Ich muss das hier einfach loswerden: Umso tiefer man in den Wiener Speckgürtel eindringt, umso näher man dieser Stadt kommt, desto mehr riecht das Leben nach Alltag. Mit allem was dazu gehört. Jawohl, ich darf das sagen, ich bin schließlich Vollblutwiener: Ich stehe auf urige Heurigen, bekomme beim Singsang der choralen Matrosenknaben feuchte Augen und habe schon mal am Naschmarkt Obst gekauft, dessen Namen ich nicht aussprechen kann. Wien, du liebst mir und ich liebe du. Das wissen wir beide. Aber gerade eben clasht mich deine Kultur ganz gewaltig.
Natürlich kann ich das nicht objektiv belegen, da brauchen Sie gar nicht erst weiterzulesen. Wie immer liegt es im subjektiven Detail: In Telefonaten (die jetzt übrigens wieder dauerhafter möglich sind, da wären wir beim ersten Punkt) geht es plötzlich zum Beispiel um Kleidung. Gewand. Stil beim Anziehen. Da kann man sich eh schon denken: Ich habe es in den vergangenen Wochen ganz großartig genossen, von meinen drei Leiberln, Boxershorts und Sockenpaaren
einfach immer die anzuziehen, die am wenigsten streng rochen. Der Stil spielte da eine Rolle so untergeordnet wie ein Sadomaso-Sklave.
Dann werden die Menschen, naja sagen wir: organisierter. Hält der Termin eh? Hatten Sie noch was aus der Minibar, ah ja Mannerschnitten, macht noch eins zwanzig bitte? Schick‘ mir das per Mail? Ich plane jetzt auch so eine Wanderung, wie kommt man denn zu Sponsoren? Irgendwie schlägt mir das alles auf den Magen. Nicht dass ich gleich einen Kübel brauche, aber hätten Sie wenigstens ein kleines Sackerl? Sie können es mir auch per Mail schicken. Aber kommen wir zu Schönerem: Die unfassbare Romantik des Wienerwalds.
Den zu durchwandern ist nun tatsächlich eine Wonne. Ich tat das heute mit der sehr lieben Freundin Susanna und ihren großartigen Kindern Hannah und Philip, dem schon gestern ausgelobten Friedrich Fritz und einem Mitwanderer, den ich hier anonym sein lasse. Er verkörperte für mich nämlich eben das Wienerische, wegen dem ich mir gerade überlege, ob ich nicht vielleicht etwas Wichtiges in Bregenz vergessen habe. Ach so ja, Romantik: Peilstein, Ruinen, Höhlen, Helenental, Mayerling, Gott ist das alles hübsch, spazieren Sie da auch mal durch!
Ich muss noch was zu Wien sagen: Bitte, meine geliebte Heimatstadt, die ich nie tauschen würde, komm mir nicht ganz so, wenn ich dich morgen wieder betrete. Nimm mich in deine schönsten Arme und streichle mir durchs Haar. Halte deine charmante Urbankomik noch ein bisschen fern, schick deine Großstadtseite auf die Donauinsel und gib mir ein, zwei Tage. Möge dein großartiger Grant mich noch ein paar Tage verschonen und deine liebenswert schlitzohrige Geschäftemacherei mich übersehen. Begrüße mich mit „Derfs a bisserl mehr sein“ und „Nur kane Welln“, sonst muss ich mich noch amoi ein bisserl über die Heisa haun. Bussi, ich freue mich auf dich.
Tag 58 (27.8.2009): Weissenbach an der Triesting – Peilsteinhaus – Mayerling. Sonne und recht trockene Hitze. Das ist echtes Wanderspazieren, für die Augen, für die Beine, es ist schön. Für Kinder, Familien und Genießer. Sechs Stunden unterwegs, davon dreieinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Mit Kindern gehen, die schauen sich das anders an.
Keine Blase. Neun Zigaretten geraucht, kein Alkohol. Hund Niko Poldi feierte heute sein zweites Comeback. Er will weitergehen, allerdings bei tieferen Temperaturen. Heute legte er sich zur Kühlung in eine Gatschlacke. Aber er sah so zufrieden aus, was soll ich tun?





