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Archiv für das Tag: knie

 

Irrweg ins Glück. Tag vierunddreißig.

Wanderung34_WegweiserIn Gosau habe ich die Abzweigung auf den Wanderweg Richtung Iglmoos Alm verpasst. Ich weiß nicht, ob es an meiner morgendlichen Wirre lag oder an mangelnder Beschilderung. Ist auch egal. Jedenfalls habe ich bald gemerkt, dass die flache Forststraße, der ich folgte, nur parallel zu dem richtigen Weg verläuft. Umkehren wollte ich nicht, man schenkt auf dem Berg keine Höhenmeter her. Ich habe auf dem Plan schon gesehen, dass meine Straße demnächst mitten im Wald ein einsames Ende finden wird, aber der abenteuerliche Schelm in mir meldete sich inbrünstig: „He Alter, jetzt gehen wir seit dreiunddreißig Tagen immer auf dem Weg, den Blick immer nach der nächsten Markierung suchend, da werden wir doch in flachem Gelände ein paar hundert Meter durch das Dickicht pirschen können.“ „Ja aber“, entgegnete ich „am Berg niemals den Weg verlassen!“ „Und immer warm anziehen, nie ohne Schirm aus dem Haus, zur Vorsorgeuntersuchung rennen und abends schon das Wanderung34_Dickicht1Gewand herrichten. Lass uns einmal Piraten sein!“ Wir erreichten das Ende der Forststraße und zogen querfeldein Richtung Berg.

Im meterhohen Gras, na gut: einmeterhohen Gras, wurde der Schelm kleinlaut. Als es mich beim Überklettern eines querliegenden Baumes stummfilmmäßig hinfletschte, verstummte er. Gut so, sagte ich mir und nutzte die Ruhe zum Denken. Weil sich nämlich schon wieder eine Lebenserkenntnis aufdrängte: Wenn man auf einem Irrweg ist, weiß man nicht, wo man ist. Am richtigen Weg ist man sich sicher, aber der Irrweg kann dieser oder auch ein anderer Weg auf der Karte sein. Man ahnt es höchstens, etwa so: Wanderung34_Dickicht3Aha, das ist jetzt eine Kurve nach links, na das wird wahrscheinlich der, naja, vielleicht aber doch, da oder nein, weiß nicht, na glaube schon.

Die lebensnahe Frage dazu: Wie weit geht man auf einem Irrweg, in der Meinung, dass auch er an das Ziel führt? Oder überhaupt an ein Ziel? Wie lange sucht man Gewissheit, bis man dann doch umkehrt? Wann werden Entdeckungssinn und Pioniergeist zu Sturheit und schlussendlich zum Unglück? Wann zieht man die Notbremse? Wie lange darf ein Job unglücklich machen, bis man erkennt, dass es nicht am eigenen Willen durchzubeißen liegt? Wie lange kämpft man um eine Beziehung bis wieder gute Zeiten kommen? Wann führt sich der persönliche Kleinkrieg gegen den inneren Schweinehund ad absurdum, weil man eben einfach lieber dick bleibt?

Wer erklärt einem eigentlich die Grenze zwischen Leichtsinn und Disziplin? Wann gibt man zu Recht auf?

Wanderung34_WildsuppeNein, werte Leserin und werter Leser, diese Fragen haben kaum mit mir zu tun. So schnell öffne ich mein Innerstes nicht. Wobei, und das möchte ich auch einmal sagen: Wir kennen uns schon ganz gut.

Epilog: Ich habe nach einer halben Stunde wieder den richtigen Weg erreicht. Der restliche Tag war von einer wunderschönen Wanderung gesegnet. Und als es eine Stunde vor dem Ziel zu schütten begonnen hat, habe ich weder einen Unterstand gesucht noch mich eingemummt. Ich habe genossen, am richtigen Weg zu sein. Samt Regen.

Post-Epilog: Vom Baumsturz blieb ein mächtiger blauer Fleck am Knie. Und die Erkenntnis, dass es sich gelohnt hat.

Tag 34 (3.8.2009): Gosau – durch wegloses Dickicht zur Iglmoos Alm – Goiserer Hütte – Bad Goisern. Bewölkt, nebelig, kühl. Und die letzte Gehstunde des Tages hübsch regnerisch. Hat aber gar nichts gemacht, es war schon lange nur mehr trocken. Ich habe nur den Rucksack eingehüllt und den Regen genossen, wirklich! Fünfeinhalb Stunden unterwegs, davon knapp fünf auf den Beinen, eine davon allerdings beim Wegsuchen. Die Wanderung ist wirklich Wanderung34_Knieschön, besonders die unfassbar idyllische Schartenalm faszinierte mich. Gleich danach fiel der Nebel ein, aus dem die sehr schöne, angeblich auch mit herrlichem Ausblick gesegnete Goiserer Hütte auftauchte. Die Menschen dort waren so nett, dass sie es locker zum Tipp des Tages bringen würden. Wenn sie nicht eine so leckere Wildsuppe kochen würden, dass nur mehr Platz 2 frei ist.

Blasenfrei. Sieben Zigaretten geraucht, kein Alkohol. Hund Niko Poldi genoss den Regen nicht. Er schüttelte ihn alle fünf Minuten ab, schaute mich an und sagte wortlos: „He Alter, wir gehen jeden Tag, ist okay. Aber das ist nicht dein Ernst, oder? Weil das ist nass und das habe ich nicht gebucht.“

 05.08.2009 | Tags: , , , | 3 Kommentare
 

Wie geht es Axel? Tage acht- und neunundzwanzig.

Wanderung28_AxelUndNikoIch bin im Steinernen Meer ertrunken und dem Schicksal wirklich dankbar, dass ich dieses Bild anbringen kann. An sich wollte ich auf den Wellen dieses Gebirges surfen, in seine Kargheit eintauchen oder es leichtfüßig durchschwimmen. Aber eben, sehen Sie: Nichts ist so schön wie im Steinernen Meer zu ertrinken.

Dass mir die Steine bis zum Hals stehen, wurde mir bewusst, als eine liebe Freundin am Telefon zögerlich sagte: „Axel, du klingst grantig, das macht mir Sorgen.“ Das war der Ursprung einer Welle, die mich im Laufe des Tages überrollen sollte. Dazu mischte sich die Ruhe (umpf, ich muss es einfach sagen: vor dem Sturm) des Wanderns im Steinernen Meer. Die flache Steinwüste Wanderung28_SteinernesMeerdüsterschluckt an sich schon jeden Laut, kombiniert mit dem dämpfenden Hochnebel an diesem Tag, herrschte Stille. Selten hörst du einen Stein unter deinen Füßen wackeln. Noch seltener reißt dich der schrille Schrei eines Murmeltiers aus den Gedanken, den der Nebel aber sofort schluckt. Sonst Stille.

Meine Gedanken wurden also nicht extern gestört, sondern intern. Durch das regelmäßige, abschwellende und aufbrandende Schmerzen meines linken oberen Sechsers. Das beunruhigt einen 32jährigen auf Projektwanderung, der bislang gerade einmal zwei Plomben hat und den Zahnarzt auf dessen Anraten nur im Jahresrhythmus besucht. Am nächsten Morgen sollte mir dann der Maria Almer Dentist Schwaiger eröffnen, dass mein linker oberer Sechser den Nerv völlig weggeschmissen hat und seine Wurzel dringend Behandlung Wanderung28_NikoBeimAbstiegbraucht. Ganz genau: Das beunruhigt einen 32jährigen auf Projektwanderung, der bislang gerade einmal zwei Plomben hat und den Zahnarzt auf dessen Anraten nur im Jahresrhythmus besucht.

Zwischen den Zahnschmerzen (ich kann es nicht sagen: ja, sie waren ziehend, nein, nicht pochend, keine Warm-Kalt-Süß-Empfindlichkeit, kein Druckschmerz, wasweißich) holte mich mein Großhirn zum Rapport: „Junger Freund“, fing es freundlich an „wir haben da was zu besprechen. Ich halte seit einem Monat die ganze Meute zusammen, Knöchel und Knie ganz besonders, aber es zeichnet sich eine mächtige Revolte ab. Das Immunsystem bereitet einen nächtlichen Fieberschub vor, der Kreislauf will dich Schach Mattheit setzen, und der Zahn spielt auch nicht grundlos das Lied vom Tod. Und ganz ehrlich, mein Freund“, jetzt machte es auf verbündet „ich scheiß‘ langsam auch aufs tägliche kreative Mitdenken.“

Diese Worte hallten auf der nebelschwangeren Bühne des Steinernen Meers gewaltig lange nach. Und wie ein Horn dröhnte ein Satz in meinem Kopf: Ich Wanderung28_Riemannhaushabe einen Einbruch der allerfeinsten Güte. Erste Hilfe: Abstieg ins zivilisierte Maria Alm, statt einer weiteren Hüttennächtigung in der Höhe, noch dazu im wenig einladenden und nebelumschwärmten Riemann-Haus.

In der Nacht spulte mein Körper das angekündigte Programm ab. Am Morgen ließ ich meine Mitwanderer alleine ziehen, ging zum Schwaiger-Doktor und ließ mich wurzelbehandlungstechnisch entjungfern. Er war sanft. Dann rastete ich. Ich nahm den Bus zu dem Punkt auf der Straße, der am nächsten zur Erich-Hütte liegt. Und wanderte, spazierte, nein: Ich schlenderte eine halbe Stunde zum Etappenziel. Jetzt sitze ich auf der Terrasse, Blick auf Großglockner, Dachstein und Hochkönig. Die Sonne streichelt mich gesund. Der Text schreibt sich wie von selbst. Der Zahn ist wieder Untertan. Die Mitwanderer sind noch am Weg. Erfolgreiche Gegenmaßnahmen.

Und ja: Ich bin mir bewusst, dass ich hiermit Schwäche zeige. Aber erstens wundert es mich seit einem Monat, wo die bleibt. Zweitens muss man ganz allgemein immer hinhören, wenn Freunde einen „grantig“ nennen. Und in der Ruhe des Steinernen Meers kommt man im Speziellen drittens gar nicht umhin.

Tag 28 (28.7.2009): Ingolstädter Haus – Riemann Haus – Maria Alm. Bewölkung, was im Steinernen Meer gut tut, bei vollem Sonnengleiß fühlt man sich zwischen den Felsen wie eine Backofenpizza. Leichte Nieseltropfen beim Abstieg nach Maria Alm, über den wir gesondert reden sollten. Acht Stunden Wanderung28_AbendstimmungErichhütteunterwegs, davon sechseinhalb gegangen. Tipp des Tages: Das Riemannhaus wirkt wenig einladend, daher Abstieg nach Maria Alm! Das ist ein unfassbar malerisches Örtchen. Keine Blasen, fünf Zigaretten, zwei Achterl Rot. Ach ja: Und zwei Parkemed 500, was nichts gebracht hat. Hund Niko Poldi liebt Schneefelder mehr als mich, mehr als uns alle, glaube ich.

Tag 29 (29.7.2009): Maria Alm Zentrum – Praxis Dr. Schwaiger – Maria Alm Zentrum – Bus nach Dienten – Bus nach Erich-Hütte Parkplatz – Erich Hütte. Leise treten und das nur eine halbe Stunde lang. Keine Wolke am blauen Himmel. Tipp des Tages: Alles daran setzen, die Erich-Hütte zu kaufen, hier einziehen und jeden Tag nur schauen. Zwölf Zigaretten, drei Achterl Weißwein (meinen geliebten Grünen Veltliner). Hund Niko Poldi genoss den Quasi-Ruhetag und tat nicht einmal so, als ob er lieber am Berg wäre.

Aus der Sicht meiner Mitwanderer Michi H., Michi F. Laszlo war der Tag anders: Maria Alm – mit der Gondel zur Natrun Hütte – Hinterthal – Mußbachalm – Pichlalm – Erich Hütte. Sieben Stunden unterwegs, davon fünfeinhalb auf den Beinen. Besonderheiten: Heidelbeerwald und Walderlebnis-Parcours am Natrun. Schöner Weg mit tollem Blick auf die Silhouette des Steinernen Meers, den Sonnblick und den Großglockner.

 30.07.2009 | Tags: , , , , , | Ein Kommentar
 

Dialog im Dunkeln. Tag zweiundzwanzig.

wanderung22_karteAn sich wollte ich heute schreiben, dass der nun dominierende Sonnenschein natürlich auch Probleme beim Wandern macht. Aber, ganz genau: Das darf sich einer, der seit drei Wochen über das schlechte Wetter jammerbloggt, nicht erlauben. Idee zwei war eine Hommage an das wunderschöne und erst seit kurzem erschlossene Kaisertal, etwa so: Alle schönen Täler auf meinem Weg scheinen mit K zu beginnen, von Karwendeltal bis Kroßes Walsertal. Sie sehen schon: Da wäre ich nicht weit gekommen, rein humoristisch.

Also habe ich mich nach dem Leeren eines üppigen Rotweinglases zu Bett begeben. Und konnte mich nicht entscheiden: Auf der rechten Seite liegend sah ich aus dem Fenster und Richtung Westen, wo ich zuvor, bei Sonnenuntergang, die vergangenen Gebirgsetappen wiedererkannte. Auf der linken Seite liegend sah ich nur die Wand, fad genug um einzuschlafen. Genau daran war aber ohnehin nicht zu denken, denn mein Kopf war voll mit folgendem Gespräch.

Rotwein: „Gute Nacht, alle miteinander!”
Sentiment: „Moment noch! Der Blick vorhin auf die vergangenen Etappen war toll. Versteht ihr: Wir haben das Ver-Gangene gesehen. Wow!”
Unterschenkel: „Total super. Gute Nacht!”
Sentwanderung22_blickzuruckiment: „Das Ver-Gangene, versteht ihr!”
Schultern: „Jaja, alle haben es verstanden.”
Augen: „Mir gefällt das. Wir sehen jetzt das Vergangene, in dem wir uns Gott sei Dank nicht vergangen haben.”
Knöchel: „Weil wir sonst beim Vergehen vergangen wären. Schlaft gut!”
Unterschenkel: „Ruhe, sonst komm ich rauf.”
Rotwein: „Guten Abend, gut Nacht.”
Sentiment: „Dann wären wir nie hierher gekommen, was morgen übrigens auch schon wieder Vergangen ist.”
Knie: „Nicht, wenn es hier noch länger laut bleibt.”
Rotwein: „Trink ma noch ein Glaserl Wein.”
Sentiment: „Heut kommen d’Engerl auf…”
Kreislauf: „Meint ihr nicht, dass uns ein wenig Schlaf gut täte?
Sentiment: „Großhirn, dreht ihn nochmal zum Fenster, wegen des Blicks!”
Augen: „Ich glaube, es ist schon zu dunkel draußen.”
Unterschenkel: „Hauen wir das Weichei doch einfach raus!”
Augen: „Und für wen schau ich dann? Du Klotz interessierst dich ja für nix außer Protein.”
wanderung22_tunnelmitwandererUnterschenkel: „Oh Gott, was mache ich hier? Ich geh ein!”
Sentiment: „Ver-Gangen, verstehst du?”
Unterschenkel: „Komm, geh ma vor die Tür!”
Kreislauf: „Ruhig, das löst ja nichts. Aber langsam sollten wir zu Ende kommen, nicht?”
Milz: „Ist die Party hier?”
Knöchel: „Nix Party!”
Sentiment: „Ver-Gangen…”
Unterschenkel: „Es reicht, du fliegst raus! Dann bist du auch vergangen.”
Sentiment: „Jetzt hast du es. He: Er hat es.”
Unterschenkel: „Umpf.”
Großhirn: „An alle: Es reicht.”
Sentiment: „Hihi, Ver…”
Rotwein: „…gang ich zum Brunnen vor dem Tore!”
Magen: „Vorsc hlag zur Güte: Hauen wir den Rotwein raus!”
Blase: „Ich bin dabei! Unterschenkel, kriegen wir dich nochmal hoch?”
Unterschenkel: „Dafür schon!”
Knöchel: „Ich geh auch mit!”
Großhirn: „Nix da, liegen bleiben, schlafen.”

wanderung22_nikoTag 22 (22.7.2009): Kufstein – Kaisertal – Stripsenjoch Haus. Durchgehend äußerst sonnig, meist ohne Wolken. Nach der Ankunft lag ich also erstmals bei meiner Wanderung auf einer Sonnenterrasse. Trotzdem: Gegen Abend regnete es. Zwar nur gezählte vier Tropfen, aber genug, um weiterhin sagen zu können: Es gab noch keinen gänzlich trockenen Wandertag seit 1. Juli. Herrliche Wanderung durch ein herrliches Tal, der Hitze trotzte der herrliche Bach. Einzig die letzten beiden Stunden waren von einem sakrischen Anstieg geprägt. Tipp des Tages: Einkehr beim Hans Berger Haus ja. Kaspressknödel-Suppe dort nein. Jegliche üppige Kost dort nein, weil der Anstieg zum Stripsenjoch jeden Schweinsbraten als sündigen Fehler entlarvt.
Reden wir nicht mehr über die zwei Blasen. Acht Zigaretten geraucht, vor dem Bettgang ein Vierterl Rot.
Hund Niko Poldi ist super drauf. Und er ist so gescheit: Jede Lacke, jeden Zugang zum Bach nützt er, um seine Pfoten zu kühlen.

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 24.07.2009 | Tags: , , , | 9 Kommentare
 

Im Kopf geht sich das aus

yetiAlle stehen auf meinen Chirurgen. Nun ist der gute Mann ein wirklich feiner Arzt, wie schon beschrieben. Aber ein Manko hat er und da kommt er mir nicht aus: Unter allen Mitmenschen während meiner Vorbereitungen war er der einzige Phlegmatiker. Da war die Internistin, die bei meiner Gesundenuntersuchung (was übrigens ein schräger Begriff ist, weil es ist doch so: wird man als Gesunder untersucht, spürt man spätestens bei der Frage, ob das weh tut, abgrundtiefen Schmerz. Das ist das hypochondrische Selbst-Ich) gesagt hat, mein zu hoher böser Cholesterin ist angeboren. Nicht selbst verschuldend angefressen. Lieb von ihr, ganz egal, ob das stimmt.

Oder vorgestern: Sportmedizinische Untersuchung, der Arzt erwähnt den hohen Fettanteil meines Edelkörpers nur ganz nebenbei und spricht umso lauter von „echten Wandererwerten“. Soll heißen: flache Lactatkurve, gute Ausdauer. (Er hat dann geglaubt, jetzt muss er auch noch etwas Negatives sagen, wegen mir hätte er nicht müssen. Aber er hat: Aus mir würde kein Sprinter mehr werden. Ach so, na schade) Und auch gestern wieder: Eine gut befreundete Fitness- und Bewegungs- und Ernährungstrainerin schoss Strom durch meinen Körper, um dessen Zusammensetzung zu prüfen. Wieder viel das Wort Fettanteil fast unhörbar leise aus, aber, mein Lieber, deine Muskelmasse ist überraschend hoch, perfekt für deine Wanderung, „schlummerndes Potential“, da kann man drauf aufbauen.

Ehrlich: Das ist alles motivierender als mein Chirurg. Und ehrlicher: Nur weil er mein Knie, quasi meine Axilles-Ferse, schon persönlich kennen gelernt hat, könnte er trotzdem so tun als ob. „Ja, das ist gut, mach so eine Wanderung lieber heute als in zehn Jahren“, könnte er sagen. Hat er aber nicht.

Mein Untersuchungsmarathon hört sich jetzt so an, als ob ich seit Monaten vorbereite. Und das hätte meine Umwelt wohl gerne. Man thematisiert in den vergangenen Wochen nämlich öfter mal meine Vorbereitung. Wie viel ich denn trainiere? Welche Bücher ich denn lese? Ob ich denn auch Steigeisen, Pickel, Höhenmesser, Notfallsbiwaksack und Yetiflinte einpacke? In aller Kürze: Kaum, weil keine Zeit. Gar keine zu dem Thema. Nein, nein, nein, ja. Jagdmessner.

Dochdoch, besorgter Leser, ich nehme diese Wanderung ur ernst. Urernst in Reinkultur. Respekt, Nervosität und Vorfreude halten in meinem Magen seit Tagen Klausur. Aber abgesehen davon, dass ich bei allen nichtsportlichen Vorbereitungen nicht zum Trainieren komme: Wie bereite ich mich denn auf zweimonatiges Wandern vor? Wie simuliere ich denn ungefähr Tag 17 oder Woche 8? Oder auch nur den dritten Tag im Dauerregen, die sechste Gehstunde in röstender Hitze?

Richtig: Alles nur mental. Ich kann das alles nur im Kopf durchspielen. Mir Tipps holen, gut zureden lassen oder einbremsen. Und daraus ein Gesamtbild entwerfen, das die Sache für mich möglich erscheinen lässt. Nach bestem Wissen und Gewissen alles einpacken, alles andere verstauen, die Möglichkeit des öffentlichsten Scheiterns meines bisherigen Lebens zu-, aber nicht zu groß werden lassen. Sich an die Fakten halten: Ich gehe von Bregenz nach Wien. Im Sommer. Ja, es liegt noch viel Schnee, und das Wetter ist derzeit eher Hollywood als Mitteleuropa. Aber ich bewege mich durch ein Land, in dem die giftigste Schlage nur einer Fliege etwas zuleide tun kann. In dem die Berge Höhenkrankheit nur vom Hörensagen kennen. In dem sich mehr Menschen beim Bügeln verletzen als am Berg. (gut, das ist übertrieben, aber auch nicht schlimmer als chirurgisches Phlegma).

Ich verlasse mich einfach auf den Geist. Und darauf, dass der ausnahmsweise mal zu einem gesünderen Körper führt. Und ich verlasse mich auf die Etappenbegleiter. Menschen, die mit mir gehen. Ganz überraschend dastehen und sagen: ich auch. Und zwischendurch entsinne ich mich meiner Lactatwerte. Das wird dann schon. Gehen.

 26.06.2009 | Tags: , , , , | 5 Kommentare
 

Ich darf wandern

imagesIch: „Im Sommer wandere ich von Bregenz nach Wien.“

Er (mein Unfallchirurg, sehr netter Mensch, toller Arzt, Primar, Vater meines ehemaligen Klassenkollegen): schweigt.

Ich, ergänzend: „Am Stück.“

Er: „Warum?“

Ich: schweige, denke. „Wie, warum?“

Er: „Aus sportlichem Ergeiz?“

Ich: „Achso, nein, es ist ein Projekt.“

Er, trocken: „Mit deinen Knien!“

Ich, absichtlich noch trockener: „Nein, mit der Österreich Werbung.“

Er, trocken: „Aha.“

Ich: „Und?“

Er, trocken: „Na ja.“

Ich: „Geht das?“

Er: „Das geht schon.“ Kein Schmunzeln. „Na ja. Schon.“

Ich: „Kann das ein Problem sein mit meinen Knien?“

Er: „Mit den Knien kann alles ein Problem sein.“ Trocken.

Ich: „Das weiß ich eh. Aber verschlimmert die Wanderung das vielleicht.“

Er: „Nein. Nicht unbedingt. Aufpassen muss man halt. Und auf Schwellungen achten.“

Ich: „Da komm ich nicht umhin.“

Er: „Eben.“

Ich: Ja, eben.“

Er: „Rasttage.“

Ich: „Rasttage?“

Er: „Rasttage.”

Ich: „Ja, Rasttage lege ich ein. Die werde ich brauchen.“

Er: „Und bergab nimm’ ruhig den Lift.“

Ich: „Gut.“

Er: „Gut. Alles Gute. Aufpassen. Nicht übertreiben.“

Ich: „Ja.“

 23.06.2009 | Tags: , | 5 Kommentare
 

Reaktionen

Assoziatives Denken, anders ist das nicht zu erklären. Mein Satz ist ja seit Monaten gleich: “Ich wandere im Sommer von Bregenz nach Wien.” Die Reaktionen sind meist unterschiedlich, wenn es auch Häufungen gibt. Und irgendwann habe ich ein System erkannt: Hinter der Antwort steht eine Assoziation, hinter der Assoziation eine Haltung, dahinter ein Typ. Quasi: Sag’ etwas auf „Ich wandere im Sommer von Bregenz nach Wien“ und ich sage dir, wer du bist.

   1. „Axel N., du spinnst“

Typus: Der ängstliche Antithesen-Freak. Denkt sich „Bist-du-deppert” und träumt zugleich vom zweimonatigen Aussteigen. Würde aber nie im Leben den eigenen Alltag dafür eintauschen. Und schon gar nicht gegen einen Rucksack, bestenfalls gegen den blendend weißen Sandstrand. Findet im weiteren Gespräch tausend Gründe gegen die Wanderung, aber keinen dafür.

   2. „Der Otto-Motor ist schon erfunden“

Typus: Scheiß Benzinpreise. Hat seinen Sonnenbrand von langen Cabrio-Ausfahrten und nennt sein Auto bei Namen. Sagt „Ich stehe ums Eck”, wenn das Auto dort parkt. Macht Termine in der Ferne vor allem wegen zu fahrender Romy Gala/12.4.08Kilometer aus und wird sich eine Veloursleder-Polsterung leisten, sobald die Kinder aus dem Auto sind.

   3. „Expedition Österreich?“

Typus: Der ORF-Nostalgiker. Hat sich in Mirjam Weichselbraun verliebt, als sie ihre ORF-Karriere als Außenposten in der legendär erfolglosen Sendung begonnen hatte. Ist oft alleine, weil sich mittlerweile weniger an die Sendung erinnern als an den ersten Dancing Star. Die Liebe zu Weichselbraun wurde später von der zu den WG-Girls von „Mitten im Achten” abgelöst.

   4. „Jakobsweg?“

Typus: Der Beseelte. In Krisenzeiten wendet man sich gerne an spirituelle Instanzen, Schnaps oder Gott. Wenn der Verein Gottes selber in der Krise steckt bleiben nur Volksgottheiten, etwa das deutsche Komiker-Ass Hape Kerkeling. Seine Bibel Ich bin dann mal weg” ist in den Bestsellerlisten noch immer da. Der Beseelte überhört „Bregenz – Wien“ und ignoriert, dass der Jakobsweg in Spanien ist. (Ja, werter Leser, der Jakobsweg ist ein Netz durch ganz Europa, aber wer kennt jemanden, der ihn nicht in Spanien gegangen ist?)

   5. „Warum?“

Typus: Mein Unfallchirurg. Trockener Metzgerschmäh, morgen mehr.

 21.06.2009 | Tags: , , , , , | 11 Kommentare