lofer und Maria Alm haben in punkto Handyempfang bei den Lechtaler Alpen gelernt. Nur deswegen konnte ich die werte Leserinnen- und Leserschaft über die vergangenen drei Tage noch nicht informieren. Und genau deswegen häuften sich in den Kommentaren die Fragen. Und eben deswegen ist jetzt der richtige Zeitpunkt für Antworten.

  • Am zweiundzwanzigsten gewanderten Tag meiner Reise ist dem Himmel der Regen ausgegangen. Es war ganztags trocken. Was wieder einmal Wanderung26_BlickLofererSteinbergebeweist, dass Petrus auch nur mit Wasser kocht.
  • Die vom Weitwanderweg-Führer vorgeschlagene Tagesetappe Lofer – Ingolstädter Haus halte ich schlicht für größenwahnsinnig. Selbst wenn man den Weg direkt geht, was wir ob des Naturjuwels Strohwollner Schlucht nicht getan haben, können einem die Füße das am Ende des Tages nicht verzeihen.
  • Außerdem bleibt man dann zu kurz in Hirschbichl. Wer dort länger sitzt, wird früher oder später von dem Mann, der einst Dienst am hiesigen Grenzübergang versah, einen gejodelt bekommen. Nein, das kann er nicht und ja, der Mann ist verhaltensauffällig. Aber: Solche Menschen zu treffen, die Mitteilungsbedürfnis und Dachschaden auf solch Wanderung26_GoldiFansympathische Weise vereinen, ist eine Bereicherung. Dachschaden ist zu hart? Der Mann hat mitten auf der Straße zehnmal einen Skispringer imitiert und dazu „Andi Goldberger“ geschrien. Dann hat er gejodelt.
  • Über Sex spricht man nicht, nicht einmal in den Bergen. Nur soviel: Zur Brautschau lohnt sich der Aufstieg nicht, weil die Frauen in der Unterzahl, meistens mit dem Mann ihrer Begierde und am nächsten Tag immer weg sind.
  • Hund Niko Poldi hat gar nichts gegen Würsteln. Weil ich aber gestern im Wanderung26_LeimbichlGräbenOrt war, eilte ich in den Supermarkt. Der bot Hundefutter nur in Industriemengen, also kaufte ich für Niko Poldi Katzenfutter. Hund Niko Poldi hat gar nichts gegen Katzenfutter.

Tag 26 (26.7.2009): Lofer – Strohwollner Schlucht – Hundalm – Leimbichlgräben – Hirschbichl. Sonnenschein, punkt! Wir hatten beschlossen, den geplanten Ruhetag in Lofer zu opfern, um die mörderische Neun-Stunden-Etappe Lofer-Ingolstädter zu zerbrechen. Bevor sie nämlich uns bricht. Weil dann aber nur vier Stunden Gehzeit blieben, haben wir uns für eine Umgehungs-Fleißaufgabe entschieden. Ja, das klingt wuki für einen, der von Bregenz nach Wien geht, aber so ist das Wanderung26_KühlenUndWaschenhalt. Fazit: Sechs Stunden unterwegs, davon gut fünf auf den Beinen. Tipp des Tages: Fleißaufgaben und Weitwanderungen verhält sich wie Schokolade und Chili: anfänglich komisch, aber doch irgendwie mmmmh.

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Hund Niko Poldi geht es saugut. Er liebt den Berg und der Berg liebt ihn. Was mich wirklich begeistert: Er läuft immer ein bisschen vor zum Gruppenersten, dann wieder zurück, um zu sehen, ob es allen gut geht. Und gestern dann der Hammer: Er kommt zurück, ich sitze, um kurz zu rasten. Er läuft aufgeregt her und schleckt mir das Gesicht ab. Niko Poldi kümmert sich um mich. Ich liebe diesen Hund.



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 Axel Halbhuber am 29.07.2009  |   Keine Kommentare

Superlativ günstig abzugeben. Tag dreiundzwanzig.

wanderung23_nikowasserDer Aufstieg von Erpfendorf über den Gernkogel auf das Straubinger Haus ist von der Sorte „wahrscheinlich der anstrengendste, den ich je gegangen bin”. Und eben das ist multipler Blödsinn. Weil nämlich: Einerseits waren Sie, geschätzter Leser, bei noch keinem Aufstieg meines Lebens dabei, auch nicht beim Erpfendorfer. Und können ihn also genauso wenig nachvollziehen wie alle anderen Axel-biografischen Aufstiege. Andererseits war er natürlich auch nur der anstrengendste meines Lebens, solange ich in ihm verhaftet war, kaum oben war es halb so schlimm. Was bleibt ist die zwanghafte menschliche Neigung zum unerklärten Superlativ.

Immerzu war es bei uns „der schönste Urlaub”, „das beste Essen”, „der schlimmste Moment”, „der tollste Sex”… Dieses unqualifizierte Bewerten wanderung23_igaaufschmalemwegtreiben dir die Berge aus. Ein Beispiel? Der kometenhafte Aufstieg ab Erpfendorf war idyllisch, weil durch den Wald und über steile Wiesen. Er war voller Überaschungen, weil Bach-Schwimmbecken und verfallene Almhütten. Er war unberechenbar mühsam, weil Hitze ohne Wind. Und ja: Er war unfassbar anstrengend, weil gut 700 Höhenmeter ohne Umschweife. Aber der anstrengendste? Ob mehr Schweiß floss als bei allen anderen davor und danach? Weiß ich nicht, ist auch egal. Es gilt, sich auf die Eigenschaften zu konzentrieren. Andere Anstiege waren lehmig, verregnet, rutschig, hinterlistig. Und was weiß ich, welcher da der mühsamste war.

Worauf ich hinaus will? Deinen beschwerlichsten Weg von gestern kannst du meistens heute gleich in den Erinnerungspapierkorb legen. Deshalb musst du den Dingen einen Namen geben. Und ja, richtig: Das ist wanderung23_eggenalmstraubingerhaus1wieder so eine Erkenntnis fürs Leben. Statt ein Erlebnis mit der Farblosigkeit eines namenlosen Superlativs kaltzustellen, lieber einmal sagen, wie Urlaub, Essen und Sex genau waren. Nicht nur best- und tollst-. Geben wir unserem Leben Namen und Farben.

Folglich: Der Gernkogel-Aufstieg von Erpfendorf war so anstrengend, wie kerzengerade hinauf eben ist. Ich würde ihm ein sattes Rot geben. (Aber im Übrigen ein großartiger Weg, lassen Sie sich nicht von den Einheimischen abschrecken und die alternative Forststraße einreden!) Als ich dann auf dem Straubinger Haus saß und der Schweiß getrocknet war, blieben nur die Bilder im Kopf: Blick auf das Unterland, das Kitzbüheler Horn und bis in die Hohen Tauern. Und, ach ja: Abends fegte dann ein Unwetter über uns, wanderung23_hagelkornwahrscheinlich das schwerste Unwetter meines ganzen Lebens…

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Tag 23 (23.7.2009): Stripsenjoch Haus – Kaiserbachtal – von Griesenau bis Erpfendorf per Taxi (nein, ich gehe keine Straßenkilometer mehr…) – über Gernalm-Steig zum Straubinger Haus. Sehr sonnig am Tag, Weltuntergang am Abend: Gewitter und 20 Minuten Hagel, danach Winter-Wonderland. Die Nachrichten verrieten aber, dass es anderswo in Österreich noch schlimmer war, trotzdem: Für den Berg Abenteuer genug. Trotzdem: Ein großartiges Erlebnis, vom Trockenen aus. Und noch immer kein gänzlich trockener Wandertag seit 1. Juli. Acht Stunden unterwegs, davon sechseinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Schwierige Wege gehen, die Herausforderung suchen.
Die zwei Blasen sind Geschichte, die Gegenwart gehört einer aufmüpfigen Unterhornhaut-Blase an der rechten Ferse. Elf Zigaretten geraucht, der wanderung23_hagelRotwein vor dem Bettgang wird langsam zur ständigen Einrichtung.
Weil die Frage in einem Kommentar auftauchte, wo Hund Niko Poldi schläft: Der gute Wauwau und ich pflegen derzeit einen Disput um das Thema. Niko Poldi findet, mein Bett ist auch sein Bett. Ich verhalte mich dann wie folgt: Ich blicke ihm streng in die Augen, er schaut interessiert zurück живой цветок. Damit bin ich meist sicher, dass er seine Lektion gelernt hat und lasse ihn im Bett. Nein, das gehört sich nicht, aber das weiß er ja offensichtlich.

In eigener Sache: Danke, liebe Bergrettung, die ihr mich so toll auf eurer Homepage begleitet…!



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 Axel Halbhuber am 26.07.2009  |   Ein Kommentar

Das Wetter hat immer recht.

Wenn dir am Vorabend ein Unwetter auf den Kopf gefallen ist, bei dem Noah seine wanderung3_gulleAche verheizt hätte und dein Hund frühmorgens hinkt, als ob er dir etwas damit sagen möchte: Dann denkst du ganz automatisch nach, ob der heutige Etappenweg am hochgelegenen Hang einer ausgesetzten Bergkette passend ist. Der Weg heißt Hochschere und die Antwort: Natürlich nicht.

Wenn dann noch Mitwanderin Livi ihre zwei fetten Fersenblasen zum Frühstück mitbringt, bei dem die ortskundige Frühstücksgeberin das Wort „Gewitteranfälligkeit” mitserviert: Dann bist du mit deiner Antwort zufrieden. Da braucht der Himmel gar nicht mehr finster dreinzuschauen, du entscheidest, dass Ferse Livi und Freundin Katrin den Hund nehmen und mit ihm den Bus nach Schröcken. Und dass du selber mit den verbleibenden Männern Laszlo und Paul den Bus nach Buchboden nimmst, dann von dort den weniger hochgelegenen Weg auf die Biberacher Hütte und auch weiter nach Schröcken.

Wenn dann der Bus gar nicht bis Buchboden fährt, gehst du wanderung3_hochschere1halt selber. Kommst du dann in einen Regenguss, von dem auch die Unterhose noch was hat: Dann fragst du nicht nur nach einem heißen Tee, sondern auch nach einer Transportmöglichkeit in die richtige Richtung (nein, kein Mensch fragt hinter den hohen Bergen in den dunklen Wäldern nach einem Taxi). So sparst du zumindest eine Stunde Weg, zumal die eingeborenen Quaxis das für diesen wechselhaften Tag durchaus so empfehlen. Und auch, wenn die Luft mittlerweile wieder wasserfrei ist, denkst du: Scheiß Regen.

Dann gehst du Richtung Biberacher Hütte, natürlich nach dem Gewitter herrlicher Sonnenschein, dir dampft die Nässe aus den Knochen. Dann passiert etwas Lustiges: Des Bauers Traktor steht auf deinem Weg und schießt Gülle durch einer Spritzkanone auf die Almwiese. Du wartest geduldig, gehst erst weiter, als die Kacke in Ruhe auf der Weide dampft. Aber Gülle hält sich scheinbar so lange fein zerstäubt in der Luft, bis du vorbeikommst. Und da denkst du dir: Scheißregen.

Wenn du dann auf der Biberacher den prächtigen, wanderung3_almauftriebsonnendurchfluteten Hochschere -Weg siehst, denkst du dir: Das wäre gegangen, woher denn Regen, was haben die alle? Prompt serviert dir die Hüttenwirtin ein herzhaftes „Quellwolken” zur Erbsensuppe. Wenn dir dann beim Abstieg nach Schröcken Kühe begegnen (nennen wir es Almauftrieb) und du sie fotografierst (weil man das nicht oft sieht, eigentlich noch nie): Dann schauen dich beide mitleidig an: die Kühe und ihre Besitzer. Und du beziehst das Mitleid irgendwie darauf, dass du den coolen Weg ausgelassen hast. Und wenn du dann die Unterkunft in Schröcken erreichst und es ist noch immer trocken: Dann grummelst du. Und als ob der vorarlbergische Himmel seine Landsleute unterstützen will, grummelt er zurück. Und es beginnt. Wieder. Voll.

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Und dann weißt du genau: Wetter wanderung3_regenund Eingeborene haben immer recht.

Tag 3 (3.7.2009): Damüls – Buchboden – Biberacher Hütte – Schröcken. Bewölkt, Gewitter, sonnig, spätes Gewitter. Gemütlich: Sieben Stunden unterwegs, davon fünf auf den Beinen. Tipp des Tages: Gib der Gülle ihre Zeit und gehe den Hochschere-Weg! Eine fast vollständig abgeklungene Blase (kleine Zehe links), vierzehn Zigaretten geraucht.
Hund Niko Poldi tat der Rasttag gut, aber er humpelt noch immer, ist definitiv überanstrengt.



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 Axel Halbhuber am 04.07.2009  |   2 Kommentare