Was ich am meisten vermissen werde? Immer neue Menschen zu treffen, mit immer neuen Geschichten. Sie auf dem Berg zu erleben, in dieser Einheitssituation, wo du nichts verstecken kannst. Nicht vor dir und nicht vor den Anderen. Mit jedem Meter, den ich Wien näher komme, wächst meine Erkenntnis, dass es die erlebten Menschen sind, die meine Wanderung so einzigartig und daher schön machen. Mir ist das wahrscheinlich auch heute umso bewusster, weil mich zu Mittag Mitwanderer Helga und Ferdl verlassen haben. Und wenn man wieder einmal alleine geht, sieht man die Umwelt durch eine andere Brille. (beachte: Text-Bild-Einklang, grins)
Auf der Pfaffingalm, am Weg zum Hochschwab, haben wir zum Beispiel niemanden getroffen, die Menschen waren zum Einkaufen ins Tal abgestiegen. Aber einen Zettel haben sie hinterlassen: Durstige Wanderer mögen sich selbst bedienen. Soviel Mensch begegnet mir daheim oft nicht einmal in der knallvollen U-Bahn.
Eine Stunde später kamen meine Mitwanderer und ich nicht aus dem Staunen, als der Kärntner Walter uns erzählte, diesen meinen Weg gerade von Ost nach
West zu gehen. Um abzunehmen. 25 Kilo wolle er loswerden, weshalb er nichts esse. Seit neun Tagen nichts außer Suppen. Auf unsere schnöden Zweifel reagierte er mit wirrem Lächeln. Er schien uns eigen. Ihm war das egal. Er bestellte sich eine „ordentliche Brettljause.“
Auf dem Sonnschien Haus trafen wir dann zwei Paare, eines aus Graz, das andere aus Wien. Die wohnen bei mir ums Eck. Wir sprachen also über das Leben im Allgemeinen und Strebersdorfer Grätzlpolitik im Speziellen. Am nächsten Tag ergab sich aus uns allen eine Quasi-Wandergemeinschaft hin zum Hochschwab. Nein, nicht Cluburlaub, sondern ungezwungen.
Ein menschliches Highlight war der Voisthaler Hüttenwirt Hans. Den hatten mir alle Nachbar-Hütten-Bosse und Insider als so Hunde-unlieb geschildert, dass er „sogar Zwinger vor der Hütte aufgestellt hat. Dem Hans (sprich: Hauns) kommt ka Hund in die Hüttn.“ Wie soll ich sagen: Hans, der vermeintliche Hundefresser vom Hochschwab, und ich haben das ausgeredet. Und Hunde wie Niko Poldi lässt Hans sogar im Zimmer auf dem Boden schlafen. Aber er kennt Geschichten, der Hans: von Hunden, die vom Tisch essen und Besitzern, die das verteidigen. Von trächtigen Dalmatiner-Hündinnen, die ihre Jungen auf dem Hochschwab werfen und Besitzern, die sie eben dorthin schleppen. Ich finde, Hans ist ein Michel. Ein ganz gerader.
Am Morgen machte sich übrigens ein blinder Mann am Arm seiner sympathischen Frau auf zum Hochschwab. Schlicht beeindruckend. Wir haben
hingegen den Weg ins Tal in Angriff genommen. Wir, das waren im konkreten Fall Helga, Ferdl, Niko Poldi, ich und die zwei Hollabrunner, die wir kennen gelernt hatten. Der eine heißt Franz und ist der Onkel des Exfreundes meiner Katrin. Solche Zufälle lassen mich natürlich längst kalt, aber auf der Voisthaler Hütte wusste ich ja auch noch nicht, dass ich zwei Tage später in Neuberg Wiener treffen werde, die bei meiner Mama ums Eck wohnen. Die eine heißt Elisabeth und war meine Kindergartentante.
Zu Mittag trennte ich mich schweren Herzens von den so lieb gewordenen Mitwanderern Helga und Ferdl. Es ist mir nämlich höchst zuwider, solch freundliche, jugendliche und wertvolle Menschen ziehen zu lassen, wenn ich sie einmal gefunden habe. Helga schickte post Trennung folgendes Mail:
„Hallo Axel!
Der Steffel ist nicht mehr fern. Nachdem Du auf den beiden letzten Etappen
einen fachkundigen Wanderbegleiter hast, der Dich vorantreibt, wobei nur kurz links und rechts geschaut wird, die Bilder im Gehen geschossen werden, wirst Du bald am Ziel sein. Spaß beiseite, es ist völlig wurscht, ob Du fünf Stunden früher oder später ankommst, Hauptsache, Du hast Freude, so wie wir, die wir von Admont bis zum Seeberg mitgewandert sind.
Ferdinand und ich haben zwar das Durchschnittsalter Deiner Mitwanderer erheblich in die Höhe geschraubt, man sieht aber, auch im „Alter“ kann man fit sein. Uns hat‘s richtig gefreut!!! Wenn ich mich zurückerinnere an meinen Weitwanderweg 01, den ich im Jahr 2004 beendet habe, muss ich sagen, der bewegendste Moment war, als wir am Freschen gestanden sind und in der Ferne unser Ziel, den Bodensee, gesehen haben. Uns sind vor Freude die Tränen gekommen. Ich glaube, Dir wird es nicht anders ergehen, wenn Du die Ortstafel WIEN erblickst.
Ich wünsche Dir für die restlichen Tage nur Sonnenschein, denn Regen hast Du schon genug genossen.
Gib Niko eine Sonderstreicheleinheit von mir, er hat sichs verdient!!!
Liebe Grüße, Helga“
Am Ende des Tages wurde ich herzlich von den Wirtsmenschen des Graf Meran Hauses aufgenommen. Die machen durch ihre Art wett, dass es wegen des Umbaus da oben derzeit kaum Wasser und Strom gibt. Und der zwölfjährige Benedikt begleitete mich zum Gipfel der Hohen Veitsch. Er schnappte sich das Gipfelbuch und schrieb: „Hier ist Friede und Liebe sicher“. Das sei von ihm. Und als ob es ihm seine kindliche Weisheit befahl, ließ er mich damit alleine. In der Stunde bis zum Sonnenuntergang ging mir dann einiges durch den Kopf. Was genau? Wertvolle Leserin und Leser, das geht nun wirklich niemanden etwas an. Denn solche Momente gehören einem ganz alleine.
Tag 50 (19.8.2009): Voisthaler Hütte – Reitsteig – Florlhütte – Seewiesen – mit dem Auto zum Bankomat nach Turnau und zurück zur Seeberg Alm – Göriacher Alm – Turnauer Alm – Rotsohl Alm – Teufelssteig – Graf Meran Haus. Nebel, Sonnendurchbruch , Sonne pur. Und rechtzeitig zum schönen Sonnenuntergang auf der Hohen Veitsch (ganz genau: seit gestern ist der Axel ein Gipfelfreak!) zogen hübsche Wolken auf, um sich bescheinen zu lassen. Zehn Stunden unterwegs, davon sechseinhalb auf den Beinen, zwei beim Schreiben (nach Tagen der Internet-Abstinenz wieder einmal Empfang in Seewiesen, huhuuuu!) und eineinhalb bei der Rast. Tipp des Tages: Man lasse alle Tage so wie auf dem Veitschgipfel im Sonnenuntergang ausklingen… Zumindest vom Gefühl her.
Keine Blase. Vier Zigaretten geraucht (sie gingen mir schlicht aus, was mir gut tut. Meine Lunge rebelliert seit Längerem gegen das Getschicke), zwei weiße Spritzer (man sagt dazu „weiße Mischungen“). Hund Niko Poldi machte heute auf Ghandi und versuchte erstmals den gewaltlosen Widerstand. Am der Teufelssteig, wo die Hitze mit der Steilheit um die Herrschaft buhlten, legte er sich hin und reagierte auf mein „Komm weiter“ mit einem klaren „Alter, dein Tempo reicht echt, jetzt ist Pause“-Blick. Ich sah die Sinnlosigkeit der Strenge ein und setzte mich dazu. Ein Charakterhund eben.
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