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Archiv für das Tag: menschen

 

Post-Eingang. Tag 60+.

Erinnern wir uns kurz an Andreas zurück: Sehr sympathischer Deutscher, den ich auf der Pühringer Hütte im Toten Gebirge getroffen hatte. Er wandert gerne weit, jedes Jahr. Und heuer dachte er: Warum nicht Österreich, warum nicht den o1-er? Wir tranken an jenem Abend darauf, gemeinsam schon mit dem Weg fertig zu sein, schließlich war er im Osten gestartet.

Und wissen Sie was: Menschen in den Bergen halten ihre Versprechen. Also hat mir Andreas wie erbeten ein paar tolle Zeilen Reflexion aus seiner Sicht geschickt. Danke sehr! Und bitte schön:

Wanderung21_PühringerHütte-Hinterstoder090807 006“Tja weißt Du, mit der Arbeit, da hilft nur Augen zu und durch. Auch wenn man Freude dran hat, ist es doch wieder eine Riesenumstellung. Das ist vielleicht auch, was mich am Weitwandern (wo hört eigentlich wandern auf und fängt weitwandern an?) so fasziniert, dieser vollkommen andere Blickwinkel, den man nach einigen Tagen erhält. Ich hab jetzt mit Absicht nicht gesagt worauf dieser “andere Blickwinkel” gerichtet ist, weil das bestimmt bei jedem andere Bereiche betrifft und speziell bei mir ganz, ganz viele. Da treten plötzlich andere Dinge in den Mittelpunkt, werden, halt das ist jetzt falsch: zeigen, wie wichtig sie sind. Man wird auf etwas Ursprüngliches reduziert, Durst, Hunger, Kälte, der Körper, melden sich und bestimmen die Handlungen. Das ist nicht schlimm, man muss es bloß begreifen und wieder lernen auf im normalen Leben verkümmerte, nein eher in den Hintergrund getretene Sinne zu lauschen (na hören ist wohl besser an der Stelle). Bei mir ist das, wie ich in den letzten Jahren merkte, ein Prozess der einige Tage dauert, bis man wieder angekommen ist in der Wanderung. Dann ist vieles ringsum viel weniger bedeutend, es kann mal regnen, man kann mal kein Essen oder kein Quartier bekommen, und trotzdem stimmt alles, es “passt” wie ich es bei Euch so oft gehört hab.

Jede von meinen “größeren” Wanderungen (für mich waren die schon ganz schön!), die ich in den letzten Jahren gemacht habe, hat mir ähnliche und vollkommen unterschiedliche Erlebnisse und Erfahrungen beschert. Um Dir das für die 01-Wanderung beschreiben zu können fang ich mal früher an: ich bin eigentlich immer gerne in den Bergen (auch wenn Ihr in Österreich da bestimmt oft was anderes da drunter versteht als ich Flachländer) unterwegs gewesen, doch das erste lange Stück waren vor zwei Jahren die Pyrenäen, der GR auf der französischen Seite vom Atlantik zum Mittelmeer. Bis ich in Banyuls die Füße ins Wasser stellen konnte, hab ich genau das durchgemacht was ich Dir vorher beschrieben hab. Darüber hinaus beeindruckte vor allem die relative Einsamkeit, die Ursprünglichkeit neben der stellenweise totalen Vermarktung der Bergwelt. Auch das Wandern hab ich dort, ganz kurz, als Massenbewegung erlebt, als ich den Jakobsweg in Saint-Jean-Pied-et-Port kreuzte. Das war im letzten Jahr auf Korsika anders. Da ging eine das Fassungsvermögen der Hütten weit übersteigende Zahl von Wanderern am selben Tag los und dies prägte dann natürlich auch meinen Tagesablauf (rechtzeitig auf der Hütte sein, sehr teure Verpflegung, Probleme an Engstellen auf dem Weg). Das drängt sich dann oftmals in den Vordergrund obwohl die Insel landschaftlich ein Traum ist.

Ja und dies Jahr war ich mal wieder in Österreich unterwegs, man kennt schon einiges vom Land, hat keine (fast keine) Verständigungsprobleme und kann auf ein Wegenetz zurückgreifen, dass meiner Ansicht nach einzigartig gut ausgebaut und markiert ist (da kann man nur mit dem Führer zum Weitwanderweg losgehn). Die Unterkünfte sind gut und die Verpflegung hervorragend – und dann geht man los von Rust und hat seine Probleme den Weg zu finden, die Markierung in der Ebene vorm Marzerkogel war meiner Ansicht nach miserabel. In Mattersburg gibt’s abends kein Quartier, so dass ich gleich zur Burg Forchtenstein weitergehn musste. Nach drei, vier Tagen ändert sich dann alles, ich hatte “meinen Trott” gefunden und die Wege wurden in den Bergen besser.  Man merkt aber dass in den tieferen Lagen nicht so häufig gewandert wird, auch bei Euch nutzt man das Auto möglichst weit, die Frage warum ist mir nach wunderschönen Talwanderungen (z.B. von der Loferer Alm zur Kammerköhralm) immer noch nicht begreiflich. Auf meiner Tour hab ich die schwierigeren Abschnitte, wie am Dachstein, auf den Varianten umgangen, muss aber sagen, dass der Weg dort auch sehr schön war. Da ich in diesem Jahr in Erpfendorf geendet hab, werd ich dort im nächsten wieder einsteigen.

Es war schön, es war wunderschön, voll gepackt bis an den Rand mit Erlebnissen, Begegnungen, Erfahrungen.

Ich hoff, ich hab Dich nicht zu dolle mit den Erinnerungen eines nun doch schon älteren Herrn gelangweilt und wünsch Dir alles Gute.”

Nein, Andreas, das hast du nicht. Danke!

p.s. Übermorgen werde ich wieder schreiben. Dann zum letzten Mal.

 06.09.2009 | Tags: , | Keine Kommentare
 

Angekommen. Tag neunundfünfzig.

 Wanderung59_OrtsschildEs ist schwierig. Einerseits möchte jeder Ankommende, dass man ihn begrüßt. Man wünscht sich Menschen, die Spalier bilden, denen man in die Arme fallen kann, die einem auf die Schulter klopfen. Auch weil man dann sieht, dass andere interessiert, was man in den vergangenen zwei Monaten gemacht hat, wie man sich verändert hat und ob der Axel heute nun wirklich sein geliebtes Wien wiederbetritt.

Andererseits stehen die Willkommener dem Ichselbst im Weg. Dem Selbst, auf das ich mich nun zwei Monate konzentrieren konnte. Was heißt: Auf das ich mich konzentrieren musste. Denn du kannst alle schwierigen Wege meiden, den Himmel immer akribisch genau lesen, um dich vor dem Gewitter unterzustellen. Du kannst Pläne ändern und Unangenehmes umgehen. Aber dir selber entkommst auf so einer Wanderung nicht. Der Kopf denkt und du hörst es. Die Augen schauen und du siehst es. Der Charakter rebelliert und du reagierst.

Und mit eben diesem ganzen Ich, den geschundenen Gelenken, dem überfälligen Sentiment und einem hochaktiven Kopf, wärst du in dem Moment gerne allein. Wenn du auf Wien hinunterschaust. Wenn du die Metallstange in der Hand hältst, auf der das Wiener Ortsschild angeschraubt ist. Wenn du nach 1000 Kilometern den letzten halben Meter machst.

Ich war nicht alleine. Ob das jetzt besser oder schlechter war? Ich weiß es nicht. Das ist ja eben schwierig.

Aber wieder zu Hause zu sein, es tatsächlich zu Ende gebracht zu haben, durch Österreich von Bregenz nach Wien gegangen zu sein, das fühlt sich gut an.

Wahnsinnig gut.

P.S. In der kommenden Woche werde ich an dieser Stelle noch mein Danach-Denken dokumentieren. Quasi Epilog. Und außerdem habe ich da noch eine andere Idee… Nein, jetzt wird einmal angekommen. Was weiß ich, welche Teile von mir noch am Weg sind und Verspätung haben. Wir lesen uns!

Tag 59 (28.8.2009): Mayerling – Heiligenkreuz – Sittendorf – Kreuzsattel – Seewiese – Parapluieberg – Perchtoldsdorf – Rodaun (Wien). Sonne und auf den Waldstücken durchaus erträglich feine Hitze. Eine würdige, abwechslungsreiche und verdammt einfache Schlussetappe. Sechs Stunden unterwegs, davon vier auf den Beinen. Tipp des Tages: Zweimal ankommen. Einmal für dich und einmal für deine Freunde.

Keine Blase. Viele Zigaretten geraucht, einiges an Achterln. (Zuerst war offizieller Willkommens-Heurigen in Perchtsholdsdorf/Rodaun mit der Österreich Werbung. Dann war privater Willkommens-Heurigen mit meinen Freunden in Wien. Fragen Sei also lieber nicht…) Hund Niko Poldi hat gespürt, was Sache ist. Mir schien sogar, er hat sich geweigert, die Bergrettungs-Kenndecke abzulegen. Lieber Niko Poldi, in vollem Bewusstsein des von mir verworfenen Superlativs: Du bist der beste Hund der Berge. Du bist der beste Gefährte an meiner Seite. Du bist der bedeutendste Mitwanderer. Du bist einzigartig. Ich danke dir, ich liebe dich.

 30.08.2009 | Tags: , , | 8 Kommentare
 

Habemus Fritzam. Tag siebenundfünfzig.

Wanderung57_FritzMessradNatürlich hatte ich ein bisschen Angst vor dem Tag. Oder sagen wir: Respekt. Dem Tag, an dem Friedrich Fritz Peterka in mein Leben und mit mir auf den Weg treten würde. Ganz genau: Der Friedrich Fritz, der von einigen als Weitwanderpapst bezeichnet wird. Weit-Wander-Papst. Beim Frühstück schepperte mir das Händchen bis zum Zertrümmern des Frühstückseies. Die Füße schmierte ich mir mehrfach mit der Ringelblumensalbe ein (ich bin von Hirschtalg umgestiegen, nein ohne Grund, es gab lediglich keine Hirschtalgsalbe mehr. Naja, Ringelblumen zieht schneller ein, riecht aber besser) und zurrte das Schuhwerk besonders fest. Ich startete zu meinem Tag mit dem Mann, der im Guinness Buch der Rekorde steht: alle zehn österreichischen Weitwanderwege in 143 Tagen. Der Mann, der mir seit Beginn der Wanderung genau auf die Füße geschaut hat und durchaus kritisch kommentierte. Dieser vorvorletzte Tag würde meine Reife besiegeln, oder mein Scheitern.

Friedrich Fritz stieg aus dem Zug. Leichter Rucksack, Wadeln wie Turbolader und ein Messrad in der Hand. Dazu muss man sagen: Friedrich Fritz geht mit mir, um die Weg01-Variante nach Wien fertig zu vermessen. Denn er hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, rotweißrote Wanderwege genau zu erfassen. Später sollte ich noch bemerken: Friedrich Fitz schreibt alle Daten in Tabellen, mit Höhenmeter und der Temperatur, mit genauer Gehzeit und wahrscheinlich auch Wanderung57_FritzBeimAufzeichnenmeinem äußerlichen Zustand. Natürlich machte mir Friedrich Fritz Angst. Wir marschierten los, er hinter mir. „Ich gehe mein Tempo, kümmere dich nicht.“

Ich trabte los, gestochen vom Hafer des Ehrgeizes, Friedrich Fritz im Rücken. Und nach wenigen Metern brach das Eis, weil es fast 30 Grad hatte vielleicht, ich glaube aber deswegen: Friedrich Fritz sagte trocken: „Ich werde ein bisschen langsamer gehen.“ Ich unterdrückte meinen persönlichen Jubel, zog innerlich aber die Lampionbeleuchtung auf. Ich fühlte mich wie der ehrfürchtige Knabe nach der Firmungswatschen, der höchste Hirte hatte mir soeben die Absolution erteilt. Klingt lächerlich? War es auch.

Weil Friedrich Fritz nicht nur ausgesprochen wettkampflos wandert, sondern auch einen weiten Horizont hat. Ich gebe es ja zu: Ich dachte, dieser Mann hat etwas Belehrendes und vor allem kein Verständnis für einen wie mich, der vor acht Wochen rauchend und trinkend, untrainiert auf diesen Weg aufbrach. Der sich mal mit dem Auto mitnehmen lässt, um ein paar Asphaltkilometern zu entgehen. Der den Satz „Das Wichtigste am Gehen ist das Stehen“ zum obersten Credo erhoben hat. Friedrich Fritz hat mir die Blödheit solcher Vorurteile vor Augen geführt, als ob er Lessing den Nathan diktiert hätte. „Ich finde es schön, Wanderung57_FritzRastetdass Du als Junger das Weitwandern wieder einmal bekannter machst.“ Spricht so ein Verbissener?

Warum ich das erzähle? Weil es wirklich schön ist, wenn zwei mit unterschiedlichen Motivationen einen Weg gehen. Einer mit Messrad, einer mit dem Lenz. Weil es wirklich schön ist, dass Friedrich Fritz sich dem Wandern derart verschrieben hat, als Papst aber noch immer mit einem kleinen Schäfchen reden kann. Weil wir beide Fremden heute etwas gemeinsam gemacht haben, obwohl wir uns so unähnlich sind. Ich behaupte: Dieses Gefühl für gelebte Toleranz bringen einem die Berge bei. Weil ehrlich: Das klingt schon ein bisschen nach Patentrezept.

Tag 57 (26.8.2009): Waidmannsfeld – Hohe Mandling – Waxeneckhaus – Auf dem Hals – Auf der Wurzen – Weissenbach an der Triesting. Sonne und feuchte Wanderung57_PilzVorMarkierungHitze. Man merkt nun deutlich, das Hochgebirge ist zu Ende: Waldwege, Wiesen und viele Föhren. Sehr idyllisch. Knapp sieben Stunden unterwegs, davon fünfeinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Leben und leben lassen.

Keine Blase. Dreizehn Zigaretten geraucht, ein Achtel Rotwein (Zum Wildragout in meinem Herbergsgasthaus. Übrigens das erste Glas Rotwein, das ich mit zwei Fliegen darin serviert bekam. Nun ja.) Morgen kommt der Niko, lalalalala. Ich freu‘ mich auf Hund Niko, lalalala.

 28.08.2009 | Tags: , , | 5 Kommentare
 

Über das Aussteigen im Speziellen. Tag fünfundfünfzig.

Wanderung55_MichiFischerhütteÜber 2000 Höhenmeter ist man per Du. Vor allem mit dem Leben. Hier oben begegnet man sich aufrecht, aber nicht untertänig. Auch dem Leben gegenüber nicht. Und deswegen kannst du hier schon mit 25 eine breite Brust haben. So wie Fischerhütten-Wirt Michi. Der steht sowas von im Leben und gestern Abend am Otto Haus stand er vor mir: „Bist du jetzt der Axel? Ich hole dich ab und geh morgen mit dir auf meine Hütte rüber.“

Ich gebe zu, das hat mich dual gefreut: Der Wachthüttelkamm war mir als Abstiegsteig nicht geheuer, da gleicht ein eingeborener Hüttenwirt und Wanderung55_WachthüttelkammBergretter schon einiges im Kopf aus. Noch am Otto Haus haben wir darüber geredet und kamen über die Sätze „jaja, ich bin schon schwindelfrei“ über „solche Wege sind halt auf der Karte schwierig zu bewerten“ recht bald zu der alten Diskussion um die Einschätzung von versicherten Steigen im Besondern und die Frage, wer soll Bergsteigen, wer soll wandern und wer lieber gar nichts im Allgemeinen. Aber das gehe ich hier nun nicht nochmal durch. Viel wichtiger: Es hat mich zweitens gefreut, weil Michi ein ganz Netter ist. Was ich aber zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wusste.

Erst heute hatte ich Zeit, das zu bemerken, 1100 Meter im Ab- und 1500 im Aufstieg lang. Auf denen mir Michi immer wieder etwas erzählte, über das Höllental zum Beispiel: „Da gab es den Hübner, das war der erste, der sich da rein getraut hat. Über den gibt es ein Buch, das war das erste, das ich gelesen habe. Weil sonst hab ich als Kind nicht so unbedingt lesen müssen. Überhaupt war das mit den Lehrern so eine Sache.“ Wir tauschten Lausbuben-Geschichten aus, denn auch der Blogschreiber Ihres Wanderung55_MichiInWeichtalklammVertrauens, liebe Leserinnen und Leser, war kein Vaserl. „Aber heute kommen meine alten Lehrer mich auf der Hütte besuchen. Ich sage immer: Du musst im Leben einen Schmäh haben und rechnen können.“ Michi hat einen Schmäh. Wenn er über den Schneeberg redet. Seinen Schneeberg, den er in guten Jahren bis zu 70 Mal bestiegen hatte. Wenn er über Bergrettungseinsätze und Selbstüberschätzung der Menschen spricht. Und am meisten, wenn er über seine Kathi erzählt, seine 22jährige Freundin, die mit ihm die Hütte betreibt. Die immer wieder angerufen hat, während wir am Weg waren. Weil sich eine Aushilfe vorstellen gekommen ist. Oder eine Frage betreffend der Baustelle aufgetaucht ist, die Fischerhütte bekommt gerade Wasser und Kanal. „Sie vermisst mich auch und macht sich halt auch Sorgen“, sagte Michi.

Bei solchen Sätzen ist Hüttenwirt Michi sanft und überzeugt. Bei anderen Geschichten ist er direkt und bestimmt. Wenn er etwa über die Schwierigkeiten, eine Hütte auf 2049 Meter zu führen, redet. Oder Geschichten erzählt, was ihm Wanderung55_HüttenwirtinKAthida oben alles unterkommt. „Einmal hat eine Frau angerufen und gefragt, ob eh Wind ist. Sie möchte gerne die Asche ihres verstorbenen Vaters am Schneeberg verstreuen.“ Oder ein Anrufer, der sagte, er möchte nun einmal eine Skitour auf dem Schneeberg machen. Und also wissen, wo man sich da die Ski an- und wo wieder abschnallt? „Na wir schnallen sie an, wenn der Schnee anfängt und ab, wo er aufhört. An manchen Tagen rufen hundert solche Leute an, da wirst deppert.“ Aber das hat Michi im Griff. Solche Anrufer im Besondern und das Leben im Allgemeinen.

Nur wenn ihn bei knallvollem Hüttenbetrieb wieder einmal ein Gast herholt und fragt: „Wie wird man eigentlich so ein Aussteiger?“, dann könnte er ihn am liebsten von seinem Schneeberg werfen. Tut er nicht, sondern sagt stattdessen: „Ich habe vier Angestellte, eine sauschwierige Logistik und arbeite sechs Monate wie ein Viech. Wo bin ich ein Aussteiger?“ Im Übrigen wäre das gar nichts für ihn, denn so gerne mir Michi die 700 Fotos vom vergangenen Wanderung55_FischerhütteGangNeuseeland-Urlaub mit Kathi zeigen will: „Länger als einen Tag am Strand halte mich nicht aus. Wo wir hinfliegen, muss es auch Berge geben. Und mehr als drei Wochen brauche ich keinen Urlaub.“ Kathi seufzt leise, aber mit dem Blick eines verliebten Mädchens und Michi direkt ins Gesicht.

P.S. Die beiden gaben mir das Zimmer mit Blick Richtung Wien und Michi zeigte mir, wie ich das Bett verschieben soll, um aus dem Fenster nach Hause zu sehen. Ich danke euch beiden. Für diesen Tag und diesen Abend im Besonderen. Und dass es solche wie euch gibt im Allgemeinen.

Wanderung55_SonnenuntergangFischerhütteTag 55 (24.8.2009): Otto Haus – Wachthüttelkamm – Weichtal Haus/Höllental – Weichtalklamm – Kienthaler Hütte –Hochschneeberg/Klosterwappen – Fischerhütte. Sonnenschein. Achteinhalb Stunden unterwegs: fünfeinhalb auf den Beinen, eineinhalb beim gemeinsamen Rasten und ich alleine eineinhalb am Klosterwappen. Tipp des Tages: Die Fischerhütte im Allgemeinen. Die Gipfelpalatschinken, die Gespräche mit Kathi und Michi, die Atmosphäre da oben und der Blick auf das ganze Land und mein Wien im Speziellen.

Keine Blase. Zehn Zigaretten geraucht, abends zwei Spritzer weiß. Mein lieber Hund Niko Poldi, da hast du heute nichts versäumt, denn nach dem Wachthüttelkamm, den du gepackt hättest, wärest du an der Weichtalklamm gescheitert, senkrechte Eisenleitern und so. Da hätte ich dich schultern müssen, wobei: Das wäre auch ein Spaß geworden. Das holen wir nach. Ich vermisse dich.

Wanderung55_FischerhütteBlickWienAusZimmerfenster

 26.08.2009 | Tags: , , , , | 2 Kommentare
 

Weil der Mensch zählt. Tag fünfzig.

Wanderung50_HelgaNikoAxelWas ich am meisten vermissen werde? Immer neue Menschen zu treffen, mit immer neuen Geschichten. Sie auf dem Berg zu erleben, in dieser Einheitssituation, wo du nichts verstecken kannst. Nicht vor dir und nicht vor den Anderen. Mit jedem Meter, den ich Wien näher komme, wächst meine Erkenntnis, dass es die erlebten Menschen sind, die meine Wanderung so einzigartig und daher schön machen. Mir ist das wahrscheinlich auch heute umso bewusster, weil mich zu Mittag Mitwanderer Helga und Ferdl verlassen haben. Und wenn man wieder einmal alleine geht, sieht man die Umwelt durch eine andere Brille. (beachte: Text-Bild-Einklang, grins)

Wanderung50_PfaffingalmAuf der Pfaffingalm, am Weg zum Hochschwab, haben wir zum Beispiel niemanden getroffen, die Menschen waren zum Einkaufen ins Tal abgestiegen. Aber einen Zettel haben sie hinterlassen: Durstige Wanderer mögen sich selbst bedienen. Soviel Mensch begegnet mir daheim oft nicht einmal in der knallvollen U-Bahn.

Eine Stunde später kamen meine Mitwanderer und ich nicht aus dem Staunen, als der Kärntner Walter uns erzählte, diesen meinen Weg gerade von Ost nach Wanderung50_AndrothalmWest zu gehen. Um abzunehmen. 25 Kilo wolle er loswerden, weshalb er nichts esse. Seit neun Tagen nichts außer Suppen. Auf unsere schnöden Zweifel reagierte er mit wirrem Lächeln. Er schien uns eigen. Ihm war das egal. Er bestellte sich eine „ordentliche Brettljause.“

Auf dem Sonnschien Haus trafen wir dann zwei Paare, eines aus Graz, das andere aus Wien. Die wohnen bei mir ums Eck. Wir sprachen also über das Leben im Allgemeinen und Strebersdorfer Grätzlpolitik im Speziellen. Am nächsten Tag ergab sich aus uns allen eine Quasi-Wandergemeinschaft hin zum Hochschwab. Nein, nicht Cluburlaub, sondern ungezwungen.

Wanderung50_BlindEin menschliches Highlight war der Voisthaler Hüttenwirt Hans. Den hatten mir alle Nachbar-Hütten-Bosse und Insider als so Hunde-unlieb geschildert, dass er „sogar Zwinger vor der Hütte aufgestellt hat. Dem Hans (sprich: Hauns) kommt ka Hund in die Hüttn.“ Wie soll ich sagen: Hans, der vermeintliche Hundefresser vom Hochschwab, und ich haben das ausgeredet. Und Hunde wie Niko Poldi lässt Hans sogar im Zimmer auf dem Boden schlafen. Aber er kennt Geschichten, der Hans: von Hunden, die vom Tisch essen und Besitzern, die das verteidigen. Von trächtigen Dalmatiner-Hündinnen, die ihre Jungen auf dem Hochschwab werfen und Besitzern, die sie eben dorthin schleppen. Ich finde, Hans ist ein Michel. Ein ganz gerader.

Am Morgen machte sich übrigens ein blinder Mann am Arm seiner sympathischen Frau auf zum Hochschwab. Schlicht beeindruckend. Wir haben Wanderung50_HelgaFerdlhingegen den Weg ins Tal in Angriff genommen. Wir, das waren im konkreten Fall Helga, Ferdl, Niko Poldi, ich und die zwei Hollabrunner, die wir kennen gelernt hatten. Der eine heißt Franz und ist der Onkel des Exfreundes meiner Katrin. Solche Zufälle lassen mich natürlich längst kalt, aber auf der Voisthaler Hütte wusste ich ja auch noch nicht, dass ich zwei Tage später in Neuberg Wiener treffen werde, die bei meiner Mama ums Eck wohnen. Die eine heißt Elisabeth und war meine Kindergartentante.

Zu Mittag trennte ich mich schweren Herzens von den so lieb gewordenen Mitwanderern Helga und Ferdl. Es ist mir nämlich höchst zuwider, solch freundliche, jugendliche und wertvolle Menschen ziehen zu lassen, wenn ich sie einmal gefunden habe. Helga schickte post Trennung folgendes Mail:

„Hallo Axel!

Der Steffel ist nicht mehr fern. Nachdem Du auf den beiden letzten Etappen Wanderung50_Benedikteinen fachkundigen Wanderbegleiter hast, der Dich vorantreibt, wobei nur kurz links und rechts geschaut wird, die Bilder im Gehen geschossen werden, wirst Du bald am Ziel sein. Spaß beiseite, es ist völlig wurscht, ob Du fünf Stunden früher oder später ankommst, Hauptsache, Du hast Freude, so wie wir, die wir von Admont bis zum Seeberg mitgewandert sind.

Ferdinand und ich haben zwar das Durchschnittsalter Deiner Mitwanderer erheblich in die Höhe geschraubt, man sieht aber, auch im „Alter“ kann man fit sein. Uns hat‘s richtig gefreut!!! Wenn ich mich zurückerinnere an meinen Weitwanderweg 01, den ich im Jahr 2004 beendet habe, muss ich sagen, der bewegendste Moment war, als wir am Freschen gestanden sind und in der Ferne unser Ziel, den Bodensee, gesehen haben. Uns sind vor Freude die Tränen gekommen. Ich glaube, Dir wird es nicht anders ergehen, wenn Du die Ortstafel WIEN erblickst.

Ich wünsche Dir für die restlichen Tage nur Sonnenschein, denn Regen hast Du schon genug genossen.

Gib Niko eine Sonderstreicheleinheit von mir, er hat sichs verdient!!!

Liebe Grüße, Helga“

Am Ende des Tages wurde ich herzlich von den Wirtsmenschen des Graf Meran Hauses aufgenommen. Die machen durch ihre Art wett, dass es wegen des Umbaus da oben derzeit kaum Wasser und Strom gibt. Und der zwölfjährige Benedikt begleitete mich zum Gipfel der Hohen Veitsch. Er schnappte sich das Gipfelbuch und schrieb: „Hier ist Friede und Liebe sicher“. Das sei von ihm. Und als ob es ihm seine kindliche Weisheit befahl, ließ er mich damit alleine. In der Stunde bis zum Sonnenuntergang ging mir dann einiges durch den Kopf. Was genau? Wertvolle Leserin und Leser, das geht nun wirklich niemanden etwas an. Denn solche Momente gehören einem ganz alleine.Wanderung50_Sonnenuntergang

 

 

Tag 50 (19.8.2009): Voisthaler Hütte – Reitsteig – Florlhütte – Seewiesen – mit dem Auto zum Bankomat nach Turnau und zurück zur Seeberg Alm – Göriacher Alm – Turnauer Alm – Rotsohl Alm – Teufelssteig – Graf Meran Haus. Nebel, Sonnendurchbruch , Sonne pur. Und rechtzeitig zum schönen Sonnenuntergang auf der Hohen Veitsch (ganz genau: seit gestern ist der Axel ein Gipfelfreak!) zogen hübsche Wolken auf, um sich bescheinen zu lassen. Zehn Stunden unterwegs, davon sechseinhalb auf den Beinen, zwei beim Schreiben (nach Tagen der Internet-Abstinenz wieder einmal Empfang in Seewiesen, huhuuuu!) und eineinhalb bei der Rast. Tipp des Tages: Man lasse alle Tage so wie auf dem Veitschgipfel im Sonnenuntergang ausklingen… Zumindest vom Gefühl her.

Keine Blase. Vier Zigaretten geraucht (sie gingen mir schlicht aus, was mir gut tut. Meine Lunge rebelliert seit Längerem gegen das Getschicke), zwei weiße Spritzer (man sagt dazu „weiße Mischungen“). Hund Niko Poldi machte heute auf Ghandi und versuchte erstmals den gewaltlosen Widerstand. Am der Teufelssteig, wo die Hitze mit der Steilheit um die Herrschaft buhlten, legte er sich hin und reagierte auf mein „Komm weiter“ mit einem klaren „Alter, dein Tempo reicht echt, jetzt ist Pause“-Blick. Ich sah die Sinnlosigkeit der Strenge ein und setzte mich dazu. Ein Charakterhund eben.

 22.08.2009 | Tags: , , | 2 Kommentare
 

Gefühl in zivil. Ruhetag acht.

Wanderung47_BlickAusMeinemFensterEine Frage kann ich nicht mehr hören: „Freust dich schon wieder auf die Zivilisation?“ Wir besprechen in unserer heutigen Vorlesung gar nicht, ob man sich prinzipiell auf sie freuen kann, sondern widmen uns der Frage, werte Kolleginnen und Kollegen, was die Zivilisation denn genau ist? Denn zwischen Berghütten und dem Tal verschwimmen die Grenzen der Zivilisation. Oder zumindest die Grenzen ihrer Definition. Oben fehlen einem heiße Duschen, eine Schlafstätte für weniger als zwölf Menschen und selbst zu entscheiden, wann Bettruhe ist. Kommt man unten an, fehlt einem das Oben. Genau: Es ist verzwickt.

An meinem Eisenerzer Ruhetag wurde mir das wieder einmal bewusst, als ich meiner Lieblings-Zivilisations-Gewohnheit nachging: Fernsehen. Im Frühstücks-Horoskop auf Puls 4 erfuhr ich, dass Liebe und Beruf meinem Sternzeichen heute zu 62 Prozent gewogen sind. Fast zwei Drittel, zufrieden, da bin ich Minimalist. Nachmittags plätscherte neben mir eine deutsche Reality-Sendung a la „So ist das Leben, aber ganz echt wirklich, lieber Seher“. Da begann ich an der Zivilisation zu zweifeln. Und abends lieferte mir die geschätzte Elisabeth Spira via ORF volltätowierte Menschen, die über das Leben philosophierten. Da hatte ich Angst.

Und ließ meine Gedanken eine Runde Ringelspiel fahren. Mir fiel mein freundlicher Wirt Karl Prem ein, der am Nachmittag erzählt hatte, dass im schönen Eisenerz einst 18.000 Menschen lebten (im Jahr 1944), heute sind es 5260, Tendenz sinkend. Zwar werde sich das „bei 5000 scho ei’pendeln“, aber es drücke aufs Gemüt. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Am Erzberg wird noch immer gleichviel abgebaut wie einst. Nur dass das heute von den zivilisierten Maschinen und 150 Menschenresten gemacht wird statt wie einst von 5000 Arbeitern. Ich sagte ihm, dass Eisenerz trotzdem noch immer schön sei, vor allem die Fassaden. Wirt Karl Prem gab mir zwei der soeben gefertigten Palatschinken, nur so. Ganz unzivilisiert in die Hand. Seine Frau wusch mir derweil die Wäsche, weil ich darum gebeten hatte. Weil „man muss halt scho selber arbeiten, wenn man verdienen will. Und Spaß daran haben, sonst geht das hier nicht mehr.“ Wirt Karl Prem hat ein sehr nettes Lächeln, das immer überraschend kommt.

Wanderung47_ErzbergZur Verabschiedung ging ich mit meinen Mitwanderern auf ein Eis. Wir überlegten, was man aus der hübschen Stadt machen könnte. Plötzlich fuhr ein hochzivilisierter Porsche durch die äußerst verlassene Stadt. Es saßen höchstziviliserte Städter darin. Sie hören unzivilisert laute Musik. Ich sehnte mich in genau diesem Moment nach einer Hütte da oben, ohne Dusche. Aber mit viel Gefühl.

Tag 47, Ruhetag acht (16.8.2009): Eisenerz, Gasthaus Zur Post. Sonne ganztags. Tipp des Tages: Die Küche des Hauses, wirklich erwähnenswert.

Keine Blase. Zehn Zigaretten geraucht, kein Alkohol, aber ein Eisbecher. Hund Niko Poldi zeigt anhand des Trockenfutters, wie Toleranz geht: Man muss sich nicht lieben, um sich zu akzeptieren. Kriegsführende dieser Welt, hört her: Dieser Hund ist weise und des Friedensnobelpreises würdig.

 19.08.2009 | Tags: , , , | 3 Kommentare
 

Meuchlings! Tag dreiundvierzig.

Wanderung43_BlickHochtorJetzt habe ich es geschafft: Mitwanderer Helga und Ferdl kannte ich nicht, bevor sie mir heute Früh um halbneun vor dem Stift in Admont die Hand gaben. Helga liest meinen Blog seit dem ersten Tag und fragte vor Wochen zögerlich an, ob ich sie und ihre 66 Jahre ein paar Tage mitnehmen würde. Weil sie den 01er-Weitwanderweg nämlich vor Jahren schon gegangen sei. Und wie ich würde, gerne auch noch! Das Alter von Ferdl verriet sie mir erst gar nicht, aber unter uns: Wenn ich mit 79 so aussehe und alpin so drauf bin, bewerbe ich mich beim Jungbauern-Kalender. Weil also nun zwei beim Projekt mitmachen, weil sie dieses Wandern mögen und nicht zwangsläufig mich, fühle ich mich als Sieger.

Wanderung43_MitwandererFredlAber darum geht es nicht, sondern um einen, der mich mögen muss, weil er ein Freund ist, nämlich Harald. Der wandert auch seit heute mit und im Laufe des Tages sprachen wir über Beethoven. Das ist hier jetzt ebenso nicht wichtig wie die Tatsache, dass die heutige Wanderung mich an dessen 6. Sinfonie erinnerte, dass die Pastorale heißt und wie kaum ein anderes klassisches Stück Tonmalerei mit einer melodisch echten Geschichte daherkommen lässt statt wie sooft einfach nur Kulisse ohne Handlung zu sein. (Verzeihung, das musste an dieser Stelle raus, diesen Standpunkt trage ich als inneren Disput mit meinem Musiklehrer seit der Matura mit mir herum) Aber auch darum geht es gar nicht.

Denn beim Sinnieren über Beethovens Naturbetrachtungen, so irgendwo im zweiten Satz, näherte sich uns eine Gedenktafel: „Auf einem Wanderung43_GedenktafelWildererReviergang am 10.Sept.1926 wurde hier der Jäger Karl Steiner von Wildererhand meuchlings (Anm.: Tolles Wort!) erschossen. Der Liebe zu seinem Beruf und seiner vorbildlichen Pflichttreue ist er zum Opfer gefallen.“ Assoziativ schoss mir die Frage ein, was eigentlich aus diesen sympathischen Wilderer-Kerlen in den Heimatfilmen wurde, die Feschen ohne Furcht, mit viel Tadel. Diese Clooneys der Nachkriegszeit wurden im echten Leben rar. Wir brauchen wieder mehr Piraten, dachte ich mir und gleich darauf, wie pietätlos es ist, sich genau das vor der ehernen Erinnerung an Karl Steiner zu denken. Aber ehrlich: Beethoven war bekannt für seine Pietätlosigkeit.

Ich lenkte meine sonderbaren Gedanken um, auf eine andere Gedenktafel, gesehen in Vorarlberg, am Beginn meiner Wanderung (vor gefühlten zehn Jahren): „Du kannst nicht tiefer fallen, als nur in Gottes Hand, die er zum Heil uns allen, barmherzig ausgespannt. Gewidmet zu Ehren des Thomas Göppel, Wanderung43_MitwandererHaraldMinistrant. Mit 17 Jahren tödlich verunglückt am 22.5.1982.“ Damals dachte ich mir: Wer hat denn da den Zynismus mit der Schöpfkelle gefuttert? Wer stellt so was auf, wenn ein Liebster verunglückt ist? Dochdoch, ich habe für Gott viel über, liebe Leserin und lieber Leser. Aber wenn einer in den Tod stürzt, kann er nicht tiefer fallen als in Gottes Hand? So eine Tafel hätte nicht einmal Beethoven da oben aufgestellt, meuchlings.

Oh Berge, oh Sitten, wann werde ich euch verstehen?

Tag 43 (12.8.2009): Admont – Kematengraben – Scheiblegger Hochalm – Oberst-Klinke-Hütte – Flitzengraben – Mödlinger Hütte. Bewölkt, ab mittags zunehmend mit Sonnensprenkeln. Leider nie wolkenlos, sonst wäre das ein prächtiger Sonnenuntergang in den Kalbling hinein gewesen, samt tollem Alpenglühen auf dem Hochtor. An sich aber gutes Wanderwetter. Achteinhalb Stunden unterwegs, davon sieben auf den Beinen. Tipp des Tages: Wanderung43_MitwanderinHelgaMitwanderer! Sie helfen, sie überraschen, sie sind abwechslungsreiche Sympathie. Ich mag diese Menschen auf meinem Weg.

Keine Blase. Sieben Zigaretten geraucht, zwei Achterl Rot. Hund Niko Poldi war heute sichtlich sehr froh darüber, dass er nach den zwei Ruhetagen endlich wieder auf dem Berg tollen darf. Einzig die Sache mit den Stockerln hat er schlicht nicht im Griff, weil im Wald soviele davon sind. Er nimmt eines, tragt es ein paar Meter, sieht ein anderes, wechselt, schaut aber kurz so, als ob es ihm um das alte leid täte. Das hört nie auf und die Verzweiflung steht ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Aber eben: Er trägt beides mit Fassung, Stock und Stolz.

Wanderung43_NikoMitStockerl

 14.08.2009 | Tags: , , , | 2 Kommentare
 

Blutiges Steak. Tag siebenunddreißig.

Wanderung37_Wolkenmeer„Man muss nicht nur Zeit zum Anschauen haben, sondern die Zeit, es überhaupt zu sehen.“ Mit diesem Satz beeindruckte mich eine der beiden älteren Damen am Hochklapfsattel. Wir waren gerade in einem dieser Kurzrast-Gespräche: Und Sie, aha, von Altaussee, nur so zum Wandern, aha, nein ich gehe länger, ja das ist weit, ja das ist schön, aber kommen wir wieder zu Ihnen. Anfangs plätscherte der Talk mit den beiden. Diejenige mit den viel zu schönen Zähnen verriet, dass sie auf dem Weg zu einer Geschichtenerzähler-Performance am Gipfel des Redenden Stein unterwegs sind. (Ja, toller Name für einen Gipfel, aber er hatte mir nichts zu sagen, als ich vorbei ging.) Und als ich so nachdachte, ob sich aus der Kombination Geschichtenerzähler und Redender Stein ein Wortwitz generieren lässt, kam die andere mit der „Rasten und sich Umschauen ist das wichtigste am Gehen“-Kiste und eben dem Einleitungssatz. Und da schoss sie mir wieder ein, Wanderung37_Hirtendie Weisheit der Älteren: Sich die Zeit nehmen, eine schöne Blume anzuschauen, ist der Komperativ des Wanderns. Aber superlativisch wandert, wer nicht zufällig auf diese Blume aufmerksam wird, sondern vom ersten Schritt an so geht, dass er sie sieht. Sehen muss. Wow.

Das ältere Paar, das ich eine Stunde davor getroffen hatte, suchte zum Beispiel ein Schaf. Seit vierzehn Tagen. Die beiden Pensions-Hirten gehen seit nunmehr zwei Wochen jeden Tag ihre Runden, um das verlorene Schaf mit schwarzem Kopf, ein schönes von einer Versteigerung, zu suchen. Ihr Lächeln und die Antihektik verrieten die beiden ein bisschen: Ihre Suche ist ein Grund, kein Anlass. Sie lieben es, in ihren Bergen zu gehen und sind dem Schaf ein wenig dankbar. Überhaupt schien es an diesem Tag, dass die Ausseer gerne in ihre Berge gehen. Scheinbar waren alle, die ich traf, einheimisch. Nur bei den vier Jugendlichen kurz vor dem Appelhaus war ich mir nicht sicher, ich konnte sie auch nicht fragen, sie sprachen nur Tschechisch.

Wanderung37_WeiseDamenDas dritte Treffen des Tages waren Kühe. Verrückte, entsetzlich depperten Kühe. Eine von ihnen sprintete auf Hund Niko Poldi zu, der sich verhängnisvoller Weise auf Weiden gerne an mich kuschelt. Die Kuh sprintete also auf mich zu. Und wenn gefühlte achttausend Tonnen auf dich zusprinten, läuft ein Film in dir ab: Zuerst schießt dir ein, woher das Tote Gebrige seinen Namen haben könnte. Dann überlegst du, wie sich ein Torero mit Wanderstöcken anstellen würde. Und schlussendlich gibst du Hund Niko Poldi den Befehl zu laufen, quasi Ablenkungsmanöver, und der Kuh den Befehl: „Aus!“ Beide gehorchten. Gerade noch. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich niemandem traue, der einen größeren Kopf als ich hat?

Tag 37 (6.8.2009): Loser Hütte – Karl-Stöger-Steig – Augstwiesenalm (besonders depperte Kühe, wahnsinnig böse zu Hunden, wahrscheinlich etwas Traumatisches) – Albert Appel-Haus – Elmgrube – Pühringer Hütte. Die Tatsache, dass ich seit gestern Abend auf steirischem Boden bin, behandle ich Wanderung37_BlickVonPühringerHüttehier nicht, der gefühlte Grenzübertritt folgt später. Sonnig mit schönen weißen Kuschelwolken. Zehn Stunden unterwegs, davon achteinbisserl auf den Beinen. Tipp des Tages: Legt die verrückten Kühe in Ketten!

Eine stille Blase an der rechten Ferse. Sechs Zigaretten geraucht, ein Vierterl Rot. Weil das war nötig, als ich den Deutschen Andreas auf der Pühringer Hütte traf. Der wanderte die vergangenen Wochen vom Neusiedler See bis hierher. Gemeinsam haben wir den Weg fertig, darauf tranken wir eben. Bad day for Niko Poldi: Nach manigfaltigen (die beschriebene Szene wiederholte sich noch zweimal) Kuhattacken durfte der Hund in der überfüllten Pühringer Hütte nur in der Winterraum-Gaststube schlafen. Durchaus gemütlich, aber einsam. Ihm war es aber offenbar wurst, er lag morgens so da, wie ich ihn abends gebettet hatte.

 08.08.2009 | Tags: , , , , | Ein Kommentar
 

Mitwanderer am Wort. Tag zweiunddreißig.

Wanderung32_NachtwächterStändiger Abschied gehört dazu. Man sieht den Berg in der Ferne auftauchen, besteigt ihn und verlässt ihn, bis er wieder am vergangenen Horizont verschwindet. Oder Menschen: Man trifft sie, führt satte Gespräche und verzichtet dafür auf den Austausch von Telefonnummern. Verabschiedet sich intensiv, aber nur so herzlich wie es eben authentisch ist. Wie auf der Körner-Hütte: Den Mann mit der bemerkenswerten Frisur getroffen, ins Gespräch gekommen, von ihm zu einer Bergmesse im Druiden-Stil eingeladen worden und gestaunt, als der Ex-Gendarm von seinem heutigen Wirken als Welser Nachtwächter und seinem erfüllten Leben sprach. Dann wieder gegangen.

Mit den Mitwanderern ist das ähnlich unaufgeregt. Nur, dass ich sie beim Abschied um eine Reflexion bitte.

 

Michi H. (39 Jahre, mitgewandert von Kufstein bis Lungötz)

„Nun sitze ich im EC „Vorarlberg“ und lasse mich von ÖBB und SBB nach zehn Wandertagen mit Axel und Co. bequem nach Zürich zurück bringen. „Vorarlberg“, wo Axels langer Weg begonnen hat. Die Alternative wäre der „Transalpin“ gewesen, hätte thematisch auch ganz gut gepasst. Sei’s drum, der Zug fährt gerade an Kufstein vorbei, wo mein Mitwandern begonnen hat. Hier nutze ich nun die Zeit um das Ver-Gangene (déja vu) ein bisschen zu reflektieren.

Wie kam ich überhaupt zum Mitwandern? Die Begeisterung bei mir dazu musste Axel erst gar nicht wecken, da hätte er offene Türen eingerannt. Ich war eh’ schon geistig auf diesen Zug aufgesprungen, als er mir das erste Mal mit all seiner Leidenschaft und Intensität von diesem Projekt erzählt hat. Nur noch ein Check der Urlaubsplanung und des Wanderplans und mein Entschluss stand fest: ich gehe mit! Von Kufstein bis Lungötz. Vom Inn zur Salzach. Und noch ein Stück weiter ins Lammertal. Ich bin zwar viel in den Bergen unterwegs, aber die Ecke mit Wilder Kaiser, Waidringer Steinplatte, Steinernes Meer, Hochkönig und Tennengebirge war von mir bisher noch unberührt.

Dann bei der Anreise: Im Panorama-Wagen des EC „Transalpin“ (jetzt kommt der doch noch zum Zug) der Blick steil hinauf in die Lechtaler Alpen, im Wanderung00_MichiHAmHPZeitraffer laufen die ereignisreichen Etappen von den ersten Juli-Tagen wie ein Film ab, nur bei strahlendem Kaiserwetter halt. Dieses blieb uns auch zum Großteil von Kufstein bis Lungötz treu.

Unsere Wege in diesem Abschnitt waren geprägt von steilen, teilweise verwachsenen, dafür umso wildromantischeren Aufstiegen. Von urwaldartigen Märchenwäldern. Von viel Wasser in Bächen und in über lange Zeit im Kalkfels ausgehöhlten Whirlpool-Becken. Von unzähligen steinigen Meilen (statt den im Arbeitsalltag dominierenden Meilensteinen). Und über all dem von den Logenplätzen mit dem Blick auf die Zillertaler Alpen und die gesamten Hohen Tauern. Am beeindruckendsten die glitzernde Gletscherwelt des Großvenedigers und seiner Trabanten und die kühnen Gestalten des Großen Wiesbachhorns und unseres Höchsten – des Großglockners.

All das Erlebte in die richtigen Worte zu fassen, interessante Begegnungen lebendig wieder zu geben, das ist wohl Axels Profession. Emotional geht er dabei überall mit. Sei es mit einem sentimentalen Blick auf das Ver-Gangene. Mit glänzenden Augen auf die hohen Berge nah und fern. Mit Respekt vor tiefen Abgründen. Fluchend, wenn mal was nicht klappt. Vor Glück jauchzend, wenn’s wieder mal “afoch schee is”. Unermüdlich und einfallsreich beim Organisieren der Unterkünfte bzw. beim Umdisponieren, falls es mal nicht so geht wie geplant. Zweifelnd und unruhig, wenn er mit seinem Blog in Rückstand gerät (es ist wirklich hart, so viel zu gehen und täglich darüber einen ausgereiften Blog zu verfassen). Hart zu sich selbst, vor allem dann, wenn es um die Zahnwurzel geht. Nachgebend, wenn eine Lösung für die Zahnschmerzen unumgänglich wird (Axel hat sich lange dagegen gewehrt). Wieder voll da (yesssss!), wenn sich derartige Probleme in Wohlgefallen auflösen. Traurig, wenn sich Mitwanderer verabschieden (müssen) – when it’s over, it’s over. Begeistert, wenn Niko Poldi ins Wasser springt und sich nachher in der Wiese wälzt (Axel überlegt sich dann, wieso er das nicht auch tut). Und überhaupt: dieser Hund Niko Poldi ist Klassenkasperl und Gruppenzusammenhalt in einem.

Gemeinsam haben wir wohl in den vergangenen zehn Tagen oder rund zweihundert Kilometern unsere Liebe zu den Bergen anständig und kräftig ausgelebt. Die Wellenlänge hat eindeutig gepasst. Und jetzt, zum Abschluss meiner Nachbetrachtung, eröffnet sich gerade wieder ein grandioser Blick in die Lechtaler Alpen …

Vielen Dank, lieber Axel! Komm gut nach Wien. Vielen Dank auch an die anderen Mitwanderer Iga, Laszlo, Manu, Marc und Michi F., welche ich alle als liebenswerte Menschen kennen gelernt habe. Jeden auf seine Art.

PS: Als Nachtrag noch der (Bier-)Tipp des letzten Juli-Drittels am Weitwanderweg 01. Einerseits wird im Tiroler Unterland ein hervorragendes Huber-Bräu aus St. Johann ausgeschenkt. Man kann sozusagen getrost “A Hoibe Huba” (!) bestellen. Andererseits gilt im Salzburger Land: immer nach der S-Klasse Ausschau halten: Stiegl. Wohl bekomm’s!

PPS: Keine Blasen.“

 

Michi F. (36 Jahre, mitgewandert von Lofer bis Werfenweng)

Der heilige Jakob am Berg

Letztes Jahr im Herbst war ich Jakobspilger. 800 lange Kilometer in 28 Tagesetappen, von den Pyrenäen nach Santiago de Compostella. Zu Fuß, Wanderung00_MichiFAmHPversteht sich. Die Erleuchtung will schließlich verdient sein.

Erlangt hab ich sie trotzdem nicht. Drei Dinge aber habe ich unter anderem am Jakobsweg gelernt: erstens, beurteile niemanden nur aufgrund seines Aussehens oder seines augenscheinlichen Alters; zweitens, teile dir den Weg zu einem weit entfernten Ziel gut ein und überschätze dich dabei nicht; und drittens, glaub ja nicht, dass Frauen weniger schrecklich schnarchen können als Männer.

Nein, keine Erleuchtung, nur ein wenig mehr Reife hat mir der Jakobsweg gebracht. Ein paar einfache Erkenntnisse über mich selbst, die Menschen und das Leben an sich. Und ein paar magische Momente an ganz besonderen Orten und/oder mit ganz besonderen Menschen. Wieder zuhause war der Alltag schnell wieder da. 60-Stunden-Woche, Großstadt-Hektik, Lifestyle-Hedonismus, alles wie gehabt. Geblieben ist die Sehnsucht nach Entschleunigung, nach Kontemplation auf langen Wegen.

Axel pilgert nicht, er wandert. Sagt er. Ohne große Erwartungen hat er sich einfach aufgemacht und geht von Bregenz nach Wien. Für die Österreich-Werbung. Nachzulesen täglich neu im Internet. So erzählt er es zumindest mehrmals am Tag all den fremden Menschen, die ihm am Weg begegnen. Die staunen dann zumeist und die Frage nach dem Warum wird erst gar nicht gestellt. Aber er erzählt es niemals ohne einen gewissen Stolz, und das lässt vermuten, dass es vielleicht doch nicht einfach so einfach ist, dass vielleicht doch mehr dahintersteckt als der Sommer-Job eines freien Journalisten im Web 2.0 Zeitalter.

5 Tage hab ich Axel bei seinem „Projekt“ begleitet. Von Lofer über Maria Alm bis nach Pfarrwerfen. Durch wilde Schluchten und über grüne Almen, durch das Steinerne Meer und entlang des Hochkönig-Massivs.

5 Tage volle Kanne Österreich, seine Berge und den damit verbundenen Tourismus, oder Fremdenverkehr, wie es früher einmal hieß. 5 Tage Speckbrot und Kas´pressknödel, Buttermilch und Soda-Radler, Lederhosen und Dirndlkleider, spartanische Alpenvereinshütten und Berghotels mit Vollausstattung. Das klingt zwar auch nicht nach Erleuchtung, doch auch hier gab es sie, die magischen Momente an ganz besonderen Orten und/oder mit ganz besonderen Menschen. Das Glühen der Berge, wenn die Sonne untergeht; der grenzenlose Blick auf schneebedeckte Gipfel in weiter Ferne; der frische Schluck aus eiskalten Bächen; Sterne, die ungestört vom schmutzigen Licht der Städte vor sich hin funkeln, dass einem der Mund offen stehen bleibt; die treuen Augen des besten Hundes der Welt (Niko Poldi, ich liebe dich auch!); tiefgehende Gespräche mit den Wanderkollegen (wenn auch nach mehreren Runden Schnaps). Tourismus (fast) ohne Hedonismus, Kontemplation im wahrsten Sinne des Wortes, weil hoch über dem Meeresspiegel. Nach diesen 5 Tagen bin ich mir jedenfalls sicher: Axel wandert nicht nur. Er pilgert doch. Spätestens am Ziel seiner Reise wird er das auch wissen.

Boun Camino, lieber Axel! Dein Michi F.“

Tag 32 (1.8.2009): Lungötz – Scherlreith – Pommer Parkplatz – Stuhlalm – Theodor Körner-Hütte – zurück zur Stuhlam. Ganztags sonnig, sehr heiß, abends bewölkt, die angekündigten Gewitter blieben schon wieder aus. Ich wählte den kürzesten Weg von Lungötz zur Körner Hütte, wo ich schlussendlich eh keinen Platz bekam (dazu muss man sagen: Ich hatte zwar reserviert, aber aufgrund der Ruhetagsverschiebung von Lungötz nach Bad Goisern war ich einen Tag zu früh dran) Gut, dass auf der fünf Minuten entfernten Stuhlalm noch Platz war. Wie alle praktischen Dinge war auch dieser Weg zweckdienlich kurz, aber nicht erstrebenswert schön, weil viel Forststraße. Viereinhalb Stunden unterwegs, davon knapp vier auf den Beinen. Tipp des Tages: Auf der Stuhlalm kommt der Kaiserschmarrn mit marinierten Erdbeeren. Ja, das ist ebenso lecker wie es ungewöhnlich klingt.

Die klitzekleine Blase (linke große Zehe oben) kann sich nicht zum Durchbruch entscheiden. Sieben Zigaretten geraucht, zwei Achterl Wein gezwitschert. Hund Niko Poldi durfte gestern ganz ausnahmsweise im Lager der Stuhlalm schlafen. Und obwohl da drei leere Matratzen gewesen wären, blieb er die ganze Nacht im ihm zugewiesenen Holzboden-Eckerl. Braaaver Niko!

Wanderung32_Abschied

 03.08.2009 | Tags: , , , , , | 2 Kommentare
 

Überbeeindruckt. Tag einunddreißig.

Wanderung31_WegweisererGanz nebenbei: Den Text der Gedenktafel auf dem Weg zur Hackel-Hütte fand ich schön. „Johann Stüdl, einer der Gründer des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, rastete hier, 85 Jahre alt, am 26. Mai 1924, auf seiner letzten Bergfahrt.“ Und ich sage jetzt gar nicht, wie toll unaufgeregt und menschlich diese Erinnerung ist. Weil ich nämlich aufpassen muss, dass ich beim Wandern und Reflektieren nicht ins uferlos Sentimentale abrutschte. Jaja, werte Leserin und werter Leser, das ist auch mir aufgefallen, aber was soll ich sagen: Die Berge und ihre Protagonisten sind einfach schön, regen zu Empfindung an und lassen einen emotional nicht aus. Daher mein Rührung-Tsunami der vergangenen Tage.

Da hat der Text gut gepasst, den mir ein Mitwanderer letzten Sonntag aus der bunten Krone riss und den ich nun endlich gelesen habe: Prof. Dr. Gerti Senger schreibt da über „Liebe in freier Natur“. Die stehe laut Umfragen an „vorderster Stelle der erotischen To-do-Liste.“ Von „Kapriolen schlagender Phantasie“ und Wanderung31_Gedenktafel„lockenden, verträumten Waldlichtungen“ schreibt Doktoressa Senger und dass sich „naja“, ihre Begeisterung für diese außerhäusliche Liebe „in Grenzen hält“. Dass ich das nun weiß, dachte ich. Weil sich diese „Outdoor-Version“ des Aktes im „Ernstfall oft als Strafe, verschärft durch hartes Lager“ und „in den Rücken bohrende Wurzeln und Steinchen, herausstellt“, denkt Senger.

An dieser Stelle befiel mich eine sanfte Angst, auf den weiteren 500 Kilometern kein Wurzelchen oder Steinchen mehr übersteigen zu können, ohne an diese Worte zu denken. Aber dann schwenkte Sexpertin Senger doch endlich um: „Ihr seelisches Paradies können Sie beim Wandern finden.“ Na Gott sei Wanderung31_TennengebirgeDank, Reststrecke gerettet. Wegen der Zweisamkeit, sagt Senger. Und weil „alle angesprochenen Sinne“ kombiniert mit einem „Kuss auf dem Rastplatz“ ein „paradiesisches Glück“ sein kann.

An dieser Stelle befiel mich eine unbändige, satte, bohrende und vernichtende Angst, dass es womöglich immer so klingt, wenn einer über das Wandern schreibt. Dass der Schreiber in den Bergen zwangsläufig scheitert, wenn er seine tief empfundenen Eindrücke, Sentiment und Emotion, in schnöde Worte gießen will. Dass sich der Leser dann denkt: Wuki, vollkommen wuki, der Halbhuber.

Da klingelte es in meinem Kopf: „Johann Stüdl, einer der Gründer des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, rastete hier, 85 Jahre alt, am 26. Mai 1924, auf seiner letzten Bergfahrt.“ Freilich, dafür bekommt man keinen Professor verliehen. Aber das sind Worte, unaufgeregt und menschlich. Nur, ganz genau: Darüber wollte ich ja nicht schreiben. Umpf.

Wanderung31_ErschöpfungTag 31 (31.7.2009): Werfenweng – Dr. Heinrich Hackel-Hütte – Aualm – Lungötz. Ganztags sonnig mit Wolken, recht heiß, die angekündigten Gewitter blieben aus. Schöne Wanderung an den südlichen Hängen, am Schluss am südlichen Fuße des Tennengebirges, oft gute Blicke auf dessen Scharten, aber auch in die Ferne zurück und auf den Gosaukamm. Fünfeinhalb Stunden unterwegs, davon viereinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Zwischen Jochriedel und Lungötz geht man durch das Truppenübungsgebiet Aualm. Auch dort erkennt man den friedliebenden Zustand unseres Bundesheers, erinnert das Gebiet doch an einen Nationalpark. Sehr schön.

Wanderung31_NikoSprungDie klitzekleine Blase (linke große Zehe oben) strafe ich mit Ignoranz. Schon wieder Feier-Abend, diesmal sanfter: Mitwanderer Michi H. und Laszlo verlassen mich, zu dritt tranken wir eine Flasche Wein, alleine rauchte ich zwölf Zigaretten. Zu Hund Niko Poldis großer Freude gibt es bei der Aualm einen kleinen, sauberen Teich. Er ist gesprungen (Hund Niko Poldi springt mit vollem Anlauf vom Ufer Weg und schafft gut zwei Meter), hat sich geschüttelt und im Gras gewälzt, dazu harmonisch gebellt. Wir hatten unser Gaudium.

Wanderung31_NikoNachSprung

 02.08.2009 | Tags: , , , , | 7 Kommentare