Weil der Mensch zählt. Tag fünfzig.

Wanderung50_HelgaNikoAxelWas ich am meisten vermissen werde? Immer neue Menschen zu treffen, mit immer neuen Geschichten. Sie auf dem Berg zu erleben, in dieser Einheitssituation, wo du nichts verstecken kannst. Nicht vor dir und nicht vor den Anderen. Mit jedem Meter, den ich Wien näher komme, wächst meine Erkenntnis, dass es die erlebten Menschen sind, die meine Wanderung so einzigartig und daher schön machen. Mir ist das wahrscheinlich auch heute umso bewusster, weil mich zu Mittag Mitwanderer Helga und Ferdl verlassen haben. Und wenn man wieder einmal alleine geht, sieht man die Umwelt durch eine andere Brille. (beachte: Text-Bild-Einklang, grins)

Wanderung50_PfaffingalmAuf der Pfaffingalm, am Weg zum Hochschwab, haben wir zum Beispiel niemanden getroffen, die Menschen waren zum Einkaufen ins Tal abgestiegen. Aber einen Zettel haben sie hinterlassen: Durstige Wanderer mögen sich selbst bedienen. Soviel Mensch begegnet mir daheim oft nicht einmal in der knallvollen U-Bahn.

Eine Stunde später kamen meine Mitwanderer und ich nicht aus dem Staunen, als der Kärntner Walter uns erzählte, diesen meinen Weg gerade von Ost nach Wanderung50_AndrothalmWest zu gehen. Um abzunehmen. 25 Kilo wolle er loswerden, weshalb er nichts esse. Seit neun Tagen nichts außer Suppen. Auf unsere schnöden Zweifel reagierte er mit wirrem Lächeln. Er schien uns eigen. Ihm war das egal. Er bestellte sich eine „ordentliche Brettljause.“

Auf dem Sonnschien Haus trafen wir dann zwei Paare, eines aus Graz, das andere aus Wien. Die wohnen bei mir ums Eck. Wir sprachen also über das Leben im Allgemeinen und Strebersdorfer Grätzlpolitik im Speziellen. Am nächsten Tag ergab sich aus uns allen eine Quasi-Wandergemeinschaft hin zum Hochschwab. Nein, nicht Cluburlaub, sondern ungezwungen.

Wanderung50_BlindEin menschliches Highlight war der Voisthaler Hüttenwirt Hans. Den hatten mir alle Nachbar-Hütten-Bosse und Insider als so Hunde-unlieb geschildert, dass er „sogar Zwinger vor der Hütte aufgestellt hat. Dem Hans (sprich: Hauns) kommt ka Hund in die Hüttn.“ Wie soll ich sagen: Hans, der vermeintliche Hundefresser vom Hochschwab, und ich haben das ausgeredet. Und Hunde wie Niko Poldi lässt Hans sogar im Zimmer auf dem Boden schlafen. Aber er kennt Geschichten, der Hans: von Hunden, die vom Tisch essen und Besitzern, die das verteidigen. Von trächtigen Dalmatiner-Hündinnen, die ihre Jungen auf dem Hochschwab werfen und Besitzern, die sie eben dorthin schleppen. Ich finde, Hans ist ein Michel. Ein ganz gerader.

Am Morgen machte sich übrigens ein blinder Mann am Arm seiner sympathischen Frau auf zum Hochschwab. Schlicht beeindruckend. Wir haben Wanderung50_HelgaFerdlhingegen den Weg ins Tal in Angriff genommen. Wir, das waren im konkreten Fall Helga, Ferdl, Niko Poldi, ich und die zwei Hollabrunner, die wir kennen gelernt hatten. Der eine heißt Franz und ist der Onkel des Exfreundes meiner Katrin. Solche Zufälle lassen mich natürlich längst kalt, aber auf der Voisthaler Hütte wusste ich ja auch noch nicht, dass ich zwei Tage später in Neuberg Wiener treffen werde, die bei meiner Mama ums Eck wohnen. Die eine heißt Elisabeth und war meine Kindergartentante.

Zu Mittag trennte ich mich schweren Herzens von den so lieb gewordenen Mitwanderern Helga und Ferdl. Es ist mir nämlich höchst zuwider, solch freundliche, jugendliche und wertvolle Menschen ziehen zu lassen, wenn ich sie einmal gefunden habe. Helga schickte post Trennung folgendes Mail:

„Hallo Axel!

Der Steffel ist nicht mehr fern. Nachdem Du auf den beiden letzten Etappen Wanderung50_Benedikteinen fachkundigen Wanderbegleiter hast, der Dich vorantreibt, wobei nur kurz links und rechts geschaut wird, die Bilder im Gehen geschossen werden, wirst Du bald am Ziel sein. Spaß beiseite, es ist völlig wurscht, ob Du fünf Stunden früher oder später ankommst, Hauptsache, Du hast Freude, so wie wir, die wir von Admont bis zum Seeberg mitgewandert sind.

Ferdinand und ich haben zwar das Durchschnittsalter Deiner Mitwanderer erheblich in die Höhe geschraubt, man sieht aber, auch im „Alter“ kann man fit sein. Uns hat‘s richtig gefreut!!! Wenn ich mich zurückerinnere an meinen Weitwanderweg 01, den ich im Jahr 2004 beendet habe, muss ich sagen, der bewegendste Moment war, als wir am Freschen gestanden sind und in der Ferne unser Ziel, den Bodensee, gesehen haben. Uns sind vor Freude die Tränen gekommen. Ich glaube, Dir wird es nicht anders ergehen, wenn Du die Ortstafel WIEN erblickst.

Ich wünsche Dir für die restlichen Tage nur Sonnenschein, denn Regen hast Du schon genug genossen.

Gib Niko eine Sonderstreicheleinheit von mir, er hat sichs verdient!!!

Liebe Grüße, Helga“

Am Ende des Tages wurde ich herzlich von den Wirtsmenschen des Graf Meran Hauses aufgenommen. Die machen durch ihre Art wett, dass es wegen des Umbaus da oben derzeit kaum Wasser und Strom gibt. Und der zwölfjährige Benedikt begleitete mich zum Gipfel der Hohen Veitsch. Er schnappte sich das Gipfelbuch und schrieb: „Hier ist Friede und Liebe sicher“. Das sei von ihm. Und als ob es ihm seine kindliche Weisheit befahl, ließ er mich damit alleine. In der Stunde bis zum Sonnenuntergang ging mir dann einiges durch den Kopf. Was genau? Wertvolle Leserin und Leser, das geht nun wirklich niemanden etwas an. Denn solche Momente gehören einem ganz alleine.Wanderung50_Sonnenuntergang

 

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Tag 50 (19.8.2009): Voisthaler Hütte – Reitsteig – Florlhütte – Seewiesen – mit dem Auto zum Bankomat nach Turnau und zurück zur Seeberg Alm – Göriacher Alm – Turnauer Alm – Rotsohl Alm – Teufelssteig – Graf Meran Haus. Nebel, Sonnendurchbruch , Sonne pur. Und rechtzeitig zum schönen Sonnenuntergang auf der Hohen Veitsch (ganz genau: seit gestern ist der Axel ein Gipfelfreak!) zogen hübsche Wolken auf, um sich bescheinen zu lassen. Zehn Stunden unterwegs, davon sechseinhalb auf den Beinen, zwei beim Schreiben (nach Tagen der Internet-Abstinenz wieder einmal Empfang in Seewiesen, huhuuuu!) und eineinhalb bei der Rast. Tipp des Tages: Man lasse alle Tage so wie auf dem Veitschgipfel im Sonnenuntergang ausklingen… Zumindest vom Gefühl her.

Keine Blase. Vier Zigaretten geraucht (sie gingen mir schlicht aus, was mir gut tut. Meine Lunge rebelliert seit Längerem gegen das Getschicke), zwei weiße Spritzer (man sagt dazu „weiße Mischungen“). Hund Niko Poldi machte heute auf Ghandi und versuchte erstmals den gewaltlosen Widerstand. Am der Teufelssteig, wo die Hitze mit der Steilheit um die Herrschaft buhlten, legte er sich hin und reagierte auf mein „Komm weiter“ mit einem klaren „Alter, dein Tempo reicht echt, jetzt ist Pause“-Blick. Ich sah die Sinnlosigkeit der Strenge ein und setzte mich dazu. Ein Charakterhund eben.



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 Axel Halbhuber am 22.08.2009  |   2 Kommentare

Tränen lügen nie. Tag neunundvierzig.

Das muss unter uns bleiben: Ich habe heute am Hochwab-Gipfel vor Freude geweint. Natürlich so, dass es keiner mitbekommt und ich damit mein Coole Sau-Image gefährde. Aber der Blick auf die Rax hat mich überwältigt. Denn es ist doch so: Von mir aus gesehen liegt hinter der Rax mein Wien. (Machen Sie jetzt nicht alles mit dem berechtigten Einspruch kaputt, dass dazwischen noch der Schneeberg zu überschreiten ist) Und nun rede ich seit über sieben Wochen von dieser Rax wie man eben von einem letzten großen Etappenziel spricht. Für mich ist dieses Hochplateau mittlerweile wie für Kinder das Schlafengehen am 23. Dezember. Die Rax und den Schneeberg noch, dann bin ich daheim. Und heute habe ich nicht von ihr gesprochen, ich habe die Rax gesehen. Augen nass.

 

Aber diese Tränen kamen nicht überraschend. Das Wasser hat sich irgendwie mit jedem Höhenmeter gesammelt. (Ich muss an dieser Stelle einfach den Satz loswerden, der mir den ganzen Tag durch mein Hirn ging: Wenn ich so auf den Hochwab hochtrab, werden die Augen immer nasser, wengan Wasser). Es begann schon in der Früh: Der himmlische Bühnenbeleuchter hat sein sanftestes Nebelblau herausgeholt. Ein Nebel, der dich blendet und die Kulisse in einen Schimmer taucht, den kein Künstler hinbekommt, sondern eben nur die Natur. Apropos Kulisse: Das Hochschwab-Gelände habe ich vorher nicht gekannt. Und nicht damit gerechnet, dass es da oben so schön ist. Eine Schönheit, die leicht zu begehen ist, keine ausgesetzten Steige, keine unfassbaren Anstiege, sondern immer die Gelegenheit, den Blick kurz vom Weg abschweifen zu lassen.

Die entgegenkommenden Wanderer berichteten von einer Steinbock-Herde, die am Weg liegt. Sie lag da. Sie sagten, dass am Gipfel nur Nebel ist und keine Sicht. Bei mir war der Nebel weg. Sie sprachen vom Schiestl Haus unterhalb des Gipfels und dass dieser moderne Kobel Geschmacksache sei. Mir hat er dann gefallen. Sie erzählten vom Kreuz, vom Biwak am Weg. Meine Lust nach diesem Berg schoss mir in die Beine, ich wurde schneller, ohne dass ich es wollte. Ich ließ Mitwanderer Helga und Ferdl ihre Pause machen und zog mit Niko Poldi weiter. Als ich das Gipfelkreuz sah, erhöhte ich das Tempo nochmal. Es war viel zu schnell, ging sich aber für die verbleibenden zehn Minuten (statt angeschriebener 20) aus. Dann war ich oben. Überwältigt vom Blick. Eingeschüchtert von der Atemlosigkeit. Beeindruckt von dem Moment des Gipfelsieges, den ich auf meiner Wanderung so selten gesucht habe. Aber hier, am leichten Hochschwab schoss mir genug Sentiment für sieben Wochen ein.

Dann erreichten auch Helga und Ferdl den Gipfel. Und als sie mir das obligate „Berg Heil“ wünschten, spürte ich meine Dämme brechen. Ich drehte mich von Ihnen weg, aber auf der anderen Seite lachte mir wieder die Rax zu. Da musste ich weinen. Aber das muss unter uns bleiben.

Tag 49 (18.8.2009): Sonnschien Hütte – Häuselalm – Baumstall – Hirschgrube – Hundsböden – Rauchtal Sattel – Fleischer Biwak – Hochschwab Gipfel – Schiestl Haus – Graf Meran Steig – Voisthaler Hütte. In der Früh hatte es heute ein ganz eigenes Licht, schwer zu beschreiben: feuchte Luft, die himmelseitig quasi von hinten beleuchtet wird, wodurch der gesamte Nebel blendete. поют сестры колесниченко Alles in allem ein bisschen J.R.R. Tolkien. Die Stimmung passte jedenfalls zum Gelände, in das ich mich ein bisschen verliebt habe. Später setzte sich zunehmend die Sonne durch, aber nie restlos. Achteinhalb Stunden unterwegs, davon sechseinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Geh auf den Gipfel! Das Gefühl ist unfassbar.

Keine Blase. Fünf Zigaretten geraucht, zwei Achterl Rot, ein Schnaps mit den beiden Hollabrunnern, dazu morgen mehr. Und: Ein hervorragendes Gams-Gulasch auf der Voisthaler bekommen. Nur Niko Poldi speiste noch feudaler: Auf meine Frage nach einem Restl-Futter für den Hund servierte ihm Hüttenwirt Hans Steinbock-Restln mit Nudeln. Dass Hans also nicht der von allen angekündigte Hunde-Hasser sein kann, bespreche ich ebenfalls morgen.



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 Axel Halbhuber am 21.08.2009  |   5 Kommentare