Axéju war traurig, dass sein treuer Gefährte Nikartax nun nicht mehr an seiner Seite war. Überall hatte er ihn begleitet, durch die nassglitzernden Almen Tirols und die grellsengende Hitze des Toten Gebirges. Über scharfe Kanten des Meeres aus Stein, rutschige Wurzelstöcke und die erschöpfenden Pässe des Gesäuses. Aber der tapfere Junge Axéju wusste genau, dass Nikartax die folgenden Tage nicht mit ihm gehen konnte, waren es doch die schwierigsten Prüfungen auf seiner langen Reise. Die Schneealpe mit ihren hohen Metern und tiefen Gräben. Das Geröll und die Drahtseile im gefürchteten Gamseck, dem Aufstieg auf die sagenumwobene Rax. Der steile Weg hinunter ins trefflich benannte Höllental. Und dann die bislang schwerste Aufgabe: Die senkrechten Eisenleitern durch die finstere Weichtalklamm. Das konnte Axéju seinem schwarzen Freund nicht zumuten.
Denn der mächtige Weg warf Axéju noch einmal seine gefürchteten Schergen vor die Füße. So leicht sollte er sein Ziel nicht erreichen. Der erste Endgegner stemmte sich erhaben vor Axéju, als er Neuberg im Tale verlassen hatte. Er hatte von diesem Farfelsteig in alten Büchern gelesen, gehört hatte er davon
nichts, denn niemand wagte den Namen diesen Steiges auszusprechen. Der mächtige Weg war sicher, dass Axeju schon am Fuße des Farfel umkehren würde. Aber der Junge ging raschen Schrittes in den dunklen Wald. Überquerte die Baumstämme, die der Weg für ihn ausgebreitet hatte, schob sich weiter hinauf auf die weiße Schneealpe. Der strömende Regen prasselte auf ihn nieder. Axéju trotzte. Der Nebel nahm ihm Sicht und Gefühl. Er trotzte. Die Kälte kroch in seine Kleider und nagte an den Knochen.
Es kam ihm keine Sekunde in den Sinn, jetzt aufzugeben. Hier, bei seinem drittletzte Aufstieg. Und das machte den Weg noch wütender. Er zog den Farfelsteig in die Höhe, ließ ihn die Zähne fletschen. Axéju war schweißnass. Aber er ging weiter und erreichte das Schneealpen Haus. Der mächtige Weg spielte weiter seine Asse aus: Keine Dusche, Axéju zog sich aus und duschte im Regen. Der Weg zürnte furchtbar und griff zu seinem gemeinsten Trick: Er sandte Axéju eine Niko Morgana. Axéju spürte die Sehnsucht nach seinem Gefährten, das Verlangen nach dessem treuen Blick. Aber er wusste, dass vor ihm nicht der wahre Nikartax winselte. Also ignorierte er den hinterlistigen Hund.
Der Zorn des Weges wuchs. Er riss sein Maul auf und alle Lebewesen verschwanden in dem Dunkel. Keiner glaubte nun mehr an Axéju, die Felsen verkrochen sich in der schwarzen und nebelnassen Nacht, die aus des Weges Maul strömte. Axeju trotzte. Als der Weg dann aber zu seiner gefürchtetsten Waffe griff, brach in Axéju der Glaube: Der Weg sog fest an und nahm jeden Internet-Empfang aus Raum und Zeit. Da wurde Axéju müde. Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und rief die Königin Mercury an, denn nur ihr Gesang konnte ihm nun helfen. Axéju nahm die Kampferklärung des Weges an, indem er summte: „Don’t stop me now!
I’m burning through the skies Yeah!
Two hundred degrees
That’s why they call me Mister Fahrenheit
I’m trav’ling at the speed of light…
… There’ no stopping me.“
Tag 53 (22.8.2009): Neuberg an der Mürz – Farfelsteig – Schneealpen Haus.
Ganztags wechselten sich nasser Nebel und starker Regen ab. Zwei Stunden zwanzig unterwegs, davon zwei zehn auf den Beinen. Tipp des Tages: 1000 Höhenmeter am Stück sind kein einfacher Gegner. Aber ein zu schneller Angriff kann leicht zu Stillstand führen.
Keine Blase. Fünf Zigaretten geraucht, abends zwei weiße Spritzer und zwei Schnäpse, mit Mitwanderinnen Steffi und Ingrid. Hund Niko Poldi, ich vermisse dich. Aber der heutige Aufstieg wäre dir nicht geheuer gewesen. Eher Ungeheuer.

Tags: prüfung, regen, scheitern

























gibt es nicht mehr) und „extrem hochalpines Gelände” verwendet, malt man bei freytag & berndt eine durchgängige rote Linie in die Karte. Das bedeutet „leicht begehbarer Spazier- od. Wanderweg”. Aber gestern und heute wurde dieser Schwachsinn konkret, bitte denken Sie mit:
Womit wir noch einmal Tacheles reden: Scheiß Regen! Ja ich weiß, dass ich mich angesichts versinkender Landeshauptstädte und ausgelöschter Existenzen nicht über nasse Füße aufregen darf. Aber ehrlich, langsam zerfließe ich in gepflegter Zermürbtheit. Ich habe das heute beim leichten Spaziergang für mich so erklärt: Die drei Feind-Elemente der Wanderung sind Schweiß, Adrenalin und Wasser. Mit der schweißtreibenden Anstrengung komme ich zu Recht, wie gesagt, die Gelenke halten, was die Muskeln versprechen. Das Adrenalin bei steilen und schwierigen Stellen halte ich mit Testosteron-Salven in Schach. Aber Wasser attackiert an drei Fronten: Mit Blasen an den Füße, mit Kälte und Starrheit an den Knochen und mit der Rutschigkeit des Untergrundes.
Heute gab es kein Gewitter. Es hat einfach den ganzen Tag geregnet. Und zwar fies: Nieselig. Da denkt man nichts Böses, zieht eine Regenhose über und glaubt, damit ist man schon der Herr Gebirgserfahren-Übervorsichtig. Aber der Regen von heute hatte etwas Trojanisches, denn er schlich sich leise in die Kleidung und traf mich, wo es am meisten schmerzt: In den Schuhen. Meine Reaktion war martialisch: Volle Anti-Regen-Kampfmontur, Garmaschen, Pelerine, frisches Paar Socken. Half wenig: Wenn das Pferd einmal in der Stadt ist, lahmt der Fuß. Konkret der linke, konkreter die Zehe, ganz konkret eine fette Blase.
Bei Sonnenschein hätten wir nie auf der Erlach Alp nach einem trockenen Stündchen gefragt. Also wären wir auch nie in der gemütlich verrauchten Stube gesessen und hätten nie zur Packerlsuppe, die man uns eilig gerichtet hat, Brot und die Geschichte der drei Alp-Bewohner serviert bekommen. So aber hat Alphirte Werner, ein Südtiroler, erzählt, dass er und seine Anja, eine Schweizerin, heuer zum ersten Mal die Erlach Alp führen. Den Job habe er im Internet gefunden, da gäbe es eine Seite, auf der die guten Almen aber schnell weg seien. Die Erlach Alp sei aber auch sehr gut, mit ihren 58 Rindern, die rund 800 Liter Milch am Tag geben. All das belauschte neben uns auch der abseits sitzende Christian, ein dunkler großer Typ in Flip Flops, Jeans und mit einem großen großartigen Lächeln ausgestattet. Er ist aus Venezuela, war lange in Spanien, spricht gut Englisch und ist jetzt für diesen Job hier. Quasi Alphelfer. Als Christian mitsamt seinem Lächeln rausging, um doch Gummistiefel für die Arbeit zu holen, entschuldigte sich Werner für die schmutzigen Teller. Die habe der Halbe abgewaschen. Damit meinte er den Knecht aus Caracas, denn eine Alm in dieser Größe sei auch zu zweit zu schaffen, so seien sie halt “zweieinhalb”. Werner sagte das nicht böse. Eher so, wie man eben diese skurrile Szenerie vertont, in der ein Italiener, eine Schweizerin und ein Venezuelaner auf einer 1900 Meter-Alm in Österreich Sommerdienst verrichten.
Der direkte Weiterweg auf die Leutkircher Hütte war übrigens nicht begehbar, Schneefeld im Geröll. Sonst schaffe er das in eineinhalb Stunden, sagte Werner. Aber auch der Umweg sei kein Problem, sogar „mit dem Rollstuhl machbar”. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass das zu dick aufgetragen war. Aber ich nehme Werner das nicht übel. Denn auf der Leutkircher oben war er noch nie. Sagte er auf Nachfrage.


