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Archiv für das Tag: leben

 

Errare Fexum est. Tag sechsumvierzig.

Im Sinne eines geordneten letzten Wegfünftels (Jubel, Jubel allerorts!!!) will ich hier und heute einige Fehler aufklären, die sich in das Bild meiner wunderbaren Wanderung eingeschlichen haben. Anbei auch die fotopittoreske Auflösung der rätselhaften Errari.

Irrtum 1: Niko Poldi ist ein lieblicher Hund.

Das ist so nicht richtig. Niko Poldi ist ein lieber Hund, kein lieblicher, dafür lege ich meine Hand ins Feuer, aber ihm nicht ins Maul. Das Bild zeigt deutlich Niko Poldis unendliches Talent als Hauptrollen-Mime im gepflegten Horrorfilm. Die schwarze Bestie kann also auch anders, das ewige Good-Dog-Image ist eindimensional und unzureichend.

 

Irrtum 2: Axel rennt wie aufgezogen.

Ganz im Gegenteil nützt Axel jede Pause aus, um gediegen herumzulehnen. Dabei ist ihm völlig egal, ob die Last seines Nobelkörpers von einem gemeinen Wanderstock oder einem speziellen Mitwanderer getragen wird, Hauptsache Entlastung. Zwar achtet Axel immer darauf, dass dieser Akt der Faulnis (nein, nicht Fäulnis!) nie von einer Kamera gebannt wird, aber wie zu sehen, misslingt das gelegentlich.

Irrtum 3: Laszlo rennt wie aufgezogen.

Der mimische Ausdruck auf diesem Bild beweist, dass auch vierzehn Tage Alpinkur den sympathischen Ungarn noch nicht zum Hunnenkönig machen. Es gilt Ähnliches wie für Axel.

Irrtum 4: Mit knapp 79 ist man alt.

Früher wollte ich aussehen wie Clooney, heute will ich aussehen wie Ferdl. Wenn der Mann sein Hemd ablegt und barbrüstig durch die Berge zieht, dreht sich nach mir nämlich keine Kuh mehr um. Ich meine das ganz ernst: Ferdinand ist mein Beweis für den Spaß nach 66, nicht Udo Jürgends.

Irrtum 5: Der Berg ist nie kitschig.

Diesen Irrtum konnte ich bei der Rast auf dem Radmerhals schlagartig entkräften. Da gibt es diese katholische Gedenktafel und ich nehme mir die Freiheit heraus, diese als den schlimmsten Kitsch zwischen Bisamberg und Großglockner zu bezeichnen. Natürlich macht das ja nix. Aber gesagt gehört es einmal.

Irrtum 6: Wandern ist eine ernste Sache.

Mit dieser sagenhaften Falschmeldung versuchen eingefleischte Bergfexe den ulkigen Stadtwanderer von den schwindligen Höhen fernzuhalten. Denn da oben habe man immer fokussiert und ernst zu sein, wegen der Gefahr, wegen der Ehre, wegen wasweißich. Ich aber sage euch: Auch Spaß muss sein.

Irrtum 7: Die Musikanten sind im Stadl.

Die Musikanten sind immer dort, wo sich die Stimmen erheben. Denn auf Almhütten und Aplenvereinshäusern scheinen Instrumente klimatisch bestens zu gedeihen. Wer also singen will, kann singen. Im konkreten Fall die Runde auf einer Ramsauer Alm.

Was uns zu Irrtum 8 führt: Die Ramsau liegt am Dachstein-Fuß.

Das stimmt zwar an sich schon eh, aber eben nur eh auch: Auch Eisenerz hat eine Ramsau, die ist sehr familienfreundlich und perfekt für den Ausflug zwischendurch. Und als ob es einem die Ramsauen (nicht zu verwechseln mit den Schweinsschnitzerln in Rahmsauce) besonders schwer machen wollen, gibt es in der Eisenerzer ein nordisches Trainingszentrum, wo doch die Dachsteiner für das Nordische bekannt ist. Da kann man das schon verwechseln.

Irrtum 9: „Alpenverein oder Bergrettungs-Förderer? Das brauche ich nicht!“

Da war zum Beispiel dieser eine Mitwanderer, der mir erklärte, er brauche die Alpenvereins(AV)-Mitgliedschaft nicht. Auf der ersten Hütte fragte er, ob ich das Zimmer für ihn mitzahlen könne, wo ich doch den AV-Preis bekäme. Oder anderer Fall: Auf der heutigen Etappe plauderte ich mit Mitwanderern Romy und Peter über die Bergrettungsförderschaft, dass das auch eine Ehrensache sei. Und wie zur Unterstützung ratterte in dem Moment der ÖAMTC-Hubschrauber Christophorus Richtung Felswand Kaiserschild, um einen Kletterer zu bergen. Der war nicht verletzt, sondern nur erschöpft. Gutes Timing, trotzdem bleibe ich dabei: Es ist eine Frage der Ehre.

Irrtum 10: Peter sei kein Steirer.

Freunde belächeln Mitwanderer Peter seit Jahren, wenn er seine steirischen Wurzeln betont. Aber der Mann hat Recht: Wer sich den ganzen Tag auf den Steirerkas freut wie die Wüste auf den Regen und dann so eine Freude im Blick hat, muss Steirer sein. Wuff!

Tag 46 (15.8.2009): Radmer an der Stube – über die Forststraße auf den Radmerhals (der Weg über den Lahngraben ist gesperrt – Eisenerzer Ramsau – Eisenerz. Diesen Weg würde ich als echten Spazierweg beschreiben, stellenweise mit tollem Blick auf die Berge. Und am Ende dieser gemütlichen Wanderung fühlt man sich am besten noch ein bisschen in der Ramsau wohl. Ganztags Sonnenschein. Knapp fünf Stunden unterwegs, davon vier auf den Beinen. Tipp des Tages: Wissen belastet. Irren befreit!

Keine Blase. Elf Zigaretten geraucht, zwei Achterl Rot, zwei Schnäpse (Zur Verabschiedung meiner Mitwanderer Katrin, Peter, Romy und Laszlo). Hund Niko Poldi hat seine Horror-Fratze auf dem Bildschirm gesehen und träumt nun schlecht neben mir. Sich selbst zum Fürchten bringen, das ist Schauspiel vom Feinsten.

 19.08.2009 | Tags: , , , | 2 Kommentare
 

Komm, stiller Tod. Tag achtunddreißig.

Wanderung38_MorgensonneWenn man es vom Loser aus begeht, stirbt das Tote Gebirge langsam. Bis zur Pühringer Hütte wirkt es sogar recht lebendig, steht gut im Saft kräftiger Farben und ist sanft im Gelände. Erst eine halbe Stunde nach der hübschen Hütte am See wird es älter. Die Steine werfen Falten und erinnern an die Gesichter des Alters. Das lebendige Grün weicht einem schalen Weiß. Und bei der mächtigen Steigung Richtung Rotkogelsattel weiß man nicht, ob die Berge röcheln oder man selbst.

Dann ist das Tote Gebirge kompromisslos, gezeichnet, erhaben. Es geht seinem Ende zu und sagt einem nur mehr das Nötigste. Es erinnert an ein Sterbebett, an dem nur mehr bedeutende Worte gesagt werden dürfen. Man geht an der Wanderung38_FaltigeBergeFleischbank vorbei, die vereinzelt durchschimmernden Blumen sind bestenfalls ein letztes Geleit. Und am Temelbergsattel ist alles aus.

Laut ist das Tote Gebirge ja nie, aber hier ist es still. Die gelegentlich rollenden Steine verstummen ehrfürchtig, der Wind flacht ab wie die Herzschlag-Kurve. Der Dachstein schaut aus der Ferne herüber, sein weißer Gletscher erinnert an den Kittel des Arztes, der den Tod feststellt. Kein Ton ist zu hören, da oben ist Totenstille. Ich habe so etwas noch nie erlebt und mache mit, kein Zeiger tickt, kein Puls ist zu hören. Hund Niko Poldi legt sich hin und erweist dem Gebirge die letzte Ehre. Die Szene ist klar und deutlich. Hier, wo man nichts hört, hört man endlich genau hin. Und wird gefangen vom Blick Richtung Osten: Da liegt die Klinser Schlucht, ein Joch aus zwei zusammenstoßenden Schotterfeldern. Sie gleichen dem Tunnel, hinter dem das Licht des offenen Stodertals hervorleuchtet. Hier oben ist Pause.

Wanderung38_TotesGebirge2Später wandere ich zum Priel Schutzhaus und gebe mir zum Leichenschmaus ein Tellerfleisch. An das Tote Gebirge denke ich den ganzen mühsamen Abstieg zurück. Und dann am Ende beginnt das Leben wieder, an einem Sandstrand an der Krummen Steyr. Wo wieder Vögel zwitschern. Wo sich im Wasser unfassbares Blau einen eindrucksvollen Kampf mit durchsichtiger Klarheit liefert. Wo Hund Niko Poldi jauchzt und bellt. Als möchte er die Erinnerung hochhalten.

Tag 38 (7.8.2009): Pühringer Hütte – Rotkogelsattel – Temelbergsattel – Klinser Scharte – Priel Schutzhaus – Hinterstoder. Sonne, Sonne, Hitze zwischen all den Steinen. Die Landesgrenze zwischen der Steiermark und Oberösterreich nimmt man kaum wahr, gut so. Aus dem Schauen kommt man Wanderung38_Temelbergsattelauch so nicht raus: Hier der Dach-, dort der Traunstein. Neun Stunden unterwegs, davon siebeneinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Nach dem mühsamen Abstieg vom Priel Schutzhaus kommt man auf die Forststraße und sollte den Blick stur nach links richten. Da sieht man urplötzlich einen buchtartigen Platz an der Krummen Steyr, sowas hat man noch nicht gesehen. Wer hier nicht rastet, rastet nie. Quasi rastlos.

Eine stille Blase an der rechten Ferse. Sieben Zigaretten geraucht, drei Achtel Rot (erstens gab es acht Mitwanderer für dieses Wochenende zu begrüßen, zweitens ist die Lounge im „Edelweiß Alpin Lodge“ mitunter das Gemütlichste weil sensibel Modernisierteste was ich unterbringungsmäßig bislang auf meinem Weg sah). Was hat sich der Kleine Schwarze verdient, wenn er nach dem Zehnstunden-Tag gestern heute nochmal über sieben Stunden Wanderung38_KlinserSchluchtdurch scharfkantige und heiße Steine läuft? Genau: Einen kleinen Fluss, ein geworfenes Stockerl, Sand zum Wälzen und Zeit für sich.

Wanderung38_NikoInKrummerSteyr

 11.08.2009 | Tags: , , | 2 Kommentare
 

Irrweg ins Glück. Tag vierunddreißig.

Wanderung34_WegweiserIn Gosau habe ich die Abzweigung auf den Wanderweg Richtung Iglmoos Alm verpasst. Ich weiß nicht, ob es an meiner morgendlichen Wirre lag oder an mangelnder Beschilderung. Ist auch egal. Jedenfalls habe ich bald gemerkt, dass die flache Forststraße, der ich folgte, nur parallel zu dem richtigen Weg verläuft. Umkehren wollte ich nicht, man schenkt auf dem Berg keine Höhenmeter her. Ich habe auf dem Plan schon gesehen, dass meine Straße demnächst mitten im Wald ein einsames Ende finden wird, aber der abenteuerliche Schelm in mir meldete sich inbrünstig: „He Alter, jetzt gehen wir seit dreiunddreißig Tagen immer auf dem Weg, den Blick immer nach der nächsten Markierung suchend, da werden wir doch in flachem Gelände ein paar hundert Meter durch das Dickicht pirschen können.“ „Ja aber“, entgegnete ich „am Berg niemals den Weg verlassen!“ „Und immer warm anziehen, nie ohne Schirm aus dem Haus, zur Vorsorgeuntersuchung rennen und abends schon das Wanderung34_Dickicht1Gewand herrichten. Lass uns einmal Piraten sein!“ Wir erreichten das Ende der Forststraße und zogen querfeldein Richtung Berg.

Im meterhohen Gras, na gut: einmeterhohen Gras, wurde der Schelm kleinlaut. Als es mich beim Überklettern eines querliegenden Baumes stummfilmmäßig hinfletschte, verstummte er. Gut so, sagte ich mir und nutzte die Ruhe zum Denken. Weil sich nämlich schon wieder eine Lebenserkenntnis aufdrängte: Wenn man auf einem Irrweg ist, weiß man nicht, wo man ist. Am richtigen Weg ist man sich sicher, aber der Irrweg kann dieser oder auch ein anderer Weg auf der Karte sein. Man ahnt es höchstens, etwa so: Wanderung34_Dickicht3Aha, das ist jetzt eine Kurve nach links, na das wird wahrscheinlich der, naja, vielleicht aber doch, da oder nein, weiß nicht, na glaube schon.

Die lebensnahe Frage dazu: Wie weit geht man auf einem Irrweg, in der Meinung, dass auch er an das Ziel führt? Oder überhaupt an ein Ziel? Wie lange sucht man Gewissheit, bis man dann doch umkehrt? Wann werden Entdeckungssinn und Pioniergeist zu Sturheit und schlussendlich zum Unglück? Wann zieht man die Notbremse? Wie lange darf ein Job unglücklich machen, bis man erkennt, dass es nicht am eigenen Willen durchzubeißen liegt? Wie lange kämpft man um eine Beziehung bis wieder gute Zeiten kommen? Wann führt sich der persönliche Kleinkrieg gegen den inneren Schweinehund ad absurdum, weil man eben einfach lieber dick bleibt?

Wer erklärt einem eigentlich die Grenze zwischen Leichtsinn und Disziplin? Wann gibt man zu Recht auf?

Wanderung34_WildsuppeNein, werte Leserin und werter Leser, diese Fragen haben kaum mit mir zu tun. So schnell öffne ich mein Innerstes nicht. Wobei, und das möchte ich auch einmal sagen: Wir kennen uns schon ganz gut.

Epilog: Ich habe nach einer halben Stunde wieder den richtigen Weg erreicht. Der restliche Tag war von einer wunderschönen Wanderung gesegnet. Und als es eine Stunde vor dem Ziel zu schütten begonnen hat, habe ich weder einen Unterstand gesucht noch mich eingemummt. Ich habe genossen, am richtigen Weg zu sein. Samt Regen.

Post-Epilog: Vom Baumsturz blieb ein mächtiger blauer Fleck am Knie. Und die Erkenntnis, dass es sich gelohnt hat.

Tag 34 (3.8.2009): Gosau – durch wegloses Dickicht zur Iglmoos Alm – Goiserer Hütte – Bad Goisern. Bewölkt, nebelig, kühl. Und die letzte Gehstunde des Tages hübsch regnerisch. Hat aber gar nichts gemacht, es war schon lange nur mehr trocken. Ich habe nur den Rucksack eingehüllt und den Regen genossen, wirklich! Fünfeinhalb Stunden unterwegs, davon knapp fünf auf den Beinen, eine davon allerdings beim Wegsuchen. Die Wanderung ist wirklich Wanderung34_Knieschön, besonders die unfassbar idyllische Schartenalm faszinierte mich. Gleich danach fiel der Nebel ein, aus dem die sehr schöne, angeblich auch mit herrlichem Ausblick gesegnete Goiserer Hütte auftauchte. Die Menschen dort waren so nett, dass sie es locker zum Tipp des Tages bringen würden. Wenn sie nicht eine so leckere Wildsuppe kochen würden, dass nur mehr Platz 2 frei ist.

Blasenfrei. Sieben Zigaretten geraucht, kein Alkohol. Hund Niko Poldi genoss den Regen nicht. Er schüttelte ihn alle fünf Minuten ab, schaute mich an und sagte wortlos: „He Alter, wir gehen jeden Tag, ist okay. Aber das ist nicht dein Ernst, oder? Weil das ist nass und das habe ich nicht gebucht.“

 05.08.2009 | Tags: , , , | 3 Kommentare
 

Drum schweige, wer etwas zu sagen hat. Tag dreißig.

Mir ist das Alter begegnet. Wie sooft auf meiner Wanderung, diesmal auf dem Weg von der Erich Hütte zum Arthur Haus. Kein exorbitantes Alter, sondern ein jugendliches. Sieben Frauen und Männer über sechzig. Auf einer Wanderung30_WegZumArthurHausAlmhütte zur Rast. Sie waren vergnügt und lachten. Sie wirkten zufrieden mit dem Wetter, den Bergen und sich selbst. Sie sangen einfach so ein Lied, mehrstimmig und kunstvoll, dabei vollkommen unprätentiös und zum Panorama der klaren Hochkönig-Felsen passend. (höre dazu den Phonecast Nummer 12) Sie störten die anderen Gäste nicht, aber nahmen sie durch das Singen ohne Gesten in ihre Runde auf. Sie genossen die Welt und ließen sie an sich teilhaben.

Und ich weiß nicht, ob es an der märchenhaften Naturszenerie lag oder an meiner grundsätzlichen Sympathie gegnüber Wiener Volksdichtern: Mir fiel Ferdinand Raimund ein. Der das Hohe Alter sprechen lässt. Das sich dem Bauer Fortunatus Wurzel aufdrängt, ihm keine Ruhe gibt und keine andere Wahl, als sich vom Alter beseelen zu lassen. Das ihm durch sein eigenes Tun und wortlos den Rat gibt, sein Leben anders zu leben. Um mehr Freude zu genießen.

Wanderung30_SängerrundeSooft ich ältere Menschen auf meinem Weg treffe, sooft habe ich das Gefühl, sie sagen mit etwas, ohne es auszusprechen. (Simon & Garfunkel nennen das in „Sound of Silence“ „talking without speaking“) Sie prahlen nicht mit ihrer Weisheit. Auch weil es dieser Weisheit innewohnt, nicht zu bekehren. Sondern einfach zu singen, ohne Rücksicht auf peinliches Gekicher. Dem wiederum der Neid innewohnt, dass man selber nicht auch manchmal einfach lossingt. Sie nehmen sich heraus, auf der Alm zu sitzen und die Gipfel anderen zu überlassen. Weil sie durch ihre Augen eine größere Fernsicht haben als von da oben.

Wer Raimund mag, neigt wahrscheinlich zum ausgeprägten Sentiment, das ist mir schon klar. Und hier oben, mitten zwischen Kuhfladen und Bergwegen, will ich mich auch gar nicht dagegen wehren. Überließe mir die Märchenfee einen Wunsch, würde ich sagen: „Ich möchte empfinden wie diese Menschen und mit ihrem Wissen durch die Welt gehen. In meinem übermütigen Körper. Mit meiner jugendlich inbrünstigen Stimme tatsächlich lossingen. Genießend, dass die Welt mich für verrückt erklären könnte.”

Wanderung30_KuhAufWegTag 30 (30.7.2009): Erich Hütte – Arthur Haus – Pfarrwerfen – mit dem Taxi nach Werfenweng. Sonnenschein bis mittags, dann zunehmend bewölkt und windig, fast bis stürmisch, Regengüsse ab 17.05 Uhr. Um 17 Uhr hatten wir Pfarrwerfen und das dortige Wirtshaus erreicht, grins. Sehr malerischer und einfacher Hangweg, ab dem Arthur Haus teils wilder Hangabstieg. Acht Stunden unterwegs, davon sechs auf den Beinen. Tipp des Tages: Der gute Schnaps im Wenger Alpenhof, Werfenweng. Das erinnert mich an einen Nachtrag: Auch der Enzian-Honig-Schnaps am Ingolstädter Haus ist einen Ausrutscher wert. Schmeckt wie Hustensaft für Große. Toll.

Eine klitzekleine Blase (linke große Zehe oben, die ist überhaupt das Blasenmekka), Feier-Abend: Der halbe Weg ist geschafft und Mitwanderer Michi F. verlässt uns nun, es wurde also spät. Daher neunzehn Zigaretten, drei Achterl Rot und fünf Schäpse. Und ja, das ist interessant: Von drei Uhr bis acht Uhr zu schlafen entspannt mich mehr als von Mitternacht bis sechs Uhr. Hund Niko Poldi hat auf effizientes Gehen umgestellt, läuft nicht mehr vor und zurück, sondern trottet in unserem Tempo. Schlaues Wautzi.

 31.07.2009 | Tags: , , , | 11 Kommentare
 

Der Heilige Laurentius. Tag siebenundzwanzig.

So ist das: Am Ende des siebenundzwanzigsten Tages hatte ich plötzlich zwei Erscheinungen. Zuerst stand Laszlo vor mir. Ja, genau der Laszlo, der geländegängige Ungar, der mich die ersten zehn Tage begleitet hatte Wanderung27_NikoGeschultertund jetzt einfach auf der Terrasse des Ingolstädter Hauses ums Eck bog. Der Laszlo, dessen Liebesgeschichte in meinem Blog so viele neugierig gemacht hatte, wer dieser Laszlo denn ist. Nun, was ich sagen kann: Er ist einer, der nach Lofer fährt, auch wenn er mich telefonisch nicht erreicht. Der auf den Berg geht, auch wenn er nicht sicher ist, ob er mich dort trifft. Und der durch diese sympathisch sture Überzeugung zur Überraschung des Tages werden kann. Dieser Laszlo ist wieder dabei, womit wir nun fünf wandernde Freunde sind: Laszlo, Michi F., Michi H., Axel und Niko, der Hund.

Als wir da in den sonnenbestrahlten Felsen des Ingolstädter Hauses saßen, erschien uns der Heilige Laurentius. Der ist 27, geht von Klosterneuburg Weidling nach Santiago. Jakobsweg ab der Haustüre, ohne Geld, Wanderung27_Großglocknernächtigen bei Bauern, im Rucksack fast nur getrocknete Melanzani. Wenig wunderlich, dass wir mit ihm reden wollten. Hier die Essenz des Gesprächs.

Warum gehst du den Jakobsweg, wenn es doch in Klosterneuburg ein Stift gibt?

„Dort sind wohlbeleibte Chorherren, das ist eher ein finanzielles Imperium. Aber ich bin hingegangen, habe es zur Weidlinger Kirche geschafft. Dann bin ich nach Mariazell gegangen. Und jetzt erweitere ich lediglich den Radius. Aber es geht gar nicht um die Kirche.“

Warum dann Santiago und nicht, sagen wir: Novosibirsk?

„Mir hat jemand eine Muschel geschenkt und gesagt, warum gehst du nicht den Jakobsweg? Ich könnte eh überall anders hingehen, aber Spanisch und Französisch liegen mir mehr als Russisch. Ich bin einfach gegangen, zuerst bis Maria Ansbach, dort war mein Kartenmaterial Wanderung27_Laurentiuszu Ende und ich hatte dort die letzte Person, bei der ich nächtigen konnte. Dann habe ich mir gedacht: Jakobsweg.“

Dieses Abenteuer des Heiligen Laurentius begann vor Jahren, mit einem Ausflug zum Wilden Kaiser und einer plötzlichen Krankheit ebendort, mit viel Durchfall und dem resultierenden Gereinigt-Sein, mit folgendem zweitägigen Gehen und nur fünf getrockneten Marillen Nahrung am Tag. Mit totaler Entleerung und dem guten Gefühl, nicht gefangen zu sein, in dem „stagnativen Leben zwischen zwei Häusern, nämlich der Universität für Jazzgesang und der Baustelle eines Hauses, in das einmal die gesamte Familie ziehen soll, insgesamt neun Menschen“, mit der Idee außerhalb dieser zwei Gefängnisse zu sein.

Was erwartest du dir vom intensiven längeren Gehen, wenn diese zwei Tage schon so erkenntnisreich waren?

„Stabilität. In den zwei Tagen habe ich gemerkt, wie schön es ist, ohne Haben nur zu sein. Ich habe sieben Geschwister und wenn neun Menschen um einen Gulaschtopf sitzen, lernt man schnell zuzugreifen. Hier am Weg esse ich an einer getrockneten Marille zehn Minuten.“

Wo willst du ankommen?

„So ein Weg hat viele Komponenten und ich will ihn um keine Komponente beschneiden. Ich gehe ihn nicht, um ihn durchzuhalten, weil ich das die ganze Schulzeit gemacht habe. Ich will ihn voll gehen, das habe ich in der Schule nie gemacht. Und ich möchte also viel mehr auf meine Intuition hören, auf die Frage, ob ich jetzt etwas für den Alltag gelernt habe oder nur, durch die Lande zu gehen? Da geht es auch um Erdung und Rhythmus.“

Was erwartest du dir, wenn du in Santiago ankommst?

(lacht) „Einen Riesenrummel, sonst nichts.“

Wie heißt der Trieb, der dich zu alledem veranlasst?

„Das totale Raus. Eine Nonne hat einmal gesagt: Weisheit wartet jeden Tag vor deiner Türe.“

Wanderung27_BeimAufstiegOhne Geld, angewiesen auf Andere, der eigene Weg ohne Kompromisse – dein Gehen strotzt vor Egoismus. Hast du keine Angst, dass deine Freundin sich trennt?

„Ich glaube nicht an Trennung.“

Was, wenn sie daran glaubt?

„Das Lebensmodell in unserer Gesellschaft ist so: Wir gehen zuerst alleine, dann zu zweit und schlussendlich als Gruppe, Familie. Aber vielleicht habe ich bei diesem Modell etwas übersehen. Denn Einzelhelden gibt es nicht mehr.“

Ja, der Bub wirkt gesalbt. Nur das Lächeln verrät den Heiligen Laurentius ein bisschen, wenn einer seine Reise mit „oarg“ oder „pfau“ adelt. Das gefällt ihm und dann wird er zum Einzelhelden. Er versinkt darin, dieses Fremdbild zu inhalieren. Er verwendet dann Worte wie „Dualität“ und sagt Sätze wie „Das Leben ist die Kompensation des Lebens“ oder „Der Tod ist die Kompensation des Lebens.“ Spätestens da bin ich auch versunken, im Steinernen Meer. Des Gespräches wegen. Oder des Rotweins. Aber der kompensierte sich ganz durch sich selbst.

P.S. Wir haben den Heiligen Laurentius auf die Übernachtung eingeladen. Und auf ein Essen. Damit hat er sich den Verzehr einer weiteren getrockneten Melanzani erspart. Und wir uns deren Anblick. Der Gesalbte hat es uns gedankt, indem er bei unserem Abmarsch in der Früh für uns gejodelt hat. Und das war dann wirklich schön.

Tag 27 (27.7.2009): Hirschbichl – Kaltwasserstube – Kaltbrunnalm – Dießbachstausee – Ingolstädter Haus. Sonnenschein, wol-ken-los! Sieben Stunden brutto, davon nur fünf gegangen. Denn das Wichtige beim Gehen ist ja das Stehen. Und ehrlich: Wer freien und klaren Blick auf den Großglockner hat, hält gerne inne. Tipp des Tages: Eindeutig die Sonnenfelsen neben dem Ingolstädter Haus. Hinsetzen und bis zum Sonnenuntergang verharren! Keine Blasen, neun Zigaretten, ein Vierterl Rot (übrigens sehr gut).

Was ist schwarz und schläft, sobald wir auf der Hütte sind? Richtig: Hund Niko Poldi ist müde. Aber keine Angst, er ist noch immer fit und vergnügt, versucht nur seine Kräfte für Schneefeld-Tollereien zu sparen. Außerdem habe ich heute für eventuelle Leitern im Abstieg geübt, den Hund zu Schultern. Ich habe nun eine Schramme im Gesicht und Hund Niko Poldi keine Angst mehr vor dem Schultern.

Wanderung27_MitwandererMichi&MichiVorStausee

 29.07.2009 | Tags: , , , , | 3 Kommentare
 

Tag vierundzwanzig. Oder: Drei Blickwinkel.

wanderung24_stallenalmDer Wirt der schnieken Stallenalm grinste das Grinsen des Einheimischen. Er stand in seiner fleckenlosen Leserhose vor uns, das Flinserl blitzte am Ohrläppchen. Der Klemmerichsteig zur Loferer Alm, das sei kein Weg. Die Forststraße sei bekömmlicher. Wir mögen keine Forststraßen, also gingen wir den Klemmerichsteig. Und wie soll ich sagen: Der blanke Urwald, wunderschön. Genau das suchen Stadtmenschen auf dem Berg. Beschwerlich? Nicht, solange man den Blick hat, wo er hingehört. Zwischen regelmäßigen Schönheitsbekundungen dachte ich über den Wirt nach: Wieso sagen dir die Tiroler im Oberland beim seilversicherten Weg über Felsen, man könne ihn mit dem Rollstuhl rauffahren? Und im Gegenzug wird man hier unterländisch auf die Forststraße empfohlen, sobald der Weg nicht Turnschuh-tauglich ist? Hätte ich mir jüngst nicht den Superlativ an sich verboten, wäre der Klemmerichsteig nun der schönste Weg meiner Alpin-Historie. In meiner Welt gehörte er unter Natur- und Denkmalschutz gestellt und als wahres Naturerlebnis beworben, warum ist er dem Stallen-Chef ein Hindernis? Und dann fiel es mir ein: Wegen des Blickwinkels.

Wie das mit neuen Erkenntnissen so ist, wurde diese Antwort alsbald bestätigt. Im großartigen Haus Gertraud auf der großartig gelegenen Loferer Alm. Da saßen wir – meine Mitwanderer Manuela, Michi und ich – nach dem Essen bei der zweiten Flasche St. wanderung24_hausgetraudcheffreundLaurent. Jaja, das musste einfach mal sein. Aber darum geht es jetzt nicht.

Denn am Nebentisch saß Gertraud-Chef Peter, vertieft in der dritten Falsche Weißwein und einem Gespräch mit seinem Freund. Beide Bayern, beide pfundig. Ich weiß nicht, worüber die beiden davor sprachen, aber dann kamen wir ins Plaudern. Und nach fünf Minuten wusste ich über diese beiden Männer in den bestenserhaltenen 60ern, dass sie 46 beziehungsweise 47 Jahre verheiratet sind, vier beziehungsweise fünf Kinder haben und sieben beziehungsweise zwölf Enkel. Die genauen Anzahlen habe ich mir so gut gemerkt, wie zwei Flaschen schweren Rotweins es eben erlauben. Aber das weiß ich noch ganz genau: Ich habe die beiden gefragt, was sie zu meiner Generation sagen, wenn sie keine Kinder will, weil dann das eigene Leben vorbei sei. Oder nur eines und das möglichst spät. Noch genauer weiß ich, was sie geantwortet haben: Das kann man niemandem erklären, der sein eigenes Kind noch nicht im Arm hält. Dass man nie möchte, dass die Kinder groß werden. Dass sie traurig sind, weil ihre jüngsten Enkel jetzt auch schon sieben sind und jetzt etwas fehlen würde. Dann haben sie die vierte Flasche aufgemacht und ein bisschen verklärt geschaut. Beide randvoll mit groß- und väterlichem Stolz. Und mit Leben, dass die schummrige Stube gestrahlt hat. Blickwinkel.

Eine liebe Freundin hat an dem Tag noch zu mir gesagt, wie sehr sie sich darüber freue, dass ich die Wanderung wirklich schaffe. Und dass sie schon skeptisch gewesen wäre, körperliche Verfassung und so. Aber sie wisse, warum ich das so durchziehe: Wegen meines Zugangs, mental. Wegen des Blickwinkels.

Wie soll ich sagen: Was soll ich da noch sagen?

 

Tag 24 (24.7.2009): Straubinger Haus – Steinplatte – Klemmerichsteig – Loferer Alm. Sonnig-wolkig, abends Dauerregen. Und noch immer kein gänzlich trockener Wandertag seit 1. Juli. Sieben Stunden unterwegs, davon sechs auf den Beinen. Tipp des Tages: Glaube nie einem Hüttenwirt in fleckenloser Lederhose, dass die Forststraße schöner ist. Er meint schlicht „unspektakulärer”. Und: Auf der Loferer Alm sollte man im Haus Gertraud schlafen, des Essens, des Ambientes oder schlicht der Gastfreundlichkeit wegen.
Eine Blase an der rechten Ferse, unproblematisch. Zehn Zigaretten geraucht, mit den Mitwanderern zwei Flaschen (pssst!) St. Laurent gezwitschert. Bundesland-Begrüßung sozusagen.
Hund Niko Poldi hat seit zwei Tagen nur Frischgekochtes wie Nudeln mit Würstel bekommen. Fazit: Ich wäre gerne mein Hund.

 26.07.2009 | Tags: , , , , | 4 Kommentare
 

We have a dream. So yes, we can.

Ich wollte gestern an sich über meine finale Pack-Schlacht schreiben. Ich wollte. Den ganzen Tag über. Aber was soll ich sagen: Wenn man die Behausung auflöst. Wenn man den Rucksack, den man seit Wochen vor sich herschiebt wie einen kasachischen Kärntenurlauber mit schiefer Nase (sprich: von einem Eck ins andere stellt), endlich doch packt, aber nur weil man muss. Wenn man noch eine Reservierung für die ersten Hütten am Weg und noch ein Rezept für ein entzündungshemmendes und schmerzmilderndes Medikament ertelefonieren muss. Dann kommt man nicht zum Schreiben.

Auch nicht zum Luftholen, aber das ist eine andere Geschichte.

Ich bin dann gestern Richtung Kärnten gefahren, aber nur bis Graz. Auf dem Weg noch Freunde besuchen, quasi letztes Abendmahl. (Das ist jetzt stilistisch ein bisserl von Wolf Haas gestohlen, quasi Entschuldigung) Und jetzt kommt es: Ich schreibe gar nicht übers Einpacken. Gar nix über meine unfassbare große Freude, dass mein hin-, her- und fast abgeschobener Rucksack samt Technik (digitale Spiegelreflexkamera, GPS, Handy und Mini-Laptop – hier übrigens ein kurzes aber inbrünstiges Hoch auf das HP 2140 Mini-Notebook: formvollendet, federleicht und saugut, sowie auf den Datenstick von Orange: formvollendet, federleicht und saugut. Natürlich alles samt stromversorgendem Kabelsalat) völlig überraschend nur unfassbar leichte 12,3 Kilo wiegt. (also pro Wandertag nur 0,246 Kilo, ja natürlich ist das falsch gerechnet, liebes Lesermathegenie, es sind vielmehr 615 Tageskilo, aber ehrlich, was macht da jetzt mehr Lust aufs Wandern?) Gar nix über die 15 Zentimeter Restplatz im Rucksack, obwohl sogar die schwereren Bergschuhe und das gesamte Notfallsbiwak-Klettersteig-Sicherheitshalber-Das-Auch-Noch-Equipment schon drin sind. Ich schreibe lieber über besuchte Freunde.

bauernhof_harald1Die haben sich dereinst kompliziert verliebt, er Wien, sie Graz. Er pendeln, sie doppelt alleine erziehend. Er Lehrer, sie Doktoressa. Er frische Trennung für die Liebe. Dann haben sie gemeinsam einen alten Bauernhof gekauft. Alt im Sinne von Planierraupe, nicht im Sinne von Roseggers Waldheimat. Damals war Herbst 2006. Jetzt gibt es dort Pferd, Gänse, Hühner, eine Kuh (die übrigens am Muttertag kalbte), aber auch neue Wandteile (wo das alte Holz vermorschte), ein repariertes Dach, ein Badezimmer, eine Stube mit mühsam eingezogenem uralten Holzpfosten als Deckenträger, Pflastersteine vor der Türe, eine schnieke Edelstahl-Küche. Aber nicht, dass man jetzt glaubt: Beide arbeiten nach wie vor in ihren Jobs, sie gehen allen Pflichten total nach. Aussteiger sind sie höchstens nach Dienstschluss. Ach ja: Und davor, manchmal ab fünf Uhr morgens.

Der Punkt ist: Sie machen es. Sie leben den Traum. Sie haben den Bauernhof nicht nur gekauft, sie machen ihn zu ihrem Leben. Andere wollen es machen und reden am Ende davon, wie toll es gewesen wäre. Einen Bauernhof kaufen, eine Weltreise machen, mit den Walen schwimmen, ein Iglu bauen, ein Instrument oder eine fremde Sprache lernen, wasauchimmer: Im eigenen Wunsch vollkommen und restlos aufzugehen, das ist doch mal ein Motto fürs Stammbuch.

Proklamation: Ich verabscheue das Könnte und plädiere für das Tun.

Jetzt sitze ich wieder im Auto, diesmal bis Kärnten. Das verwirklichte Idyll hinter mir. Meinen eigenen Traum vor mir. Der Rucksack neben mir. Er ist derzeit fast mein bester Freund. Wäre da nicht Hund Niko Poldi. Der tut übrigens so, als ob ihm wurst wäre, was da auf uns beide zukommt, daher auch nichts dazu sagt. Aber das Glänzen in den Augen, das verrät ihn.

 28.06.2009 | Tags: , , , , , | 13 Kommentare