Das Leben schießt Sprüche wie Blitze durch den Alltag und immer wenn sie einen streifen, greift man sich an den Kopf. „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung.“ Oder: „Alles hat auch etwas Gutes.“ Mein absoluter Favorit: „Wer will, sucht einen Weg. Wer nicht will, sucht einen Grund.“ Wow, dieser Superstar unter den Weisheiten, ist so wahr, dass er weh tut.
Ich merke, dass ich seit Wochen keine Gründe mehr suche. Anfangs war das schon so, manchmal hoffte ich nach dem Aufstehen auf einen Regentropfen. Ich wollte einen Grund haben, mehr Pausen zu machen. Oder gar mit dem Bus fahren zu müssen. Ich wollte, dass mich das Schicksal mit seinem großen Hammer niederstreckt und ich gar nicht anders kann als eben… Das Schicksal ist in dem Punkt ein feiner Gefährte, es deckt dich mit seinem Mantel wohlig ein
und schützt gegen alle hämischen Stimmen, auch gegen die innere eigene. Aber seit irgendwo suche ich nicht mehr nach Gründen, die mir das Schicksal liefert. Ich suche nach Wegen: Wie kann ich diesen Tag doch gehen, wenn es regnet? Wie kann ich den Weg ändern, wenn ich festsitze (festsitzen ist übrigens gleich: Blog schreiben)? Wenn sich ein motorisierter Abkürzer anbietet, sage ich lieber nein. Ich will jeden Weg probieren.
Ich erkläre mir das mit dieser Yin & Yang-Geschichte. Ich finde mittlerweile zu jedem Grund einen Weg. Und auch wenn auf den ersten Blick die Lösung nicht immer zum Problem passt, hat es mir am heutigen Tag immer geholfen:
- Früh morgens schauten Mitwanderinnen Ingrid, Steffi und ich vor die Türe des Schneealpen Hauses, um das Wetter zu kontrollieren. Es
schlug uns bösartiger, die Sinne wirrender Nebel ins Gesicht, meine Reaktion: Zum Frühstück Ham & Eggs statt schnödem Schwarzbrot. - Die erste Gehstunde glich einem Sehtest, das Wetter machte die Schneealpe zur Markierungswüste. Aber nach einer Stunde tauchte die Lurgbauerhütte aus dem weißen Nichts auf. Man muss die Feste feiern, wie sie aus dem Nebel fallen, sagten wir zueinander und rasteten bei einem netten
Gespräch mit dem unfassbar sympathischen Alm-Paar bei noch unfassbarer leckeren Almkäse. - Der Nebel reagierte gehässig und wurde nasser. Die Feuchtigkeit kroch wie Ungeziefer Richtung Knochen. Einzig wahre Reaktion: Die rote Rüstung, volle Montur gegen das Wetter.
- Da und dort tauchten aus der weißen Luft Schreckgespenster auf, an mehreren Stellen Geisterkühe. Nein, im Ernst: Der Nebel wird lichter, da ist eine Kuh mitten auf dem Weg, der Nebel wird dicht, sie ist weg, er ist wieder lichter, die Kuh ist nicht mehr da. Gruselig. Meine Mitwanderinnen reagierten richtig: Sie schauten stur auf den nassen Weg und fanden Walderdbeeren.
Das Schicksal legt dir Bäume in den Weg? Reiße sie aus, lege sie um, posiere für das Foto. Motto: Zähne zeigen!!!- Die größte Herausforderung des Tages war der Gamsecksteig. Heißt: Zahmes Gamseck, ich möchte das Wilde gar nicht kennenlernen. Aber: Wären vor Wochen Drahtseil-Versicherungen, leichte Klettereien und Eisenleitern noch gute, sehr gute Gründe gewesen, sind es heute Wege. Die mir als Herausforderung gerade recht kommen, die ich bewältigen will, um danach oben zu stehen und zurückzuschauen. Oh ja!
- Ist man einmal auf dem Raxplateau, gehen dem mächtigen Weg die Herausforderungen aus: Wind pfeift dir auf der Heukuppe um die Ohren. Lächerlich! Gämsen nähern sich dir und pfauchen wild, wenn du entgegengehst. Pah! Distanzen werden für Langzeitwanderer zeitlich viel zu großzügig bewertet. Kann mir gar nichts! Trotzdem kam uns das Otto Haus sehr gelegen, als es beim Jakobskogel plötzlich ums Eck bog. Apropos: Der Tourismusverband
hatte mich gebeten, am Abend ein bisschen von den Erlebnissen meiner Wanderung zu erzählen, im Rahmen eines Angebots der Hütte: Schmankerlteller, Nächtigung und Axels Erlebnisse um wohlfeile 17 Euro. Oh ja, ich fühlte mich wie ein in die Jahre gekommener Schlagerstar, als ich davon hörte. Aber soll ich was sagen: Es war ein netter, sehr netter Abend. Warum? Weil die Zuhörer (ja, das hat wirklich jemand gebucht!) begeistert waren von meiner Sache. Und weil dich das dann rückbegeistert. Von Problemen sagte ich übrigens kein Wort. Weil mir bewusst wurde, dass ich da bin, am Otto Haus. Und immer einen Weg gefunden hatte. Bis hier. Und weiter.
Tag 54 (23.8.2009): Schneealpen Haus – Lurgbauerhütte – Karl Alm – Naßkamm – Gamsecker Hütte – Zahmes Gamseck – Heukuppe – Carl Ludwig Haus – Otto Haus. Dichter, nasser Nebel mit winzigen Hoffnungsfenstern. Dazu
kriechende, hinterlistige Kälte. Es war subjektiv der kälteste Tag bisher, aber Regen-frei. Achteinhalb Stunden unterwegs, davon sechseinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Wer auf der Schneealpe nächtigt, muss, ich meine: MUSSSSSSSSSSSS, in der Lurgbauerhütte nächtigen. Das sind so nette Menschen, die machen so leckeren Käse, wie gesagt: muss!
Keine Blase. Neun Zigaretten geraucht, abends zwei weiße Spritzer (es kamen meine Traubezeugte Anna und ihr Gatte Martin auf das Otto-Haus, um am nächsten Tag ein Stück mitzugehen. Sie brachten auch zwei Überraschungsgäste mit: Sabine und Edi. Dazu noch die Zuhörer des Hüttenabends.) Lieber Hund Niko Poldi, du fehlst mir schon, muss ich sagen. Und das Zahme Gamseck hätte dir gefallen, da wäre nix passiert. Komm bald wieder!



































Zur Klarstellung: Die Berge zwischen Lofer und Maria Alm haben in punkto Handyempfang bei den Lechtaler Alpen gelernt. Nur deswegen konnte ich die werte Leserinnen- und Leserschaft über die vergangenen drei Tage noch nicht informieren. Und genau deswegen häuften sich in den Kommentaren die Fragen. Und eben deswegen ist jetzt der richtige Zeitpunkt für Antworten.
beweist, dass Petrus auch nur mit Wasser kocht.
sympathische Weise vereinen, ist eine Bereicherung. Dachschaden ist zu hart? Der Mann hat mitten auf der Straße zehnmal einen Skispringer imitiert und dazu „Andi Goldberger“ geschrien. Dann hat er gejodelt.
Ort war, eilte ich in den Supermarkt. Der bot Hundefutter nur in Industriemengen, also kaufte ich für Niko Poldi Katzenfutter. Hund Niko Poldi hat gar nichts gegen Katzenfutter.
halt. Fazit: Sechs Stunden unterwegs, davon gut fünf auf den Beinen. Tipp des Tages: Fleißaufgaben und Weitwanderungen verhält sich wie Schokolade und Chili: anfänglich komisch, aber doch irgendwie mmmmh.
Der Aufstieg von Erpfendorf über den Gernkogel auf das Straubinger Haus ist von der Sorte „wahrscheinlich der anstrengendste, den ich je gegangen bin”. Und eben das ist multipler Blödsinn. Weil nämlich: Einerseits waren Sie, geschätzter Leser, bei noch keinem Aufstieg meines Lebens dabei, auch nicht beim Erpfendorfer. Und können ihn also genauso wenig nachvollziehen wie alle anderen Axel-biografischen Aufstiege. Andererseits war er natürlich auch nur der anstrengendste meines Lebens, solange ich in ihm verhaftet war, kaum oben war es halb so schlimm. Was bleibt ist die zwanghafte menschliche Neigung zum unerklärten Superlativ.
treiben dir die Berge aus. Ein Beispiel? Der kometenhafte Aufstieg ab Erpfendorf war idyllisch, weil durch den Wald und über steile Wiesen. Er war voller Überaschungen, weil Bach-Schwimmbecken und verfallene Almhütten. Er war unberechenbar mühsam, weil Hitze ohne Wind. Und ja: Er war unfassbar anstrengend, weil gut 700 Höhenmeter ohne Umschweife. Aber der anstrengendste? Ob mehr Schweiß floss als bei allen anderen davor und danach? Weiß ich nicht, ist auch egal. Es gilt, sich auf die Eigenschaften zu konzentrieren. Andere Anstiege waren lehmig, verregnet, rutschig, hinterlistig. Und was weiß ich, welcher da der mühsamste war.
wieder so eine Erkenntnis fürs Leben. Statt ein Erlebnis mit der Farblosigkeit eines namenlosen Superlativs kaltzustellen, lieber einmal sagen, wie Urlaub, Essen und Sex genau waren. Nicht nur best- und tollst-. Geben wir unserem Leben Namen und Farben.
wahrscheinlich das schwerste Unwetter meines ganzen Lebens…
Rotwein vor dem Bettgang wird langsam zur ständigen Einrichtung.
Ache verheizt hätte und dein Hund frühmorgens hinkt, als ob er dir etwas damit sagen möchte: Dann denkst du ganz automatisch nach, ob der heutige Etappenweg am hochgelegenen Hang einer ausgesetzten Bergkette passend ist. Der Weg heißt Hochschere und die Antwort: Natürlich nicht.
halt selber. Kommst du dann in einen Regenguss, von dem auch die Unterhose noch was hat: Dann fragst du nicht nur nach einem heißen Tee, sondern auch nach einer Transportmöglichkeit in die richtige Richtung (nein, kein Mensch fragt hinter den hohen Bergen in den dunklen Wäldern nach einem Taxi). So sparst du zumindest eine Stunde Weg, zumal die eingeborenen Quaxis das für diesen wechselhaften Tag durchaus so empfehlen. Und auch, wenn die Luft mittlerweile wieder wasserfrei ist, denkst du: Scheiß Regen.
sonnendurchfluteten Hochschere -Weg siehst, denkst du dir: Das wäre gegangen, woher denn Regen, was haben die alle? Prompt serviert dir die Hüttenwirtin ein herzhaftes „Quellwolken” zur Erbsensuppe. Wenn dir dann beim Abstieg nach Schröcken Kühe begegnen (nennen wir es Almauftrieb) und du sie fotografierst (weil man das nicht oft sieht, eigentlich noch nie): Dann schauen dich beide mitleidig an: die Kühe und ihre Besitzer. Und du beziehst das Mitleid irgendwie darauf, dass du den coolen Weg ausgelassen hast. Und wenn du dann die Unterkunft in Schröcken erreichst und es ist noch immer trocken: Dann grummelst du. Und als ob der vorarlbergische Himmel seine Landsleute unterstützen will, grummelt er zurück. Und es beginnt. Wieder. Voll.
und Eingeborene haben immer recht.


