Jetzt habe ich es geschafft: Mitwanderer Helga und Ferdl kannte ich nicht, bevor sie mir heute Früh um halbneun vor dem Stift in Admont die Hand gaben. Helga liest meinen Blog seit dem ersten Tag und fragte vor Wochen zögerlich an, ob ich sie und ihre 66 Jahre ein paar Tage mitnehmen würde. Weil sie den 01er-Weitwanderweg nämlich vor Jahren schon gegangen sei. Und wie ich würde, gerne auch noch! Das Alter von Ferdl verriet sie mir erst gar nicht, aber unter uns: Wenn ich mit 79 so aussehe und alpin so drauf bin, bewerbe ich mich beim Jungbauern-Kalender. Weil also nun zwei beim Projekt mitmachen, weil sie dieses Wandern mögen und nicht zwangsläufig mich, fühle ich mich als Sieger.
Aber darum geht es nicht, sondern um einen, der mich mögen muss, weil er ein Freund ist, nämlich Harald. Der wandert auch seit heute mit und im Laufe des Tages sprachen wir über Beethoven. Das ist hier jetzt ebenso nicht wichtig wie die Tatsache, dass die heutige Wanderung mich an dessen 6. Sinfonie erinnerte, dass die Pastorale heißt und wie kaum ein anderes klassisches Stück Tonmalerei mit einer melodisch echten Geschichte daherkommen lässt statt wie sooft einfach nur Kulisse ohne Handlung zu sein. (Verzeihung, das musste an dieser Stelle raus, diesen Standpunkt trage ich als inneren Disput mit meinem Musiklehrer seit der Matura mit mir herum) Aber auch darum geht es gar nicht.
Denn beim Sinnieren über Beethovens Naturbetrachtungen, so irgendwo im zweiten Satz, näherte sich uns eine Gedenktafel: „Auf einem
Reviergang am 10.Sept.1926 wurde hier der Jäger Karl Steiner von Wildererhand meuchlings (Anm.: Tolles Wort!) erschossen. Der Liebe zu seinem Beruf und seiner vorbildlichen Pflichttreue ist er zum Opfer gefallen.“ Assoziativ schoss mir die Frage ein, was eigentlich aus diesen sympathischen Wilderer-Kerlen in den Heimatfilmen wurde, die Feschen ohne Furcht, mit viel Tadel. Diese Clooneys der Nachkriegszeit wurden im echten Leben rar. Wir brauchen wieder mehr Piraten, dachte ich mir und gleich darauf, wie pietätlos es ist, sich genau das vor der ehernen Erinnerung an Karl Steiner zu denken. Aber ehrlich: Beethoven war bekannt für seine Pietätlosigkeit.
Ich lenkte meine sonderbaren Gedanken um, auf eine andere Gedenktafel, gesehen in Vorarlberg, am Beginn meiner Wanderung (vor gefühlten zehn Jahren): „Du kannst nicht tiefer fallen, als nur in Gottes Hand, die er zum Heil uns allen, barmherzig ausgespannt. Gewidmet zu Ehren des Thomas Göppel,
Ministrant. Mit 17 Jahren tödlich verunglückt am 22.5.1982.“ Damals dachte ich mir: Wer hat denn da den Zynismus mit der Schöpfkelle gefuttert? Wer stellt so was auf, wenn ein Liebster verunglückt ist? Dochdoch, ich habe für Gott viel über, liebe Leserin und lieber Leser. Aber wenn einer in den Tod stürzt, kann er nicht tiefer fallen als in Gottes Hand? So eine Tafel hätte nicht einmal Beethoven da oben aufgestellt, meuchlings.
Oh Berge, oh Sitten, wann werde ich euch verstehen?
Tag 43 (12.8.2009): Admont – Kematengraben – Scheiblegger Hochalm – Oberst-Klinke-Hütte – Flitzengraben – Mödlinger Hütte. Bewölkt, ab mittags zunehmend mit Sonnensprenkeln. Leider nie wolkenlos, sonst wäre das ein prächtiger Sonnenuntergang in den Kalbling hinein gewesen, samt tollem Alpenglühen auf dem Hochtor. An sich aber gutes Wanderwetter. Achteinhalb Stunden unterwegs, davon sieben auf den Beinen. Tipp des Tages:
Mitwanderer! Sie helfen, sie überraschen, sie sind abwechslungsreiche Sympathie. Ich mag diese Menschen auf meinem Weg.
Keine Blase. Sieben Zigaretten geraucht, zwei Achterl Rot. Hund Niko Poldi war heute sichtlich sehr froh darüber, dass er nach den zwei Ruhetagen endlich wieder auf dem Berg tollen darf. Einzig die Sache mit den Stockerln hat er schlicht nicht im Griff, weil im Wald soviele davon sind. Er nimmt eines, tragt es ein paar Meter, sieht ein anderes, wechselt, schaut aber kurz so, als ob es ihm um das alte leid täte. Das hört nie auf und die Verzweiflung steht ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Aber eben: Er trägt beides mit Fassung, Stock und Stolz.



Ganz nebenbei: Den Text der Gedenktafel auf dem Weg zur Hackel-Hütte fand ich schön. „Johann Stüdl, einer der Gründer des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, rastete hier, 85 Jahre alt, am 26. Mai 1924, auf seiner letzten Bergfahrt.“ Und ich sage jetzt gar nicht, wie toll unaufgeregt und menschlich diese Erinnerung ist. Weil ich nämlich aufpassen muss, dass ich beim Wandern und Reflektieren nicht ins uferlos Sentimentale abrutschte. Jaja, werte Leserin und werter Leser, das ist auch mir aufgefallen, aber was soll ich sagen: Die Berge und ihre Protagonisten sind einfach schön, regen zu Empfindung an und lassen einen emotional nicht aus. Daher mein Rührung-Tsunami der vergangenen Tage.
„lockenden, verträumten Waldlichtungen“ schreibt Doktoressa Senger und dass sich „naja“, ihre Begeisterung für diese außerhäusliche Liebe „in Grenzen hält“. Dass ich das nun weiß, dachte ich. Weil sich diese „Outdoor-Version“ des Aktes im „Ernstfall oft als Strafe, verschärft durch hartes Lager“ und „in den Rücken bohrende Wurzeln und Steinchen, herausstellt“, denkt Senger.
Dank, Reststrecke gerettet. Wegen der Zweisamkeit, sagt Senger. Und weil „alle angesprochenen Sinne“ kombiniert mit einem „Kuss auf dem Rastplatz“ ein „paradiesisches Glück“ sein kann.
Tag 31 (31.7.2009): Werfenweng – Dr. Heinrich Hackel-Hütte – Aualm – Lungötz. Ganztags sonnig mit Wolken, recht heiß, die angekündigten Gewitter blieben aus. Schöne Wanderung an den südlichen Hängen, am Schluss am südlichen Fuße des Tennengebirges, oft gute Blicke auf dessen Scharten, aber auch in die Ferne zurück und auf den Gosaukamm. Fünfeinhalb Stunden unterwegs, davon viereinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Zwischen Jochriedel und Lungötz geht man durch das Truppenübungsgebiet Aualm. Auch dort erkennt man den friedliebenden Zustand unseres Bundesheers, erinnert das Gebiet doch an einen Nationalpark. Sehr schön.
Die klitzekleine Blase (linke große Zehe oben) strafe ich mit Ignoranz. Schon wieder Feier-Abend, diesmal sanfter: Mitwanderer Michi H. und Laszlo verlassen mich, zu dritt tranken wir eine Flasche Wein, alleine rauchte ich zwölf Zigaretten. Zu Hund Niko Poldis großer Freude gibt es bei der Aualm einen kleinen, sauberen Teich. Er ist gesprungen (Hund Niko Poldi springt mit vollem Anlauf vom Ufer Weg und schafft gut zwei Meter), hat sich geschüttelt und im Gras gewälzt, dazu harmonisch gebellt. Wir hatten unser Gaudium.



