Berge sind in Stein ruhende Toleranz. Sie hüpfen weder mit Demonstrationsplakaten noch vor Parlamenten herum, sie maßregeln die Intoleranten nicht. Sie sind einfach. Und sie sind tolerant. Auf eine derart unprätentiöse Weise, Lessing muss seine Ringparabel in den Bergen geschrieben haben. Es ist den Bergen völlig wurscht, wer auf ihnen latscht. Wer von ihnen fällt oder sich mit ihnen rühmt. Wer auch immer sie bezwingen mag, die Berge merken gar nichts von diesem Kampf. Sie müssen sich nicht einmal rühren, um solche Menschen abzuwerfen.
Das färbt ab. Auch die Menschen werden in den Bergen gleicher. Der eine ist farbig, der andere Zimmermann. Die eine hat Geld, die andere schon drei Achttausender bestiegen. Sie sind alt oder viel zu jung. Siehe Memminger Hütte. Da übernachteten vergangenen
Mittwoch rund 120 Menschen. Ja, das ist eine Menge: Auf dieser Hütte kreuzen sich der Europäische Weitwanderweg 4 (der in Österreich entlang meines Weitwanderwegs 01 verläuft) und der E5: Oberstdorf-Meran in sechs Tagen. Und wie soll ich sagen: Die Wiener Südosttangente ist dagegen wenig befahren. Nein, ich weiß auch nicht, ob es eine echte Gaudi ist, im Gänsemarsch die Alpen zu überqueren, da müsste man Hannibal fragen. Aber das ist jetzt gar nicht das Thema.
Das Thema sind zum Beispiel die vier hannovanischen Jugendkinder zwischen 10 und 19, die spät abends, waschelnass die Memminger erreichten. Ich kannte die Gesichter, sie waren am Vorabend auch in Bach (Lechtal). Dort hatte ich mir schon Geschichten zu ihnen überlegt: Pfadfinder, Jungschar,
mit den Eltern in Urlaub und für zwei Tage auf Erkundungstour. Für etwas Aufregenderes hatte die Szene nicht gereicht, ein Zehnjähriger, eine Dreizehnjährige, ein Bursche und ein Mädchen, die beide wie sechszehn aussehen, alle mit Rucksäcken, an denen Blechhäferl baumeln. Auf der Memminger erzählte mir Julia, dass sie 19 und wie die Lage wirklich ist: „Die beiden Kleinen und ich sind Geschwister, er (der tatsächlich 16jährige) ein Freund von uns. Wir gehen einen Monat, bis Verona.” Auf meinen geistesverwirrter Blick gepaart mit dem gestammelten Wort „Eltern” sagte sie weiter: „Ich musste sie fast ein halbes Jahr überreden.” Ja, aber, äh, ich meine, na sag mal, bearbeiten 19jährige Mädchen ihre Eltern sonst nicht eher wegen einer USA-Reise, einer Schauspielausbildung oder eines
festen Boyfriends, der in einer Dark-Heavy-Gothic-Metal-Band spielt? „Ja sicher. Aber die Berge sind doch toll.” Julia sagte das wie nebenbei.
Die anderen Jugendlichen auf der Memminger waren aus sozial schwierigen Verhältnissen, auch auf dem Weg über die Alpen und Protagonisten einer arte-Doku. Dem dazugehörigen Kamerateam gehörte auch ein Farbiger an. Der plauderte lange mit den beiden ellenlangen, drahtigen Holländern, die vor dem Essen Schach auf der Hütte spielten und danach von ihrer Wanderung erzählten: Amsterdam-Rom. Warum? Warum nicht! Die beiden waren an dem Abend die Surferboys und wurden auch so umschwärmt. Nur die beiden Rumänen schauten nicht verliebt auf sie, ich glaube, die wollten ein
bisschen von der Ehrerbietung haben. Aber mit „sechs Tage durch die Lechtaler” eroberst du auf der Memminger bestenfalls den Kameramann von arte. Das muss die beiden Rumänen demotiviert haben, denn am nächsten Tag wollten sie auch bis zur Steinsee Hütte, aber abends habe ich sie dort nicht mehr gesehen. Egal, ich unterhielt mich dort stattdessen sehr eingehend und intelligent mit dem Deutschen über den Zustand des Journalismus. Was er denn mache? „Ganz einfach erklärt: Zimmermann.” Er ging am folgenden Tag klettern und reagierte auf meine Sorgen über ausgesetzte Höhenwege wie die meisten: mild, aber mit ein bisschen „kein Problem”.
Bei Hosenschissern wie mir stößt nämlich selbst die montane Toleranz an ihre Grenze, siehe Alois. Dabei habe ich es so klar gesagt: Ich gehe wandern. Das ist in meinem Gedankenlexikon: „Wandern, das. Begehen der Berge auf Wegen, die
Platz für beide Füße bieten und aufrechtes Stehen und Gehen erlauben.” Punkt punkt punkt! Und was soll ich sagen: Der Freitag Abend auf der Anhalter Hütte gab mir auf traurige Art recht. (Wo ich übrigens ein vergnügliches Dinner mit den beiden Schwaben Helmut und Christof hatte, die zwei sind Freunde und ehemalige Kollegen, aber in manchen Dinge so unterschiedlich, dass das Gespräch etwas von Kabarett hatte, da Helmut der pragmatische Familienmensch mit ausgeprägter Konsensneigung, dort der investigative No-Kids-Fan Christof mit dem Drang zum widersprechenden anderen Standpunkt) Die unglaublich lebensfrohe und freundliche Hüttenwirtin Carmen (es geht nicht anders: Prädikat abgedrehte Nudel) ist Hamburgerin und vor 21 Jahren wegen eines Pitztalers nach Tirol gezogen. Die Fotos von ihm, mitten im Speisesaal, zeigen den Vollbärtigen als echten Alpinisten, wie ein Double von Reinhold Messner. Auf hohen Gipfeln steht er, das mutig Alpinistische ihm ins Gesicht geschrieben. Unter einem Foto steht „2002″ und „Lawine”. Da hörte ich zwischen all dem Menschenlärm im Saal die Radionachrichten: „Nanga Parpat” und „Österreicher vermisst”. Und der tolerante Hosenschisser in mir dachte sich: Mit mir nicht, liebe Berge, nur mit den Anderen, nicht mit mir! Auch weil er in diesem Moment noch nicht wusste, dass er am nächsten Tag ungewollt und verzweifelt in einem Erdhang hängen und die Berge sagen hören wird: „Anders? Ha, ihr seid doch alle gleich!”
(Anmerkung: Die Menschen auf den Fotos zeigen nicht unbedingt die Protagonisten der Geschichten. Weil einerseits nicht alle davon plakativ dargestellt werden sollen. Und weil die Fotos anderer Menschen, die ich treffe, auch Geschichten haben. Solche, die man nicht gar nicht erst beschreiben muss.)
Ruhetage 2 und 3 (12. und 13.7.2009). Hotel Cube (erfrischend anders, wenn auch mit Schönheitsfehlern) in Biberwier: Zimmer – Frühstück – Lobby mit WLAN – Sonnenterrasse mit Blick auf die Zugspitze – Waschraum mit Trockner – Bar – Zimmer. Tipp des Tages: Wenn die Waschmaschine nicht funktioniert, ärgere dich nicht alleine. Sondern mit dem hessischen Pärchen ohne hessischen Akzent. Keine Blase mehr (!), zu viele Zigaretten geraucht, einige Achtel Rotwein getrunken, Zeit wieder auf den Weg zu kommen.
Hund Niko Poldi, ich vermisse dich. Bist du schon wieder fit? Wie wäre denn dein Comeback in Kufstein?

