Es ist schwierig. Einerseits möchte jeder Ankommende, dass man ihn begrüßt. Man wünscht sich Menschen, die Spalier bilden, denen man in die Arme fallen kann, die einem auf die Schulter klopfen. Auch weil man dann sieht, dass andere interessiert, was man in den vergangenen zwei Monaten gemacht hat, wie man sich verändert hat und ob der Axel heute nun wirklich sein geliebtes Wien wiederbetritt.
Andererseits stehen die Willkommener dem Ichselbst im Weg. Dem Selbst, auf das ich mich nun zwei Monate konzentrieren konnte. Was heißt: Auf das ich mich konzentrieren musste. Denn du kannst alle schwierigen Wege meiden, den Himmel immer akribisch genau lesen, um dich vor dem Gewitter unterzustellen. Du kannst Pläne ändern und Unangenehmes umgehen. Aber dir selber entkommst auf so einer Wanderung nicht. Der Kopf denkt und du hörst es. Die Augen schauen und du siehst es. Der Charakter rebelliert und du reagierst.
Und mit eben diesem ganzen Ich, den geschundenen Gelenken, dem überfälligen Sentiment und einem hochaktiven Kopf, wärst du in dem Moment gerne allein. Wenn du auf Wien hinunterschaust. Wenn du die Metallstange in der Hand hältst, auf der das Wiener Ortsschild angeschraubt ist. Wenn du nach 1000 Kilometern den letzten halben Meter machst.
Ich war nicht alleine. Ob das jetzt besser oder schlechter war? Ich weiß es nicht. Das ist ja eben schwierig.
Aber wieder zu Hause zu sein, es tatsächlich zu Ende gebracht zu haben, durch Österreich von Bregenz nach Wien gegangen zu sein, das fühlt sich gut an.
Wahnsinnig gut.
P.S. In der kommenden Woche werde ich an dieser Stelle noch mein Danach-Denken dokumentieren. Quasi Epilog. Und außerdem habe ich da noch eine andere Idee… Nein, jetzt wird einmal angekommen. Was weiß ich, welche Teile von mir noch am Weg sind und Verspätung haben. Wir lesen uns!
Tag 59 (28.8.2009): Mayerling – Heiligenkreuz – Sittendorf – Kreuzsattel – Seewiese – Parapluieberg – Perchtoldsdorf – Rodaun (Wien). Sonne und auf den Waldstücken durchaus erträglich feine Hitze. Eine würdige, abwechslungsreiche und verdammt einfache Schlussetappe. Sechs Stunden unterwegs, davon vier auf den Beinen. Tipp des Tages: Zweimal ankommen. Einmal für dich und einmal für deine Freunde.
Keine Blase. Viele Zigaretten geraucht, einiges an Achterln. (Zuerst war offizieller Willkommens-Heurigen in Perchtsholdsdorf/Rodaun mit der Österreich Werbung. Dann war privater Willkommens-Heurigen mit meinen Freunden in Wien. Fragen Sei also lieber nicht…) Hund Niko Poldi hat gespürt, was Sache ist. Mir schien sogar, er hat sich geweigert, die Bergrettungs-Kenndecke abzulegen. Lieber Niko Poldi, in vollem Bewusstsein des von mir verworfenen Superlativs: Du bist der beste Hund der Berge. Du bist der beste Gefährte an meiner Seite. Du bist der bedeutendste Mitwanderer. Du bist einzigartig. Ich danke dir, ich liebe dich.




















„Man muss nicht nur Zeit zum Anschauen haben, sondern die Zeit, es überhaupt zu sehen.“ Mit diesem Satz beeindruckte mich eine der beiden älteren Damen am Hochklapfsattel. Wir waren gerade in einem dieser Kurzrast-Gespräche: Und Sie, aha, von Altaussee, nur so zum Wandern, aha, nein ich gehe länger, ja das ist weit, ja das ist schön, aber kommen wir wieder zu Ihnen. Anfangs plätscherte der Talk mit den beiden. Diejenige mit den viel zu schönen Zähnen verriet, dass sie auf dem Weg zu einer Geschichtenerzähler-Performance am Gipfel des Redenden Stein unterwegs sind. (Ja, toller Name für einen Gipfel, aber er hatte mir nichts zu sagen, als ich vorbei ging.) Und als ich so nachdachte, ob sich aus der Kombination Geschichtenerzähler und Redender Stein ein Wortwitz generieren lässt, kam die andere mit der „Rasten und sich Umschauen ist das wichtigste am Gehen“-Kiste und eben dem Einleitungssatz. Und da schoss sie mir wieder ein,
die Weisheit der Älteren: Sich die Zeit nehmen, eine schöne Blume anzuschauen, ist der Komperativ des Wanderns. Aber superlativisch wandert, wer nicht zufällig auf diese Blume aufmerksam wird, sondern vom ersten Schritt an so geht, dass er sie sieht. Sehen muss. Wow.
Das dritte Treffen des Tages waren Kühe. Verrückte, entsetzlich depperten Kühe. Eine von ihnen sprintete auf Hund Niko Poldi zu, der sich verhängnisvoller Weise auf Weiden gerne an mich kuschelt. Die Kuh sprintete also auf mich zu. Und wenn gefühlte achttausend Tonnen auf dich zusprinten, läuft ein Film in dir ab: Zuerst schießt dir ein, woher das Tote Gebrige seinen Namen haben könnte. Dann überlegst du, wie sich ein Torero mit Wanderstöcken anstellen würde. Und schlussendlich gibst du Hund Niko Poldi den Befehl zu laufen, quasi Ablenkungsmanöver, und der Kuh den Befehl: „Aus!“ Beide gehorchten. Gerade noch. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich niemandem traue, der einen größeren Kopf als ich hat?
hier nicht, der gefühlte Grenzübertritt folgt später. Sonnig mit schönen weißen Kuschelwolken. Zehn Stunden unterwegs, davon achteinbisserl auf den Beinen. Tipp des Tages: Legt die verrückten Kühe in Ketten!
Zur Klarstellung: Die Berge zwischen Lofer und Maria Alm haben in punkto Handyempfang bei den Lechtaler Alpen gelernt. Nur deswegen konnte ich die werte Leserinnen- und Leserschaft über die vergangenen drei Tage noch nicht informieren. Und genau deswegen häuften sich in den Kommentaren die Fragen. Und eben deswegen ist jetzt der richtige Zeitpunkt für Antworten.
beweist, dass Petrus auch nur mit Wasser kocht.
sympathische Weise vereinen, ist eine Bereicherung. Dachschaden ist zu hart? Der Mann hat mitten auf der Straße zehnmal einen Skispringer imitiert und dazu „Andi Goldberger“ geschrien. Dann hat er gejodelt.
Ort war, eilte ich in den Supermarkt. Der bot Hundefutter nur in Industriemengen, also kaufte ich für Niko Poldi Katzenfutter. Hund Niko Poldi hat gar nichts gegen Katzenfutter.
halt. Fazit: Sechs Stunden unterwegs, davon gut fünf auf den Beinen. Tipp des Tages: Fleißaufgaben und Weitwanderungen verhält sich wie Schokolade und Chili: anfänglich komisch, aber doch irgendwie mmmmh.
Alleine: Ich weiß, dass der Weihnachtsmann diesen Sommer in Scharnitz verbringt, wenn auch nur auf der Durchreise. Ich habe ihn dort getroffen und genau das fiel mir an meinen Kitzbüheler Rasttagen wieder ein. Er kam damals urplötzlich in das kleine Kaffeerestaurant im Herzen von Scharnitz herein, in dem ich das Ende eines Regens abwartete. Er sagte nicht Hoho, sondern Hello. Er trug ein batikbuntes T-Shirt am prallen Körper und ein zufriedenes Lächeln im Gesicht, das zu gut zwei Drittel vom weißen Bart verdeckt war. Er setzte sich hin und war von Anfang freundlich. Und offenherzig. Er sprach mit der mittelalterlichen Besitzerin, laut und herzlich. Bestellte sein alkoholfreies Bier und seine Gulaschsuppe, die er später über den Klee loben, aber auch in seinem Bart verteilen sollte. Er sprach die Menschen an. Sie sprachen nicht zurück, diese Offenheit war ihnen suspekt. Dann sprach er mich an.
Santa heiße er, dabei verzog er nicht einmal einen Mundwinkel zu einem Lächeln. Europa habe er bereist, immer schon, jetzt wieder, von Rom mit dem Mietwagen über die Schweiz und Deutschland und nun hier über Scharnitz zurück, das müsse er machen, weil er ja nicht wisse, wie lange er noch habe. Seine Mutter habe er früher, viel früher einmal in die Schweiz gebracht, aus medizinischen Gründen. So toll sei das alles hier, die Menschen so freundlich, dabei lächelte er die Besitzerin an, die suspektiert wegschaute.
Santa ist mehr als ein schräger Typ. Er ist Gammler und Geber, eben für alle da. Und für die Scharnitzer mindestens so sehr wie für die Kitzbüheler.
In den Bergen ist die Luft für Small Talk zu dünn. Das passt gut für mich, weil ich solches Sinnlosgerede auf Wiener Sinnlosveranstaltungen manchmal nach einer Minute mit den Worten „Das ist ein Scheiß-Gespräch, nicht wahr?” beende. Mein Gegenüber schaut dann meist böse, eigentlich immer. Ganz so, als ob es nicht der gleichen Meinung wäre. Lächerliche Situationen sind das.
Ich: „In die ASI-Lodge. Kommen wir da noch bei einem Supermarkt vorbei?”
Am Sonntag wanderte ich dann die bislang mühsamste Etappe, stundenlang nur Forststraße. Und was soll ich sagen: Erstmals zog sich der Weg und mir gewaltig den Nerv. Aber erstmals ging ich mich in eine Trance, jetzt verstehe ich, warum die Menschen am Jakobsweg alle irgendwann einen brennenden Dornbusch oder Erscheinungsäquivalent sehen: Die Ödheit macht dich einfach wukiwuki. Ich beschloss, nie den Jakobsweg zu gehen. Eine Erscheinung hatte ich trotzdem, eine handfeste:
Er: „Da ist mein Sohn gestorben. Da war er 34 Jahre. Herzinfarkt.”
Tag 18 (18.7.2009): Maurach – Steinberg am Rofan mit dem Bus. Als ich in der Früh aus dem Fenster sah, hat es geschüttet, als ob Wasser nix wert wäre. Ab 1400 Meter aufwärts dominierte Nebel, aus dem nur wenige Bergspitzen hervorblitzten. Sie waren schneebedeckt. Folglich wurde aus meiner geplanten Überquerung des Rofan-Gebirges samt Abstieg über einen seilversicherten Steig eine 40minütige Busfahrt. Ach ja: Es regnete bis 23.48 Uhr in der Nacht durch. Gute Entscheidung also, wenn es mir auch um das Rofan leid tat. Tipp des Tages: Die Zimmer in der ASI-Lodge in Steinbgerg haben ein unglaublich gelungenes Innen- und Licht-Design. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, ein Lob dem Innenarchitekten.
Viele haben gesagt, die Wanderung werde mich verändern. „Aber nein”, blieb ich stur, wo ich doch auf diesem Ohr eh so derrisch bin. Aber das Karwendelgebirge hat mich hörend gemacht, vielleicht weil es dort so still ist, dass man seine innere Stimme wahrnimmt, wenn sie auch noch so leise flüstert. Und ich habe eine Erkenntnis gewonnen.
Spätestens aber als ich mit dem furchtbar netten bayrischen Ehepaar auf dem Hochleger der Gramaialm ins Plaudern kam. Sie haben meinem unreifen Gedanken einen Namen gegeben, haben ihn „griabig” genannt, frei übersetzt „gemütlich”, und die Erkenntnis war da: Das wichtige am Gehen ist das Stehenbleiben, das Niedersetzen, das Umschauen.
Das wäre als Erkenntnis zu abgegriffen. Aber übersetzen wir das einmal gemeinsam in die Welt meiner Welt: Nicht Geld ist das Ziel, sondern die Arbeit, bei der man es verdient. Nicht der Studienabschluss, sondern die Inhalte, die man auf dem Weg lernt. Nicht die große Wohnung, sondern das Planen und Einrichten. Nicht der Verzehr des gemeinsamen Essens, sondern das gemeinsame Kochen.
Tal. Die ist ein Ausflugsziel, da würde jeder Vergnügunspark vor Neid kollabieren. Und die Besucher, wie sie in ihren weißen Straßenschuhen und ihren buntbestickten Jeans aus ihren klimatisierten Komfortbussen steigen und nur wegen der Bewölkung ihre extragroßen Regenschirmen aufspannen, würde ich sonst belächeln, bedauern, verabscheuen. Aber jetzt nicht mehr: Sie kultivieren das Innehalten, sie pflegen den Ausblick, sie ersetzen den Weg gänzlich durch das Ziel. Wow, wow, wow!
Tag 16 (16.7.2009): Larchetalm – Karwendelhaus – Falken Hütte – Engalm. Viel Sonne, dann Bewölkung, der Regen kam erst eine Stunde nach der Ankunft, ätsch! Neuneinhalb Stunden unterwegs, davon knapp acht auf den Beinen. Tipp des Tages: Wer vom Karwendelhaus zur Falken Hütte geht, möge den kleinen Hang-Steig oberhalb des Kleinen Ahornbodens wählen. Das spart nicht nur Höhenmeter, sondern versetzt in eine andere Welt…

Niko da.
Niko weg.

Ache verheizt hätte und dein Hund frühmorgens hinkt, als ob er dir etwas damit sagen möchte: Dann denkst du ganz automatisch nach, ob der heutige Etappenweg am hochgelegenen Hang einer ausgesetzten Bergkette passend ist. Der Weg heißt Hochschere und die Antwort: Natürlich nicht.
halt selber. Kommst du dann in einen Regenguss, von dem auch die Unterhose noch was hat: Dann fragst du nicht nur nach einem heißen Tee, sondern auch nach einer Transportmöglichkeit in die richtige Richtung (nein, kein Mensch fragt hinter den hohen Bergen in den dunklen Wäldern nach einem Taxi). So sparst du zumindest eine Stunde Weg, zumal die eingeborenen Quaxis das für diesen wechselhaften Tag durchaus so empfehlen. Und auch, wenn die Luft mittlerweile wieder wasserfrei ist, denkst du: Scheiß Regen.
sonnendurchfluteten Hochschere -Weg siehst, denkst du dir: Das wäre gegangen, woher denn Regen, was haben die alle? Prompt serviert dir die Hüttenwirtin ein herzhaftes „Quellwolken” zur Erbsensuppe. Wenn dir dann beim Abstieg nach Schröcken Kühe begegnen (nennen wir es Almauftrieb) und du sie fotografierst (weil man das nicht oft sieht, eigentlich noch nie): Dann schauen dich beide mitleidig an: die Kühe und ihre Besitzer. Und du beziehst das Mitleid irgendwie darauf, dass du den coolen Weg ausgelassen hast. Und wenn du dann die Unterkunft in Schröcken erreichst und es ist noch immer trocken: Dann grummelst du. Und als ob der vorarlbergische Himmel seine Landsleute unterstützen will, grummelt er zurück. Und es beginnt. Wieder. Voll.
und Eingeborene haben immer recht.
„Einen Gipfel zu bezwingen ist schöner als ein Orgasmus”, hat eine Freundin einmal gesagt. Und so verdutzt ihr Freund ¬ ihr damaliger ¬ da geschaut hat, so recht hatte sie. Sie widersprechen, werter Leser? Waren Sie gestern am Hohen Freschen dabei, als fünf Menschen aus dem Flachen den Binnelgrat bezwungen hatten oder ich? Adrenalin und Endorphin machen Liebe und das alles ganz langsam und zum Genießen. Bis man auf den Gipfel kommt.
Dass der Weg von Kehlegg zum Binnelgrat für durchschnittliche Zu-Fuß-Menschen der geschmeidigere ist als jener über Bödele – Dornbirner First – Mörtzelspitze – undundund, verschweigen die Vorarlberger. Verständlich, sie sehen im Binnelgrat auch nicht mehr als einen hohen Gehsteig. Dabei ist er uh ah, beiderseits geht es tief genug hinunter, dass unten die Hölle beginnen könnte. Ein Schritt nach dem anderen. Konzentration auf den Weg, keine Ablenkung. Jeder Fehltritt wäre der letzte. Genau das ist es: Der Binnel ist nicht nur ein Grat. Er ist eine Gratwanderung. Angst und Freude auf vierzig Zentimetern Wegbreite. Wann hat man beim Sex je soviel zu verlieren? Oben angekommen ist es ähnlich: Man sieht die Welt und hat das Gefühl, sie dreht sich nur um einen selbst. Und manche rauchen eine.
Wir haben uns trotzdem mit dem Wegkommen beeilt, das Wetter rollte mit lautem Donner von Westen heran. Da will man nicht kuscheln, sondern diese zwölf Stunden lange, 29 Kilometer weite und knappe 2500 Auf- und Ab-Höhenmeter anstrengende Tagesetappe beenden. Und was soll ich sagen: Nach kurzem Stopp am Freschenhaus waren die verbleibenden drei Stunden nach Damüls wie eine Wanderung am Grat. Und das Gefühl am Ziel war wie am Freschen. Nur ohne Gipfel.


