Erinnern wir uns kurz an Andreas zurück: Sehr sympathischer Deutscher, den ich auf der Pühringer Hütte im Toten Gebirge getroffen hatte. Er wandert gerne weit, jedes Jahr. Und heuer dachte er: Warum nicht Österreich, warum nicht den o1-er? Wir tranken an jenem Abend darauf, gemeinsam schon mit dem Weg fertig zu sein, schließlich war er im Osten gestartet.
Und wissen Sie was: Menschen in den Bergen halten ihre Versprechen. Also hat mir Andreas wie erbeten ein paar tolle Zeilen Reflexion aus seiner Sicht geschickt. Danke sehr! Und bitte schön:
“Tja weißt Du, mit der Arbeit, da hilft nur Augen zu und durch. Auch wenn man Freude dran hat, ist es doch wieder eine Riesenumstellung. Das ist vielleicht auch, was mich am Weitwandern (wo hört eigentlich wandern auf und fängt weitwandern an?) so fasziniert, dieser vollkommen andere Blickwinkel, den man nach einigen Tagen erhält. Ich hab jetzt mit Absicht nicht gesagt worauf dieser “andere Blickwinkel” gerichtet ist, weil das bestimmt bei jedem andere Bereiche betrifft und speziell bei mir ganz, ganz viele. Da treten plötzlich andere Dinge in den Mittelpunkt, werden, halt das ist jetzt falsch: zeigen, wie wichtig sie sind. Man wird auf etwas Ursprüngliches reduziert, Durst, Hunger, Kälte, der Körper, melden sich und bestimmen die Handlungen. Das ist nicht schlimm, man muss es bloß begreifen und wieder lernen auf im normalen Leben verkümmerte, nein eher in den Hintergrund getretene Sinne zu lauschen (na hören ist wohl besser an der Stelle). Bei mir ist das, wie ich in den letzten Jahren merkte, ein Prozess der einige Tage dauert, bis man wieder angekommen ist in der Wanderung. Dann ist vieles ringsum viel weniger bedeutend, es kann mal regnen, man kann mal kein Essen oder kein Quartier bekommen, und trotzdem stimmt alles, es “passt” wie ich es bei Euch so oft gehört hab.
Jede von meinen “größeren” Wanderungen (für mich waren die schon ganz schön!), die ich in den letzten Jahren gemacht habe, hat mir ähnliche und vollkommen unterschiedliche Erlebnisse und Erfahrungen beschert. Um Dir das für die 01-Wanderung beschreiben zu können fang ich mal früher an: ich bin eigentlich immer gerne in den Bergen (auch wenn Ihr in Österreich da bestimmt oft was anderes da drunter versteht als ich Flachländer) unterwegs gewesen, doch das erste lange Stück waren vor zwei Jahren die Pyrenäen, der GR auf der französischen Seite vom Atlantik zum Mittelmeer. Bis ich in Banyuls die Füße ins Wasser stellen konnte, hab ich genau das durchgemacht was ich Dir vorher beschrieben hab. Darüber hinaus beeindruckte vor allem die relative Einsamkeit, die Ursprünglichkeit neben der stellenweise totalen Vermarktung der Bergwelt. Auch das Wandern hab ich dort, ganz kurz, als Massenbewegung erlebt, als ich den Jakobsweg in Saint-Jean-Pied-et-Port kreuzte. Das war im letzten Jahr auf Korsika anders. Da ging eine das Fassungsvermögen der Hütten weit übersteigende Zahl von Wanderern am selben Tag los und dies prägte dann natürlich auch meinen Tagesablauf (rechtzeitig auf der Hütte sein, sehr teure Verpflegung, Probleme an Engstellen auf dem Weg). Das drängt sich dann oftmals in den Vordergrund obwohl die Insel landschaftlich ein Traum ist.
Ja und dies Jahr war ich mal wieder in Österreich unterwegs, man kennt schon einiges vom Land, hat keine (fast keine) Verständigungsprobleme und kann auf ein Wegenetz zurückgreifen, dass meiner Ansicht nach einzigartig gut ausgebaut und markiert ist (da kann man nur mit dem Führer zum Weitwanderweg losgehn). Die Unterkünfte sind gut und die Verpflegung hervorragend – und dann geht man los von Rust und hat seine Probleme den Weg zu finden, die Markierung in der Ebene vorm Marzerkogel war meiner Ansicht nach miserabel. In Mattersburg gibt’s abends kein Quartier, so dass ich gleich zur Burg Forchtenstein weitergehn musste. Nach drei, vier Tagen ändert sich dann alles, ich hatte “meinen Trott” gefunden und die Wege wurden in den Bergen besser. Man merkt aber dass in den tieferen Lagen nicht so häufig gewandert wird, auch bei Euch nutzt man das Auto möglichst weit, die Frage warum ist mir nach wunderschönen Talwanderungen (z.B. von der Loferer Alm zur Kammerköhralm) immer noch nicht begreiflich. Auf meiner Tour hab ich die schwierigeren Abschnitte, wie am Dachstein, auf den Varianten umgangen, muss aber sagen, dass der Weg dort auch sehr schön war. Da ich in diesem Jahr in Erpfendorf geendet hab, werd ich dort im nächsten wieder einsteigen.
Es war schön, es war wunderschön, voll gepackt bis an den Rand mit Erlebnissen, Begegnungen, Erfahrungen.
Ich hoff, ich hab Dich nicht zu dolle mit den Erinnerungen eines nun doch schon älteren Herrn gelangweilt und wünsch Dir alles Gute.”
Nein, Andreas, das hast du nicht. Danke!
p.s. Übermorgen werde ich wieder schreiben. Dann zum letzten Mal.


Es ist schwierig. Einerseits möchte jeder Ankommende, dass man ihn begrüßt. Man wünscht sich Menschen, die Spalier bilden, denen man in die Arme fallen kann, die einem auf die Schulter klopfen. Auch weil man dann sieht, dass andere interessiert, was man in den vergangenen zwei Monaten gemacht hat, wie man sich verändert hat und ob der Axel heute nun wirklich sein geliebtes Wien wiederbetritt.







Natürlich hatte ich ein bisschen Angst vor dem Tag. Oder sagen wir: Respekt. Dem Tag, an dem Friedrich Fritz Peterka in mein Leben und mit mir auf den Weg treten würde. Ganz genau: Der Friedrich Fritz, der von einigen als Weitwanderpapst bezeichnet wird. Weit-Wander-Papst. Beim Frühstück schepperte mir das Händchen bis zum Zertrümmern des Frühstückseies. Die Füße schmierte ich mir mehrfach mit der Ringelblumensalbe ein (ich bin von Hirschtalg umgestiegen, nein ohne Grund, es gab lediglich keine Hirschtalgsalbe mehr. Naja, Ringelblumen zieht schneller ein, riecht aber besser) und zurrte das Schuhwerk besonders fest. Ich startete zu meinem Tag mit dem Mann, der im Guinness Buch der Rekorde steht: alle zehn österreichischen Weitwanderwege in 143 Tagen. Der Mann, der mir seit Beginn der Wanderung genau auf die Füße geschaut hat und durchaus kritisch kommentierte. Dieser vorvorletzte Tag würde meine Reife besiegeln, oder mein Scheitern.
meinem äußerlichen Zustand. Natürlich machte mir Friedrich Fritz Angst. Wir marschierten los, er hinter mir. „Ich gehe mein Tempo, kümmere dich nicht.“
dass Du als Junger das Weitwandern wieder einmal bekannter machst.“ Spricht so ein Verbissener?
Hitze. Man merkt nun deutlich, das Hochgebirge ist zu Ende: Waldwege, Wiesen und viele Föhren. Sehr idyllisch. Knapp sieben Stunden unterwegs, davon fünfeinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Leben und leben lassen.
Über 2000 Höhenmeter ist man per Du. Vor allem mit dem Leben. Hier oben begegnet man sich aufrecht, aber nicht untertänig. Auch dem Leben gegenüber nicht. Und deswegen kannst du hier schon mit 25 eine breite Brust haben. So wie Fischerhütten-Wirt Michi. Der steht sowas von im Leben und gestern Abend am Otto Haus stand er vor mir: „Bist du jetzt der Axel? Ich hole dich ab und geh morgen mit dir auf meine Hütte rüber.“
Bergretter schon einiges im Kopf aus. Noch am Otto Haus haben wir darüber geredet und kamen über die Sätze „jaja, ich bin schon schwindelfrei“ über „solche Wege sind halt auf der Karte schwierig zu bewerten“ recht bald zu der alten Diskussion um die Einschätzung von versicherten Steigen im Besondern und die Frage, wer soll Bergsteigen, wer soll wandern und wer lieber gar nichts im Allgemeinen. Aber das gehe ich hier nun nicht nochmal durch. Viel wichtiger: Es hat mich zweitens gefreut, weil Michi ein ganz Netter ist. Was ich aber zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wusste.
Vertrauens, liebe Leserinnen und Leser, war kein Vaserl. „Aber heute kommen meine alten Lehrer mich auf der Hütte besuchen. Ich sage immer: Du musst im Leben einen Schmäh haben und rechnen können.“ Michi hat einen Schmäh. Wenn er über den Schneeberg redet. Seinen Schneeberg, den er in guten Jahren bis zu 70 Mal bestiegen hatte. Wenn er über Bergrettungseinsätze und Selbstüberschätzung der Menschen spricht. Und am meisten, wenn er über seine Kathi erzählt, seine 22jährige Freundin, die mit ihm die Hütte betreibt. Die immer wieder angerufen hat, während wir am Weg waren. Weil sich eine Aushilfe vorstellen gekommen ist. Oder eine Frage betreffend der Baustelle aufgetaucht ist, die Fischerhütte bekommt gerade Wasser und Kanal. „Sie vermisst mich auch und macht sich halt auch Sorgen“, sagte Michi.
da oben alles unterkommt. „Einmal hat eine Frau angerufen und gefragt, ob eh Wind ist. Sie möchte gerne die Asche ihres verstorbenen Vaters am Schneeberg verstreuen.“ Oder ein Anrufer, der sagte, er möchte nun einmal eine Skitour auf dem Schneeberg machen. Und also wissen, wo man sich da die Ski an- und wo wieder abschnallt? „Na wir schnallen sie an, wenn der Schnee anfängt und ab, wo er aufhört. An manchen Tagen rufen hundert solche Leute an, da wirst deppert.“ Aber das hat Michi im Griff. Solche Anrufer im Besondern und das Leben im Allgemeinen.
Neuseeland-Urlaub mit Kathi zeigen will: „Länger als einen Tag am Strand halte mich nicht aus. Wo wir hinfliegen, muss es auch Berge geben. Und mehr als drei Wochen brauche ich keinen Urlaub.“ Kathi seufzt leise, aber mit dem Blick eines verliebten Mädchens und Michi direkt ins Gesicht.
Tag 55 (24.8.2009): Otto Haus – Wachthüttelkamm – Weichtal Haus/Höllental – Weichtalklamm – Kienthaler Hütte –Hochschneeberg/Klosterwappen – Fischerhütte. Sonnenschein. Achteinhalb Stunden unterwegs: fünfeinhalb auf den Beinen, eineinhalb beim gemeinsamen Rasten und ich alleine eineinhalb am Klosterwappen. Tipp des Tages: Die Fischerhütte im Allgemeinen. Die Gipfelpalatschinken, die Gespräche mit Kathi und Michi, die Atmosphäre da oben und der Blick auf das ganze Land und mein Wien im Speziellen.
Was ich am meisten vermissen werde? Immer neue Menschen zu treffen, mit immer neuen Geschichten. Sie auf dem Berg zu erleben, in dieser Einheitssituation, wo du nichts verstecken kannst. Nicht vor dir und nicht vor den Anderen. Mit jedem Meter, den ich Wien näher komme, wächst meine Erkenntnis, dass es die erlebten Menschen sind, die meine Wanderung so einzigartig und daher schön machen. Mir ist das wahrscheinlich auch heute umso bewusster, weil mich zu Mittag Mitwanderer Helga und Ferdl verlassen haben. Und wenn man wieder einmal alleine geht, sieht man die Umwelt durch eine andere Brille. (beachte: Text-Bild-Einklang, grins)
Auf der Pfaffingalm, am Weg zum Hochschwab, haben wir zum Beispiel niemanden getroffen, die Menschen waren zum Einkaufen ins Tal abgestiegen. Aber einen Zettel haben sie hinterlassen: Durstige Wanderer mögen sich selbst bedienen. Soviel Mensch begegnet mir daheim oft nicht einmal in der knallvollen U-Bahn.
West zu gehen. Um abzunehmen. 25 Kilo wolle er loswerden, weshalb er nichts esse. Seit neun Tagen nichts außer Suppen. Auf unsere schnöden Zweifel reagierte er mit wirrem Lächeln. Er schien uns eigen. Ihm war das egal. Er bestellte sich eine „ordentliche Brettljause.“
Ein menschliches Highlight war der Voisthaler Hüttenwirt Hans. Den hatten mir alle Nachbar-Hütten-Bosse und Insider als so Hunde-unlieb geschildert, dass er „sogar Zwinger vor der Hütte aufgestellt hat. Dem Hans (sprich: Hauns) kommt ka Hund in die Hüttn.“ Wie soll ich sagen: Hans, der vermeintliche Hundefresser vom Hochschwab, und ich haben das ausgeredet. Und Hunde wie Niko Poldi lässt Hans sogar im Zimmer auf dem Boden schlafen. Aber er kennt Geschichten, der Hans: von Hunden, die vom Tisch essen und Besitzern, die das verteidigen. Von trächtigen Dalmatiner-Hündinnen, die ihre Jungen auf dem Hochschwab werfen und Besitzern, die sie eben dorthin schleppen. Ich finde, Hans ist ein Michel. Ein ganz gerader.
hingegen den Weg ins Tal in Angriff genommen. Wir, das waren im konkreten Fall Helga, Ferdl, Niko Poldi, ich und die zwei Hollabrunner, die wir kennen gelernt hatten. Der eine heißt Franz und ist der Onkel des Exfreundes meiner Katrin. Solche Zufälle lassen mich natürlich längst kalt, aber auf der Voisthaler Hütte wusste ich ja auch noch nicht, dass ich zwei Tage später in Neuberg Wiener treffen werde, die bei meiner Mama ums Eck wohnen. Die eine heißt Elisabeth und war meine Kindergartentante.
einen fachkundigen Wanderbegleiter hast, der Dich vorantreibt, wobei nur kurz links und rechts geschaut wird, die Bilder im Gehen geschossen werden, wirst Du bald am Ziel sein. Spaß beiseite, es ist völlig wurscht, ob Du fünf Stunden früher oder später ankommst, Hauptsache, Du hast Freude, so wie wir, die wir von Admont bis zum Seeberg mitgewandert sind.
Eine Frage kann ich nicht mehr hören: „Freust dich schon wieder auf die Zivilisation?“ Wir besprechen in unserer heutigen Vorlesung gar nicht, ob man sich prinzipiell auf sie freuen kann, sondern widmen uns der Frage, werte Kolleginnen und Kollegen, was die Zivilisation denn genau ist? Denn zwischen Berghütten und dem Tal verschwimmen die Grenzen der Zivilisation. Oder zumindest die Grenzen ihrer Definition. Oben fehlen einem heiße Duschen, eine Schlafstätte für weniger als zwölf Menschen und selbst zu entscheiden, wann Bettruhe ist. Kommt man unten an, fehlt einem das Oben. Genau: Es ist verzwickt.
Zur Verabschiedung ging ich mit meinen Mitwanderern auf ein Eis. Wir überlegten, was man aus der hübschen Stadt machen könnte. Plötzlich fuhr ein hochzivilisierter Porsche durch die äußerst verlassene Stadt. Es saßen höchstziviliserte Städter darin. Sie hören unzivilisert laute Musik. Ich sehnte mich in genau diesem Moment nach einer Hütte da oben, ohne Dusche. Aber mit viel Gefühl.
Jetzt habe ich es geschafft: Mitwanderer Helga und Ferdl kannte ich nicht, bevor sie mir heute Früh um halbneun vor dem Stift in Admont die Hand gaben. Helga liest meinen Blog seit dem ersten Tag und fragte vor Wochen zögerlich an, ob ich sie und ihre 66 Jahre ein paar Tage mitnehmen würde. Weil sie den 01er-Weitwanderweg nämlich vor Jahren schon gegangen sei. Und wie ich würde, gerne auch noch! Das Alter von Ferdl verriet sie mir erst gar nicht, aber unter uns: Wenn ich mit 79 so aussehe und alpin so drauf bin, bewerbe ich mich beim Jungbauern-Kalender. Weil also nun zwei beim Projekt mitmachen, weil sie dieses Wandern mögen und nicht zwangsläufig mich, fühle ich mich als Sieger.
Aber darum geht es nicht, sondern um einen, der mich mögen muss, weil er ein Freund ist, nämlich Harald. Der wandert auch seit heute mit und im Laufe des Tages sprachen wir über Beethoven. Das ist hier jetzt ebenso nicht wichtig wie die Tatsache, dass die heutige Wanderung mich an dessen 6. Sinfonie erinnerte, dass die Pastorale heißt und wie kaum ein anderes klassisches Stück Tonmalerei mit einer melodisch echten Geschichte daherkommen lässt statt wie sooft einfach nur Kulisse ohne Handlung zu sein. (Verzeihung, das musste an dieser Stelle raus, diesen Standpunkt trage ich als inneren Disput mit meinem Musiklehrer seit der Matura mit mir herum) Aber auch darum geht es gar nicht.
Reviergang am 10.Sept.1926 wurde hier der Jäger Karl Steiner von Wildererhand meuchlings (Anm.: Tolles Wort!) erschossen. Der Liebe zu seinem Beruf und seiner vorbildlichen Pflichttreue ist er zum Opfer gefallen.“ Assoziativ schoss mir die Frage ein, was eigentlich aus diesen sympathischen Wilderer-Kerlen in den Heimatfilmen wurde, die Feschen ohne Furcht, mit viel Tadel. Diese Clooneys der Nachkriegszeit wurden im echten Leben rar. Wir brauchen wieder mehr Piraten, dachte ich mir und gleich darauf, wie pietätlos es ist, sich genau das vor der ehernen Erinnerung an Karl Steiner zu denken. Aber ehrlich: Beethoven war bekannt für seine Pietätlosigkeit.
Ministrant. Mit 17 Jahren tödlich verunglückt am 22.5.1982.“ Damals dachte ich mir: Wer hat denn da den Zynismus mit der Schöpfkelle gefuttert? Wer stellt so was auf, wenn ein Liebster verunglückt ist? Dochdoch, ich habe für Gott viel über, liebe Leserin und lieber Leser. Aber wenn einer in den Tod stürzt, kann er nicht tiefer fallen als in Gottes Hand? So eine Tafel hätte nicht einmal Beethoven da oben aufgestellt, meuchlings.
Mitwanderer! Sie helfen, sie überraschen, sie sind abwechslungsreiche Sympathie. Ich mag diese Menschen auf meinem Weg.
„Man muss nicht nur Zeit zum Anschauen haben, sondern die Zeit, es überhaupt zu sehen.“ Mit diesem Satz beeindruckte mich eine der beiden älteren Damen am Hochklapfsattel. Wir waren gerade in einem dieser Kurzrast-Gespräche: Und Sie, aha, von Altaussee, nur so zum Wandern, aha, nein ich gehe länger, ja das ist weit, ja das ist schön, aber kommen wir wieder zu Ihnen. Anfangs plätscherte der Talk mit den beiden. Diejenige mit den viel zu schönen Zähnen verriet, dass sie auf dem Weg zu einer Geschichtenerzähler-Performance am Gipfel des Redenden Stein unterwegs sind. (Ja, toller Name für einen Gipfel, aber er hatte mir nichts zu sagen, als ich vorbei ging.) Und als ich so nachdachte, ob sich aus der Kombination Geschichtenerzähler und Redender Stein ein Wortwitz generieren lässt, kam die andere mit der „Rasten und sich Umschauen ist das wichtigste am Gehen“-Kiste und eben dem Einleitungssatz. Und da schoss sie mir wieder ein,
die Weisheit der Älteren: Sich die Zeit nehmen, eine schöne Blume anzuschauen, ist der Komperativ des Wanderns. Aber superlativisch wandert, wer nicht zufällig auf diese Blume aufmerksam wird, sondern vom ersten Schritt an so geht, dass er sie sieht. Sehen muss. Wow.
Das dritte Treffen des Tages waren Kühe. Verrückte, entsetzlich depperten Kühe. Eine von ihnen sprintete auf Hund Niko Poldi zu, der sich verhängnisvoller Weise auf Weiden gerne an mich kuschelt. Die Kuh sprintete also auf mich zu. Und wenn gefühlte achttausend Tonnen auf dich zusprinten, läuft ein Film in dir ab: Zuerst schießt dir ein, woher das Tote Gebrige seinen Namen haben könnte. Dann überlegst du, wie sich ein Torero mit Wanderstöcken anstellen würde. Und schlussendlich gibst du Hund Niko Poldi den Befehl zu laufen, quasi Ablenkungsmanöver, und der Kuh den Befehl: „Aus!“ Beide gehorchten. Gerade noch. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich niemandem traue, der einen größeren Kopf als ich hat?
hier nicht, der gefühlte Grenzübertritt folgt später. Sonnig mit schönen weißen Kuschelwolken. Zehn Stunden unterwegs, davon achteinbisserl auf den Beinen. Tipp des Tages: Legt die verrückten Kühe in Ketten!
Ständiger Abschied gehört dazu. Man sieht den Berg in der Ferne auftauchen, besteigt ihn und verlässt ihn, bis er wieder am vergangenen Horizont verschwindet. Oder Menschen: Man trifft sie, führt satte Gespräche und verzichtet dafür auf den Austausch von Telefonnummern. Verabschiedet sich intensiv, aber nur so herzlich wie es eben authentisch ist. Wie auf der Körner-Hütte: Den Mann mit der bemerkenswerten Frisur getroffen, ins Gespräch gekommen, von ihm zu einer Bergmesse im Druiden-Stil eingeladen worden und gestaunt, als der Ex-Gendarm von seinem heutigen Wirken als
Zeitraffer laufen die ereignisreichen Etappen von den ersten Juli-Tagen wie ein Film ab, nur bei strahlendem Kaiserwetter halt. Dieses blieb uns auch zum Großteil von Kufstein bis Lungötz treu.
versteht sich. Die Erleuchtung will schließlich verdient sein.










Ganz nebenbei: Den Text der Gedenktafel auf dem Weg zur Hackel-Hütte fand ich schön. „Johann Stüdl, einer der Gründer des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, rastete hier, 85 Jahre alt, am 26. Mai 1924, auf seiner letzten Bergfahrt.“ Und ich sage jetzt gar nicht, wie toll unaufgeregt und menschlich diese Erinnerung ist. Weil ich nämlich aufpassen muss, dass ich beim Wandern und Reflektieren nicht ins uferlos Sentimentale abrutschte. Jaja, werte Leserin und werter Leser, das ist auch mir aufgefallen, aber was soll ich sagen: Die Berge und ihre Protagonisten sind einfach schön, regen zu Empfindung an und lassen einen emotional nicht aus. Daher mein Rührung-Tsunami der vergangenen Tage.
„lockenden, verträumten Waldlichtungen“ schreibt Doktoressa Senger und dass sich „naja“, ihre Begeisterung für diese außerhäusliche Liebe „in Grenzen hält“. Dass ich das nun weiß, dachte ich. Weil sich diese „Outdoor-Version“ des Aktes im „Ernstfall oft als Strafe, verschärft durch hartes Lager“ und „in den Rücken bohrende Wurzeln und Steinchen, herausstellt“, denkt Senger.
Dank, Reststrecke gerettet. Wegen der Zweisamkeit, sagt Senger. Und weil „alle angesprochenen Sinne“ kombiniert mit einem „Kuss auf dem Rastplatz“ ein „paradiesisches Glück“ sein kann.
Tag 31 (31.7.2009): Werfenweng – Dr. Heinrich Hackel-Hütte – Aualm – Lungötz. Ganztags sonnig mit Wolken, recht heiß, die angekündigten Gewitter blieben aus. Schöne Wanderung an den südlichen Hängen, am Schluss am südlichen Fuße des Tennengebirges, oft gute Blicke auf dessen Scharten, aber auch in die Ferne zurück und auf den Gosaukamm. Fünfeinhalb Stunden unterwegs, davon viereinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Zwischen Jochriedel und Lungötz geht man durch das Truppenübungsgebiet Aualm. Auch dort erkennt man den friedliebenden Zustand unseres Bundesheers, erinnert das Gebiet doch an einen Nationalpark. Sehr schön.
Die klitzekleine Blase (linke große Zehe oben) strafe ich mit Ignoranz. Schon wieder Feier-Abend, diesmal sanfter: Mitwanderer Michi H. und Laszlo verlassen mich, zu dritt tranken wir eine Flasche Wein, alleine rauchte ich zwölf Zigaretten. Zu Hund Niko Poldis großer Freude gibt es bei der Aualm einen kleinen, sauberen Teich. Er ist gesprungen (Hund Niko Poldi springt mit vollem Anlauf vom Ufer Weg und schafft gut zwei Meter), hat sich geschüttelt und im Gras gewälzt, dazu harmonisch gebellt. Wir hatten unser Gaudium.



