Ich bin im Steinernen Meer ertrunken und dem Schicksal wirklich dankbar, dass ich dieses Bild anbringen kann. An sich wollte ich auf den Wellen dieses Gebirges surfen, in seine Kargheit eintauchen oder es leichtfüßig durchschwimmen. Aber eben, sehen Sie: Nichts ist so schön wie im Steinernen Meer zu ertrinken.
Dass mir die Steine bis zum Hals stehen, wurde mir bewusst, als eine liebe Freundin am Telefon zögerlich sagte: „Axel, du klingst grantig, das macht mir Sorgen.“ Das war der Ursprung einer Welle, die mich im Laufe des Tages überrollen sollte. Dazu mischte sich die Ruhe (umpf, ich muss es einfach sagen: vor dem Sturm) des Wanderns im Steinernen Meer. Die flache Steinwüste
schluckt an sich schon jeden Laut, kombiniert mit dem dämpfenden Hochnebel an diesem Tag, herrschte Stille. Selten hörst du einen Stein unter deinen Füßen wackeln. Noch seltener reißt dich der schrille Schrei eines Murmeltiers aus den Gedanken, den der Nebel aber sofort schluckt. Sonst Stille.
Meine Gedanken wurden also nicht extern gestört, sondern intern. Durch das regelmäßige, abschwellende und aufbrandende Schmerzen meines linken oberen Sechsers. Das beunruhigt einen 32jährigen auf Projektwanderung, der bislang gerade einmal zwei Plomben hat und den Zahnarzt auf dessen Anraten nur im Jahresrhythmus besucht. Am nächsten Morgen sollte mir dann der Maria Almer Dentist Schwaiger eröffnen, dass mein linker oberer Sechser den Nerv völlig weggeschmissen hat und seine Wurzel dringend Behandlung
braucht. Ganz genau: Das beunruhigt einen 32jährigen auf Projektwanderung, der bislang gerade einmal zwei Plomben hat und den Zahnarzt auf dessen Anraten nur im Jahresrhythmus besucht.
Zwischen den Zahnschmerzen (ich kann es nicht sagen: ja, sie waren ziehend, nein, nicht pochend, keine Warm-Kalt-Süß-Empfindlichkeit, kein Druckschmerz, wasweißich) holte mich mein Großhirn zum Rapport: „Junger Freund“, fing es freundlich an „wir haben da was zu besprechen. Ich halte seit einem Monat die ganze Meute zusammen, Knöchel und Knie ganz besonders, aber es zeichnet sich eine mächtige Revolte ab. Das Immunsystem bereitet einen nächtlichen Fieberschub vor, der Kreislauf will dich Schach Mattheit setzen, und der Zahn spielt auch nicht grundlos das Lied vom Tod. Und ganz ehrlich, mein Freund“, jetzt machte es auf verbündet „ich scheiß‘ langsam auch aufs tägliche kreative Mitdenken.“
Diese Worte hallten auf der nebelschwangeren Bühne des Steinernen Meers gewaltig lange nach. Und wie ein Horn dröhnte ein Satz in meinem Kopf: Ich
habe einen Einbruch der allerfeinsten Güte. Erste Hilfe: Abstieg ins zivilisierte Maria Alm, statt einer weiteren Hüttennächtigung in der Höhe, noch dazu im wenig einladenden und nebelumschwärmten Riemann-Haus.
In der Nacht spulte mein Körper das angekündigte Programm ab. Am Morgen ließ ich meine Mitwanderer alleine ziehen, ging zum Schwaiger-Doktor und ließ mich wurzelbehandlungstechnisch entjungfern. Er war sanft. Dann rastete ich. Ich nahm den Bus zu dem Punkt auf der Straße, der am nächsten zur Erich-Hütte liegt. Und wanderte, spazierte, nein: Ich schlenderte eine halbe Stunde zum Etappenziel. Jetzt sitze ich auf der Terrasse, Blick auf Großglockner, Dachstein und Hochkönig. Die Sonne streichelt mich gesund. Der Text schreibt sich wie von selbst. Der Zahn ist wieder Untertan. Die Mitwanderer sind noch am Weg. Erfolgreiche Gegenmaßnahmen.
Und ja: Ich bin mir bewusst, dass ich hiermit Schwäche zeige. Aber erstens wundert es mich seit einem Monat, wo die bleibt. Zweitens muss man ganz allgemein immer hinhören, wenn Freunde einen „grantig“ nennen. Und in der Ruhe des Steinernen Meers kommt man im Speziellen drittens gar nicht umhin.
Tag 28 (28.7.2009): Ingolstädter Haus – Riemann Haus – Maria Alm. Bewölkung, was im Steinernen Meer gut tut, bei vollem Sonnengleiß fühlt man sich zwischen den Felsen wie eine Backofenpizza. Leichte Nieseltropfen beim Abstieg nach Maria Alm, über den wir gesondert reden sollten. Acht Stunden
unterwegs, davon sechseinhalb gegangen. Tipp des Tages: Das Riemannhaus wirkt wenig einladend, daher Abstieg nach Maria Alm! Das ist ein unfassbar malerisches Örtchen. Keine Blasen, fünf Zigaretten, zwei Achterl Rot. Ach ja: Und zwei Parkemed 500, was nichts gebracht hat. Hund Niko Poldi liebt Schneefelder mehr als mich, mehr als uns alle, glaube ich.
Tag 29 (29.7.2009): Maria Alm Zentrum – Praxis Dr. Schwaiger – Maria Alm Zentrum – Bus nach Dienten – Bus nach Erich-Hütte Parkplatz – Erich Hütte. Leise treten und das nur eine halbe Stunde lang. Keine Wolke am blauen Himmel Скайп для мобильного. Tipp des Tages: Alles daran setzen, die Erich-Hütte zu kaufen, hier einziehen und jeden Tag nur schauen. Zwölf Zigaretten, drei Achterl Weißwein (meinen geliebten Grünen Veltliner). Hund Niko Poldi genoss den Quasi-Ruhetag und tat nicht einmal so, als ob er lieber am Berg wäre.
Aus der Sicht meiner Mitwanderer Michi H., Michi F. Laszlo war der Tag anders: Maria Alm – mit der Gondel zur Natrun Hütte – Hinterthal – Mußbachalm – Pichlalm – Erich Hütte. Sieben Stunden unterwegs, davon fünfeinhalb auf den Beinen. Besonderheiten: Heidelbeerwald und Walderlebnis-Parcours am Natrun. Schöner Weg mit tollem Blick auf die Silhouette des Steinernen Meers, den Sonnblick und den Großglockner.
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