So ist das: Am Ende des siebenundzwanzigsten Tages hatte ich plötzlich zwei Erscheinungen. Zuerst stand Laszlo vor mir. Ja, genau der Laszlo, der geländegängige Ungar, der mich die ersten zehn Tage begleitet hatte
und jetzt einfach auf der Terrasse des Ingolstädter Hauses ums Eck bog. Der Laszlo, dessen Liebesgeschichte in meinem Blog so viele neugierig gemacht hatte, wer dieser Laszlo denn ist. Nun, was ich sagen kann: Er ist einer, der nach Lofer fährt, auch wenn er mich telefonisch nicht erreicht. Der auf den Berg geht, auch wenn er nicht sicher ist, ob er mich dort trifft. Und der durch diese sympathisch sture Überzeugung zur Überraschung des Tages werden kann. Dieser Laszlo ist wieder dabei, womit wir nun fünf wandernde Freunde sind: Laszlo, Michi F., Michi H., Axel und Niko, der Hund.
Als wir da in den sonnenbestrahlten Felsen des Ingolstädter Hauses saßen, erschien uns der Heilige Laurentius. Der ist 27, geht von Klosterneuburg Weidling nach Santiago. Jakobsweg ab der Haustüre, ohne Geld,
nächtigen bei Bauern, im Rucksack fast nur getrocknete Melanzani. Wenig wunderlich, dass wir mit ihm reden wollten. Hier die Essenz des Gesprächs.
Warum gehst du den Jakobsweg, wenn es doch in Klosterneuburg ein Stift gibt?
„Dort sind wohlbeleibte Chorherren, das ist eher ein finanzielles Imperium. Aber ich bin hingegangen, habe es zur Weidlinger Kirche geschafft. Dann bin ich nach Mariazell gegangen. Und jetzt erweitere ich lediglich den Radius. Aber es geht gar nicht um die Kirche.“
Warum dann Santiago und nicht, sagen wir: Novosibirsk?
„Mir hat jemand eine Muschel geschenkt und gesagt, warum gehst du nicht den Jakobsweg? Ich könnte eh überall anders hingehen, aber Spanisch und Französisch liegen mir mehr als Russisch. Ich bin einfach gegangen, zuerst bis Maria Ansbach, dort war mein Kartenmaterial
zu Ende und ich hatte dort die letzte Person, bei der ich nächtigen konnte. Dann habe ich mir gedacht: Jakobsweg.“
Dieses Abenteuer des Heiligen Laurentius begann vor Jahren, mit einem Ausflug zum Wilden Kaiser und einer plötzlichen Krankheit ebendort, mit viel Durchfall und dem resultierenden Gereinigt-Sein, mit folgendem zweitägigen Gehen und nur fünf getrockneten Marillen Nahrung am Tag. Mit totaler Entleerung und dem guten Gefühl, nicht gefangen zu sein, in dem „stagnativen Leben zwischen zwei Häusern, nämlich der Universität für Jazzgesang und der Baustelle eines Hauses, in das einmal die gesamte Familie ziehen soll, insgesamt neun Menschen“, mit der Idee außerhalb dieser zwei Gefängnisse zu sein.
Was erwartest du dir vom intensiven längeren Gehen, wenn diese zwei Tage schon so erkenntnisreich waren?
„Stabilität. In den zwei Tagen habe ich gemerkt, wie schön es ist, ohne Haben nur zu sein. Ich habe sieben Geschwister und wenn neun Menschen um einen Gulaschtopf sitzen, lernt man schnell zuzugreifen. Hier am Weg esse ich an einer getrockneten Marille zehn Minuten.“
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Wo willst du ankommen?
„So ein Weg hat viele Komponenten und ich will ihn um keine Komponente beschneiden. Ich gehe ihn nicht, um ihn durchzuhalten, weil ich das die ganze Schulzeit gemacht habe. Ich will ihn voll gehen, das habe ich in der Schule nie gemacht. Und ich möchte also viel mehr auf meine Intuition hören, auf die Frage, ob ich jetzt etwas für den Alltag gelernt habe oder nur, durch die Lande zu gehen? Da geht es auch um Erdung und Rhythmus.“
Was erwartest du dir, wenn du in Santiago ankommst?
(lacht) „Einen Riesenrummel, sonst nichts.“
Wie heißt der Trieb, der dich zu alledem veranlasst?
„Das totale Raus. Eine Nonne hat einmal gesagt: Weisheit wartet jeden Tag vor deiner Türe.“
Ohne Geld, angewiesen auf Andere, der eigene Weg ohne Kompromisse – dein Gehen strotzt vor Egoismus. Hast du keine Angst, dass deine Freundin sich trennt?
„Ich glaube nicht an Trennung.“
Was, wenn sie daran glaubt?
„Das Lebensmodell in unserer Gesellschaft ist so: Wir gehen zuerst alleine, dann zu zweit und schlussendlich als Gruppe, Familie. Aber vielleicht habe ich bei diesem Modell etwas übersehen. Denn Einzelhelden gibt es nicht mehr.“
Ja, der Bub wirkt gesalbt. Nur das Lächeln verrät den Heiligen Laurentius ein bisschen, wenn einer seine Reise mit „oarg“ oder „pfau“ adelt. Das gefällt ihm und dann wird er zum Einzelhelden. Er versinkt darin, dieses Fremdbild zu inhalieren. Er verwendet dann Worte wie „Dualität“ und sagt Sätze wie „Das Leben ist die Kompensation des Lebens“ oder „Der Tod ist die Kompensation des Lebens.“ Spätestens da bin ich auch versunken, im Steinernen Meer. Des Gespräches wegen. Oder des Rotweins. Aber der kompensierte sich ganz durch sich selbst.
P.S. Wir haben den Heiligen Laurentius auf die Übernachtung eingeladen. Und auf ein Essen. Damit hat er sich den Verzehr einer weiteren getrockneten Melanzani erspart. Und wir uns deren Anblick. Der Gesalbte hat es uns gedankt, indem er bei unserem Abmarsch in der Früh für uns gejodelt hat. Und das war dann wirklich schön.
Tag 27 (27.7.2009): Hirschbichl – Kaltwasserstube – Kaltbrunnalm – Dießbachstausee – Ingolstädter Haus. Sonnenschein, wol-ken-los! Sieben Stunden brutto, davon nur fünf gegangen. Denn das Wichtige beim Gehen ist ja das Stehen. Und ehrlich: Wer freien und klaren Blick auf den Großglockner hat, hält gerne inne. Tipp des Tages: Eindeutig die Sonnenfelsen neben dem Ingolstädter Haus. Hinsetzen und bis zum Sonnenuntergang verharren! Keine Blasen, neun Zigaretten, ein Vierterl Rot (übrigens sehr gut).
Was ist schwarz und schläft, sobald wir auf der Hütte sind? Richtig: Hund Niko Poldi ist müde. Aber keine Angst, er ist noch immer fit und vergnügt, versucht nur seine Kräfte für Schneefeld-Tollereien zu sparen. Außerdem habe ich heute für eventuelle Leitern im Abstieg geübt, den Hund zu Schultern. Ich habe nun eine Schramme im Gesicht und Hund Niko Poldi keine Angst mehr vor dem Schultern.

Tags: erkenntnis, interview, leben, menschen, warum


Der Wirt der schnieken Stallenalm grinste das Grinsen des Einheimischen. Er stand in seiner fleckenlosen Leserhose vor uns, das Flinserl blitzte am Ohrläppchen. Der Klemmerichsteig zur Loferer Alm, das sei kein Weg. Die Forststraße sei bekömmlicher. Wir mögen keine Forststraßen, also gingen wir den Klemmerichsteig. Und wie soll ich sagen: Der blanke Urwald, wunderschön. Genau das suchen Stadtmenschen auf dem Berg. Beschwerlich? Nicht, solange man den Blick hat, wo er hingehört. Zwischen regelmäßigen Schönheitsbekundungen dachte ich über den Wirt nach: Wieso sagen dir die Tiroler im Oberland beim seilversicherten Weg über Felsen, man könne ihn mit dem Rollstuhl rauffahren? Und im Gegenzug wird man hier unterländisch auf die Forststraße empfohlen, sobald der Weg nicht Turnschuh-tauglich ist? Hätte ich mir jüngst nicht den Superlativ an sich verboten, wäre der Klemmerichsteig nun der schönste Weg meiner Alpin-Historie. In meiner Welt gehörte er unter Natur- und Denkmalschutz gestellt und als wahres Naturerlebnis beworben, warum ist er dem Stallen-Chef ein Hindernis? Und dann fiel es mir ein: Wegen des Blickwinkels.
Laurent. Jaja, das musste einfach mal sein. Aber darum geht es jetzt nicht.






Viele haben gesagt, die Wanderung werde mich verändern. „Aber nein”, blieb ich stur, wo ich doch auf diesem Ohr eh so derrisch bin. Aber das Karwendelgebirge hat mich hörend gemacht, vielleicht weil es dort so still ist, dass man seine innere Stimme wahrnimmt, wenn sie auch noch so leise flüstert. Und ich habe eine Erkenntnis gewonnen.
Spätestens aber als ich mit dem furchtbar netten bayrischen Ehepaar auf dem Hochleger der Gramaialm ins Plaudern kam. Sie haben meinem unreifen Gedanken einen Namen gegeben, haben ihn „griabig” genannt, frei übersetzt „gemütlich”, und die Erkenntnis war da: Das wichtige am Gehen ist das Stehenbleiben, das Niedersetzen, das Umschauen.
Das wäre als Erkenntnis zu abgegriffen. Aber übersetzen wir das einmal gemeinsam in die Welt meiner Welt: Nicht Geld ist das Ziel, sondern die Arbeit, bei der man es verdient. Nicht der Studienabschluss, sondern die Inhalte, die man auf dem Weg lernt. Nicht die große Wohnung, sondern das Planen und Einrichten. Nicht der Verzehr des gemeinsamen Essens, sondern das gemeinsame Kochen.
Tal. Die ist ein Ausflugsziel, da würde jeder Vergnügunspark vor Neid kollabieren. Und die Besucher, wie sie in ihren weißen Straßenschuhen und ihren buntbestickten Jeans aus ihren klimatisierten Komfortbussen steigen und nur wegen der Bewölkung ihre extragroßen Regenschirmen aufspannen, würde ich sonst belächeln, bedauern, verabscheuen. Aber jetzt nicht mehr: Sie kultivieren das Innehalten, sie pflegen den Ausblick, sie ersetzen den Weg gänzlich durch das Ziel. Wow, wow, wow!
Tag 16 (16.7.2009): Larchetalm – Karwendelhaus – Falken Hütte – Engalm. Viel Sonne, dann Bewölkung, der Regen kam erst eine Stunde nach der Ankunft, ätsch! Neuneinhalb Stunden unterwegs, davon knapp acht auf den Beinen. Tipp des Tages: Wer vom Karwendelhaus zur Falken Hütte geht, möge den kleinen Hang-Steig oberhalb des Kleinen Ahornbodens wählen. Das spart nicht nur Höhenmeter, sondern versetzt in eine andere Welt…

Berge sind in Stein ruhende Toleranz. Sie hüpfen weder mit Demonstrationsplakaten noch vor Parlamenten herum, sie maßregeln die Intoleranten nicht. Sie sind einfach. Und sie sind tolerant. Auf eine derart unprätentiöse Weise, Lessing muss seine Ringparabel in den Bergen geschrieben haben. Es ist den Bergen völlig wurscht, wer auf ihnen latscht. Wer von ihnen fällt oder sich mit ihnen rühmt. Wer auch immer sie bezwingen mag, die Berge merken gar nichts von diesem Kampf. Sie müssen sich nicht einmal rühren, um solche Menschen abzuwerfen.
Mittwoch rund 120 Menschen. Ja, das ist eine Menge: Auf dieser Hütte kreuzen sich der Europäische Weitwanderweg 4 (der in Österreich entlang meines Weitwanderwegs 01 verläuft) und der E5: Oberstdorf-Meran in sechs Tagen. Und wie soll ich sagen: Die Wiener Südosttangente ist dagegen wenig befahren. Nein, ich weiß auch nicht, ob es eine echte Gaudi ist, im Gänsemarsch die Alpen zu überqueren, da müsste man Hannibal fragen. Aber das ist jetzt gar nicht das Thema.
mit den Eltern in Urlaub und für zwei Tage auf Erkundungstour. Für etwas Aufregenderes hatte die Szene nicht gereicht, ein Zehnjähriger, eine Dreizehnjährige, ein Bursche und ein Mädchen, die beide wie sechszehn aussehen, alle mit Rucksäcken, an denen Blechhäferl baumeln. Auf der Memminger erzählte mir Julia, dass sie 19 und wie die Lage wirklich ist: „Die beiden Kleinen und ich sind Geschwister, er (der tatsächlich 16jährige) ein Freund von uns. Wir gehen einen Monat, bis Verona.” Auf meinen geistesverwirrter Blick gepaart mit dem gestammelten Wort „Eltern” sagte sie weiter: „Ich musste sie fast ein halbes Jahr überreden.” Ja, aber, äh, ich meine, na sag mal, bearbeiten 19jährige Mädchen ihre Eltern sonst nicht eher wegen einer USA-Reise, einer Schauspielausbildung oder eines
festen Boyfriends, der in einer Dark-Heavy-Gothic-Metal-Band spielt? „Ja sicher. Aber die Berge sind doch toll.” Julia sagte das wie nebenbei.
bisschen von der Ehrerbietung haben. Aber mit „sechs Tage durch die Lechtaler” eroberst du auf der Memminger bestenfalls den Kameramann von arte. Das muss die beiden Rumänen demotiviert haben, denn am nächsten Tag wollten sie auch bis zur Steinsee Hütte, aber abends habe ich sie dort nicht mehr gesehen. Egal, ich unterhielt mich dort stattdessen sehr eingehend und intelligent mit dem Deutschen über den Zustand des Journalismus. Was er denn mache? „Ganz einfach erklärt: Zimmermann.” Er ging am folgenden Tag klettern und reagierte auf meine Sorgen über ausgesetzte Höhenwege wie die meisten: mild, aber mit ein bisschen „kein Problem”.
Platz für beide Füße bieten und aufrechtes Stehen und Gehen erlauben.” Punkt punkt punkt! Und was soll ich sagen: Der Freitag Abend auf der Anhalter Hütte gab mir auf traurige Art recht. (Wo ich übrigens ein vergnügliches Dinner mit den beiden Schwaben Helmut und Christof hatte, die zwei sind Freunde und ehemalige Kollegen, aber in manchen Dinge so unterschiedlich, dass das Gespräch etwas von Kabarett hatte, da Helmut der pragmatische Familienmensch mit ausgeprägter Konsensneigung, dort der investigative No-Kids-Fan Christof mit dem Drang zum widersprechenden anderen Standpunkt) Die unglaublich lebensfrohe und freundliche Hüttenwirtin Carmen (es geht nicht anders: Prädikat abgedrehte Nudel) ist Hamburgerin und vor 21 Jahren wegen eines Pitztalers nach Tirol gezogen. Die Fotos von ihm, mitten im Speisesaal, zeigen den Vollbärtigen als echten Alpinisten, wie ein Double von Reinhold Messner. Auf hohen Gipfeln steht er, das mutig Alpinistische ihm ins Gesicht geschrieben. Unter einem Foto steht „2002″ und „Lawine”. Da hörte ich zwischen all dem Menschenlärm im Saal die Radionachrichten: „Nanga Parpat” und „Österreicher vermisst”. Und der tolerante Hosenschisser in mir dachte sich: Mit mir nicht, liebe Berge, nur mit den Anderen, nicht mit mir! Auch weil er in diesem Moment noch nicht wusste, dass er am nächsten Tag ungewollt und verzweifelt in einem Erdhang hängen und die Berge sagen hören wird: „Anders? Ha, ihr seid doch alle gleich!”


… am ersten Tag. Und: Ja, ich fühle mich dabei ausgezeichnet. Es ist auch ganz leicht gewesen, nämlich weil das Leben einem manchmal wirklich zur Hilfe eilt. In etwa so:
Tag 1 (1.7.2009): Bregenz Hauptbahnhof – Kehlegg (statt Bregenzer Hütte). Grauenhaft schwül, spätes Gewitter. Sieben Stunden unterwegs, davon fünf neben der Straße. Tipp des Tages: von Bregenz bis Dornbirn nimmt man den Bus, basta! Eine Blase (kleine Zehe links), zwölf Zigaretten geraucht.

