Schon ein paar Meter nach dem Graf Meran Haus wusste ich, dass ich den kommenden Ruhetag in Neuberg brauche. Nach ein paar Metern mehr wusste ich, wie dringend. Aber eigentlich wusste ich es ja schon gestern Abend, als mir die Frage nach einer Dusche auf dem Graf Meran Haus mit dem Satz beantwortet wurde: „Wengan Umbau hamma derzeit net amoi Wausser.“ Das war der dritte Abend en suite ohne gescheite Waschmöglichkeit, dazwischen waren Tage voll schweißtreibender Aufstiege, inklusive zweier Gipfel. Es klebte.
Auf dem Weg nach Neuberg potenzierte sich die Lust auf Dusche und Ruhe dann minütlich. Weil diese Etappe ganz grauenhaft mühsam ist. Weil es auf und ab
geht. Weil das Ende nicht in Sicht, sondern immer in der Weite ist. Weil ich auch keine Nahrung mehr mit hatte und mich der erotische Traum der Vornacht penetrant plagte. Wenigstens diese Sorge wurde ich hinter einer Tanne los. Während diese Lust sank, wuchs jene auf eine Dusche. Doch Neuberg war noch immer weit.
Wenigstens hatte ich nach Tagen wieder durchgängigen Handyempfang. Telefonieren lenkt ab, das kennen wir ja vom Autofahren. Also penetrierte ich meinerseits Freunde mit inhaltsleeren Plaudereien. Und eine gute Freundin war bereit, sie eröffnete mir ihre Sorgen, von Jobmöglichkeiten, die ihr die Wahl schwer machen. Von ihren Lebensumständen, die sie gerne anders mag. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Sie hat einen guten Job und könnte einen anderen tollen haben. Sie lebt glücklich und sucht daher das Glücklichere. Ich warf etwas
ein, das wie „Diese Sorgen möchten andere haben“ klang. Sie replizierte gekonnt: „Jeder hat die Sorgen, die er hat.“
Ja, solche Gespräche kennen wir. Aber diesmal stemmte ich mich gegen dieses hingenommene Schicksal, gegen das neuartige Luxussorgen-Wälzen und dagegen, dass wir diese Unzufriedenheit immer mit dem Recht auf die eigenen Probleme rechtfertigen. Diesmal widersprach ich, wahrscheinlich weil ich nach sieben Wochen Reduziertheit diesen Umstand anders sehe, ganz anders. „Wenn wir aber unsere Sorgen nie relativeren, nie versuchen, einen objektiven Blick darauf zu werfen, wie es uns geht. Wenn wir immer auf unser Recht pochen, uns Sorgen machen zu dürfen, bringen wir uns um ein anderes Recht: Das höchste, wichtigste und beste Recht auf eigenes Glücksgefühl. Glücklich kann nur sein, wer einmal Stopp zu immer neuen Sorgen sagt.“ Die gute Freundin lauschte, also schoss ich ein Beispiel nach: „Hüttenwirt Georg sitzt derzeit in seinem Graf Meran Haus mit einem gerissenen Knöchel-Band in einer einzigen Baustelle und erduldet einen richtig miesen Sommer mit schwachem Geschäft. Das berichtete er mir in jedem zehnten Satz. Die neun dazwischen waren immer voll Freude, mit einem Strahlen im Gesicht zeigte er da Fotos, die er macht, wenn Zeit, weil wenig los ist. Er erzählt von seiner leidenschaftlichen Motivation, dass ihm Gäste noch immer Neues auf seinem Berg zeigen können. Neun Sätze lang ist er glücklich. Und nur der zehnte ist eine Sorge.“ Meine gute Freundin gab mir schweigend Recht.
Ich kam, gut in der Zeit aber am falschen Ortsende, nach Neuberg. „Jetzt muss ich noch da durchlatschen“, dachte ich, rief mich aber gleich zur Ordnung. Und siehe da: Auf dem 15minütigen Weg zum sympathischen Landgasthaus Holzer wurde ich alle meine Sorgen los: Ich kaufte die nächste Wanderkarte, Lebensmittel, Hundefutter und Batterien. Es lag alles auf dem Weg und als Draufgabe stellte sich sorgenloses Glücksgefühl ein. Und jetzt werde ich in meiner Regenhose und mit nacktem Oberkörper die Wäsche holen, die auf der Wäschespinne hängt. Dazu muss ich am idyllischen Gastgarten vorbei. Die Gäste werden schauen. Was mir Glückspilz gar nichts macht.
Tag 51 (20.8.2009): Graf Meran Haus – Veitschalmhütte – Veitschbach Törl – Hallegg – Neuberg an der Mürz. Gespenstischer Morgennebel, dann zunehmend klares Wetter, schlussendlich viel Sonne, was die Wäsche beim Trocknen freute. Sechseinhalb Stunden unterwegs, davon fünf auf den Beinen in den Bergen, eine halbe im Ort. Tipp des Tages: Geht man meinen Weg, muss man in Eisenerz Geld und Lebensmittel aufladen wie ein Esel. Denn bis Neuberg
gibt es weder Bankomat, noch Supermarkt. Im übrigens auch keine Duschen auf den Hütten. Aber das ist eine andere Geschichte.
Eine Mini-Blase (Ferse rechts). Elf Zigaretten geraucht, kein Alkohol (ich fühle mich ein bisserl krank) Hund Niko Poldi scheint sich ein bisschen an das Tempo der letzten Gemeinschafts-Wanderwochen gewöhnt zu haben und mag mein jetziges Solo-Marschtempo offenbar nicht. Er ist diszipliniert und trottet nach, aber: Es ist gut, wenn wieder Mitwanderer kommen und mich einbremsen.


An sich wollte ich heute schreiben, dass der nun dominierende Sonnenschein natürlich auch Probleme beim Wandern macht. Aber, ganz genau: Das darf sich einer, der seit drei Wochen über das schlechte Wetter jammerbloggt, nicht erlauben. Idee zwei war eine Hommage an das wunderschöne und erst seit kurzem erschlossene Kaisertal, etwa so: Alle schönen Täler auf meinem Weg scheinen mit K zu beginnen, von Karwendeltal bis Kroßes Walsertal. Sie sehen schon: Da wäre ich nicht weit gekommen, rein humoristisch.
iment: „Das Ver-Gangene, versteht ihr!”
Unterschenkel: „Oh Gott, was mache ich hier? Ich geh ein!”
Tag 22 (22.7.2009): Kufstein – Kaisertal – Stripsenjoch Haus. Durchgehend äußerst sonnig, meist ohne Wolken. Nach der Ankunft lag ich also erstmals bei meiner Wanderung auf einer Sonnenterrasse. Trotzdem: Gegen Abend regnete es. Zwar nur gezählte vier Tropfen, aber genug, um weiterhin sagen zu können: Es gab noch keinen gänzlich trockenen Wandertag seit 1. Juli. Herrliche Wanderung durch ein herrliches Tal, der Hitze trotzte der herrliche Bach. Einzig die letzten beiden Stunden waren von einem sakrischen Anstieg geprägt. Tipp des Tages: Einkehr beim Hans Berger Haus ja. Kaspressknödel-Suppe dort nein. Jegliche üppige Kost dort nein, weil der Anstieg zum Stripsenjoch jeden Schweinsbraten als sündigen Fehler entlarvt.


In den Bergen ist die Luft für Small Talk zu dünn. Das passt gut für mich, weil ich solches Sinnlosgerede auf Wiener Sinnlosveranstaltungen manchmal nach einer Minute mit den Worten „Das ist ein Scheiß-Gespräch, nicht wahr?” beende. Mein Gegenüber schaut dann meist böse, eigentlich immer. Ganz so, als ob es nicht der gleichen Meinung wäre. Lächerliche Situationen sind das.
Ich: „In die ASI-Lodge. Kommen wir da noch bei einem Supermarkt vorbei?”
Am Sonntag wanderte ich dann die bislang mühsamste Etappe, stundenlang nur Forststraße. Und was soll ich sagen: Erstmals zog sich der Weg und mir gewaltig den Nerv. Aber erstmals ging ich mich in eine Trance, jetzt verstehe ich, warum die Menschen am Jakobsweg alle irgendwann einen brennenden Dornbusch oder Erscheinungsäquivalent sehen: Die Ödheit macht dich einfach wukiwuki. Ich beschloss, nie den Jakobsweg zu gehen. Eine Erscheinung hatte ich trotzdem, eine handfeste:
Er: „Da ist mein Sohn gestorben. Da war er 34 Jahre. Herzinfarkt.”
Tag 18 (18.7.2009): Maurach – Steinberg am Rofan mit dem Bus. Als ich in der Früh aus dem Fenster sah, hat es geschüttet, als ob Wasser nix wert wäre. Ab 1400 Meter aufwärts dominierte Nebel, aus dem nur wenige Bergspitzen hervorblitzten. Sie waren schneebedeckt. Folglich wurde aus meiner geplanten Überquerung des Rofan-Gebirges samt Abstieg über einen seilversicherten Steig eine 40minütige Busfahrt. Ach ja: Es regnete bis 23.48 Uhr in der Nacht durch. Gute Entscheidung also, wenn es mir auch um das Rofan leid tat. Tipp des Tages: Die Zimmer in der ASI-Lodge in Steinbgerg haben ein unglaublich gelungenes Innen- und Licht-Design. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, ein Lob dem Innenarchitekten.



