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Archiv für das Tag: glücksgefühl

 

Manchmal muss man alleine sein. Tag sechsundfünfzig.

Wanderung56_SonnenaufgangFischerhütteSoll ich Ihnen was sagen: Bislang haben mich 32 Menschen beim Wandern begleiten. Und zwei Hunde. Das ist schier unfassbar. Weil mir auf diese Art 32 Menschen gezeigt haben, dass sie auch gerne Wandern. Dass sie meine Leidenschaft teilen. Dass meine Begeisterung sie begeistert. Und genau das ist es: Freude an derselben Sache. Menschen um sich zu haben, die über die gleichen Witze lachen. Bei denselben Filmen weinen. Den Sonnenuntergang genau so berührend finden. Den Weg genau so beschwerlich, den Ausblick ebenso schön. Menschen, die kommentieren wie Michi H.: „…am Schneeberg dann. Beim Kaiserstein. An der letzten großen Klippe vor Wien. Wanderung56_KaisersteinBlickWienGanz an der Kante draußen. Schneebergdörfl und Puchberg unten ganz klein. Das Wiener Becken verschwommen im morgendlichen Dunst. Der letzte, weite(!) Blick zurück auf’s VerGangene…“

Ich stand genau da. Schaute zurück, sah bis zum Hochschwab. Schaute vor, sah da ganz vorne Wien. Als ich auf dieser Klippe stand, am viertletzten Wandertag, wurde mir anders. In mir rührte sich Entschlossenheit, dabei wollte ich Rührung. Ich erwartete eine Träne. Ich stand wie versteinert da, die Augen weit offen. Aber Tränen lassen sich nicht zwingen. Dass wir uns richtig verstehen: Alles war stimmig, ich freute mich auf die vor mir liegenden Mamauwiese, Dürre Leitn, Öhler und Plattenstein. Alles gut 1000 Höhenmeter Wanderung56_AufFadensteigtiefer als mein Standort. Es ging mir gut, aber die Rührung mir fehlte wie der Suppe das Salz. Hallo! Träne!!! Sie ließ sich nicht zwingen.

Ich atmete durch und machte mich an den letzten langen Abstieg. Machte mich daran, wieder einmal einen Tag lang alleine zu gehen, mit niemandem zu reden. Mich hinzusetzen, wo mich der Hintern auf den Boden zieht. Und vor allem: Mich nur auf mich zu konzentrieren. Es gelang mir nicht gleich, mir schoss ein Email von Mitwanderin Steffi ein: „…das Glücks- und Hochgefühl, wenn man sein Ziel erreicht hat, ist unbezahlbar – was red ich, Du kennst es ja und Du wirst es bald in tausendfacher Ausführung erleben. Als Ingrid und ich im Auto Richtung Wien saßen, stellte sich bei uns sowas wie, hmm, Wehmut ein. Und es war ganz seltsam plötzlich wieder in die Stadt zu kommen. Wir wären eigentlich lieber in Wanderung56_ErstesEdelweißden Bergen geblieben. Danke, schön war’s.(Auch wenn dieser Satz schon oft verwendet wurde, er trifft es doch.)“

Plötzlich war mir klar, warum ich wieder einmal allein sein sollte. Wollte. Um dieses Gefühl wieder zu erleben, pur und unverdünnt. Meinen Blick aufs Glück wieder zu schärfen. Da lag es doch: Wien, das Ziel, das Ende einer langen Reise. Nur auf mich und mein Gefühl zu fokussieren, nicht auf das, was Mitwanderer sehen. Nicht die Ausblicke bewundern, die sie bewundern. Selber schauen. Ich roch also an Blumen. Blieb stehen, wo es mir gefiel. Und dann tatusch: Am Öhlerschutzhaus aß ich ein Würstel. Und nach zwanzig Minuten fiel mir auf, was sich da als Topfpflanze vor mir räkelt und was ich die ganze Zeit nicht gesehen hatte: Edelweiß. Edelweiß, das ich mir auf meiner Wanderung so lange wünschte und nie gesehen hatte. Ich schmunzelte über die List des Schicksals.

Wanderung56_PlattensteinEine Stunde später erreichte ich die geschlossene Gauermann Hütte. Die direkt neben dem felsigen Plattenstein-Gipfel liegt. Da war kein Mensch, weit und breit nicht. Ich setzte mich zum Gipfelkreuz, blickte Richtung näher gerücktem Wien. Schaute ins Tal, das tief unten an der Felswand lag. Spürte die Sonne auf meiner Haut brennen. Inhalierte die wolkenlose Luft und die Stille. Ich wusste genau, dass ich mich wieder einmal in einem der Momente befinde, die man niemandem vermitteln kann. Nicht mit Bildern, nicht am Telefon, schon gar nicht mit Worten. „Macht gar nichts“, sagte ich leise. Und wischte mir die Träne von der Wange.

Tag 56 (25.8.2009): Fischerhütte – Fadensteig – Dürre Leitn – Mamauwiese – Öhlerschutzhaus – Plattenstein – Ungerberg – Frohnberg – Waidmannsfeld. Sonne und trockene Hitze. Da der Weg nach dem Fadensteig aber großteils durch den Wald ging, ein herrliches Wanderwetter und schöne Lichtspiele. Sieben Stunden unterwegs, davon knapp sechs auf den Beinen. Wanderung56_WaldSchönTipp des Tages: Einerseits der Kaiserstein oberhalb der Fischerhütte. Andererseits der Plattenstein neben der Gauermann Hütte. Orte, um zu sich zu finden.

Keine Blase, da kommt auch keine mehr. Sieben Zigaretten geraucht, kein Alkohol (Wie auch, so alleine in Waidmannsfeld, wo es keine Lokale gibt, die offen hätten. Ich habe mir also eine Pizza aus Pernitz liefern lassen. Die erste Pizza seit langem. Mit Schinken, Salami, Pfefferoni, nah Sie wissen eh, so auf Rusticana-Style. Hieß aber Pizza Roberto. Egal.) Und, lieber vermisster Hund Niko Poldi: Du hättest auch eine Pizza bekommen. Con Carne per Cane.

 27.08.2009 | Tags: , , | Ein Kommentar
 

Recht auf Glück. Tag einundfünfzig.

Wanderung51_GrafMeranHausSchon ein paar Meter nach dem Graf Meran Haus wusste ich, dass ich den kommenden Ruhetag in Neuberg brauche. Nach ein paar Metern mehr wusste ich, wie dringend. Aber eigentlich wusste ich es ja schon gestern Abend, als mir die Frage nach einer Dusche auf dem Graf Meran Haus mit dem Satz beantwortet wurde: „Wengan Umbau hamma derzeit net amoi Wausser.“ Das war der dritte Abend en suite ohne gescheite Waschmöglichkeit, dazwischen waren Tage voll schweißtreibender Aufstiege, inklusive zweier Gipfel. Es klebte.

Auf dem Weg nach Neuberg potenzierte sich die Lust auf Dusche und Ruhe dann minütlich. Weil diese Etappe ganz grauenhaft mühsam ist. Weil es auf und ab Wanderung51_Morgennebelgeht. Weil das Ende nicht in Sicht, sondern immer in der Weite ist. Weil ich auch keine Nahrung mehr mit hatte und mich der erotische Traum der Vornacht penetrant plagte. Wenigstens diese Sorge wurde ich hinter einer Tanne los. Während diese Lust sank, wuchs jene auf eine Dusche. Doch Neuberg war noch immer weit.

Wenigstens hatte ich nach Tagen wieder durchgängigen Handyempfang. Telefonieren lenkt ab, das kennen wir ja vom Autofahren. Also penetrierte ich meinerseits Freunde mit inhaltsleeren Plaudereien. Und eine gute Freundin war bereit, sie eröffnete mir ihre Sorgen, von Jobmöglichkeiten, die ihr die Wahl schwer machen. Von ihren Lebensumständen, die sie gerne anders mag. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Sie hat einen guten Job und könnte einen anderen tollen haben. Sie lebt glücklich und sucht daher das Glücklichere. Ich warf etwas Wanderung51_Morgennebel2ein, das wie „Diese Sorgen möchten andere haben“ klang. Sie replizierte gekonnt: „Jeder hat die Sorgen, die er hat.“

Ja, solche Gespräche kennen wir. Aber diesmal stemmte ich mich gegen dieses hingenommene Schicksal, gegen das neuartige Luxussorgen-Wälzen und dagegen, dass wir diese Unzufriedenheit immer mit dem Recht auf die eigenen Probleme rechtfertigen. Diesmal widersprach ich, wahrscheinlich weil ich nach sieben Wochen Reduziertheit diesen Umstand anders sehe, ganz anders. „Wenn wir aber unsere Sorgen nie relativeren, nie versuchen, einen objektiven Blick darauf zu werfen, wie es uns geht. Wenn wir immer auf unser Recht pochen, uns Sorgen machen zu dürfen, bringen wir uns um ein anderes Recht: Das höchste, wichtigste und beste Recht auf eigenes Glücksgefühl. Glücklich kann nur sein, wer einmal Stopp zu immer neuen Sorgen sagt.“ Die gute Freundin lauschte, also schoss ich ein Beispiel nach: „Hüttenwirt Georg sitzt derzeit in seinem Graf Meran Haus mit einem gerissenen Knöchel-Band in einer einzigen Baustelle und erduldet einen richtig miesen Sommer mit schwachem Geschäft. Das berichtete er mir in jedem zehnten Satz. Die neun dazwischen waren immer voll Freude, mit einem Strahlen im Gesicht zeigte er da Fotos, die er macht, wenn Zeit, weil wenig los ist. Er erzählt von seiner leidenschaftlichen Motivation, dass ihm Gäste noch immer Neues auf seinem Berg zeigen können. Neun Sätze lang ist er glücklich. Und nur der zehnte ist eine Sorge.“ Meine gute Freundin gab mir schweigend Recht.

Wanderung51_PWegweiserIch kam, gut in der Zeit aber am falschen Ortsende, nach Neuberg. „Jetzt muss ich noch da durchlatschen“, dachte ich, rief mich aber gleich zur Ordnung. Und siehe da: Auf dem 15minütigen Weg zum sympathischen Landgasthaus Holzer wurde ich alle meine Sorgen los: Ich kaufte die nächste Wanderkarte, Lebensmittel, Hundefutter und Batterien. Es lag alles auf dem Weg und als Draufgabe stellte sich sorgenloses Glücksgefühl ein. Und jetzt werde ich in meiner Regenhose und mit nacktem Oberkörper die Wäsche holen, die auf der Wäschespinne hängt. Dazu muss ich am idyllischen Gastgarten vorbei. Die Gäste werden schauen. Was mir Glückspilz gar nichts macht.

Tag 51 (20.8.2009): Graf Meran Haus – Veitschalmhütte – Veitschbach Törl – Hallegg – Neuberg an der Mürz. Gespenstischer Morgennebel, dann zunehmend klares Wetter, schlussendlich viel Sonne, was die Wäsche beim Trocknen freute. Sechseinhalb Stunden unterwegs, davon fünf auf den Beinen in den Bergen, eine halbe im Ort. Tipp des Tages: Geht man meinen Weg, muss man in Eisenerz Geld und Lebensmittel aufladen wie ein Esel. Denn bis Neuberg Wanderung51_Neuberggibt es weder Bankomat, noch Supermarkt. Im übrigens auch keine Duschen auf den Hütten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Eine Mini-Blase (Ferse rechts). Elf Zigaretten geraucht, kein Alkohol (ich fühle mich ein bisserl krank) Hund Niko Poldi scheint sich ein bisschen an das Tempo der letzten Gemeinschafts-Wanderwochen gewöhnt zu haben und mag mein jetziges Solo-Marschtempo offenbar nicht. Er ist diszipliniert und trottet nach, aber: Es ist gut, wenn wieder Mitwanderer kommen und mich einbremsen.

 22.08.2009 | Tags: , , | 2 Kommentare