Mitwanderer packen aus

Ich habe genug über Regen geschrieben. Und mehr noch: Ich habe überhaupt genug geschrieben. Also habe ich mir das so vorgestellt: Meine Mitwanderer kommen zu Wort. Ich bat sie: „Schreibt über die vergangenen Wandertage und reflektiert in ein, zwei Sätzen den Axel Halbhuber, damit alle Leser einmal ein Fremdbild von mir bekommen.

Was dabei rauskam, ist mir hochgradig unangenehm. Aber wer sich auf ein solches Experiment einlässt, hat eine Pflicht. Also lest hier, liebe Leser. Und erkennt die großartigen Menschen, die mich begleiten, hinter diesen Texten. Ach ja: Ab heute wandere ich bislang allein, etwas traurig und verlassen. Denn Nore, Christian und Laszlo sind schon weg. Ich werde euch vermissen!

 

Christian, Lazlo, Nore und Axel

Christian, Laszlo, Nore und Axel

 

Nore (43,7 Jahre alt, mitgewandert von Lech bis Memminger Hütte)

Präludium
Über seine 108
Kilo Lacht
Der halbe Huber.
Schupft sie ohne weh & ach(t)
Über Gipfel druber.

Auf Axel Halbhuber (im folgenden AH) kann sich das handelsübliche Gehirn keinen Reim machen, daher fällt die Beurteilung seiner & seines Tuns in Prosa aus. Er hat mich heute eine semipermeable, ausgetrocknete Alpinbotanikerin genannt, und obgleich ich ihm mit Fremdwörtern zur Hand gegangen bin, verhehle ich nicht, dass AH ein herausragender Zeitgenosse ist – allgemeingebildet wie wenige, zaacher als die meisten, schlagfertiger als alle. Und maßlos, auf erfreuliche Art beständig seine Lebensmitte befüllend, was ihm unnachahmliche Präsenz verleiht, und hier meine ich nicht verleibt.

Was AH so geeignet macht, jenes Land zu durchwandern, das Wortreiche sprachlos macht, ist seine Fähigkeit zur Emphase. Unter schnoddriger Oberfläche öffnet sich eine Tiefe aus feinen Tönen und allen Farben – die Zutaten, aus denen Erzähler sind. Einen sollte es geben, der uns dieses Land erzählt. Einen Wanderer, der nicht belehren, nicht esoterisch verzücken, nicht fanatisch moralisieren will – nicht einmal botanisch referieren – erzählen soll er es. Kann keiner besser als AH.


Christian (25 Jahre alt, mitgewandert von Lech bis Memminger Hütte)

ist das gehwerkzeug triefend nass, dann ist er grantig, der halbhuber. vor allem, wenn die vom hüttenwirt versprochene trocknung über nacht in der stube nicht stattfindet. der kachelofen ist ja nur zum betrachten da („abr schian is r“) und die heizung unter der bank hat die heizleistung eines magerjoghurts. diesen grant weiß er auch mitzuteilen – zu allererst seinen mitwanderern. da wiederholung ja bekanntlich die aufnahme der transportierten information unterstützt, tut er dies auch mehrfach. und der wirt? der nimmts (zu) gelassen und bedankt sich „recht sakrisch“.

aber er wäre ja nicht der halbhuber, wenn er nicht auch positives kund täte. während des wanderns inne halten und: die augen öffnen. dies geht zumeist ohne worte, manchmal jedoch mit einem einfachen „is des ned afoch schee“.


Laszlo (48 Jahre, mitgewandert von Bregenz bis Steinsee Hütte)

Ein Ungar in den Alpen – eine unwiderstehliche Liebesgeschichte

Einst zeigte unser König Attila Respekt vor der wilden Romantik der Alpen, sein Drang nach Westen war gestoppt und die Hunnenvölker heizten von damals an in der ungarischen Tiefebene ihre Gulyastöpfe. So gibt es keinen ungarischen Schikaiser und bei der Kletter WM in China gewinnen die Österreicherinnen.

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Was also kann einen überzeugten Pannonier in die Alpen treiben? Wenig, sehr sehr wenig. Bei mir waren zwei dieser seltenen Motivatoren am Werk. Zum einen Axel Halbhuber, ein Journalistenkollege, wie man ihn am aalglatten Society-Boulevard-Parkett nur ganz selten antrifft. Ein Mann von Charakter und Leidenschaft. Ein Kaffee mit ihm, ein Mail von ihm, genügten, um mich ein bisserl verliebt zu machen in die Idee, die Alpen, diese mir völlig fremde Welt zu erkunden.

Den endgültigen Kick gab mir nächtelanges Grübeln wegen der unerfüllten Liebe zu einer Frau, die ich sehr enttäuscht habe. Sie, die diese Berge liebt, mich aber nicht mehr, braucht einen anderen Mann, nicht jenen, in dem sich nach 13 Jahren in der schrillen Partyszene wohl einiger Charaktermüll angesammelt hat.

Nach acht Tagen Wanderschaft bin ich schwer verliebt in die Alpen und hier spür ich‘s schon ein wenig, die Berge und das Wildwasser können Deine Seele spülen und diese Berge, diese Luft, diese Ruhe, können Dich obendrein unwiderstehlich machen. Ja, unwiderstehlich, auch sexy und mehr. Auf ganz andere Weise gelangen Menschen zu Strahlkraft durch Faktoren wie Erfolg, Macht oder Geld.

Unwiderstehlich ist auch Axel Halbhuber , und außerdem ein Menschenfischer, seine Köder sind Geschichten. Sein Erfolg wäre es, wenn sich viele Menschen in die Alpen und in das Wandern verlieben wie ich. Vom Alpenfeind zum Menschenfreund. Dafür sage ich Danke, lieber Axel.

Und Danke lieber Axel dafür, dass ich beschlossen habe, auch unwiderstehlich zu werden.

Deswegen werde ich wieder Wandern gehen in die Alpen – Und ich werde so lange gehen, bis ich der Mann bin, dessen Liebe sogar „einemeine” Frau nicht widerstehen kann.

Meine Lieben, nochmals: Danke für die Stunden, Danke für die Begleitung zu Beginn, am schwierigsten Teilstück, und oft im Regen. Hoppala, doch noch Regen im Text.

Tag 8 (8.7.2009): Bach – Taxi ins Parseiertal – Aufstieg auf die Memminger Hütte. Ganz wenig Sonne, aber: Auch ganz wenig Regen, gutes Wanderwetter also. Unfassbar gemütlicher Tag: Dreieinhalb Stunden unterwegs, davon zwei und ein paar Minuten auf den Beinen. Tipp des Tages: Das Gasthaus Post in Bach hat einen tolle Chefs, das Ehepaar Heel. Die haben ein feines Haus, eine gute Küche und eine wahnsinnig liebe und hilfsbereite Art. Eine nur mehr mittelböse Blase (große Zehe Unterseite links), sechs Zigaretten geraucht (Rekord!). Hund Niko Poldi, ich vermisse dich. Aber der Weg, den wir morgen gehen wollen, hätte dich geschafft. Ruh dich gut aus!

 



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 Österreich Werbung am 10.07.2009  |   4 Kommentare

Zeitenblicke

Der erste Rasttag war in Lech und eigentlich nicht notwendig. Denn, tatusch: Es geht mir blendend! Keine Blasen, intakte Gelenke, weniger Schmerzen als bei einer Niederlage der Vienna. Und genau das ist der richtige Zeitpunkt, denn wenn man es soweit kommen lässt, dass man einen Ruhetag unbedingt nötig hat, reicht einer allein eh nicht mehr aus. Nur nicht übergehen!

Noch drei Vorteile brachte dieser herrliche Rasttag in der herrlichen Hotel-Pension Roggal mit ihren herrlich netten Gastgebern: eine Badewanne, eine Massage und ein bisschen Zeit, via Fotos auf den Weg zurückzuschauen. (Nur ausnahmsweise, denn an sich ist dieser Einbahnwanderung so toll, weil der Start immer im Rücken und das Ziel immer vor den Augen, also nix mit Weg nochmal gehen und sehen.)



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 Axel Halbhuber am 06.07.2009  |   13 Kommentare

Menschen in Vorarlberg. Tag vier.

wanderung4_laszlo1Wetterschwankungen haben auch Gutes: Man muss den Plan ändern. Pläne gehören zur Gruppe der Berechnung, Planänderungen zur Gruppe der Befreiung, was jegliche Diskussion darüber obsolet macht, welcher man lieber angehört. Weiters führen Änderungen zu liebsamen Überraschungen. (Ja, natürlich auch zu unliebsamen, aber mit denen rechnet man wieder, also sind sie im Plan). Geht man nun des Gewitters wegen von Damüls nicht wie geplant über die Göppinger Hütte zum Flexenpass, sondern über Schröcken nach Lech, begegnet man Überraschungen. Dem Auenfeld etwa, einem lieblichen Sattel zwischen den beiden Arlberg-Metropolen, wo hinter jedem Baum Frodo Beutlin hervorhüpfen könnte. Und weil die kommenden Tage durch die Lechtaler Alpen für mich ein bisschen Schicksalsberg sein werden (hochalpin, Geröll und Schnee, womöglich Monster), denke ich gerade an die überraschenden Begegnungen mit vorarlbergischen Menschen zurück.

 

Da war die Bregenzerin auf dem Auenfeld Sattel, oberhalb von Oberlech (im Übrigen ist ein Teppichtennisplatz auf einem Skihochplateau mitunter das Dekadenteste, das diese Wanderung bislang zu bieten hatte. Wenigstens die Elite-Karrossen rundum waren stimmig). Sie war freundlich und schien jünger als ihre wanderung4_alpenblumenfanGeburtsurkunde. Und sie hat mich überrascht. Denn sie kanalisierte ihr klassisches Sechzigplus-Mitteilungsbedürfnis in allgemein Wissenswertes statt in Information aus ihrem Leben. (Man kennt das: meine Enkel rufen nicht an, ich nehme gegen Bluthochdruck, die Nachbarn sind) Die Vorarlberger seien nämlich schon Walser, brauchen sich gar nicht einzubilden, eigene Volksgruppe und so. Das sei interessant und Sie, ach Wiener, die sind so Wiener, da brauchen die Vorarlberger gar nicht sagen, die Wiener seien nicht nett. Und die Deutschen seien ihr lieber als die Schweizer. Und Sie gehen bis Wien, na wui, und überhaupt interessiere Sie in den Bergen die Almblumen-Blüte, haben Sie Almrosen gesehen? Kann sein, wie sehen die aus?

Die fröhliche Plaudertasche war anders als die Bregenzer bis jetzt. Ich habe es verschwiegen, aber am ersten Tag schmunzelte ich vor allem darüber:
wanderung4_tennisplatzIch (in der Nähe des Bregenzer Bahnhofs): “Wie gehe ich denn am besten nach Dornbirn?”
Bregenzer: “Mit dem Auto?”
Ich: “Nein, zu Fuß.”
Bregenzer: “Also mit der Bahn?”
Ich: “Nein, zu Fuß.”
Bregenzer: “Mit dem Bus?”
Ich: “Nein, zu Fuß.”
Bregenzer: “Das ist weit. Sicher zwei Stunden.”
Ich: “Ach so, danke.”
(Dieses Gespräch blieb bis zum Bregenzer Stadtrand gleich. Nur der Bregenzer änderte sich)

Aber halt: Franz hat mich und meine Wanderung auch verstanden. Er war auch einer der wenigen, die nicht müde wurden, mich nach dem tieferen Grund zu fragen. Aber zugegeben, Franz hat einen Vorteil gegenüber den meisten: Er ist vom Gasthaus Firstblick ob Dornbirn bis Jerusalem gegangen. Viertausend Kilometer für Israels Frieden. Und als der Kerl mit körperlichem Bodybuilder-Ansatz das in einem sanften französisch-vorarlbergisch-schwäbischen Akzent erzählt hat, mit einem sanften Gesichtsausdruck und einer Stimme, als ob er ein kleines Kind beruhigen möchte, habe ich auf die außenpolitische Diskussion um Israels Friedenswillen verzichtet. Franz, der „Liftarbeiter und im Sommer Rasenmäher, etwas ganz einfaches” war mir sympathisch. Sehr.
Wie auch Sonja, die Freschenhaus-Chefin. Erzählt ungefragt und freizügig über mühsame Verwandtschaft und die Chlorprobleme auf ihrer Hütte. Es scheitere an den Grünen, an wem sonst? (Sagt sie) Warum sie niemandem sagt, dass es einen einfacheren Weg auf den Freschen (sprich: Fröschn) gibt? (Frage ich) Fragt ja keiner. Würde ich alles sagen, ohne dass die Luit fragen, käme ich aus dem Reden nicht heraus. (Sagt sie und gibt den beiden pensionierten Freiweilligen, die eine Wegbefestigung auf den nächsten Gipfel bauen, den Tipp nicht ins Gewitter zu kommen. Das sei blöd, wo sie doch Eisenstangen im Rucksack haben. Die beiden grinsen und wünschen uns für die „höchsten zweieinhalb Stunden nach Damüls” alles Gute. Es waren dann vier.)

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Das alles erinnert mich an meine Abendgesellschaft beim vergangenen Freschenhaus-Besuch: Drei Männer an einem Tisch, drei Themen in einem Gespräch. Sie redeten in einer polyphonen Symphonie so herrlich aneinander vorbei, dass sich eine fesselnde Harmonie ergab, etwa so: Ein Alter erzählte vom Zweiten Weltkrieg und den Flugzeugen. Ein Älterer sagte alles dreimal. (Die Karten müssen ganz neu sein, ganz neu müssen die Karten sein, diese Karten, ganz neu) Und der Deutsche, der vehement und über Stunden hinweg den beiden Eingeborenen klarmachen will, dass es vom Portlajoch bis zur Gävishöhe mehr als eine Stunde ist, das sei falsch angeschrieben. Er sei nämlich an Alpenpflanzen interessiert.

wanderung4_auenfeldAlpenflora! Man kommt immer wieder auf die schönen Dinge im Leben zu sprechen, wenn man sich so durch Vorarlberg bewegt. Gut so, ich danke euch allen.

Tag 4 (4.7.2009): Schröcken – Auenfeld Sattel – Lech. Sonnig, manchmal wolkig, zwei Regenschauer, nächtliches Gewitter. Ur gemütlich: Fünf Stunden unterwegs, davon dreieinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Schau nach links und rechts, vor allem aber sprich mit den Menschen! Keine Blase, vierzehn Zigaretten geraucht. Hund Niko Poldi, ich vermisse dich!



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 Axel Halbhuber am 05.07.2009  |   3 Kommentare