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Archiv für das Tag: niko

 

Angekommen. Tag neunundfünfzig.

 Wanderung59_OrtsschildEs ist schwierig. Einerseits möchte jeder Ankommende, dass man ihn begrüßt. Man wünscht sich Menschen, die Spalier bilden, denen man in die Arme fallen kann, die einem auf die Schulter klopfen. Auch weil man dann sieht, dass andere interessiert, was man in den vergangenen zwei Monaten gemacht hat, wie man sich verändert hat und ob der Axel heute nun wirklich sein geliebtes Wien wiederbetritt.

Andererseits stehen die Willkommener dem Ichselbst im Weg. Dem Selbst, auf das ich mich nun zwei Monate konzentrieren konnte. Was heißt: Auf das ich mich konzentrieren musste. Denn du kannst alle schwierigen Wege meiden, den Himmel immer akribisch genau lesen, um dich vor dem Gewitter unterzustellen. Du kannst Pläne ändern und Unangenehmes umgehen. Aber dir selber entkommst auf so einer Wanderung nicht. Der Kopf denkt und du hörst es. Die Augen schauen und du siehst es. Der Charakter rebelliert und du reagierst.

Und mit eben diesem ganzen Ich, den geschundenen Gelenken, dem überfälligen Sentiment und einem hochaktiven Kopf, wärst du in dem Moment gerne allein. Wenn du auf Wien hinunterschaust. Wenn du die Metallstange in der Hand hältst, auf der das Wiener Ortsschild angeschraubt ist. Wenn du nach 1000 Kilometern den letzten halben Meter machst.

Ich war nicht alleine. Ob das jetzt besser oder schlechter war? Ich weiß es nicht. Das ist ja eben schwierig.

Aber wieder zu Hause zu sein, es tatsächlich zu Ende gebracht zu haben, durch Österreich von Bregenz nach Wien gegangen zu sein, das fühlt sich gut an.

Wahnsinnig gut.

P.S. In der kommenden Woche werde ich an dieser Stelle noch mein Danach-Denken dokumentieren. Quasi Epilog. Und außerdem habe ich da noch eine andere Idee… Nein, jetzt wird einmal angekommen. Was weiß ich, welche Teile von mir noch am Weg sind und Verspätung haben. Wir lesen uns!

Tag 59 (28.8.2009): Mayerling – Heiligenkreuz – Sittendorf – Kreuzsattel – Seewiese – Parapluieberg – Perchtoldsdorf – Rodaun (Wien). Sonne und auf den Waldstücken durchaus erträglich feine Hitze. Eine würdige, abwechslungsreiche und verdammt einfache Schlussetappe. Sechs Stunden unterwegs, davon vier auf den Beinen. Tipp des Tages: Zweimal ankommen. Einmal für dich und einmal für deine Freunde.

Keine Blase. Viele Zigaretten geraucht, einiges an Achterln. (Zuerst war offizieller Willkommens-Heurigen in Perchtsholdsdorf/Rodaun mit der Österreich Werbung. Dann war privater Willkommens-Heurigen mit meinen Freunden in Wien. Fragen Sei also lieber nicht…) Hund Niko Poldi hat gespürt, was Sache ist. Mir schien sogar, er hat sich geweigert, die Bergrettungs-Kenndecke abzulegen. Lieber Niko Poldi, in vollem Bewusstsein des von mir verworfenen Superlativs: Du bist der beste Hund der Berge. Du bist der beste Gefährte an meiner Seite. Du bist der bedeutendste Mitwanderer. Du bist einzigartig. Ich danke dir, ich liebe dich.

 30.08.2009 | Tags: , , | 8 Kommentare
 

Errare Fexum est. Tag sechsumvierzig.

Im Sinne eines geordneten letzten Wegfünftels (Jubel, Jubel allerorts!!!) will ich hier und heute einige Fehler aufklären, die sich in das Bild meiner wunderbaren Wanderung eingeschlichen haben. Anbei auch die fotopittoreske Auflösung der rätselhaften Errari.

Irrtum 1: Niko Poldi ist ein lieblicher Hund.

Das ist so nicht richtig. Niko Poldi ist ein lieber Hund, kein lieblicher, dafür lege ich meine Hand ins Feuer, aber ihm nicht ins Maul. Das Bild zeigt deutlich Niko Poldis unendliches Talent als Hauptrollen-Mime im gepflegten Horrorfilm. Die schwarze Bestie kann also auch anders, das ewige Good-Dog-Image ist eindimensional und unzureichend.

 

Irrtum 2: Axel rennt wie aufgezogen.

Ganz im Gegenteil nützt Axel jede Pause aus, um gediegen herumzulehnen. Dabei ist ihm völlig egal, ob die Last seines Nobelkörpers von einem gemeinen Wanderstock oder einem speziellen Mitwanderer getragen wird, Hauptsache Entlastung. Zwar achtet Axel immer darauf, dass dieser Akt der Faulnis (nein, nicht Fäulnis!) nie von einer Kamera gebannt wird, aber wie zu sehen, misslingt das gelegentlich.

Irrtum 3: Laszlo rennt wie aufgezogen.

Der mimische Ausdruck auf diesem Bild beweist, dass auch vierzehn Tage Alpinkur den sympathischen Ungarn noch nicht zum Hunnenkönig machen. Es gilt Ähnliches wie für Axel.

Irrtum 4: Mit knapp 79 ist man alt.

Früher wollte ich aussehen wie Clooney, heute will ich aussehen wie Ferdl. Wenn der Mann sein Hemd ablegt und barbrüstig durch die Berge zieht, dreht sich nach mir nämlich keine Kuh mehr um. Ich meine das ganz ernst: Ferdinand ist mein Beweis für den Spaß nach 66, nicht Udo Jürgends.

Irrtum 5: Der Berg ist nie kitschig.

Diesen Irrtum konnte ich bei der Rast auf dem Radmerhals schlagartig entkräften. Da gibt es diese katholische Gedenktafel und ich nehme mir die Freiheit heraus, diese als den schlimmsten Kitsch zwischen Bisamberg und Großglockner zu bezeichnen. Natürlich macht das ja nix. Aber gesagt gehört es einmal.

Irrtum 6: Wandern ist eine ernste Sache.

Mit dieser sagenhaften Falschmeldung versuchen eingefleischte Bergfexe den ulkigen Stadtwanderer von den schwindligen Höhen fernzuhalten. Denn da oben habe man immer fokussiert und ernst zu sein, wegen der Gefahr, wegen der Ehre, wegen wasweißich. Ich aber sage euch: Auch Spaß muss sein.

Irrtum 7: Die Musikanten sind im Stadl.

Die Musikanten sind immer dort, wo sich die Stimmen erheben. Denn auf Almhütten und Aplenvereinshäusern scheinen Instrumente klimatisch bestens zu gedeihen. Wer also singen will, kann singen. Im konkreten Fall die Runde auf einer Ramsauer Alm.

Was uns zu Irrtum 8 führt: Die Ramsau liegt am Dachstein-Fuß.

Das stimmt zwar an sich schon eh, aber eben nur eh auch: Auch Eisenerz hat eine Ramsau, die ist sehr familienfreundlich und perfekt für den Ausflug zwischendurch. Und als ob es einem die Ramsauen (nicht zu verwechseln mit den Schweinsschnitzerln in Rahmsauce) besonders schwer machen wollen, gibt es in der Eisenerzer ein nordisches Trainingszentrum, wo doch die Dachsteiner für das Nordische bekannt ist. Da kann man das schon verwechseln.

Irrtum 9: „Alpenverein oder Bergrettungs-Förderer? Das brauche ich nicht!“

Da war zum Beispiel dieser eine Mitwanderer, der mir erklärte, er brauche die Alpenvereins(AV)-Mitgliedschaft nicht. Auf der ersten Hütte fragte er, ob ich das Zimmer für ihn mitzahlen könne, wo ich doch den AV-Preis bekäme. Oder anderer Fall: Auf der heutigen Etappe plauderte ich mit Mitwanderern Romy und Peter über die Bergrettungsförderschaft, dass das auch eine Ehrensache sei. Und wie zur Unterstützung ratterte in dem Moment der ÖAMTC-Hubschrauber Christophorus Richtung Felswand Kaiserschild, um einen Kletterer zu bergen. Der war nicht verletzt, sondern nur erschöpft. Gutes Timing, trotzdem bleibe ich dabei: Es ist eine Frage der Ehre.

Irrtum 10: Peter sei kein Steirer.

Freunde belächeln Mitwanderer Peter seit Jahren, wenn er seine steirischen Wurzeln betont. Aber der Mann hat Recht: Wer sich den ganzen Tag auf den Steirerkas freut wie die Wüste auf den Regen und dann so eine Freude im Blick hat, muss Steirer sein. Wuff!

Tag 46 (15.8.2009): Radmer an der Stube – über die Forststraße auf den Radmerhals (der Weg über den Lahngraben ist gesperrt – Eisenerzer Ramsau – Eisenerz. Diesen Weg würde ich als echten Spazierweg beschreiben, stellenweise mit tollem Blick auf die Berge. Und am Ende dieser gemütlichen Wanderung fühlt man sich am besten noch ein bisschen in der Ramsau wohl. Ganztags Sonnenschein. Knapp fünf Stunden unterwegs, davon vier auf den Beinen. Tipp des Tages: Wissen belastet. Irren befreit!

Keine Blase. Elf Zigaretten geraucht, zwei Achterl Rot, zwei Schnäpse (Zur Verabschiedung meiner Mitwanderer Katrin, Peter, Romy und Laszlo). Hund Niko Poldi hat seine Horror-Fratze auf dem Bildschirm gesehen und träumt nun schlecht neben mir. Sich selbst zum Fürchten bringen, das ist Schauspiel vom Feinsten.

 19.08.2009 | Tags: , , , | 2 Kommentare
 

Blutiges Steak. Tag siebenunddreißig.

Wanderung37_Wolkenmeer„Man muss nicht nur Zeit zum Anschauen haben, sondern die Zeit, es überhaupt zu sehen.“ Mit diesem Satz beeindruckte mich eine der beiden älteren Damen am Hochklapfsattel. Wir waren gerade in einem dieser Kurzrast-Gespräche: Und Sie, aha, von Altaussee, nur so zum Wandern, aha, nein ich gehe länger, ja das ist weit, ja das ist schön, aber kommen wir wieder zu Ihnen. Anfangs plätscherte der Talk mit den beiden. Diejenige mit den viel zu schönen Zähnen verriet, dass sie auf dem Weg zu einer Geschichtenerzähler-Performance am Gipfel des Redenden Stein unterwegs sind. (Ja, toller Name für einen Gipfel, aber er hatte mir nichts zu sagen, als ich vorbei ging.) Und als ich so nachdachte, ob sich aus der Kombination Geschichtenerzähler und Redender Stein ein Wortwitz generieren lässt, kam die andere mit der „Rasten und sich Umschauen ist das wichtigste am Gehen“-Kiste und eben dem Einleitungssatz. Und da schoss sie mir wieder ein, Wanderung37_Hirtendie Weisheit der Älteren: Sich die Zeit nehmen, eine schöne Blume anzuschauen, ist der Komperativ des Wanderns. Aber superlativisch wandert, wer nicht zufällig auf diese Blume aufmerksam wird, sondern vom ersten Schritt an so geht, dass er sie sieht. Sehen muss. Wow.

Das ältere Paar, das ich eine Stunde davor getroffen hatte, suchte zum Beispiel ein Schaf. Seit vierzehn Tagen. Die beiden Pensions-Hirten gehen seit nunmehr zwei Wochen jeden Tag ihre Runden, um das verlorene Schaf mit schwarzem Kopf, ein schönes von einer Versteigerung, zu suchen. Ihr Lächeln und die Antihektik verrieten die beiden ein bisschen: Ihre Suche ist ein Grund, kein Anlass. Sie lieben es, in ihren Bergen zu gehen und sind dem Schaf ein wenig dankbar. Überhaupt schien es an diesem Tag, dass die Ausseer gerne in ihre Berge gehen. Scheinbar waren alle, die ich traf, einheimisch. Nur bei den vier Jugendlichen kurz vor dem Appelhaus war ich mir nicht sicher, ich konnte sie auch nicht fragen, sie sprachen nur Tschechisch.

Wanderung37_WeiseDamenDas dritte Treffen des Tages waren Kühe. Verrückte, entsetzlich depperten Kühe. Eine von ihnen sprintete auf Hund Niko Poldi zu, der sich verhängnisvoller Weise auf Weiden gerne an mich kuschelt. Die Kuh sprintete also auf mich zu. Und wenn gefühlte achttausend Tonnen auf dich zusprinten, läuft ein Film in dir ab: Zuerst schießt dir ein, woher das Tote Gebrige seinen Namen haben könnte. Dann überlegst du, wie sich ein Torero mit Wanderstöcken anstellen würde. Und schlussendlich gibst du Hund Niko Poldi den Befehl zu laufen, quasi Ablenkungsmanöver, und der Kuh den Befehl: „Aus!“ Beide gehorchten. Gerade noch. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich niemandem traue, der einen größeren Kopf als ich hat?

Tag 37 (6.8.2009): Loser Hütte – Karl-Stöger-Steig – Augstwiesenalm (besonders depperte Kühe, wahnsinnig böse zu Hunden, wahrscheinlich etwas Traumatisches) – Albert Appel-Haus – Elmgrube – Pühringer Hütte. Die Tatsache, dass ich seit gestern Abend auf steirischem Boden bin, behandle ich Wanderung37_BlickVonPühringerHüttehier nicht, der gefühlte Grenzübertritt folgt später. Sonnig mit schönen weißen Kuschelwolken. Zehn Stunden unterwegs, davon achteinbisserl auf den Beinen. Tipp des Tages: Legt die verrückten Kühe in Ketten!

Eine stille Blase an der rechten Ferse. Sechs Zigaretten geraucht, ein Vierterl Rot. Weil das war nötig, als ich den Deutschen Andreas auf der Pühringer Hütte traf. Der wanderte die vergangenen Wochen vom Neusiedler See bis hierher. Gemeinsam haben wir den Weg fertig, darauf tranken wir eben. Bad day for Niko Poldi: Nach manigfaltigen (die beschriebene Szene wiederholte sich noch zweimal) Kuhattacken durfte der Hund in der überfüllten Pühringer Hütte nur in der Winterraum-Gaststube schlafen. Durchaus gemütlich, aber einsam. Ihm war es aber offenbar wurst, er lag morgens so da, wie ich ihn abends gebettet hatte.

 08.08.2009 | Tags: , , , , | Ein Kommentar
 

Antworten. Tag sechsundzwanzig.

Wanderung26_MitwandererMichiMitFreundZur Klarstellung: Die Berge zwischen Lofer und Maria Alm haben in punkto Handyempfang bei den Lechtaler Alpen gelernt. Nur deswegen konnte ich die werte Leserinnen- und Leserschaft über die vergangenen drei Tage noch nicht informieren. Und genau deswegen häuften sich in den Kommentaren die Fragen. Und eben deswegen ist jetzt der richtige Zeitpunkt für Antworten.

  • Am zweiundzwanzigsten gewanderten Tag meiner Reise ist dem Himmel der Regen ausgegangen. Es war ganztags trocken. Was wieder einmal Wanderung26_BlickLofererSteinbergebeweist, dass Petrus auch nur mit Wasser kocht.
  • Die vom Weitwanderweg-Führer vorgeschlagene Tagesetappe Lofer – Ingolstädter Haus halte ich schlicht für größenwahnsinnig. Selbst wenn man den Weg direkt geht, was wir ob des Naturjuwels Strohwollner Schlucht nicht getan haben, können einem die Füße das am Ende des Tages nicht verzeihen.
  • Außerdem bleibt man dann zu kurz in Hirschbichl. Wer dort länger sitzt, wird früher oder später von dem Mann, der einst Dienst am hiesigen Grenzübergang versah, einen gejodelt bekommen. Nein, das kann er nicht und ja, der Mann ist verhaltensauffällig. Aber: Solche Menschen zu treffen, die Mitteilungsbedürfnis und Dachschaden auf solch Wanderung26_GoldiFansympathische Weise vereinen, ist eine Bereicherung. Dachschaden ist zu hart? Der Mann hat mitten auf der Straße zehnmal einen Skispringer imitiert und dazu „Andi Goldberger“ geschrien. Dann hat er gejodelt.
  • Über Sex spricht man nicht, nicht einmal in den Bergen. Nur soviel: Zur Brautschau lohnt sich der Aufstieg nicht, weil die Frauen in der Unterzahl, meistens mit dem Mann ihrer Begierde und am nächsten Tag immer weg sind.
  • Hund Niko Poldi hat gar nichts gegen Würsteln. Weil ich aber gestern im Wanderung26_LeimbichlGräbenOrt war, eilte ich in den Supermarkt. Der bot Hundefutter nur in Industriemengen, also kaufte ich für Niko Poldi Katzenfutter. Hund Niko Poldi hat gar nichts gegen Katzenfutter.

Tag 26 (26.7.2009): Lofer – Strohwollner Schlucht – Hundalm – Leimbichlgräben – Hirschbichl. Sonnenschein, punkt! Wir hatten beschlossen, den geplanten Ruhetag in Lofer zu opfern, um die mörderische Neun-Stunden-Etappe Lofer-Ingolstädter zu zerbrechen. Bevor sie nämlich uns bricht. Weil dann aber nur vier Stunden Gehzeit blieben, haben wir uns für eine Umgehungs-Fleißaufgabe entschieden. Ja, das klingt wuki für einen, der von Bregenz nach Wien geht, aber so ist das Wanderung26_KühlenUndWaschenhalt. Fazit: Sechs Stunden unterwegs, davon gut fünf auf den Beinen. Tipp des Tages: Fleißaufgaben und Weitwanderungen verhält sich wie Schokolade und Chili: anfänglich komisch, aber doch irgendwie mmmmh.

Hund Niko Poldi geht es saugut. Er liebt den Berg und der Berg liebt ihn. Was mich wirklich begeistert: Er läuft immer ein bisschen vor zum Gruppenersten, dann wieder zurück, um zu sehen, ob es allen gut geht. Und gestern dann der Hammer: Er kommt zurück, ich sitze, um kurz zu rasten. Er läuft aufgeregt her und schleckt mir das Gesicht ab. Niko Poldi kümmert sich um mich. Ich liebe diesen Hund.

 29.07.2009 | Tags: , , , , , | Keine Kommentare
 

Der Weihnachtsmann trägt Batik. Ruhetage vier und fünf.

Von der Gegend um Kitzbühel kann man halten, was man will. Aber das Liebliche kann man ihr nicht absprechen: Diese geschnitzten Hausfronten, diese Grünheit der Wiesen, das Funkeln und Glitzern in den Gassen – Kitzbühel ist wie „Disneyland”, wenn es Hansi Hinterseer ausspricht. Hier, wo Fiona die Gütige sich wohl fühlt, neigt man zum Glauben an das friedvoll und problemlos Schöne auf der Welt. Und man neigt, daran zu glauben, dass auch der Weihnachtsmann hier den Sommer verbringt. Obwohl er kein Münchner ist.

wanderung20_santa1Alleine: Ich weiß, dass der Weihnachtsmann diesen Sommer in Scharnitz verbringt, wenn auch nur auf der Durchreise. Ich habe ihn dort getroffen und genau das fiel mir an meinen Kitzbüheler Rasttagen wieder ein. Er kam damals urplötzlich in das kleine Kaffeerestaurant im Herzen von Scharnitz herein, in dem ich das Ende eines Regens abwartete. Er sagte nicht Hoho, sondern Hello. Er trug ein batikbuntes T-Shirt am prallen Körper und ein zufriedenes Lächeln im Gesicht, das zu gut zwei Drittel vom weißen Bart verdeckt war. Er setzte sich hin und war von Anfang freundlich. Und offenherzig. Er sprach mit der mittelalterlichen Besitzerin, laut und herzlich. Bestellte sein alkoholfreies Bier und seine Gulaschsuppe, die er später über den Klee loben, aber auch in seinem Bart verteilen sollte. Er sprach die Menschen an. Sie sprachen nicht zurück, diese Offenheit war ihnen suspekt. Dann sprach er mich an.

wanderung20_santa2Santa heiße er, dabei verzog er nicht einmal einen Mundwinkel zu einem Lächeln. Europa habe er bereist, immer schon, jetzt wieder, von Rom mit dem Mietwagen über die Schweiz und Deutschland und nun hier über Scharnitz zurück, das müsse er machen, weil er ja nicht wisse, wie lange er noch habe. Seine Mutter habe er früher, viel früher einmal in die Schweiz gebracht, aus medizinischen Gründen. So toll sei das alles hier, die Menschen so freundlich, dabei lächelte er die Besitzerin an, die suspektiert wegschaute.

„Eine 800 Meilen-Wanderung beginnt mit dem ersten Schritt” schrieb er auf mein T-Shirt und dazu Bob Dunlup, wohl der bürgerliche Name vom Weihnachtsmann. Seine Unordentlichkeit schlug sich mit seinen klaren Worten. Er war Landstreicher und Philosoph, stellte alle Lieblichkeit rund um ihn in einen Schatten. Die Liebenswürdigkeit in seinem Blick rang mit den unterlaufenen Augen eines Trinkers. Ja, gut sei es ihm einmal gegangen, ein Hotel habe er gehabt. Aber dann wurde er Alkoholiker und habe alles verloren, wife, friends, money. Aber das mache gar nichts, jetzt sei er hier und – er wandte sich Richtung Theke, an der die Besitzerin stand – „Diese Suppe ist unglaublich gut!”

wanderung20_santa3Santa ist mehr als ein schräger Typ. Er ist Gammler und Geber, eben für alle da. Und für die Scharnitzer mindestens so sehr wie für die Kitzbüheler.

Ruhetage 4 und 5 (20. und 21.7.2009). Bei Freunden in Kitzbühel. Die haben für mich gegrillt, ich habe meine Wäsche gewaschen und wieder einmal ein bisschen soziales Leben inhaliert, von „Grey‘s Anatomy” bis Zeitung im Kaffeehaus. Tipp der Tage: Halte deinen Körper im Zaum, wenn er so tut, als ob solche Ruhetage gar nicht bräuchte! Zwinge ihn zur Pause in Gemütlichkeit und bringe ihm schonend bei, dass Bruder Geist das einfach haben muss! Die beiden Blasen (große Zehe links, Zeigezehe rechts) konnten an den beiden Ruhetagen entscheidend zurückgedrängt werden. Fast zwei Packungen Zigaretten geraucht, fünf weiße Spritzer getrunken.
Hund Niko Poldi? Ist back on the Route. Wir feuern ihn an, wir fiebern mit seinen Pfoten, wir wünschen ihm das Beste!wanderung20_santa4

 22.07.2009 | Tags: , , , , | 6 Kommentare
 

Big Berge, Big Talks. Tage achtzehn und neunzehn.

wanderung18_busfahrt-regenIn den Bergen ist die Luft für Small Talk zu dünn. Das passt gut für mich, weil ich solches Sinnlosgerede auf Wiener Sinnlosveranstaltungen manchmal nach einer Minute mit den Worten „Das ist ein Scheiß-Gespräch, nicht wahr?” beende. Mein Gegenüber schaut dann meist böse, eigentlich immer. Ganz so, als ob es nicht der gleichen Meinung wäre. Lächerliche Situationen sind das.

In den Bergen braucht es kein verbales Warmwerden. Nach „Griaß di”, „Servus” oder „Hallo” geht es immer gleich zur Sache. Am äußerst verregneten Samstag nämlich so:
Ich (steige in den Bus, der mich von Achenkirch nach Steinberg führt, ein Minibus mit neun Sitzen, ich der einzige Fahrgast): „Servus!”
Er (der Busfahrer, legt die Zeitung weg): „Hallo!”
Ich: „Wann fahren Sie denn?”
Er: „Ich bin Anton, wohin musst du?”
Ich: „Nach Steinberg.”
Anton (fährt los): „Wohin genau?”
wanderung18_fuse-regenIch: „In die ASI-Lodge. Kommen wir da noch bei einem Supermarkt vorbei?”
Anton: „Nein. Aber was brauchst du?”
Ich: „Batterien.”
Anton: „Musst du mir genau sagen, welche. Ich kann sie dir besorgen und dann um fünf Uhr ins Hotel bringen.”
Ich: „Äh, wirklich?”
Anton: „Ist kein Problem. (reicht mir einen Apfel) Gerade ist nicht viel los, da habe ich Zeit. Wohin gehst du?”
Ich: „Von Bregenz bis Wien, morgen bis Kufstein. Du bist nicht von hier, oder?”
Anton: „Nein, Kroatien.”
Ich: „Aber schon lange hier? Du sprichst gut deutsch.”
Anton: „Ja, seit zwölf Jahren. In Kroatien bin ich nur ein Monat im Jahr.”
Ich: „Und deine Familie ist auch hier?”
Anton: „Ich habe nur Mutter und Bruder und so. Aber keine Frau.”
Ich: „Wieso nicht?”
Anton (atmet langsam und tief aus): „Ach, weißt du: Ist nicht leicht. Verdiene nicht viel, ist schwierig. (hebt die Hand und zeigt geradeaus) Da schau, das ist ASI-Lodge. Und hier in Steinberg leben ungefähr 295 Menschen. Und das ist das Dorfwirtshaus, Waldhäusl. Und hier ist die Feuerwehr.”
Ich: „Du kennst dich gut aus.”
Anton (lächelt): Ja, habe ich einmal Bürgermeister hergeführt. Der ist ein netter Mensch, war der jüngste Bürgermeister Österreichs, als er begonnen hat. Und der hat gesagt, wenn mich jemand über Steinberg fragt, soll ich das erzählen.”
Ich (schon beim Aussteigen, bedeutsam): „Danke, Anton. Und danke, dass du mir die Batterien besorgst.”
Anton (gibt mir noch einen Apfel): „Ah, gerne. Und pass auf dich auf. Wenn Gewitter ist, schalte Gerät aus. Wegen Magnetfeld.” (lächelt offen, fast bedeutsam)

wanderung19_sanfte-hugelAm Sonntag wanderte ich dann die bislang mühsamste Etappe, stundenlang nur Forststraße. Und was soll ich sagen: Erstmals zog sich der Weg und mir gewaltig den Nerv. Aber erstmals ging ich mich in eine Trance, jetzt verstehe ich, warum die Menschen am Jakobsweg alle irgendwann einen brennenden Dornbusch oder Erscheinungsäquivalent sehen: Die Ödheit macht dich einfach wukiwuki. Ich beschloss, nie den Jakobsweg zu gehen. Eine Erscheinung hatte ich trotzdem, eine handfeste:

(Szene: altes Wochenendhaus mitten im Wald, davor Auto mit Münchner Kennzeichen. Eine junge Schäferhündin läuft mir entgegen, wild bellend)
Ich (unsicher): „Ja hallo, bist du eine liebe?”
Hündin (bellt unbeirrt)
Ich (motivierend): „Sicher bist du eine liebe!”
Er (bayrischer Akzent, aus dem Off): „Flora, gib a Ruh!” (kommt um die Ecke) Die tut nix, will nur g’streichelt werden.”
Ich: „Ah so. (streichle Flora) Schön haben Sie es hier.”
Er: „Ja, ich bin ja schon seit zwanzig Jahren da. Wo sind Sie her?”
Ich: „Aus Wien.”
wanderung19_forststraseEr: „Da ist mein Sohn gestorben. Da war er 34 Jahre. Herzinfarkt.”
Ich (sprachlos): „…”
Er: „Vor fünfzehn Jahren. Heuer wäre er 50 geworden.”
Ich (unbeholfen): „Au weh. Ihr einziges Kind?”
Er (auch unbeholfen, blickt in die Luft): „Die Tochter hat sich von uns abgewendet. Weil meine Frau liegt im Heim, sie hat Altzheimer, kennt mich gar nicht mehr richtig. Und seit es ihr so schlecht geht, hat die Tochter den Kontakt eingestellt.”
Ich (völlig sprachlos)
Er: „Naja. Aber ich bin im Sommer halt viel da.”
Ich: „Ist schön da.”

wanderung19_forststrase2Tag 18 (18.7.2009): Maurach – Steinberg am Rofan mit dem Bus. Als ich in der Früh aus dem Fenster sah, hat es geschüttet, als ob Wasser nix wert wäre. Ab 1400 Meter aufwärts dominierte Nebel, aus dem nur wenige Bergspitzen hervorblitzten. Sie waren schneebedeckt. Folglich wurde aus meiner geplanten Überquerung des Rofan-Gebirges samt Abstieg über einen seilversicherten Steig eine 40minütige Busfahrt. Ach ja: Es regnete bis 23.48 Uhr in der Nacht durch. Gute Entscheidung also, wenn es mir auch um das Rofan leid tat. Tipp des Tages: Die Zimmer in der ASI-Lodge in Steinbgerg haben ein unglaublich gelungenes Innen- und Licht-Design. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, ein Lob dem Innenarchitekten.
Aus drei bösebösen Blasen (zwei große Zehe links, eine Zeigezehe rechts) wurden zwei urmegabösebösen (die auf der linken Zehe fusionierten). Neun Zigaretten geraucht (nicht viel für einen Tag im Tal), zum Abendessen einen halben Liter Rotwein genossen.

Tag 19 (19.7.2009): Steinberg am Rofan – Thiersee – per Anhalter nach Kufstein. Sonne mit sanfter Bewölkung. Der Dauerregen des Vortages hatte die Wiesen getränkt, weshalb meine Hose nach einer Stunde patschnass war, und die Bäche anschwellen lassen, weshalb ich bei einer Überquerung in einen solchen hineinstieg. Ich war also nass, keine gute Voraussetzung für zehn Stunden Gehzeit und über 40 Kilometer Weg. Nach 36 war ich in Thiersee und konnte dem Ruf der überaus freundlichen Tirolerin nicht widerstehen: „Ein Saft?” lockte sie zuerst und dann: „Wir fahren dann Richtung Kustein, sollen wir dich mitnehmen?” Tipp des Tages: Unterschätze nie die Macht der monotonen, erschlagenden, demotivierenden und die Füße stets an denselben Druckstellen belastenden Forststraße. Weite ohne Ausblick ist des Wanderers jüngstes Gericht.
Die zwei Blasen entwickeln sich zu Massengräbern (eine große Zehe links, eine Zeigezehe rechts) und schmerzen. Elf Zigaretten geraucht, um gegen die Fadesse der Forststraße anzukämpfen.

In eigener Sache: Danke für alle, die sich anboten, Hund Niko Poldi zu chauffieren! Er wird ab morgen wieder dabei sein. Yipieh!

 21.07.2009 | Tags: , , , , | 4 Kommentare
 

Heldentypus Halbschuhtourist. Tag sechzehn.

wanderung16_wieesaxelgeht1Viele haben gesagt, die Wanderung werde mich verändern. „Aber nein”, blieb ich stur, wo ich doch auf diesem Ohr eh so derrisch bin. Aber das Karwendelgebirge hat mich hörend gemacht, vielleicht weil es dort so still ist, dass man seine innere Stimme wahrnimmt, wenn sie auch noch so leise flüstert. Und ich habe eine Erkenntnis gewonnen.
Nicht dass man jetzt glaubt! Die Erkenntnis ist mir nicht erschienen wie ein brennendes Lamm auf dem Jakobsweg. Sie ist langsam gereift, irgendwo auf der disneylandhaften Forststraße ins Karwendeltal hinein. Oder auf den sanften Höhen und unaufgeregten Tiefen des Kleinen oder Großen Ahornbodens. Oder als ich im Schatten der mächtigen Felswände der Karwendelkette stand. wanderung16_bayrischepaarSpätestens aber als ich mit dem furchtbar netten bayrischen Ehepaar auf dem Hochleger der Gramaialm ins Plaudern kam. Sie haben meinem unreifen Gedanken einen Namen gegeben, haben ihn „griabig” genannt, frei übersetzt „gemütlich”, und die Erkenntnis war da: Das wichtige am Gehen ist das Stehenbleiben, das Niedersetzen, das Umschauen.

In der Welt meiner Wanderung macht diese Erkenntnis das Kilometerfressen sinnlos, der ständige Blick auf die Karte, ob das Tagesziel erreichbar ist. Die Höhenmeter auf dem GPS und die absolvierten Stunden auf der Uhr sind nur Vehikel, Werkzeug. Für den Blick, für die Pausen, für den Weg. Der ja eben das Ziel ist.

wanderung16_gramaialm1Das wäre als Erkenntnis zu abgegriffen. Aber übersetzen wir das einmal gemeinsam in die Welt meiner Welt: Nicht Geld ist das Ziel, sondern die Arbeit, bei der man es verdient. Nicht der Studienabschluss, sondern die Inhalte, die man auf dem Weg lernt. Nicht die große Wohnung, sondern das Planen und Einrichten. Nicht der Verzehr des gemeinsamen Essens, sondern das gemeinsame Kochen.

Ja genau, das habe ich mir auch gedacht: Das könnte als Erkenntnis taugen. Und schwups waren plötzlich die Innehalter und Sichumschauer meine neuen Ikonen: Eine Stunde nach dem Gramaialm Hochleger kam ich zur Gramaialm im wanderung16_gramaialm2Tal. Die ist ein Ausflugsziel, da würde jeder Vergnügunspark vor Neid kollabieren. Und die Besucher, wie sie in ihren weißen Straßenschuhen und ihren buntbestickten Jeans aus ihren klimatisierten Komfortbussen steigen und nur wegen der Bewölkung ihre extragroßen Regenschirmen aufspannen, würde ich sonst belächeln, bedauern, verabscheuen. Aber jetzt nicht mehr: Sie kultivieren das Innehalten, sie pflegen den Ausblick, sie ersetzen den Weg gänzlich durch das Ziel. Wow, wow, wow!

wanderung16_gramaialm3Tag 16 (16.7.2009): Larchetalm – Karwendelhaus – Falken Hütte – Engalm. Viel Sonne, dann Bewölkung, der Regen kam erst eine Stunde nach der Ankunft, ätsch! Neuneinhalb Stunden unterwegs, davon knapp acht auf den Beinen. Tipp des Tages: Wer vom Karwendelhaus zur Falken Hütte geht, möge den kleinen Hang-Steig oberhalb des Kleinen Ahornbodens wählen. Das spart nicht nur Höhenmeter, sondern versetzt in eine andere Welt…
Drei böseböse Blasen (die große Zehe links hat sich zurückgemeldet: die alte Blase ist wieder gefüllt und eine neue führt mehr Wasser als die Ache nach der Schneeschmelze; beide sind schon aufgestochen. Und auf der Zeigezehe rechts hat sich auch eine gebildet, ist aber beim Abstieg heute schon geplatzt. Die habe ich mir nur eingefangen weil ich eine so furchtbar lange Zeigezehe habe, das deute angeblich auf sexuelle Fähigkeiten hin, hat man mir mal gesagt, was weiß ich) Fünf Zigaretten geraucht (ich habe vergessen, mir neue zu kaufen und Gott sei dank vier gegen Mitwanderin Claudia beim Schnapsen gewonnen.)

In eigener Sache: Wer fährt dieser Tage zufällig von Wien Richtung Tirol und kann den großartigen Hund Niko Poldi, den ich sehr vermisse, mitnehmen?

wanderung16_gramaialm4wanderung16_gramaialm5

 18.07.2009 | Tags: , , , , , | 7 Kommentare
 

Poldis Pause

wanderung4_nikodaNiko da.

Heute Früh sind meine drei Mitwanderer Katrin, Livi und Pauli planmäßig abgereist. Hund Niko Poldi ist auch abgereist, aber nicht planmäßig. Er ist überanstrengt. Er geht zwar, wälzt sich in der Wiese und spielt mit Kieselsteinen im Bach. Aber sobald der Untergrund sandig oder kantenreich ist, humpelt er. (Ein bisschen habe ich das Gefühl, er humpelt besonders stark, wenn  ich ihn an die Leine nehme und es nach Aufbruch riecht, aber das will ich ihm nicht unterstellen.)

wanderung4_nikowegNiko weg.

So kann er leider nicht mit auf die nächste Teilstrecke (Lech-Fernpass), die sieben Tage ausschließlich über hohe Berge führenwird. Er braucht eine Pause, also ist er mit den drei Freunden in den Bus gestiegen. Und wie soll ich sagen? Unglücklich war er darüber nicht.

 

 

 

Aber keine Sorge: Niko Poldi will be back. Wenn er erholt ist. Denken wir eine Minute lang gemeinsam an ihn und wünschen ihm fette Knochen, schnell heilende Gelenke und tiefe Träume von der schönen Lassie…

wanderung4_nikoschneefeld

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Noch 30 Sekunden…

 

wanderung4_nikobrunnen

 

 

Danke!

 04.07.2009 | Tags: , | Ein Kommentar
 

Das Wetter hat immer recht.

Wenn dir am Vorabend ein Unwetter auf den Kopf gefallen ist, bei dem Noah seine wanderung3_gulleAche verheizt hätte und dein Hund frühmorgens hinkt, als ob er dir etwas damit sagen möchte: Dann denkst du ganz automatisch nach, ob der heutige Etappenweg am hochgelegenen Hang einer ausgesetzten Bergkette passend ist. Der Weg heißt Hochschere und die Antwort: Natürlich nicht.

Wenn dann noch Mitwanderin Livi ihre zwei fetten Fersenblasen zum Frühstück mitbringt, bei dem die ortskundige Frühstücksgeberin das Wort „Gewitteranfälligkeit” mitserviert: Dann bist du mit deiner Antwort zufrieden. Da braucht der Himmel gar nicht mehr finster dreinzuschauen, du entscheidest, dass Ferse Livi und Freundin Katrin den Hund nehmen und mit ihm den Bus nach Schröcken. Und dass du selber mit den verbleibenden Männern Laszlo und Paul den Bus nach Buchboden nimmst, dann von dort den weniger hochgelegenen Weg auf die Biberacher Hütte und auch weiter nach Schröcken.

Wenn dann der Bus gar nicht bis Buchboden fährt, gehst du wanderung3_hochschere1halt selber. Kommst du dann in einen Regenguss, von dem auch die Unterhose noch was hat: Dann fragst du nicht nur nach einem heißen Tee, sondern auch nach einer Transportmöglichkeit in die richtige Richtung (nein, kein Mensch fragt hinter den hohen Bergen in den dunklen Wäldern nach einem Taxi). So sparst du zumindest eine Stunde Weg, zumal die eingeborenen Quaxis das für diesen wechselhaften Tag durchaus so empfehlen. Und auch, wenn die Luft mittlerweile wieder wasserfrei ist, denkst du: Scheiß Regen.

Dann gehst du Richtung Biberacher Hütte, natürlich nach dem Gewitter herrlicher Sonnenschein, dir dampft die Nässe aus den Knochen. Dann passiert etwas Lustiges: Des Bauers Traktor steht auf deinem Weg und schießt Gülle durch einer Spritzkanone auf die Almwiese. Du wartest geduldig, gehst erst weiter, als die Kacke in Ruhe auf der Weide dampft. Aber Gülle hält sich scheinbar so lange fein zerstäubt in der Luft, bis du vorbeikommst. Und da denkst du dir: Scheißregen.

Wenn du dann auf der Biberacher den prächtigen, wanderung3_almauftriebsonnendurchfluteten Hochschere -Weg siehst, denkst du dir: Das wäre gegangen, woher denn Regen, was haben die alle? Prompt serviert dir die Hüttenwirtin ein herzhaftes „Quellwolken” zur Erbsensuppe. Wenn dir dann beim Abstieg nach Schröcken Kühe begegnen (nennen wir es Almauftrieb) und du sie fotografierst (weil man das nicht oft sieht, eigentlich noch nie): Dann schauen dich beide mitleidig an: die Kühe und ihre Besitzer. Und du beziehst das Mitleid irgendwie darauf, dass du den coolen Weg ausgelassen hast. Und wenn du dann die Unterkunft in Schröcken erreichst und es ist noch immer trocken: Dann grummelst du. Und als ob der vorarlbergische Himmel seine Landsleute unterstützen will, grummelt er zurück. Und es beginnt. Wieder. Voll.

Und dann weißt du genau: Wetter wanderung3_regenund Eingeborene haben immer recht.

Tag 3 (3.7.2009): Damüls – Buchboden – Biberacher Hütte – Schröcken. Bewölkt, Gewitter, sonnig, spätes Gewitter. Gemütlich: Sieben Stunden unterwegs, davon fünf auf den Beinen. Tipp des Tages: Gib der Gülle ihre Zeit und gehe den Hochschere-Weg! Eine fast vollständig abgeklungene Blase (kleine Zehe links), vierzehn Zigaretten geraucht.
Hund Niko Poldi tat der Rasttag gut, aber er humpelt noch immer, ist definitiv überanstrengt.

 04.07.2009 | Tags: , , , , , | 2 Kommentare
 

Zweiter Tag: Gratwanderung.

wanderung2_freschen„Einen Gipfel zu bezwingen ist schöner als ein Orgasmus”, hat eine Freundin einmal gesagt. Und so verdutzt ihr Freund ¬ ihr damaliger ¬ da geschaut hat, so recht hatte sie. Sie widersprechen, werter Leser? Waren Sie gestern am Hohen Freschen dabei, als fünf Menschen aus dem Flachen den Binnelgrat bezwungen hatten oder ich? Adrenalin und Endorphin machen Liebe und das alles ganz langsam und zum Genießen. Bis man auf den Gipfel kommt.

Na eben.

wanderung2_freschen2Dass der Weg von Kehlegg zum Binnelgrat für durchschnittliche Zu-Fuß-Menschen der geschmeidigere ist als jener über Bödele – Dornbirner First – Mörtzelspitze – undundund, verschweigen die Vorarlberger. Verständlich, sie sehen im Binnelgrat auch nicht mehr als einen hohen Gehsteig. Dabei ist er uh ah, beiderseits geht es tief genug hinunter, dass unten die Hölle beginnen könnte. Ein Schritt nach dem anderen. Konzentration auf den Weg, keine Ablenkung. Jeder Fehltritt wäre der letzte. Genau das ist es: Der Binnel ist nicht nur ein Grat. Er ist eine Gratwanderung. Angst und Freude auf vierzig Zentimetern Wegbreite. Wann hat man beim Sex je soviel zu verlieren? Oben angekommen ist es ähnlich: Man sieht die Welt und hat das Gefühl, sie dreht sich nur um einen selbst. Und manche rauchen eine.

wanderung2_freschen31Wir haben uns trotzdem mit dem Wegkommen beeilt, das Wetter rollte mit lautem Donner von Westen heran. Da will man nicht kuscheln, sondern diese zwölf Stunden lange, 29 Kilometer weite und knappe 2500 Auf- und Ab-Höhenmeter anstrengende Tagesetappe beenden. Und was soll ich sagen: Nach kurzem Stopp am Freschenhaus waren die verbleibenden drei Stunden nach Damüls wie eine Wanderung am Grat. Und das Gefühl am Ziel war wie am Freschen. Nur ohne Gipfel.

Tag 2 (2.7.2009): Kehlegg (Gasthaus Firstblick) – Hoher Freschen – Damüls. Sonnig, schwül, spätes Gewitter. Monstertour: Zwölf Stunden unterwegs, davon neuneinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Früher Aufbruch (halbacht ist fast zu spät, vom Freschenhaus bis Damüls ist es schon noch weit! Eine abklingende Blase (kleine Zehe links), neun Zigaretten geraucht.

Traurig: Hund Niko Poldi humpelt, er scheint überanstrengt zu sein.

 04.07.2009 | Tags: , , , , , | 2 Kommentare