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Archiv für das Tag: interview

 

Antworten danach

Der Moment des Ankommens ist der richtige, um sich selbst entscheidende Fragen zu stellen und passende Antworten zu geben. Auf Fragen wie…

  • Wie geht es mir jetzt?
  • Was will ich jetzt als Erstes machen?
  • Was nehme ich aus zwei Monaten Bergen mit?
  • Was bleibt für mich über?
  • Werde ich wieder so einen Weg gehen?

Interview mit Axel nach der letzten Etappe auf YouTube

 31.08.2009 | Tags: | 3 Kommentare
 

Interview auf dem Loser. Tag sechsunddreißig.

Ich lasse auf meiner Wanderung so ziemlich jede Möglichkeit aus, einen zusätzlichen Gipfel zu besteigen. Aus gutem Grund, wie ich meine. Aber heute war das anders: Der Loser musste einfach sein. Dafür war ein wenig Umplanung dieses Tages nötig, der sich sowieso nicht an den Plan hielt. Warum dann noch extra auf einen Gipfel? Gegenfrage: Warum nicht?

Interview mit Axel am Loser auf YouTube

Tag 36 (5.8.2009): Bad Goisern – Altaussee (leider mit dem Auto, weil die Telekommunikation einen weiteren Vormittag in Goisern verlangte, es tat mir leid um den Weg) – dafür außerplanmäßiger Fleißaufgaben-Aufstieg auf den Loser (das hat entschädigt) – Loser Hütte. Bewölkt, nebelig, kühl. Aber bis zuletzt trocken und gegen Abend auch sonniger, was wiederum den Ausblick von der Terrasse der Loser Hütte herrlich gemacht hat. Apropos Loser Hütte: Sehr nette Wirtin, sehr gutes Essen. Vier Stunden unterwegs, davon drei auf den Beinen. Tipp des Tages: Herumwandern am Loser. Zeit nehmen für Sitzen am See, die mystischen Winkel und die nordexotisch wirkende Natur.

Blasenfrei. Vierzehn Zigaretten geraucht (ich musste mich heute viel über Technik ärgern), ein weißer Spritzer. Kann mir jemand erklären, warum Hund Niko Poldi sich heute kurz einmal in einer Kuhflade gewälzt und dann noch von Schafspemmerln gekostet hat? Höhenluft? Anale Phase mit sechseinhalb? Hund Niko Poldi, schlafe in dem Eck da drüben. Da ganz weit drüben!

 07.08.2009 | Tags: | 5 Kommentare
 

Der Heilige Laurentius. Tag siebenundzwanzig.

So ist das: Am Ende des siebenundzwanzigsten Tages hatte ich plötzlich zwei Erscheinungen. Zuerst stand Laszlo vor mir. Ja, genau der Laszlo, der geländegängige Ungar, der mich die ersten zehn Tage begleitet hatte Wanderung27_NikoGeschultertund jetzt einfach auf der Terrasse des Ingolstädter Hauses ums Eck bog. Der Laszlo, dessen Liebesgeschichte in meinem Blog so viele neugierig gemacht hatte, wer dieser Laszlo denn ist. Nun, was ich sagen kann: Er ist einer, der nach Lofer fährt, auch wenn er mich telefonisch nicht erreicht. Der auf den Berg geht, auch wenn er nicht sicher ist, ob er mich dort trifft. Und der durch diese sympathisch sture Überzeugung zur Überraschung des Tages werden kann. Dieser Laszlo ist wieder dabei, womit wir nun fünf wandernde Freunde sind: Laszlo, Michi F., Michi H., Axel und Niko, der Hund.

Als wir da in den sonnenbestrahlten Felsen des Ingolstädter Hauses saßen, erschien uns der Heilige Laurentius. Der ist 27, geht von Klosterneuburg Weidling nach Santiago. Jakobsweg ab der Haustüre, ohne Geld, Wanderung27_Großglocknernächtigen bei Bauern, im Rucksack fast nur getrocknete Melanzani. Wenig wunderlich, dass wir mit ihm reden wollten. Hier die Essenz des Gesprächs.

Warum gehst du den Jakobsweg, wenn es doch in Klosterneuburg ein Stift gibt?

„Dort sind wohlbeleibte Chorherren, das ist eher ein finanzielles Imperium. Aber ich bin hingegangen, habe es zur Weidlinger Kirche geschafft. Dann bin ich nach Mariazell gegangen. Und jetzt erweitere ich lediglich den Radius. Aber es geht gar nicht um die Kirche.“

Warum dann Santiago und nicht, sagen wir: Novosibirsk?

„Mir hat jemand eine Muschel geschenkt und gesagt, warum gehst du nicht den Jakobsweg? Ich könnte eh überall anders hingehen, aber Spanisch und Französisch liegen mir mehr als Russisch. Ich bin einfach gegangen, zuerst bis Maria Ansbach, dort war mein Kartenmaterial Wanderung27_Laurentiuszu Ende und ich hatte dort die letzte Person, bei der ich nächtigen konnte. Dann habe ich mir gedacht: Jakobsweg.“

Dieses Abenteuer des Heiligen Laurentius begann vor Jahren, mit einem Ausflug zum Wilden Kaiser und einer plötzlichen Krankheit ebendort, mit viel Durchfall und dem resultierenden Gereinigt-Sein, mit folgendem zweitägigen Gehen und nur fünf getrockneten Marillen Nahrung am Tag. Mit totaler Entleerung und dem guten Gefühl, nicht gefangen zu sein, in dem „stagnativen Leben zwischen zwei Häusern, nämlich der Universität für Jazzgesang und der Baustelle eines Hauses, in das einmal die gesamte Familie ziehen soll, insgesamt neun Menschen“, mit der Idee außerhalb dieser zwei Gefängnisse zu sein.

Was erwartest du dir vom intensiven längeren Gehen, wenn diese zwei Tage schon so erkenntnisreich waren?

„Stabilität. In den zwei Tagen habe ich gemerkt, wie schön es ist, ohne Haben nur zu sein. Ich habe sieben Geschwister und wenn neun Menschen um einen Gulaschtopf sitzen, lernt man schnell zuzugreifen. Hier am Weg esse ich an einer getrockneten Marille zehn Minuten.“

Wo willst du ankommen?

„So ein Weg hat viele Komponenten und ich will ihn um keine Komponente beschneiden. Ich gehe ihn nicht, um ihn durchzuhalten, weil ich das die ganze Schulzeit gemacht habe. Ich will ihn voll gehen, das habe ich in der Schule nie gemacht. Und ich möchte also viel mehr auf meine Intuition hören, auf die Frage, ob ich jetzt etwas für den Alltag gelernt habe oder nur, durch die Lande zu gehen? Da geht es auch um Erdung und Rhythmus.“

Was erwartest du dir, wenn du in Santiago ankommst?

(lacht) „Einen Riesenrummel, sonst nichts.“

Wie heißt der Trieb, der dich zu alledem veranlasst?

„Das totale Raus. Eine Nonne hat einmal gesagt: Weisheit wartet jeden Tag vor deiner Türe.“

Wanderung27_BeimAufstiegOhne Geld, angewiesen auf Andere, der eigene Weg ohne Kompromisse – dein Gehen strotzt vor Egoismus. Hast du keine Angst, dass deine Freundin sich trennt?

„Ich glaube nicht an Trennung.“

Was, wenn sie daran glaubt?

„Das Lebensmodell in unserer Gesellschaft ist so: Wir gehen zuerst alleine, dann zu zweit und schlussendlich als Gruppe, Familie. Aber vielleicht habe ich bei diesem Modell etwas übersehen. Denn Einzelhelden gibt es nicht mehr.“

Ja, der Bub wirkt gesalbt. Nur das Lächeln verrät den Heiligen Laurentius ein bisschen, wenn einer seine Reise mit „oarg“ oder „pfau“ adelt. Das gefällt ihm und dann wird er zum Einzelhelden. Er versinkt darin, dieses Fremdbild zu inhalieren. Er verwendet dann Worte wie „Dualität“ und sagt Sätze wie „Das Leben ist die Kompensation des Lebens“ oder „Der Tod ist die Kompensation des Lebens.“ Spätestens da bin ich auch versunken, im Steinernen Meer. Des Gespräches wegen. Oder des Rotweins. Aber der kompensierte sich ganz durch sich selbst.

P.S. Wir haben den Heiligen Laurentius auf die Übernachtung eingeladen. Und auf ein Essen. Damit hat er sich den Verzehr einer weiteren getrockneten Melanzani erspart. Und wir uns deren Anblick. Der Gesalbte hat es uns gedankt, indem er bei unserem Abmarsch in der Früh für uns gejodelt hat. Und das war dann wirklich schön.

Tag 27 (27.7.2009): Hirschbichl – Kaltwasserstube – Kaltbrunnalm – Dießbachstausee – Ingolstädter Haus. Sonnenschein, wol-ken-los! Sieben Stunden brutto, davon nur fünf gegangen. Denn das Wichtige beim Gehen ist ja das Stehen. Und ehrlich: Wer freien und klaren Blick auf den Großglockner hat, hält gerne inne. Tipp des Tages: Eindeutig die Sonnenfelsen neben dem Ingolstädter Haus. Hinsetzen und bis zum Sonnenuntergang verharren! Keine Blasen, neun Zigaretten, ein Vierterl Rot (übrigens sehr gut).

Was ist schwarz und schläft, sobald wir auf der Hütte sind? Richtig: Hund Niko Poldi ist müde. Aber keine Angst, er ist noch immer fit und vergnügt, versucht nur seine Kräfte für Schneefeld-Tollereien zu sparen. Außerdem habe ich heute für eventuelle Leitern im Abstieg geübt, den Hund zu Schultern. Ich habe nun eine Schramme im Gesicht und Hund Niko Poldi keine Angst mehr vor dem Schultern.

Wanderung27_MitwandererMichi&MichiVorStausee

 29.07.2009 | Tags: , , , , | 3 Kommentare
 

Big Berge, Big Talks. Tage achtzehn und neunzehn.

wanderung18_busfahrt-regenIn den Bergen ist die Luft für Small Talk zu dünn. Das passt gut für mich, weil ich solches Sinnlosgerede auf Wiener Sinnlosveranstaltungen manchmal nach einer Minute mit den Worten „Das ist ein Scheiß-Gespräch, nicht wahr?” beende. Mein Gegenüber schaut dann meist böse, eigentlich immer. Ganz so, als ob es nicht der gleichen Meinung wäre. Lächerliche Situationen sind das.

In den Bergen braucht es kein verbales Warmwerden. Nach „Griaß di”, „Servus” oder „Hallo” geht es immer gleich zur Sache. Am äußerst verregneten Samstag nämlich so:
Ich (steige in den Bus, der mich von Achenkirch nach Steinberg führt, ein Minibus mit neun Sitzen, ich der einzige Fahrgast): „Servus!”
Er (der Busfahrer, legt die Zeitung weg): „Hallo!”
Ich: „Wann fahren Sie denn?”
Er: „Ich bin Anton, wohin musst du?”
Ich: „Nach Steinberg.”
Anton (fährt los): „Wohin genau?”
wanderung18_fuse-regenIch: „In die ASI-Lodge. Kommen wir da noch bei einem Supermarkt vorbei?”
Anton: „Nein. Aber was brauchst du?”
Ich: „Batterien.”
Anton: „Musst du mir genau sagen, welche. Ich kann sie dir besorgen und dann um fünf Uhr ins Hotel bringen.”
Ich: „Äh, wirklich?”
Anton: „Ist kein Problem. (reicht mir einen Apfel) Gerade ist nicht viel los, da habe ich Zeit. Wohin gehst du?”
Ich: „Von Bregenz bis Wien, morgen bis Kufstein. Du bist nicht von hier, oder?”
Anton: „Nein, Kroatien.”
Ich: „Aber schon lange hier? Du sprichst gut deutsch.”
Anton: „Ja, seit zwölf Jahren. In Kroatien bin ich nur ein Monat im Jahr.”
Ich: „Und deine Familie ist auch hier?”
Anton: „Ich habe nur Mutter und Bruder und so. Aber keine Frau.”
Ich: „Wieso nicht?”
Anton (atmet langsam und tief aus): „Ach, weißt du: Ist nicht leicht. Verdiene nicht viel, ist schwierig. (hebt die Hand und zeigt geradeaus) Da schau, das ist ASI-Lodge. Und hier in Steinberg leben ungefähr 295 Menschen. Und das ist das Dorfwirtshaus, Waldhäusl. Und hier ist die Feuerwehr.”
Ich: „Du kennst dich gut aus.”
Anton (lächelt): Ja, habe ich einmal Bürgermeister hergeführt. Der ist ein netter Mensch, war der jüngste Bürgermeister Österreichs, als er begonnen hat. Und der hat gesagt, wenn mich jemand über Steinberg fragt, soll ich das erzählen.”
Ich (schon beim Aussteigen, bedeutsam): „Danke, Anton. Und danke, dass du mir die Batterien besorgst.”
Anton (gibt mir noch einen Apfel): „Ah, gerne. Und pass auf dich auf. Wenn Gewitter ist, schalte Gerät aus. Wegen Magnetfeld.” (lächelt offen, fast bedeutsam)

wanderung19_sanfte-hugelAm Sonntag wanderte ich dann die bislang mühsamste Etappe, stundenlang nur Forststraße. Und was soll ich sagen: Erstmals zog sich der Weg und mir gewaltig den Nerv. Aber erstmals ging ich mich in eine Trance, jetzt verstehe ich, warum die Menschen am Jakobsweg alle irgendwann einen brennenden Dornbusch oder Erscheinungsäquivalent sehen: Die Ödheit macht dich einfach wukiwuki. Ich beschloss, nie den Jakobsweg zu gehen. Eine Erscheinung hatte ich trotzdem, eine handfeste:

(Szene: altes Wochenendhaus mitten im Wald, davor Auto mit Münchner Kennzeichen. Eine junge Schäferhündin läuft mir entgegen, wild bellend)
Ich (unsicher): „Ja hallo, bist du eine liebe?”
Hündin (bellt unbeirrt)
Ich (motivierend): „Sicher bist du eine liebe!”
Er (bayrischer Akzent, aus dem Off): „Flora, gib a Ruh!” (kommt um die Ecke) Die tut nix, will nur g’streichelt werden.”
Ich: „Ah so. (streichle Flora) Schön haben Sie es hier.”
Er: „Ja, ich bin ja schon seit zwanzig Jahren da. Wo sind Sie her?”
Ich: „Aus Wien.”
wanderung19_forststraseEr: „Da ist mein Sohn gestorben. Da war er 34 Jahre. Herzinfarkt.”
Ich (sprachlos): „…”
Er: „Vor fünfzehn Jahren. Heuer wäre er 50 geworden.”
Ich (unbeholfen): „Au weh. Ihr einziges Kind?”
Er (auch unbeholfen, blickt in die Luft): „Die Tochter hat sich von uns abgewendet. Weil meine Frau liegt im Heim, sie hat Altzheimer, kennt mich gar nicht mehr richtig. Und seit es ihr so schlecht geht, hat die Tochter den Kontakt eingestellt.”
Ich (völlig sprachlos)
Er: „Naja. Aber ich bin im Sommer halt viel da.”
Ich: „Ist schön da.”

wanderung19_forststrase2Tag 18 (18.7.2009): Maurach – Steinberg am Rofan mit dem Bus. Als ich in der Früh aus dem Fenster sah, hat es geschüttet, als ob Wasser nix wert wäre. Ab 1400 Meter aufwärts dominierte Nebel, aus dem nur wenige Bergspitzen hervorblitzten. Sie waren schneebedeckt. Folglich wurde aus meiner geplanten Überquerung des Rofan-Gebirges samt Abstieg über einen seilversicherten Steig eine 40minütige Busfahrt. Ach ja: Es regnete bis 23.48 Uhr in der Nacht durch. Gute Entscheidung also, wenn es mir auch um das Rofan leid tat. Tipp des Tages: Die Zimmer in der ASI-Lodge in Steinbgerg haben ein unglaublich gelungenes Innen- und Licht-Design. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, ein Lob dem Innenarchitekten.
Aus drei bösebösen Blasen (zwei große Zehe links, eine Zeigezehe rechts) wurden zwei urmegabösebösen (die auf der linken Zehe fusionierten). Neun Zigaretten geraucht (nicht viel für einen Tag im Tal), zum Abendessen einen halben Liter Rotwein genossen.

Tag 19 (19.7.2009): Steinberg am Rofan – Thiersee – per Anhalter nach Kufstein. Sonne mit sanfter Bewölkung. Der Dauerregen des Vortages hatte die Wiesen getränkt, weshalb meine Hose nach einer Stunde patschnass war, und die Bäche anschwellen lassen, weshalb ich bei einer Überquerung in einen solchen hineinstieg. Ich war also nass, keine gute Voraussetzung für zehn Stunden Gehzeit und über 40 Kilometer Weg. Nach 36 war ich in Thiersee und konnte dem Ruf der überaus freundlichen Tirolerin nicht widerstehen: „Ein Saft?” lockte sie zuerst und dann: „Wir fahren dann Richtung Kustein, sollen wir dich mitnehmen?” Tipp des Tages: Unterschätze nie die Macht der monotonen, erschlagenden, demotivierenden und die Füße stets an denselben Druckstellen belastenden Forststraße. Weite ohne Ausblick ist des Wanderers jüngstes Gericht.
Die zwei Blasen entwickeln sich zu Massengräbern (eine große Zehe links, eine Zeigezehe rechts) und schmerzen. Elf Zigaretten geraucht, um gegen die Fadesse der Forststraße anzukämpfen.

In eigener Sache: Danke für alle, die sich anboten, Hund Niko Poldi zu chauffieren! Er wird ab morgen wieder dabei sein. Yipieh!

 21.07.2009 | Tags: , , , , | 4 Kommentare
 

Interview auf der Memminger Hütte

(Video auf  YouTube und Vimeo)

 11.07.2009 | Tags: , , , | Ein Kommentar