Leben in der Pause. Ruhetag sechs.

Den ersten Rasttag seit Kufstein habe ich gebraucht. Auch im Kopf, daher Kurzform:

  • Wanderung35_WäschetrocknenSchuhe zum Service, da hingen allerlei Plastikstücke weg, außerdem ist auch das dichtende Goretex am Ende. Ach ja und neue Einlagen bitte.
  • Stöcke zum Service, der eine braucht eine neue Spitze, beide brauchen neue Teller. Natürlich wären neue günstiger, aber wegen der emotionalen Nähe bitte doch.
  • Grüß Gott, schönes Hotel, sagen Sie, könnten Sie, eine Waschmaschine, mehr nicht. Haben Sie sich eh gedacht, super. Danke sehr. Ach ja und Trockner? Weil ich habe nur die eine Hose. (alternativ: Oh je, nicht, schade. Also wieder Dings aus der Tube, Waschbecken, aufhängen Fön fixieren und per Hand).
  • Jawohl! Internet-Empfang. Also gemma: Die nächsten Quartiere, Emails, Kommentare und Fotos.
  • Kekse aus dem Supermarkt.
  • Erdbeersaft aus dem Supermarkt.
  • Ein Fernseher, juchauz! Bitte also Essen erst um acht, weil davor Scrubs und Onkel Charlie schauen. Ja, das ist verdammt wichtig. Huch: Fußball heute, schau an. Salzburg kann plötzlich kicken, wurde Zeit.
  • ZIB 24, schon nach zwölf? Na geh, Frühschlaf verpasst. Wurscht, bin eh schön.

Tag 35 (4.8.2009): Bad Goisern, im sehr authentischen und heimeligen Hotel Agathawirt. Es hat fast ganztags geregnet, wie es sich für meine Wanderpause gehört. Soll der Himmel loswerden, was er zu betrauern hat, denke ich mir da. Tipp des Tages: Ein Vollbad! Ich weiß, nicht jeder ist der Badetyp, aber es gibt am Ruhetag keine größere Wonne als Wanne .

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Blasenfrei. Elf Zigaretten geraucht, grüner Veltliner ungezählt. Hund Niko Poldi bekam neben Hundefutter aus dem Supermarkt auch Schweinsohren und Pansenstücke. Es gibt in der Tat kein größeres Glück für die schwarze Flohdackn. Und dass ich mir so die Liebe erkaufe, die es am Berg zur nötigen Folgsamkeit braucht, ist womöglich nur ein Gerücht.



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 Axel Halbhuber am 06.08.2009  |   2 Kommentare

Wie geht es Axel? Tage acht- und neunundzwanzig.

Wanderung28_AxelUndNikoIch bin im Steinernen Meer ertrunken und dem Schicksal wirklich dankbar, dass ich dieses Bild anbringen kann. An sich wollte ich auf den Wellen dieses Gebirges surfen, in seine Kargheit eintauchen oder es leichtfüßig durchschwimmen. Aber eben, sehen Sie: Nichts ist so schön wie im Steinernen Meer zu ertrinken.

Dass mir die Steine bis zum Hals stehen, wurde mir bewusst, als eine liebe Freundin am Telefon zögerlich sagte: „Axel, du klingst grantig, das macht mir Sorgen.“ Das war der Ursprung einer Welle, die mich im Laufe des Tages überrollen sollte. Dazu mischte sich die Ruhe (umpf, ich muss es einfach sagen: vor dem Sturm) des Wanderns im Steinernen Meer. Die flache Steinwüste Wanderung28_SteinernesMeerdüsterschluckt an sich schon jeden Laut, kombiniert mit dem dämpfenden Hochnebel an diesem Tag, herrschte Stille. Selten hörst du einen Stein unter deinen Füßen wackeln. Noch seltener reißt dich der schrille Schrei eines Murmeltiers aus den Gedanken, den der Nebel aber sofort schluckt. Sonst Stille.

Meine Gedanken wurden also nicht extern gestört, sondern intern. Durch das regelmäßige, abschwellende und aufbrandende Schmerzen meines linken oberen Sechsers. Das beunruhigt einen 32jährigen auf Projektwanderung, der bislang gerade einmal zwei Plomben hat und den Zahnarzt auf dessen Anraten nur im Jahresrhythmus besucht. Am nächsten Morgen sollte mir dann der Maria Almer Dentist Schwaiger eröffnen, dass mein linker oberer Sechser den Nerv völlig weggeschmissen hat und seine Wurzel dringend Behandlung Wanderung28_NikoBeimAbstiegbraucht. Ganz genau: Das beunruhigt einen 32jährigen auf Projektwanderung, der bislang gerade einmal zwei Plomben hat und den Zahnarzt auf dessen Anraten nur im Jahresrhythmus besucht.

Zwischen den Zahnschmerzen (ich kann es nicht sagen: ja, sie waren ziehend, nein, nicht pochend, keine Warm-Kalt-Süß-Empfindlichkeit, kein Druckschmerz, wasweißich) holte mich mein Großhirn zum Rapport: „Junger Freund“, fing es freundlich an „wir haben da was zu besprechen. Ich halte seit einem Monat die ganze Meute zusammen, Knöchel und Knie ganz besonders, aber es zeichnet sich eine mächtige Revolte ab. Das Immunsystem bereitet einen nächtlichen Fieberschub vor, der Kreislauf will dich Schach Mattheit setzen, und der Zahn spielt auch nicht grundlos das Lied vom Tod. Und ganz ehrlich, mein Freund“, jetzt machte es auf verbündet „ich scheiß‘ langsam auch aufs tägliche kreative Mitdenken.“

Diese Worte hallten auf der nebelschwangeren Bühne des Steinernen Meers gewaltig lange nach. Und wie ein Horn dröhnte ein Satz in meinem Kopf: Ich Wanderung28_Riemannhaushabe einen Einbruch der allerfeinsten Güte. Erste Hilfe: Abstieg ins zivilisierte Maria Alm, statt einer weiteren Hüttennächtigung in der Höhe, noch dazu im wenig einladenden und nebelumschwärmten Riemann-Haus.

In der Nacht spulte mein Körper das angekündigte Programm ab. Am Morgen ließ ich meine Mitwanderer alleine ziehen, ging zum Schwaiger-Doktor und ließ mich wurzelbehandlungstechnisch entjungfern. Er war sanft. Dann rastete ich. Ich nahm den Bus zu dem Punkt auf der Straße, der am nächsten zur Erich-Hütte liegt. Und wanderte, spazierte, nein: Ich schlenderte eine halbe Stunde zum Etappenziel. Jetzt sitze ich auf der Terrasse, Blick auf Großglockner, Dachstein und Hochkönig. Die Sonne streichelt mich gesund. Der Text schreibt sich wie von selbst. Der Zahn ist wieder Untertan. Die Mitwanderer sind noch am Weg. Erfolgreiche Gegenmaßnahmen.

Und ja: Ich bin mir bewusst, dass ich hiermit Schwäche zeige. Aber erstens wundert es mich seit einem Monat, wo die bleibt. Zweitens muss man ganz allgemein immer hinhören, wenn Freunde einen „grantig“ nennen. Und in der Ruhe des Steinernen Meers kommt man im Speziellen drittens gar nicht umhin.

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Tag 28 (28.7.2009): Ingolstädter Haus – Riemann Haus – Maria Alm. Bewölkung, was im Steinernen Meer gut tut, bei vollem Sonnengleiß fühlt man sich zwischen den Felsen wie eine Backofenpizza. Leichte Nieseltropfen beim Abstieg nach Maria Alm, über den wir gesondert reden sollten. Acht Stunden Wanderung28_AbendstimmungErichhütteunterwegs, davon sechseinhalb gegangen. Tipp des Tages: Das Riemannhaus wirkt wenig einladend, daher Abstieg nach Maria Alm! Das ist ein unfassbar malerisches Örtchen. Keine Blasen, fünf Zigaretten, zwei Achterl Rot. Ach ja: Und zwei Parkemed 500, was nichts gebracht hat. Hund Niko Poldi liebt Schneefelder mehr als mich, mehr als uns alle, glaube ich.

Tag 29 (29.7.2009): Maria Alm Zentrum – Praxis Dr. Schwaiger – Maria Alm Zentrum – Bus nach Dienten – Bus nach Erich-Hütte Parkplatz – Erich Hütte. Leise treten und das nur eine halbe Stunde lang. Keine Wolke am blauen Himmel Скайп для мобильного. Tipp des Tages: Alles daran setzen, die Erich-Hütte zu kaufen, hier einziehen und jeden Tag nur schauen. Zwölf Zigaretten, drei Achterl Weißwein (meinen geliebten Grünen Veltliner). Hund Niko Poldi genoss den Quasi-Ruhetag und tat nicht einmal so, als ob er lieber am Berg wäre.

Aus der Sicht meiner Mitwanderer Michi H., Michi F. Laszlo war der Tag anders: Maria Alm – mit der Gondel zur Natrun Hütte – Hinterthal – Mußbachalm – Pichlalm – Erich Hütte. Sieben Stunden unterwegs, davon fünfeinhalb auf den Beinen. Besonderheiten: Heidelbeerwald und Walderlebnis-Parcours am Natrun. Schöner Weg mit tollem Blick auf die Silhouette des Steinernen Meers, den Sonnblick und den Großglockner.



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 Axel Halbhuber am 30.07.2009  |   Ein Kommentar

Tag vierundzwanzig. Oder: Drei Blickwinkel.

wanderung24_stallenalmDer Wirt der schnieken Stallenalm grinste das Grinsen des Einheimischen. Er stand in seiner fleckenlosen Leserhose vor uns, das Flinserl blitzte am Ohrläppchen. Der Klemmerichsteig zur Loferer Alm, das sei kein Weg. Die Forststraße sei bekömmlicher. Wir mögen keine Forststraßen, also gingen wir den Klemmerichsteig. Und wie soll ich sagen: Der blanke Urwald, wunderschön. Genau das suchen Stadtmenschen auf dem Berg. Beschwerlich? Nicht, solange man den Blick hat, wo er hingehört. Zwischen regelmäßigen Schönheitsbekundungen dachte ich über den Wirt nach: Wieso sagen dir die Tiroler im Oberland beim seilversicherten Weg über Felsen, man könne ihn mit dem Rollstuhl rauffahren? Und im Gegenzug wird man hier unterländisch auf die Forststraße empfohlen, sobald der Weg nicht Turnschuh-tauglich ist? Hätte ich mir jüngst nicht den Superlativ an sich verboten, wäre der Klemmerichsteig nun der schönste Weg meiner Alpin-Historie. In meiner Welt gehörte er unter Natur- und Denkmalschutz gestellt und als wahres Naturerlebnis beworben, warum ist er dem Stallen-Chef ein Hindernis? Und dann fiel es mir ein: Wegen des Blickwinkels.

Wie das mit neuen Erkenntnissen so ist, wurde diese Antwort alsbald bestätigt. Im großartigen Haus Gertraud auf der großartig gelegenen Loferer Alm. Da saßen wir – meine Mitwanderer Manuela, Michi und ich – nach dem Essen bei der zweiten Flasche St. wanderung24_hausgetraudcheffreundLaurent. Jaja, das musste einfach mal sein. Aber darum geht es jetzt nicht.

Denn am Nebentisch saß Gertraud-Chef Peter, vertieft in der dritten Falsche Weißwein und einem Gespräch mit seinem Freund. Beide Bayern, beide pfundig. Ich weiß nicht, worüber die beiden davor sprachen, aber dann kamen wir ins Plaudern. Und nach fünf Minuten wusste ich über diese beiden Männer in den bestenserhaltenen 60ern, dass sie 46 beziehungsweise 47 Jahre verheiratet sind, vier beziehungsweise fünf Kinder haben und sieben beziehungsweise zwölf Enkel. Die genauen Anzahlen habe ich mir so gut gemerkt, wie zwei Flaschen schweren Rotweins es eben erlauben. Aber das weiß ich noch ganz genau: Ich habe die beiden gefragt, was sie zu meiner Generation sagen, wenn sie keine Kinder will, weil dann das eigene Leben vorbei sei. Oder nur eines und das möglichst spät. Noch genauer weiß ich, was sie geantwortet haben: Das kann man niemandem erklären, der sein eigenes Kind noch nicht im Arm hält. Dass man nie möchte, dass die Kinder groß werden. Dass sie traurig sind, weil ihre jüngsten Enkel jetzt auch schon sieben sind und jetzt etwas fehlen würde. Dann haben sie die vierte Flasche aufgemacht und ein bisschen verklärt geschaut. Beide randvoll mit groß- und väterlichem Stolz. Und mit Leben, dass die schummrige Stube gestrahlt hat. Blickwinkel.

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Eine liebe Freundin hat an dem Tag noch zu mir gesagt, wie sehr sie sich darüber freue, dass ich die Wanderung wirklich schaffe. Und dass sie schon skeptisch gewesen wäre, körperliche Verfassung und so. Aber sie wisse, warum ich das so durchziehe: Wegen meines Zugangs, mental. Wegen des Blickwinkels.

Wie soll ich sagen: Was soll ich da noch sagen?

 

Tag 24 (24.7.2009): Straubinger Haus – Steinplatte – Klemmerichsteig – Loferer Alm. Sonnig-wolkig, abends Dauerregen. Und noch immer kein gänzlich trockener Wandertag seit 1. Juli. Sieben Stunden unterwegs, davon sechs auf den Beinen. Tipp des Tages: Glaube nie einem Hüttenwirt in fleckenloser Lederhose, dass die Forststraße schöner ist. Er meint schlicht „unspektakulärer”. Und: Auf der Loferer Alm sollte man im Haus Gertraud schlafen, des Essens, des Ambientes oder schlicht der Gastfreundlichkeit wegen скачать фото цветы.
Eine Blase an der rechten Ferse, unproblematisch. Zehn Zigaretten geraucht, mit den Mitwanderern zwei Flaschen (pssst!) St. Laurent gezwitschert. Bundesland-Begrüßung sozusagen.
Hund Niko Poldi hat seit zwei Tagen nur Frischgekochtes wie Nudeln mit Würstel bekommen. Fazit: Ich wäre gerne mein Hund.



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 Axel Halbhuber am 26.07.2009  |   4 Kommentare

Big Berge, Big Talks. Tage achtzehn und neunzehn.

wanderung18_busfahrt-regenIn den Bergen ist die Luft für Small Talk zu dünn. Das passt gut für mich, weil ich solches Sinnlosgerede auf Wiener Sinnlosveranstaltungen manchmal nach einer Minute mit den Worten „Das ist ein Scheiß-Gespräch, nicht wahr?” beende. Mein Gegenüber schaut dann meist böse, eigentlich immer. Ganz so, als ob es nicht der gleichen Meinung wäre. Lächerliche Situationen sind das.

In den Bergen braucht es kein verbales Warmwerden. Nach „Griaß di”, „Servus” oder „Hallo” geht es immer gleich zur Sache. Am äußerst verregneten Samstag nämlich so:
Ich (steige in den Bus, der mich von Achenkirch nach Steinberg führt, ein Minibus mit neun Sitzen, ich der einzige Fahrgast): „Servus!”
Er (der Busfahrer, legt die Zeitung weg): „Hallo!”
Ich: „Wann fahren Sie denn?”
Er: „Ich bin Anton, wohin musst du?”
Ich: „Nach Steinberg.”
Anton (fährt los): „Wohin genau?”
wanderung18_fuse-regenIch: „In die ASI-Lodge. Kommen wir da noch bei einem Supermarkt vorbei?”
Anton: „Nein. Aber was brauchst du?”
Ich: „Batterien.”
Anton: „Musst du mir genau sagen, welche. Ich kann sie dir besorgen und dann um fünf Uhr ins Hotel bringen.”
Ich: „Äh, wirklich?”
Anton: „Ist kein Problem. (reicht mir einen Apfel) Gerade ist nicht viel los, da habe ich Zeit. Wohin gehst du?”
Ich: „Von Bregenz bis Wien, morgen bis Kufstein. Du bist nicht von hier, oder?”
Anton: „Nein, Kroatien.”
Ich: „Aber schon lange hier? Du sprichst gut deutsch.”
Anton: „Ja, seit zwölf Jahren. In Kroatien bin ich nur ein Monat im Jahr.”
Ich: „Und deine Familie ist auch hier?”
Anton: „Ich habe nur Mutter und Bruder und so. Aber keine Frau.”
Ich: „Wieso nicht?”
Anton (atmet langsam und tief aus): „Ach, weißt du: Ist nicht leicht. Verdiene nicht viel, ist schwierig. (hebt die Hand und zeigt geradeaus) Da schau, das ist ASI-Lodge. Und hier in Steinberg leben ungefähr 295 Menschen. Und das ist das Dorfwirtshaus, Waldhäusl. Und hier ist die Feuerwehr.”
Ich: „Du kennst dich gut aus.”
Anton (lächelt): Ja, habe ich einmal Bürgermeister hergeführt. Der ist ein netter Mensch, war der jüngste Bürgermeister Österreichs, als er begonnen hat. Und der hat gesagt, wenn mich jemand über Steinberg fragt, soll ich das erzählen.”
Ich (schon beim Aussteigen, bedeutsam): „Danke, Anton. Und danke, dass du mir die Batterien besorgst.”
Anton (gibt mir noch einen Apfel): „Ah, gerne. Und pass auf dich auf. Wenn Gewitter ist, schalte Gerät aus. Wegen Magnetfeld.” (lächelt offen, fast bedeutsam)

wanderung19_sanfte-hugelAm Sonntag wanderte ich dann die bislang mühsamste Etappe, stundenlang nur Forststraße. Und was soll ich sagen: Erstmals zog sich der Weg und mir gewaltig den Nerv. Aber erstmals ging ich mich in eine Trance, jetzt verstehe ich, warum die Menschen am Jakobsweg alle irgendwann einen brennenden Dornbusch oder Erscheinungsäquivalent sehen: Die Ödheit macht dich einfach wukiwuki. Ich beschloss, nie den Jakobsweg zu gehen. Eine Erscheinung hatte ich trotzdem, eine handfeste:

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(Szene: altes Wochenendhaus mitten im Wald, davor Auto mit Münchner Kennzeichen. Eine junge Schäferhündin läuft mir entgegen, wild bellend)
Ich (unsicher): „Ja hallo, bist du eine liebe?”
Hündin (bellt unbeirrt)
Ich (motivierend): „Sicher bist du eine liebe!”
Er (bayrischer Akzent, aus dem Off): „Flora, gib a Ruh!” (kommt um die Ecke) Die tut nix, will nur g’streichelt werden.”
Ich: „Ah so. (streichle Flora) Schön haben Sie es hier.”
Er: „Ja, ich bin ja schon seit zwanzig Jahren da. Wo sind Sie her?”
Ich: „Aus Wien.”
wanderung19_forststraseEr: „Da ist mein Sohn gestorben. Da war er 34 Jahre. Herzinfarkt.”
Ich (sprachlos): „…”
Er: „Vor fünfzehn Jahren. Heuer wäre er 50 geworden.”
Ich (unbeholfen): „Au weh. Ihr einziges Kind?”
Er (auch unbeholfen, blickt in die Luft): „Die Tochter hat sich von uns abgewendet. Weil meine Frau liegt im Heim, sie hat Altzheimer, kennt mich gar nicht mehr richtig. Und seit es ihr so schlecht geht, hat die Tochter den Kontakt eingestellt.”
Ich (völlig sprachlos)
Er: „Naja. Aber ich bin im Sommer halt viel da.”
Ich: „Ist schön da.”

wanderung19_forststrase2Tag 18 (18.7.2009): Maurach – Steinberg am Rofan mit dem Bus. Als ich in der Früh aus dem Fenster sah, hat es geschüttet, als ob Wasser nix wert wäre. Ab 1400 Meter aufwärts dominierte Nebel, aus dem nur wenige Bergspitzen hervorblitzten. Sie waren schneebedeckt. Folglich wurde aus meiner geplanten Überquerung des Rofan-Gebirges samt Abstieg über einen seilversicherten Steig eine 40minütige Busfahrt. Ach ja: Es regnete bis 23.48 Uhr in der Nacht durch. Gute Entscheidung also, wenn es mir auch um das Rofan leid tat. Tipp des Tages: Die Zimmer in der ASI-Lodge in Steinbgerg haben ein unglaublich gelungenes Innen- und Licht-Design. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, ein Lob dem Innenarchitekten.
Aus drei bösebösen Blasen (zwei große Zehe links, eine Zeigezehe rechts) wurden zwei urmegabösebösen (die auf der linken Zehe fusionierten). Neun Zigaretten geraucht (nicht viel für einen Tag im Tal), zum Abendessen einen halben Liter Rotwein genossen.

Tag 19 (19.7.2009): Steinberg am Rofan – Thiersee – per Anhalter nach Kufstein. Sonne mit sanfter Bewölkung. Der Dauerregen des Vortages hatte die Wiesen getränkt, weshalb meine Hose nach einer Stunde patschnass war, und die Bäche anschwellen lassen, weshalb ich bei einer Überquerung in einen solchen hineinstieg. Ich war also nass, keine gute Voraussetzung für zehn Stunden Gehzeit und über 40 Kilometer Weg. Nach 36 war ich in Thiersee und konnte dem Ruf der überaus freundlichen Tirolerin nicht widerstehen: „Ein Saft?” lockte sie zuerst und dann: „Wir fahren dann Richtung Kustein, sollen wir dich mitnehmen?” Tipp des Tages: Unterschätze nie die Macht der monotonen, erschlagenden, demotivierenden und die Füße stets an denselben Druckstellen belastenden Forststraße. Weite ohne Ausblick ist des Wanderers jüngstes Gericht.
Die zwei Blasen entwickeln sich zu Massengräbern (eine große Zehe links, eine Zeigezehe rechts) und schmerzen. Elf Zigaretten geraucht, um gegen die Fadesse der Forststraße anzukämpfen.

In eigener Sache: Danke für alle, die sich anboten, Hund Niko Poldi zu chauffieren! Er wird ab morgen wieder dabei sein. Yipieh!



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 Axel Halbhuber am 21.07.2009  |   4 Kommentare

Heldentypus Halbschuhtourist. Tag sechzehn.

wanderung16_wieesaxelgeht1Viele haben gesagt, die Wanderung werde mich verändern. „Aber nein”, blieb ich stur, wo ich doch auf diesem Ohr eh so derrisch bin. Aber das Karwendelgebirge hat mich hörend gemacht, vielleicht weil es dort so still ist, dass man seine innere Stimme wahrnimmt, wenn sie auch noch so leise flüstert. Und ich habe eine Erkenntnis gewonnen.
Nicht dass man jetzt glaubt! Die Erkenntnis ist mir nicht erschienen wie ein brennendes Lamm auf dem Jakobsweg. Sie ist langsam gereift, irgendwo auf der disneylandhaften Forststraße ins Karwendeltal hinein. Oder auf den sanften Höhen und unaufgeregten Tiefen des Kleinen oder Großen Ahornbodens. Oder als ich im Schatten der mächtigen Felswände der Karwendelkette stand. wanderung16_bayrischepaarSpätestens aber als ich mit dem furchtbar netten bayrischen Ehepaar auf dem Hochleger der Gramaialm ins Plaudern kam. Sie haben meinem unreifen Gedanken einen Namen gegeben, haben ihn „griabig” genannt, frei übersetzt „gemütlich”, und die Erkenntnis war da: Das wichtige am Gehen ist das Stehenbleiben, das Niedersetzen, das Umschauen.

In der Welt meiner Wanderung macht diese Erkenntnis das Kilometerfressen sinnlos, der ständige Blick auf die Karte, ob das Tagesziel erreichbar ist. Die Höhenmeter auf dem GPS und die absolvierten Stunden auf der Uhr sind nur Vehikel, Werkzeug. Für den Blick, für die Pausen, für den Weg. Der ja eben das Ziel ist.

wanderung16_gramaialm1Das wäre als Erkenntnis zu abgegriffen. Aber übersetzen wir das einmal gemeinsam in die Welt meiner Welt: Nicht Geld ist das Ziel, sondern die Arbeit, bei der man es verdient. Nicht der Studienabschluss, sondern die Inhalte, die man auf dem Weg lernt. Nicht die große Wohnung, sondern das Planen und Einrichten. Nicht der Verzehr des gemeinsamen Essens, sondern das gemeinsame Kochen.

Ja genau, das habe ich mir auch gedacht: Das könnte als Erkenntnis taugen. Und schwups waren plötzlich die Innehalter und Sichumschauer meine neuen Ikonen: Eine Stunde nach dem Gramaialm Hochleger kam ich zur Gramaialm im wanderung16_gramaialm2Tal. Die ist ein Ausflugsziel, da würde jeder Vergnügunspark vor Neid kollabieren. Und die Besucher, wie sie in ihren weißen Straßenschuhen und ihren buntbestickten Jeans aus ihren klimatisierten Komfortbussen steigen und nur wegen der Bewölkung ihre extragroßen Regenschirmen aufspannen, würde ich sonst belächeln, bedauern, verabscheuen. Aber jetzt nicht mehr: Sie kultivieren das Innehalten, sie pflegen den Ausblick, sie ersetzen den Weg gänzlich durch das Ziel. Wow, wow, wow!

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wanderung16_gramaialm3Tag 16 (16.7.2009): Larchetalm – Karwendelhaus – Falken Hütte – Engalm. Viel Sonne, dann Bewölkung, der Regen kam erst eine Stunde nach der Ankunft, ätsch! Neuneinhalb Stunden unterwegs, davon knapp acht auf den Beinen. Tipp des Tages: Wer vom Karwendelhaus zur Falken Hütte geht, möge den kleinen Hang-Steig oberhalb des Kleinen Ahornbodens wählen. Das spart nicht nur Höhenmeter, sondern versetzt in eine andere Welt…
Drei böseböse Blasen (die große Zehe links hat sich zurückgemeldet: die alte Blase ist wieder gefüllt und eine neue führt mehr Wasser als die Ache nach der Schneeschmelze; beide sind schon aufgestochen. Und auf der Zeigezehe rechts hat sich auch eine gebildet, ist aber beim Abstieg heute schon geplatzt. Die habe ich mir nur eingefangen weil ich eine so furchtbar lange Zeigezehe habe, das deute angeblich auf sexuelle Fähigkeiten hin, hat man mir mal gesagt, was weiß ich) Fünf Zigaretten geraucht (ich habe vergessen, mir neue zu kaufen und Gott sei dank vier gegen Mitwanderin Claudia beim Schnapsen gewonnen.)

In eigener Sache: Wer fährt dieser Tage zufällig von Wien Richtung Tirol und kann den großartigen Hund Niko Poldi, den ich sehr vermisse, mitnehmen?

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 Axel Halbhuber am 18.07.2009  |   7 Kommentare

Funklecher. Tage 9-11.

Die Funklöcher der Lechtaler Alpen haben mich endlich ausgespuckt. Kurz bevor ich heil am Fernpass angekommen bin, meldete mein Handy rund achttausendzweihundertvierundzwölfzig Millionen Nachrichten. Ein deutliches Signal, dass ich wieder zurück in gemäßigterer Lage bin, nachdem die vergangenen drei Tage seilversicherte Scharten und haltlose Erd-Unwege mit sich brachten. Jetzt bin ich da. Die Erlebnisse dieser Bergwandertage forme ich jetzt zu einem Rückblick, der der Lechtaler Alpen würdig ist: so durchtrieben wie der Wettergott, so unumgänglich wie das Leben und immer nur so dramatisch, wie das Auge des Betrachters es sieht. Vor diesen Geschichten aber hier der schnöde Prolog: Die Kurzbeschreibungen der Tage 9 bis 11. Mit Fotos.

Tag 9 (9.7.2009): Memminger Hütte – Oberlahms Joch – Alblit Joch – Gufelgras Joch – Steinsee Hütte. Fast nur Sonne, einige Wolken, zählbare Tropfen: Perfektes Wanderwetter, Regen erst nach der Ankunft. Langer und wunderschöner, unfrequentierter Wanderweg: Neun Stunden unterwegs, davon gut sieben auf den Beinen. Tipp des Tages: Alte Wege neu entdecken statt dem Mainstream zu folgen. Fast keine Blase mehr (große Zehe Unterseite links), sechs Zigaretten geraucht. Hund Niko Poldi, ich vermisse dich. Aber du hättest dich mit der Steinbock-Herde, der ich heute berührend nahe kam, nicht verstanden!

Tag 10 (10.7.2009): Steinsee Hütte – Vordere Dremelscharte – Hanauer Hütte – Boden – Hanntennjoch – Anhalter Hütte. Leichter Regen am Morgen, Schnee auf der Scharte, mehr Regen, wenig Sonne, viel Sonne, viel Regen. Abenteuer Scharte, Gaudium Schneefeld-Abstieg, Spazierweg: Acht Stunden unterwegs, davon sechs auf den Beinen, eineindreiviertel bei Rast, Essen und Kaffee und 15 Minuten im Auto (Boden – Hanntennjoch). Tipp des Tages: In der Steinsee Hütte übernachten, an der Hanauer vorbeigehen, sich dazwischen auch als Wanderer durchaus über die Dremelscharte trauen. Fast gar keine Blase mehr (große Zehe Unterseite links), acht Zigaretten geraucht. Hund Niko Poldi, ich vermisse dich. Aber so sehr dir der Schnee heute getaugt hätte, so übel hättest du mir das Geröll genommen.

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Tag 11 (11.7.2009): Anhalter Hütte – Hinterberg Joch – Tarrenton Alm – Tegestal – Fernstein – Biberwier. Viel Sonne, zwischendurch ein wenig Regen: Gutes Wanderwetter. Schöne Wanderung mit dem Hang zum gepflegten Irrweg: Sieben Stunden unterwegs, davon gut fünf auf den Beinen. Tipp des Tages: Manchmal kommt man mit jedem weiteren Schritt dem Verderben näher als dem Ziel. (Zur Erklärung: Der Weg war heute einfach aus. Dafür war ein grauslicher Erdhang ohne Halt da. Ich habe mir einen ordentlichen Adrenalinschub dabei abgeholt und schlussendlich einen urdreckigen Hosenboden, weil ich den Hang nach unten abrutschen musste. Quasi abrutschen statt ausrutschen. Die Einheimischen haben diese Stelle später als „berüchtigte schwarze Erd, da kugeln immer wieder ein paar runter” beschrieben. Ah ja.) Eine sich auflösende Blase (große Zehe Unterseite links), fünfzehn Zigaretten geraucht, vier Achtel Rotwein (erster Alkohol auf der Wanderung). Hund Niko Poldi, ich vermisse dich. Auch weil alle Almhunde dir so ähnlich sehen.



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 Axel Halbhuber am 13.07.2009  |   Ein Kommentar

Im Kopf geht sich das aus

yetiAlle stehen auf meinen Chirurgen. Nun ist der gute Mann ein wirklich feiner Arzt, wie schon beschrieben. Aber ein Manko hat er und da kommt er mir nicht aus: Unter allen Mitmenschen während meiner Vorbereitungen war er der einzige Phlegmatiker. Da war die Internistin, die bei meiner Gesundenuntersuchung (was übrigens ein schräger Begriff ist, weil es ist doch so: wird man als Gesunder untersucht, spürt man spätestens bei der Frage, ob das weh tut, abgrundtiefen Schmerz. Das ist das hypochondrische Selbst-Ich) gesagt hat, mein zu hoher böser Cholesterin ist angeboren. Nicht selbst verschuldend angefressen. Lieb von ihr, ganz egal, ob das stimmt.

Oder vorgestern: Sportmedizinische Untersuchung, der Arzt erwähnt den hohen Fettanteil meines Edelkörpers nur ganz nebenbei und spricht umso lauter von „echten Wandererwerten“. Soll heißen: flache Lactatkurve, gute Ausdauer. (Er hat dann geglaubt, jetzt muss er auch noch etwas Negatives sagen, wegen mir hätte er nicht müssen. Aber er hat: Aus mir würde kein Sprinter mehr werden. Ach so, na schade) Und auch gestern wieder: Eine gut befreundete Fitness- und Bewegungs- und Ernährungstrainerin schoss Strom durch meinen Körper, um dessen Zusammensetzung zu prüfen. Wieder viel das Wort Fettanteil fast unhörbar leise aus, aber, mein Lieber, deine Muskelmasse ist überraschend hoch, perfekt für deine Wanderung, „schlummerndes Potential“, da kann man drauf aufbauen.

Ehrlich: Das ist alles motivierender als mein Chirurg. Und ehrlicher: Nur weil er mein Knie, quasi meine Axilles-Ferse, schon persönlich kennen gelernt hat, könnte er trotzdem so tun als ob. „Ja, das ist gut, mach so eine Wanderung lieber heute als in zehn Jahren“, könnte er sagen. Hat er aber nicht.

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Mein Untersuchungsmarathon hört sich jetzt so an, als ob ich seit Monaten vorbereite. Und das hätte meine Umwelt wohl gerne. Man thematisiert in den vergangenen Wochen nämlich öfter mal meine Vorbereitung. Wie viel ich denn trainiere? Welche Bücher ich denn lese? Ob ich denn auch Steigeisen, Pickel, Höhenmesser, Notfallsbiwaksack und Yetiflinte einpacke? In aller Kürze: Kaum, weil keine Zeit. Gar keine zu dem Thema. Nein, nein, nein, ja. Jagdmessner.

Dochdoch, besorgter Leser, ich nehme diese Wanderung ur ernst. Urernst in Reinkultur. Respekt, Nervosität und Vorfreude halten in meinem Magen seit Tagen Klausur. Aber abgesehen davon, dass ich bei allen nichtsportlichen Vorbereitungen nicht zum Trainieren komme: Wie bereite ich mich denn auf zweimonatiges Wandern vor? Wie simuliere ich denn ungefähr Tag 17 oder Woche 8? Oder auch nur den dritten Tag im Dauerregen, die sechste Gehstunde in röstender Hitze?

Richtig: Alles nur mental. Ich kann das alles nur im Kopf durchspielen. Mir Tipps holen, gut zureden lassen oder einbremsen. Und daraus ein Gesamtbild entwerfen, das die Sache für mich möglich erscheinen lässt. Nach bestem Wissen und Gewissen alles einpacken, alles andere verstauen, die Möglichkeit des öffentlichsten Scheiterns meines bisherigen Lebens zu-, aber nicht zu groß werden lassen. Sich an die Fakten halten: Ich gehe von Bregenz nach Wien. Im Sommer. Ja, es liegt noch viel Schnee, und das Wetter ist derzeit eher Hollywood als Mitteleuropa. Aber ich bewege mich durch ein Land, in dem die giftigste Schlage nur einer Fliege etwas zuleide tun kann. In dem die Berge Höhenkrankheit nur vom Hörensagen kennen. In dem sich mehr Menschen beim Bügeln verletzen als am Berg. (gut, das ist übertrieben, aber auch nicht schlimmer als chirurgisches Phlegma).

Ich verlasse mich einfach auf den Geist. Und darauf, dass der ausnahmsweise mal zu einem gesünderen Körper führt. Und ich verlasse mich auf die Etappenbegleiter. Menschen, die mit mir gehen. Ganz überraschend dastehen und sagen: ich auch. Und zwischendurch entsinne ich mich meiner Lactatwerte. Das wird dann schon. Gehen.



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 Axel Halbhuber am 26.06.2009  |   5 Kommentare