Irrweg ins Glück. Tag vierunddreißig.

Wanderung34_WegweiserIn Gosau habe ich die Abzweigung auf den Wanderweg Richtung Iglmoos Alm verpasst. Ich weiß nicht, ob es an meiner morgendlichen Wirre lag oder an mangelnder Beschilderung. Ist auch egal. Jedenfalls habe ich bald gemerkt, dass die flache Forststraße, der ich folgte, nur parallel zu dem richtigen Weg verläuft. Umkehren wollte ich nicht, man schenkt auf dem Berg keine Höhenmeter her. Ich habe auf dem Plan schon gesehen, dass meine Straße demnächst mitten im Wald ein einsames Ende finden wird, aber der abenteuerliche Schelm in mir meldete sich inbrünstig: „He Alter, jetzt gehen wir seit dreiunddreißig Tagen immer auf dem Weg, den Blick immer nach der nächsten Markierung suchend, da werden wir doch in flachem Gelände ein paar hundert Meter durch das Dickicht pirschen können.“ „Ja aber“, entgegnete ich „am Berg niemals den Weg verlassen!“ „Und immer warm anziehen, nie ohne Schirm aus dem Haus, zur Vorsorgeuntersuchung rennen und abends schon das Wanderung34_Dickicht1Gewand herrichten. Lass uns einmal Piraten sein!“ Wir erreichten das Ende der Forststraße und zogen querfeldein Richtung Berg.

Im meterhohen Gras, na gut: einmeterhohen Gras, wurde der Schelm kleinlaut. Als es mich beim Überklettern eines querliegenden Baumes stummfilmmäßig hinfletschte, verstummte er. Gut so, sagte ich mir und nutzte die Ruhe zum Denken. Weil sich nämlich schon wieder eine Lebenserkenntnis aufdrängte: Wenn man auf einem Irrweg ist, weiß man nicht, wo man ist. Am richtigen Weg ist man sich sicher, aber der Irrweg kann dieser oder auch ein anderer Weg auf der Karte sein. Man ahnt es höchstens, etwa so: Wanderung34_Dickicht3Aha, das ist jetzt eine Kurve nach links, na das wird wahrscheinlich der, naja, vielleicht aber doch, da oder nein, weiß nicht, na glaube schon.

Die lebensnahe Frage dazu: Wie weit geht man auf einem Irrweg, in der Meinung, dass auch er an das Ziel führt? Oder überhaupt an ein Ziel? Wie lange sucht man Gewissheit, bis man dann doch umkehrt? Wann werden Entdeckungssinn und Pioniergeist zu Sturheit und schlussendlich zum Unglück? Wann zieht man die Notbremse? Wie lange darf ein Job unglücklich machen, bis man erkennt, dass es nicht am eigenen Willen durchzubeißen liegt? Wie lange kämpft man um eine Beziehung bis wieder gute Zeiten kommen? Wann führt sich der persönliche Kleinkrieg gegen den inneren Schweinehund ad absurdum, weil man eben einfach lieber dick bleibt?

Wer erklärt einem eigentlich die Grenze zwischen Leichtsinn und Disziplin? Wann gibt man zu Recht auf?

Wanderung34_WildsuppeNein, werte Leserin und werter Leser, diese Fragen haben kaum mit mir zu tun. So schnell öffne ich mein Innerstes nicht. Wobei, und das möchte ich auch einmal sagen: Wir kennen uns schon ganz gut.

Epilog: Ich habe nach einer halben Stunde wieder den richtigen Weg erreicht. Der restliche Tag war von einer wunderschönen Wanderung gesegnet. Und als es eine Stunde vor dem Ziel zu schütten begonnen hat, habe ich weder einen Unterstand gesucht noch mich eingemummt. Ich habe genossen, am richtigen Weg zu sein. Samt Regen.

Post-Epilog: Vom Baumsturz blieb ein mächtiger blauer Fleck am Knie. Und die Erkenntnis, dass es sich gelohnt hat.

Tag 34 (3.8.2009): Gosau – durch wegloses Dickicht zur Iglmoos Alm – Goiserer Hütte – Bad Goisern. Bewölkt, nebelig, kühl. Und die letzte Gehstunde des Tages hübsch regnerisch. Hat aber gar nichts gemacht, es war schon lange nur mehr trocken. Ich habe nur den Rucksack eingehüllt und den Regen genossen, wirklich! Fünfeinhalb Stunden unterwegs, davon knapp fünf auf den Beinen, eine davon allerdings beim Wegsuchen. Die Wanderung ist wirklich Wanderung34_Knieschön, besonders die unfassbar idyllische Schartenalm faszinierte mich. Gleich danach fiel der Nebel ein, aus dem die sehr schöne, angeblich auch mit herrlichem Ausblick gesegnete Goiserer Hütte auftauchte. Die Menschen dort waren so nett, dass sie es locker zum Tipp des Tages bringen würden. Wenn sie nicht eine so leckere Wildsuppe kochen würden, dass nur mehr Platz 2 frei ist .

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Blasenfrei. Sieben Zigaretten geraucht, kein Alkohol. Hund Niko Poldi genoss den Regen nicht. Er schüttelte ihn alle fünf Minuten ab, schaute mich an und sagte wortlos: „He Alter, wir gehen jeden Tag, ist okay. Aber das ist nicht dein Ernst, oder? Weil das ist nass und das habe ich nicht gebucht.“



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 Axel Halbhuber am 05.08.2009  |   3 Kommentare

Funklecher. Tage 9-11.

Die Funklöcher der Lechtaler Alpen haben mich endlich ausgespuckt. Kurz bevor ich heil am Fernpass angekommen bin, meldete mein Handy rund achttausendzweihundertvierundzwölfzig Millionen Nachrichten. Ein deutliches Signal, dass ich wieder zurück in gemäßigterer Lage bin, nachdem die vergangenen drei Tage seilversicherte Scharten und haltlose Erd-Unwege mit sich brachten. Jetzt bin ich da. Die Erlebnisse dieser Bergwandertage forme ich jetzt zu einem Rückblick, der der Lechtaler Alpen würdig ist: so durchtrieben wie der Wettergott, so unumgänglich wie das Leben und immer nur so dramatisch, wie das Auge des Betrachters es sieht. Vor diesen Geschichten aber hier der schnöde Prolog: Die Kurzbeschreibungen der Tage 9 bis 11. Mit Fotos.

Tag 9 (9.7.2009): Memminger Hütte – Oberlahms Joch – Alblit Joch – Gufelgras Joch – Steinsee Hütte. Fast nur Sonne, einige Wolken, zählbare Tropfen: Perfektes Wanderwetter, Regen erst nach der Ankunft. Langer und wunderschöner, unfrequentierter Wanderweg: Neun Stunden unterwegs, davon gut sieben auf den Beinen. Tipp des Tages: Alte Wege neu entdecken statt dem Mainstream zu folgen. Fast keine Blase mehr (große Zehe Unterseite links), sechs Zigaretten geraucht. Hund Niko Poldi, ich vermisse dich. Aber du hättest dich mit der Steinbock-Herde, der ich heute berührend nahe kam, nicht verstanden!

Tag 10 (10.7.2009): Steinsee Hütte – Vordere Dremelscharte – Hanauer Hütte – Boden – Hanntennjoch – Anhalter Hütte. Leichter Regen am Morgen, Schnee auf der Scharte, mehr Regen, wenig Sonne, viel Sonne, viel Regen. Abenteuer Scharte, Gaudium Schneefeld-Abstieg, Spazierweg: Acht Stunden unterwegs, davon sechs auf den Beinen, eineindreiviertel bei Rast, Essen und Kaffee und 15 Minuten im Auto (Boden – Hanntennjoch). Tipp des Tages: In der Steinsee Hütte übernachten, an der Hanauer vorbeigehen, sich dazwischen auch als Wanderer durchaus über die Dremelscharte trauen. Fast gar keine Blase mehr (große Zehe Unterseite links), acht Zigaretten geraucht. Hund Niko Poldi, ich vermisse dich. Aber so sehr dir der Schnee heute getaugt hätte, so übel hättest du mir das Geröll genommen.

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Tag 11 (11.7.2009): Anhalter Hütte – Hinterberg Joch – Tarrenton Alm – Tegestal – Fernstein – Biberwier. Viel Sonne, zwischendurch ein wenig Regen: Gutes Wanderwetter. Schöne Wanderung mit dem Hang zum gepflegten Irrweg: Sieben Stunden unterwegs, davon gut fünf auf den Beinen. Tipp des Tages: Manchmal kommt man mit jedem weiteren Schritt dem Verderben näher als dem Ziel. (Zur Erklärung: Der Weg war heute einfach aus. Dafür war ein grauslicher Erdhang ohne Halt da. Ich habe mir einen ordentlichen Adrenalinschub dabei abgeholt und schlussendlich einen urdreckigen Hosenboden, weil ich den Hang nach unten abrutschen musste. Quasi abrutschen statt ausrutschen. Die Einheimischen haben diese Stelle später als „berüchtigte schwarze Erd, da kugeln immer wieder ein paar runter” beschrieben. Ah ja.) Eine sich auflösende Blase (große Zehe Unterseite links), fünfzehn Zigaretten geraucht, vier Achtel Rotwein (erster Alkohol auf der Wanderung). Hund Niko Poldi, ich vermisse dich. Auch weil alle Almhunde dir so ähnlich sehen.



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 Axel Halbhuber am 13.07.2009  |   Ein Kommentar