Leben in der Pause. Ruhetag sechs.

Den ersten Rasttag seit Kufstein habe ich gebraucht. Auch im Kopf, daher Kurzform:

  • Wanderung35_WäschetrocknenSchuhe zum Service, da hingen allerlei Plastikstücke weg, außerdem ist auch das dichtende Goretex am Ende. Ach ja und neue Einlagen bitte.
  • Stöcke zum Service, der eine braucht eine neue Spitze, beide brauchen neue Teller. Natürlich wären neue günstiger, aber wegen der emotionalen Nähe bitte doch.
  • Grüß Gott, schönes Hotel, sagen Sie, könnten Sie, eine Waschmaschine, mehr nicht. Haben Sie sich eh gedacht, super. Danke sehr. Ach ja und Trockner? Weil ich habe nur die eine Hose. (alternativ: Oh je, nicht, schade. Also wieder Dings aus der Tube, Waschbecken, aufhängen Fön fixieren und per Hand).
  • Jawohl! Internet-Empfang. Also gemma: Die nächsten Quartiere, Emails, Kommentare und Fotos.
  • Kekse aus dem Supermarkt.
  • Erdbeersaft aus dem Supermarkt.
  • Ein Fernseher, juchauz! Bitte also Essen erst um acht, weil davor Scrubs und Onkel Charlie schauen. Ja, das ist verdammt wichtig. Huch: Fußball heute, schau an. Salzburg kann plötzlich kicken, wurde Zeit.
  • ZIB 24, schon nach zwölf? Na geh, Frühschlaf verpasst. Wurscht, bin eh schön.

Tag 35 (4.8.2009): Bad Goisern, im sehr authentischen und heimeligen Hotel Agathawirt. Es hat fast ganztags geregnet, wie es sich für meine Wanderpause gehört. Soll der Himmel loswerden, was er zu betrauern hat, denke ich mir da. Tipp des Tages: Ein Vollbad! Ich weiß, nicht jeder ist der Badetyp, aber es gibt am Ruhetag keine größere Wonne als Wanne .

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Blasenfrei. Elf Zigaretten geraucht, grüner Veltliner ungezählt. Hund Niko Poldi bekam neben Hundefutter aus dem Supermarkt auch Schweinsohren und Pansenstücke. Es gibt in der Tat kein größeres Glück für die schwarze Flohdackn. Und dass ich mir so die Liebe erkaufe, die es am Berg zur nötigen Folgsamkeit braucht, ist womöglich nur ein Gerücht.



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 Axel Halbhuber am 06.08.2009  |   2 Kommentare

Im Kopf geht sich das aus

yetiAlle stehen auf meinen Chirurgen. Nun ist der gute Mann ein wirklich feiner Arzt, wie schon beschrieben. Aber ein Manko hat er und da kommt er mir nicht aus: Unter allen Mitmenschen während meiner Vorbereitungen war er der einzige Phlegmatiker. Da war die Internistin, die bei meiner Gesundenuntersuchung (was übrigens ein schräger Begriff ist, weil es ist doch so: wird man als Gesunder untersucht, spürt man spätestens bei der Frage, ob das weh tut, abgrundtiefen Schmerz. Das ist das hypochondrische Selbst-Ich) gesagt hat, mein zu hoher böser Cholesterin ist angeboren. Nicht selbst verschuldend angefressen. Lieb von ihr, ganz egal, ob das stimmt.

Oder vorgestern: Sportmedizinische Untersuchung, der Arzt erwähnt den hohen Fettanteil meines Edelkörpers nur ganz nebenbei und spricht umso lauter von „echten Wandererwerten“. Soll heißen: flache Lactatkurve, gute Ausdauer. (Er hat dann geglaubt, jetzt muss er auch noch etwas Negatives sagen, wegen mir hätte er nicht müssen. Aber er hat: Aus mir würde kein Sprinter mehr werden. Ach so, na schade) Und auch gestern wieder: Eine gut befreundete Fitness- und Bewegungs- und Ernährungstrainerin schoss Strom durch meinen Körper, um dessen Zusammensetzung zu prüfen. Wieder viel das Wort Fettanteil fast unhörbar leise aus, aber, mein Lieber, deine Muskelmasse ist überraschend hoch, perfekt für deine Wanderung, „schlummerndes Potential“, da kann man drauf aufbauen.

Ehrlich: Das ist alles motivierender als mein Chirurg. Und ehrlicher: Nur weil er mein Knie, quasi meine Axilles-Ferse, schon persönlich kennen gelernt hat, könnte er trotzdem so tun als ob. „Ja, das ist gut, mach so eine Wanderung lieber heute als in zehn Jahren“, könnte er sagen. Hat er aber nicht.

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Mein Untersuchungsmarathon hört sich jetzt so an, als ob ich seit Monaten vorbereite. Und das hätte meine Umwelt wohl gerne. Man thematisiert in den vergangenen Wochen nämlich öfter mal meine Vorbereitung. Wie viel ich denn trainiere? Welche Bücher ich denn lese? Ob ich denn auch Steigeisen, Pickel, Höhenmesser, Notfallsbiwaksack und Yetiflinte einpacke? In aller Kürze: Kaum, weil keine Zeit. Gar keine zu dem Thema. Nein, nein, nein, ja. Jagdmessner.

Dochdoch, besorgter Leser, ich nehme diese Wanderung ur ernst. Urernst in Reinkultur. Respekt, Nervosität und Vorfreude halten in meinem Magen seit Tagen Klausur. Aber abgesehen davon, dass ich bei allen nichtsportlichen Vorbereitungen nicht zum Trainieren komme: Wie bereite ich mich denn auf zweimonatiges Wandern vor? Wie simuliere ich denn ungefähr Tag 17 oder Woche 8? Oder auch nur den dritten Tag im Dauerregen, die sechste Gehstunde in röstender Hitze?

Richtig: Alles nur mental. Ich kann das alles nur im Kopf durchspielen. Mir Tipps holen, gut zureden lassen oder einbremsen. Und daraus ein Gesamtbild entwerfen, das die Sache für mich möglich erscheinen lässt. Nach bestem Wissen und Gewissen alles einpacken, alles andere verstauen, die Möglichkeit des öffentlichsten Scheiterns meines bisherigen Lebens zu-, aber nicht zu groß werden lassen. Sich an die Fakten halten: Ich gehe von Bregenz nach Wien. Im Sommer. Ja, es liegt noch viel Schnee, und das Wetter ist derzeit eher Hollywood als Mitteleuropa. Aber ich bewege mich durch ein Land, in dem die giftigste Schlage nur einer Fliege etwas zuleide tun kann. In dem die Berge Höhenkrankheit nur vom Hörensagen kennen. In dem sich mehr Menschen beim Bügeln verletzen als am Berg. (gut, das ist übertrieben, aber auch nicht schlimmer als chirurgisches Phlegma).

Ich verlasse mich einfach auf den Geist. Und darauf, dass der ausnahmsweise mal zu einem gesünderen Körper führt. Und ich verlasse mich auf die Etappenbegleiter. Menschen, die mit mir gehen. Ganz überraschend dastehen und sagen: ich auch. Und zwischendurch entsinne ich mich meiner Lactatwerte. Das wird dann schon. Gehen.



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 Axel Halbhuber am 26.06.2009  |   5 Kommentare