Letzte Erkenntnis. Die Tage danach.

Das Leben ist gleich wieder da. Weil es nämlich nie weg war. Es war immer in Wien, meinem Alltag. Ich hatte es für zwei Monate verlassen, nicht umgekehrt. Das alltägliche Leben ist nicht auf Bergen herumgewandert, hat keine neuen Menschen im Speziellen und Sichtweisen im Allgemeinen kennen gelernt. Es hatte keine Auszeit von den kleinen und kleinsten Problemen des großstädtischen Soziotops und auch nicht entsprechende Distanz zu den großen und elementaren Sorgen meiner Mitmenschen. Mein Leben war da, erhielt Rechnungen, beantwortete Anfragen und schwitzte den Urbansommer. Da ist es nur recht und billig, dass es beim Augenblick meiner Ankunft alles auf mich warf.

Das klingt nach Klagen. Soll es nicht sein. Eine Woche nach dem Passieren des Ortsschildes geht es mir noch immer gut. Freunde nennen mich „glücklich und entspannt“, auf Menschenansammlungen klopft man mir auf die Wanderung22_Hinterstoder-SpitalAmPhyrn090808-09 175Schulter und bezeichnet mich als „den Wanderer“. Und nahezu jeder interessiert sich für meine jüngste Ver-Gangenheit, die einen privat, die anderen beruflich. Mir kann das alles nur gefallen und vor allem nichts anhaben. Weil mir beim Weitwandern eine zweite Haut gewachsen zu sein scheint. Die wie ein Filter nur das Feine an mich lässt. Das Ölige perlt ab.

Ich erzähle das, weil mir die Zeit gleichermaßen fehlt und abgeht, in der ich jeden meiner Tage reflektiert habe. Immer wenn ich beim Wandern den Computer aufgedreht und mich an Sie, werte Leserinnen und Leser, gewandt habe, ist mir der Tag durch den Kopf gegangen. Das Gute ins Köpfchen, das Schlechte ins Hinweg. Diesen Luxus des permanenten Tagesbuchs fürs Gemüt leistet man sich im gelebten Alltag nicht, weil man nicht kann, weil man nicht will, weil man nicht glaubt, dass man kann und daher nicht will. Man tut es einfach nicht. Schade darum, sehr schade.

Damit habe ich meine letzte Erkenntnis der Wanderung wohl erst hinterher gewonnen. Gar nicht dabei, sondern danach. Und gar nicht beim Wandern, sondern beim Schreiben. Dabei, wenn ich so nachdenke,  ist mir diese Erkenntnis immer wieder über den Weg gelaufen: Als mein Sentiment so vehement auf das Ver-Gangene hingewiesen hat und mich zum Rückblicken zwang. Als mir beim Anblick der westlich gelegenen Horizonte immer wieder wassrig im Auge wurde. Als mir regelmäßig der Satz „Das Wichtigste am Gehen ist das Stehen“ einschoss. Aber erst jetzt, wo ich mich wieder im Alltag niedergesetzt habe, verstehe ich es richtig.

Und so verabschiede ich mich mit meinem letzten Tipp des Tages: Wer nicht jeden Abend an den Tag zurückdenkt, ist keinen Meter wirklich gegangen.

 

Ich danke, eindringlich und aufrichtig, für Ihre und eure Aufmerksamkeit.


Axel N. Halbhuber

 

p.s. Drei letzte Sätze in eigener Sache:

Es wird ein Buch über meine Wanderung geben, ich arbeite gerade daran, über den Erscheinungstermin werde ich an dieser Stelle informieren.

Und am 1.Oktober starte ich die nächste Reise, etwas weiter, etwas länger, nämlich um die ganze Welt, worüber an anderer Stelle, aber in gewohnter Form zu lesen sein wird, und worüber ich Ende September ebenfalls hier informieren werde.

Bleiben Sie mir gewogen.

 

Das war’s.



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 Axel Halbhuber am 08.09.2009  |   4 Kommentare

Über das Aussteigen im Speziellen. Tag fünfundfünfzig.

Wanderung55_MichiFischerhütteÜber 2000 Höhenmeter ist man per Du. Vor allem mit dem Leben. Hier oben begegnet man sich aufrecht, aber nicht untertänig. Auch dem Leben gegenüber nicht. Und deswegen kannst du hier schon mit 25 eine breite Brust haben. So wie Fischerhütten-Wirt Michi. Der steht sowas von im Leben und gestern Abend am Otto Haus stand er vor mir: „Bist du jetzt der Axel? Ich hole dich ab und geh morgen mit dir auf meine Hütte rüber.“

Ich gebe zu, das hat mich dual gefreut: Der Wachthüttelkamm war mir als Abstiegsteig nicht geheuer, da gleicht ein eingeborener Hüttenwirt und Wanderung55_WachthüttelkammBergretter schon einiges im Kopf aus. Noch am Otto Haus haben wir darüber geredet und kamen über die Sätze „jaja, ich bin schon schwindelfrei“ über „solche Wege sind halt auf der Karte schwierig zu bewerten“ recht bald zu der alten Diskussion um die Einschätzung von versicherten Steigen im Besondern und die Frage, wer soll Bergsteigen, wer soll wandern und wer lieber gar nichts im Allgemeinen. Aber das gehe ich hier nun nicht nochmal durch. Viel wichtiger: Es hat mich zweitens gefreut, weil Michi ein ganz Netter ist. Was ich aber zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wusste.

Erst heute hatte ich Zeit, das zu bemerken, 1100 Meter im Ab- und 1500 im Aufstieg lang. Auf denen mir Michi immer wieder etwas erzählte, über das Höllental zum Beispiel: „Da gab es den Hübner, das war der erste, der sich da rein getraut hat. Über den gibt es ein Buch, das war das erste, das ich gelesen habe. Weil sonst hab ich als Kind nicht so unbedingt lesen müssen. Überhaupt war das mit den Lehrern so eine Sache.“ Wir tauschten Lausbuben-Geschichten aus, denn auch der Blogschreiber Ihres Wanderung55_MichiInWeichtalklammVertrauens, liebe Leserinnen und Leser, war kein Vaserl. „Aber heute kommen meine alten Lehrer mich auf der Hütte besuchen. Ich sage immer: Du musst im Leben einen Schmäh haben und rechnen können.“ Michi hat einen Schmäh. Wenn er über den Schneeberg redet. Seinen Schneeberg, den er in guten Jahren bis zu 70 Mal bestiegen hatte. Wenn er über Bergrettungseinsätze und Selbstüberschätzung der Menschen spricht. Und am meisten, wenn er über seine Kathi erzählt, seine 22jährige Freundin, die mit ihm die Hütte betreibt. Die immer wieder angerufen hat, während wir am Weg waren. Weil sich eine Aushilfe vorstellen gekommen ist. Oder eine Frage betreffend der Baustelle aufgetaucht ist, die Fischerhütte bekommt gerade Wasser und Kanal. „Sie vermisst mich auch und macht sich halt auch Sorgen“, sagte Michi.

Bei solchen Sätzen ist Hüttenwirt Michi sanft und überzeugt. Bei anderen Geschichten ist er direkt und bestimmt. Wenn er etwa über die Schwierigkeiten, eine Hütte auf 2049 Meter zu führen, redet. Oder Geschichten erzählt, was ihm Wanderung55_HüttenwirtinKAthida oben alles unterkommt. „Einmal hat eine Frau angerufen und gefragt, ob eh Wind ist. Sie möchte gerne die Asche ihres verstorbenen Vaters am Schneeberg verstreuen.“ Oder ein Anrufer, der sagte, er möchte nun einmal eine Skitour auf dem Schneeberg machen. Und also wissen, wo man sich da die Ski an- und wo wieder abschnallt? „Na wir schnallen sie an, wenn der Schnee anfängt und ab, wo er aufhört. An manchen Tagen rufen hundert solche Leute an, da wirst deppert.“ Aber das hat Michi im Griff. Solche Anrufer im Besondern und das Leben im Allgemeinen.

Nur wenn ihn bei knallvollem Hüttenbetrieb wieder einmal ein Gast herholt und fragt: „Wie wird man eigentlich so ein Aussteiger?“, dann könnte er ihn am liebsten von seinem Schneeberg werfen. Tut er nicht, sondern sagt stattdessen: „Ich habe vier Angestellte, eine sauschwierige Logistik und arbeite sechs Monate wie ein Viech. Wo bin ich ein Aussteiger?“ Im Übrigen wäre das gar nichts für ihn, denn so gerne mir Michi die 700 Fotos vom vergangenen Wanderung55_FischerhütteGangNeuseeland-Urlaub mit Kathi zeigen will: „Länger als einen Tag am Strand halte mich nicht aus. Wo wir hinfliegen, muss es auch Berge geben. Und mehr als drei Wochen brauche ich keinen Urlaub.“ Kathi seufzt leise, aber mit dem Blick eines verliebten Mädchens und Michi direkt ins Gesicht.

P.S. Die beiden gaben mir das Zimmer mit Blick Richtung Wien und Michi zeigte mir, wie ich das Bett verschieben soll, um aus dem Fenster nach Hause zu sehen. Ich danke euch beiden. Für diesen Tag und diesen Abend im Besonderen. Und dass es solche wie euch gibt im Allgemeinen.

Wanderung55_SonnenuntergangFischerhütteTag 55 (24.8.2009): Otto Haus – Wachthüttelkamm – Weichtal Haus/Höllental – Weichtalklamm – Kienthaler Hütte –Hochschneeberg/Klosterwappen – Fischerhütte. Sonnenschein. Achteinhalb Stunden unterwegs: fünfeinhalb auf den Beinen, eineinhalb beim gemeinsamen Rasten und ich alleine eineinhalb am Klosterwappen. Tipp des Tages: Die Fischerhütte im Allgemeinen. Die Gipfelpalatschinken, die Gespräche mit Kathi und Michi, die Atmosphäre da oben und der Blick auf das ganze Land und mein Wien im Speziellen.

Keine Blase. Zehn Zigaretten geraucht, abends zwei Spritzer weiß. Mein lieber Hund Niko Poldi, da hast du heute nichts versäumt, denn nach dem Wachthüttelkamm, den du gepackt hättest, wärest du an der Weichtalklamm gescheitert, senkrechte Eisenleitern und so. Da hätte ich dich schultern müssen, wobei: Das wäre auch ein Spaß geworden. Das holen wir nach. Ich vermisse dich.

Wanderung55_FischerhütteBlickWienAusZimmerfenster



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 Axel Halbhuber am 26.08.2009  |   2 Kommentare

Blutiges Steak. Tag siebenunddreißig.

Wanderung37_Wolkenmeer„Man muss nicht nur Zeit zum Anschauen haben, sondern die Zeit, es überhaupt zu sehen.“ Mit diesem Satz beeindruckte mich eine der beiden älteren Damen am Hochklapfsattel. Wir waren gerade in einem dieser Kurzrast-Gespräche: Und Sie, aha, von Altaussee, nur so zum Wandern, aha, nein ich gehe länger, ja das ist weit, ja das ist schön, aber kommen wir wieder zu Ihnen. Anfangs plätscherte der Talk mit den beiden. Diejenige mit den viel zu schönen Zähnen verriet, dass sie auf dem Weg zu einer Geschichtenerzähler-Performance am Gipfel des Redenden Stein unterwegs sind. (Ja, toller Name für einen Gipfel, aber er hatte mir nichts zu sagen, als ich vorbei ging.) Und als ich so nachdachte, ob sich aus der Kombination Geschichtenerzähler und Redender Stein ein Wortwitz generieren lässt, kam die andere mit der „Rasten und sich Umschauen ist das wichtigste am Gehen“-Kiste und eben dem Einleitungssatz. Und da schoss sie mir wieder ein, Wanderung37_Hirtendie Weisheit der Älteren: Sich die Zeit nehmen, eine schöne Blume anzuschauen, ist der Komperativ des Wanderns. Aber superlativisch wandert, wer nicht zufällig auf diese Blume aufmerksam wird, sondern vom ersten Schritt an so geht, dass er sie sieht. Sehen muss. Wow.

Das ältere Paar, das ich eine Stunde davor getroffen hatte, suchte zum Beispiel ein Schaf. Seit vierzehn Tagen. Die beiden Pensions-Hirten gehen seit nunmehr zwei Wochen jeden Tag ihre Runden, um das verlorene Schaf mit schwarzem Kopf, ein schönes von einer Versteigerung, zu suchen. Ihr Lächeln und die Antihektik verrieten die beiden ein bisschen: Ihre Suche ist ein Grund, kein Anlass. Sie lieben es, in ihren Bergen zu gehen und sind dem Schaf ein wenig dankbar. Überhaupt schien es an diesem Tag, dass die Ausseer gerne in ihre Berge gehen. Scheinbar waren alle, die ich traf, einheimisch. Nur bei den vier Jugendlichen kurz vor dem Appelhaus war ich mir nicht sicher, ich konnte sie auch nicht fragen, sie sprachen nur Tschechisch.

Wanderung37_WeiseDamenDas dritte Treffen des Tages waren Kühe. Verrückte, entsetzlich depperten Kühe. Eine von ihnen sprintete auf Hund Niko Poldi zu, der sich verhängnisvoller Weise auf Weiden gerne an mich kuschelt. Die Kuh sprintete also auf mich zu. Und wenn gefühlte achttausend Tonnen auf dich zusprinten, läuft ein Film in dir ab: Zuerst schießt dir ein, woher das Tote Gebrige seinen Namen haben könnte. Dann überlegst du, wie sich ein Torero mit Wanderstöcken anstellen würde. Und schlussendlich gibst du Hund Niko Poldi den Befehl zu laufen, quasi Ablenkungsmanöver, und der Kuh den Befehl: „Aus!“ Beide gehorchten. Gerade noch. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich niemandem traue, der einen größeren Kopf als ich hat?

Tag 37 (6.8.2009): Loser Hütte – Karl-Stöger-Steig – Augstwiesenalm (besonders depperte Kühe, wahnsinnig böse zu Hunden, wahrscheinlich etwas Traumatisches) – Albert Appel-Haus – Elmgrube – Pühringer Hütte. Die Tatsache, dass ich seit gestern Abend auf steirischem Boden bin, behandle ich Wanderung37_BlickVonPühringerHüttehier nicht, der gefühlte Grenzübertritt folgt später. Sonnig mit schönen weißen Kuschelwolken. Zehn Stunden unterwegs, davon achteinbisserl auf den Beinen. Tipp des Tages: Legt die verrückten Kühe in Ketten!

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Eine stille Blase an der rechten Ferse. Sechs Zigaretten geraucht, ein Vierterl Rot. Weil das war nötig, als ich den Deutschen Andreas auf der Pühringer Hütte traf. Der wanderte die vergangenen Wochen vom Neusiedler See bis hierher скидки в милане. Gemeinsam haben wir den Weg fertig, darauf tranken wir eben. Bad day for Niko Poldi: Nach manigfaltigen (die beschriebene Szene wiederholte sich noch zweimal) Kuhattacken durfte der Hund in der überfüllten Pühringer Hütte nur in der Winterraum-Gaststube schlafen. Durchaus gemütlich, aber einsam. Ihm war es aber offenbar wurst, er lag morgens so da, wie ich ihn abends gebettet hatte.



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 Axel Halbhuber am 08.08.2009  |   Ein Kommentar

Irrweg ins Glück. Tag vierunddreißig.

Wanderung34_WegweiserIn Gosau habe ich die Abzweigung auf den Wanderweg Richtung Iglmoos Alm verpasst. Ich weiß nicht, ob es an meiner morgendlichen Wirre lag oder an mangelnder Beschilderung. Ist auch egal. Jedenfalls habe ich bald gemerkt, dass die flache Forststraße, der ich folgte, nur parallel zu dem richtigen Weg verläuft. Umkehren wollte ich nicht, man schenkt auf dem Berg keine Höhenmeter her. Ich habe auf dem Plan schon gesehen, dass meine Straße demnächst mitten im Wald ein einsames Ende finden wird, aber der abenteuerliche Schelm in mir meldete sich inbrünstig: „He Alter, jetzt gehen wir seit dreiunddreißig Tagen immer auf dem Weg, den Blick immer nach der nächsten Markierung suchend, da werden wir doch in flachem Gelände ein paar hundert Meter durch das Dickicht pirschen können.“ „Ja aber“, entgegnete ich „am Berg niemals den Weg verlassen!“ „Und immer warm anziehen, nie ohne Schirm aus dem Haus, zur Vorsorgeuntersuchung rennen und abends schon das Wanderung34_Dickicht1Gewand herrichten. Lass uns einmal Piraten sein!“ Wir erreichten das Ende der Forststraße und zogen querfeldein Richtung Berg.

Im meterhohen Gras, na gut: einmeterhohen Gras, wurde der Schelm kleinlaut. Als es mich beim Überklettern eines querliegenden Baumes stummfilmmäßig hinfletschte, verstummte er. Gut so, sagte ich mir und nutzte die Ruhe zum Denken. Weil sich nämlich schon wieder eine Lebenserkenntnis aufdrängte: Wenn man auf einem Irrweg ist, weiß man nicht, wo man ist. Am richtigen Weg ist man sich sicher, aber der Irrweg kann dieser oder auch ein anderer Weg auf der Karte sein. Man ahnt es höchstens, etwa so: Wanderung34_Dickicht3Aha, das ist jetzt eine Kurve nach links, na das wird wahrscheinlich der, naja, vielleicht aber doch, da oder nein, weiß nicht, na glaube schon.

Die lebensnahe Frage dazu: Wie weit geht man auf einem Irrweg, in der Meinung, dass auch er an das Ziel führt? Oder überhaupt an ein Ziel? Wie lange sucht man Gewissheit, bis man dann doch umkehrt? Wann werden Entdeckungssinn und Pioniergeist zu Sturheit und schlussendlich zum Unglück? Wann zieht man die Notbremse? Wie lange darf ein Job unglücklich machen, bis man erkennt, dass es nicht am eigenen Willen durchzubeißen liegt? Wie lange kämpft man um eine Beziehung bis wieder gute Zeiten kommen? Wann führt sich der persönliche Kleinkrieg gegen den inneren Schweinehund ad absurdum, weil man eben einfach lieber dick bleibt?

Wer erklärt einem eigentlich die Grenze zwischen Leichtsinn und Disziplin? Wann gibt man zu Recht auf?

Wanderung34_WildsuppeNein, werte Leserin und werter Leser, diese Fragen haben kaum mit mir zu tun. So schnell öffne ich mein Innerstes nicht. Wobei, und das möchte ich auch einmal sagen: Wir kennen uns schon ganz gut.

Epilog: Ich habe nach einer halben Stunde wieder den richtigen Weg erreicht. Der restliche Tag war von einer wunderschönen Wanderung gesegnet. Und als es eine Stunde vor dem Ziel zu schütten begonnen hat, habe ich weder einen Unterstand gesucht noch mich eingemummt. Ich habe genossen, am richtigen Weg zu sein. Samt Regen.

Post-Epilog: Vom Baumsturz blieb ein mächtiger blauer Fleck am Knie. Und die Erkenntnis, dass es sich gelohnt hat.

Tag 34 (3.8.2009): Gosau – durch wegloses Dickicht zur Iglmoos Alm – Goiserer Hütte – Bad Goisern. Bewölkt, nebelig, kühl. Und die letzte Gehstunde des Tages hübsch regnerisch. Hat aber gar nichts gemacht, es war schon lange nur mehr trocken. Ich habe nur den Rucksack eingehüllt und den Regen genossen, wirklich! Fünfeinhalb Stunden unterwegs, davon knapp fünf auf den Beinen, eine davon allerdings beim Wegsuchen. Die Wanderung ist wirklich Wanderung34_Knieschön, besonders die unfassbar idyllische Schartenalm faszinierte mich. Gleich danach fiel der Nebel ein, aus dem die sehr schöne, angeblich auch mit herrlichem Ausblick gesegnete Goiserer Hütte auftauchte. Die Menschen dort waren so nett, dass sie es locker zum Tipp des Tages bringen würden. Wenn sie nicht eine so leckere Wildsuppe kochen würden, dass nur mehr Platz 2 frei ist .

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Blasenfrei. Sieben Zigaretten geraucht, kein Alkohol. Hund Niko Poldi genoss den Regen nicht. Er schüttelte ihn alle fünf Minuten ab, schaute mich an und sagte wortlos: „He Alter, wir gehen jeden Tag, ist okay. Aber das ist nicht dein Ernst, oder? Weil das ist nass und das habe ich nicht gebucht.“



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 Axel Halbhuber am 05.08.2009  |   3 Kommentare

Mitwanderer am Wort. Tag zweiunddreißig.

Wanderung32_NachtwächterStändiger Abschied gehört dazu. Man sieht den Berg in der Ferne auftauchen, besteigt ihn und verlässt ihn, bis er wieder am vergangenen Horizont verschwindet. Oder Menschen: Man trifft sie, führt satte Gespräche und verzichtet dafür auf den Austausch von Telefonnummern. Verabschiedet sich intensiv, aber nur so herzlich wie es eben authentisch ist. Wie auf der Körner-Hütte: Den Mann mit der bemerkenswerten Frisur getroffen, ins Gespräch gekommen, von ihm zu einer Bergmesse im Druiden-Stil eingeladen worden und gestaunt, als der Ex-Gendarm von seinem heutigen Wirken als Welser Nachtwächter und seinem erfüllten Leben sprach. Dann wieder gegangen.

Mit den Mitwanderern ist das ähnlich unaufgeregt. Nur, dass ich sie beim Abschied um eine Reflexion bitte.

 

Michi H. (39 Jahre, mitgewandert von Kufstein bis Lungötz)

„Nun sitze ich im EC „Vorarlberg“ und lasse mich von ÖBB und SBB nach zehn Wandertagen mit Axel und Co. bequem nach Zürich zurück bringen. „Vorarlberg“, wo Axels langer Weg begonnen hat. Die Alternative wäre der „Transalpin“ gewesen, hätte thematisch auch ganz gut gepasst. Sei’s drum, der Zug fährt gerade an Kufstein vorbei, wo mein Mitwandern begonnen hat. Hier nutze ich nun die Zeit um das Ver-Gangene (déja vu) ein bisschen zu reflektieren.

Wie kam ich überhaupt zum Mitwandern? Die Begeisterung bei mir dazu musste Axel erst gar nicht wecken, da hätte er offene Türen eingerannt. Ich war eh’ schon geistig auf diesen Zug aufgesprungen, als er mir das erste Mal mit all seiner Leidenschaft und Intensität von diesem Projekt erzählt hat. Nur noch ein Check der Urlaubsplanung und des Wanderplans und mein Entschluss stand fest: ich gehe mit! Von Kufstein bis Lungötz. Vom Inn zur Salzach. Und noch ein Stück weiter ins Lammertal. Ich bin zwar viel in den Bergen unterwegs, aber die Ecke mit Wilder Kaiser, Waidringer Steinplatte, Steinernes Meer, Hochkönig und Tennengebirge war von mir bisher noch unberührt.

Dann bei der Anreise: Im Panorama-Wagen des EC „Transalpin“ (jetzt kommt der doch noch zum Zug) der Blick steil hinauf in die Lechtaler Alpen, im Wanderung00_MichiHAmHPZeitraffer laufen die ereignisreichen Etappen von den ersten Juli-Tagen wie ein Film ab, nur bei strahlendem Kaiserwetter halt. Dieses blieb uns auch zum Großteil von Kufstein bis Lungötz treu.

Unsere Wege in diesem Abschnitt waren geprägt von steilen, teilweise verwachsenen, dafür umso wildromantischeren Aufstiegen. Von urwaldartigen Märchenwäldern. Von viel Wasser in Bächen und in über lange Zeit im Kalkfels ausgehöhlten Whirlpool-Becken. Von unzähligen steinigen Meilen (statt den im Arbeitsalltag dominierenden Meilensteinen). Und über all dem von den Logenplätzen mit dem Blick auf die Zillertaler Alpen und die gesamten Hohen Tauern. Am beeindruckendsten die glitzernde Gletscherwelt des Großvenedigers und seiner Trabanten und die kühnen Gestalten des Großen Wiesbachhorns und unseres Höchsten – des Großglockners.

All das Erlebte in die richtigen Worte zu fassen, interessante Begegnungen lebendig wieder zu geben, das ist wohl Axels Profession. Emotional geht er dabei überall mit. Sei es mit einem sentimentalen Blick auf das Ver-Gangene. Mit glänzenden Augen auf die hohen Berge nah und fern. Mit Respekt vor tiefen Abgründen. Fluchend, wenn mal was nicht klappt. Vor Glück jauchzend, wenn’s wieder mal “afoch schee is” Скайп для мобильного. Unermüdlich und einfallsreich beim Organisieren der Unterkünfte bzw. beim Umdisponieren, falls es mal nicht so geht wie geplant. Zweifelnd und unruhig, wenn er mit seinem Blog in Rückstand gerät (es ist wirklich hart, so viel zu gehen und täglich darüber einen ausgereiften Blog zu verfassen). Hart zu sich selbst, vor allem dann, wenn es um die Zahnwurzel geht. Nachgebend, wenn eine Lösung für die Zahnschmerzen unumgänglich wird (Axel hat sich lange dagegen gewehrt). Wieder voll da (yesssss!), wenn sich derartige Probleme in Wohlgefallen auflösen. Traurig, wenn sich Mitwanderer verabschieden (müssen) – when it’s over, it’s over. Begeistert, wenn Niko Poldi ins Wasser springt und sich nachher in der Wiese wälzt (Axel überlegt sich dann, wieso er das nicht auch tut). Und überhaupt: dieser Hund Niko Poldi ist Klassenkasperl und Gruppenzusammenhalt in einem.

Gemeinsam haben wir wohl in den vergangenen zehn Tagen oder rund zweihundert Kilometern unsere Liebe zu den Bergen anständig und kräftig ausgelebt. Die Wellenlänge hat eindeutig gepasst. Und jetzt, zum Abschluss meiner Nachbetrachtung, eröffnet sich gerade wieder ein grandioser Blick in die Lechtaler Alpen …

Vielen Dank, lieber Axel! Komm gut nach Wien. Vielen Dank auch an die anderen Mitwanderer Iga, Laszlo, Manu, Marc und Michi F., welche ich alle als liebenswerte Menschen kennen gelernt habe. Jeden auf seine Art.

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PS: Als Nachtrag noch der (Bier-)Tipp des letzten Juli-Drittels am Weitwanderweg 01. Einerseits wird im Tiroler Unterland ein hervorragendes Huber-Bräu aus St. Johann ausgeschenkt. Man kann sozusagen getrost “A Hoibe Huba” (!) bestellen. Andererseits gilt im Salzburger Land: immer nach der S-Klasse Ausschau halten: Stiegl. Wohl bekomm’s!

PPS: Keine Blasen.“

 

Michi F. (36 Jahre, mitgewandert von Lofer bis Werfenweng)

Der heilige Jakob am Berg

Letztes Jahr im Herbst war ich Jakobspilger. 800 lange Kilometer in 28 Tagesetappen, von den Pyrenäen nach Santiago de Compostella. Zu Fuß, Wanderung00_MichiFAmHPversteht sich. Die Erleuchtung will schließlich verdient sein.

Erlangt hab ich sie trotzdem nicht. Drei Dinge aber habe ich unter anderem am Jakobsweg gelernt: erstens, beurteile niemanden nur aufgrund seines Aussehens oder seines augenscheinlichen Alters; zweitens, teile dir den Weg zu einem weit entfernten Ziel gut ein und überschätze dich dabei nicht; und drittens, glaub ja nicht, dass Frauen weniger schrecklich schnarchen können als Männer.

Nein, keine Erleuchtung, nur ein wenig mehr Reife hat mir der Jakobsweg gebracht. Ein paar einfache Erkenntnisse über mich selbst, die Menschen und das Leben an sich. Und ein paar magische Momente an ganz besonderen Orten und/oder mit ganz besonderen Menschen. Wieder zuhause war der Alltag schnell wieder da. 60-Stunden-Woche, Großstadt-Hektik, Lifestyle-Hedonismus, alles wie gehabt. Geblieben ist die Sehnsucht nach Entschleunigung, nach Kontemplation auf langen Wegen.

Axel pilgert nicht, er wandert. Sagt er. Ohne große Erwartungen hat er sich einfach aufgemacht und geht von Bregenz nach Wien. Für die Österreich-Werbung. Nachzulesen täglich neu im Internet. So erzählt er es zumindest mehrmals am Tag all den fremden Menschen, die ihm am Weg begegnen. Die staunen dann zumeist und die Frage nach dem Warum wird erst gar nicht gestellt. Aber er erzählt es niemals ohne einen gewissen Stolz, und das lässt vermuten, dass es vielleicht doch nicht einfach so einfach ist, dass vielleicht doch mehr dahintersteckt als der Sommer-Job eines freien Journalisten im Web 2.0 Zeitalter.

5 Tage hab ich Axel bei seinem „Projekt“ begleitet. Von Lofer über Maria Alm bis nach Pfarrwerfen. Durch wilde Schluchten und über grüne Almen, durch das Steinerne Meer und entlang des Hochkönig-Massivs.

5 Tage volle Kanne Österreich, seine Berge und den damit verbundenen Tourismus, oder Fremdenverkehr, wie es früher einmal hieß. 5 Tage Speckbrot und Kas´pressknödel, Buttermilch und Soda-Radler, Lederhosen und Dirndlkleider, spartanische Alpenvereinshütten und Berghotels mit Vollausstattung. Das klingt zwar auch nicht nach Erleuchtung, doch auch hier gab es sie, die magischen Momente an ganz besonderen Orten und/oder mit ganz besonderen Menschen. Das Glühen der Berge, wenn die Sonne untergeht; der grenzenlose Blick auf schneebedeckte Gipfel in weiter Ferne; der frische Schluck aus eiskalten Bächen; Sterne, die ungestört vom schmutzigen Licht der Städte vor sich hin funkeln, dass einem der Mund offen stehen bleibt; die treuen Augen des besten Hundes der Welt (Niko Poldi, ich liebe dich auch!); tiefgehende Gespräche mit den Wanderkollegen (wenn auch nach mehreren Runden Schnaps). Tourismus (fast) ohne Hedonismus, Kontemplation im wahrsten Sinne des Wortes, weil hoch über dem Meeresspiegel. Nach diesen 5 Tagen bin ich mir jedenfalls sicher: Axel wandert nicht nur. Er pilgert doch. Spätestens am Ziel seiner Reise wird er das auch wissen.

Boun Camino, lieber Axel! Dein Michi F.“

Tag 32 (1.8.2009): Lungötz – Scherlreith – Pommer Parkplatz – Stuhlalm – Theodor Körner-Hütte – zurück zur Stuhlam. Ganztags sonnig, sehr heiß, abends bewölkt, die angekündigten Gewitter blieben schon wieder aus. Ich wählte den kürzesten Weg von Lungötz zur Körner Hütte, wo ich schlussendlich eh keinen Platz bekam (dazu muss man sagen: Ich hatte zwar reserviert, aber aufgrund der Ruhetagsverschiebung von Lungötz nach Bad Goisern war ich einen Tag zu früh dran) Gut, dass auf der fünf Minuten entfernten Stuhlalm noch Platz war. Wie alle praktischen Dinge war auch dieser Weg zweckdienlich kurz, aber nicht erstrebenswert schön, weil viel Forststraße. Viereinhalb Stunden unterwegs, davon knapp vier auf den Beinen. Tipp des Tages: Auf der Stuhlalm kommt der Kaiserschmarrn mit marinierten Erdbeeren. Ja, das ist ebenso lecker wie es ungewöhnlich klingt.

Die klitzekleine Blase (linke große Zehe oben) kann sich nicht zum Durchbruch entscheiden. Sieben Zigaretten geraucht, zwei Achterl Wein gezwitschert. Hund Niko Poldi durfte gestern ganz ausnahmsweise im Lager der Stuhlalm schlafen. Und obwohl da drei leere Matratzen gewesen wären, blieb er die ganze Nacht im ihm zugewiesenen Holzboden-Eckerl. Braaaver Niko!

Wanderung32_Abschied



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 Axel Halbhuber am 03.08.2009  |   2 Kommentare

Überbeeindruckt. Tag einunddreißig.

Wanderung31_WegweisererGanz nebenbei: Den Text der Gedenktafel auf dem Weg zur Hackel-Hütte fand ich schön. „Johann Stüdl, einer der Gründer des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, rastete hier, 85 Jahre alt, am 26. Mai 1924, auf seiner letzten Bergfahrt.“ Und ich sage jetzt gar nicht, wie toll unaufgeregt und menschlich diese Erinnerung ist. Weil ich nämlich aufpassen muss, dass ich beim Wandern und Reflektieren nicht ins uferlos Sentimentale abrutschte. Jaja, werte Leserin und werter Leser, das ist auch mir aufgefallen, aber was soll ich sagen: Die Berge und ihre Protagonisten sind einfach schön, regen zu Empfindung an und lassen einen emotional nicht aus. Daher mein Rührung-Tsunami der vergangenen Tage.

Da hat der Text gut gepasst, den mir ein Mitwanderer letzten Sonntag aus der bunten Krone riss und den ich nun endlich gelesen habe: Prof. Dr. Gerti Senger schreibt da über „Liebe in freier Natur“. Die stehe laut Umfragen an „vorderster Stelle der erotischen To-do-Liste.“ Von „Kapriolen schlagender Phantasie“ und Wanderung31_Gedenktafel„lockenden, verträumten Waldlichtungen“ schreibt Doktoressa Senger und dass sich „naja“, ihre Begeisterung für diese außerhäusliche Liebe „in Grenzen hält“. Dass ich das nun weiß, dachte ich. Weil sich diese „Outdoor-Version“ des Aktes im „Ernstfall oft als Strafe, verschärft durch hartes Lager“ und „in den Rücken bohrende Wurzeln und Steinchen, herausstellt“, denkt Senger.

An dieser Stelle befiel mich eine sanfte Angst, auf den weiteren 500 Kilometern kein Wurzelchen oder Steinchen mehr übersteigen zu können, ohne an diese Worte zu denken. Aber dann schwenkte Sexpertin Senger doch endlich um: „Ihr seelisches Paradies können Sie beim Wandern finden.“ Na Gott sei Wanderung31_TennengebirgeDank, Reststrecke gerettet. Wegen der Zweisamkeit, sagt Senger. Und weil „alle angesprochenen Sinne“ kombiniert mit einem „Kuss auf dem Rastplatz“ ein „paradiesisches Glück“ sein kann.

An dieser Stelle befiel mich eine unbändige, satte, bohrende und vernichtende Angst, dass es womöglich immer so klingt, wenn einer über das Wandern schreibt. Dass der Schreiber in den Bergen zwangsläufig scheitert, wenn er seine tief empfundenen Eindrücke, Sentiment und Emotion, in schnöde Worte gießen will. Dass sich der Leser dann denkt: Wuki, vollkommen wuki, der Halbhuber.

Da klingelte es in meinem Kopf: „Johann Stüdl, einer der Gründer des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, rastete hier, 85 Jahre alt, am 26. Mai 1924, auf seiner letzten Bergfahrt.“ Freilich, dafür bekommt man keinen Professor verliehen. Aber das sind Worte, unaufgeregt und menschlich. Nur, ganz genau: Darüber wollte ich ja nicht schreiben. Umpf.

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Wanderung31_ErschöpfungTag 31 (31.7.2009): Werfenweng – Dr. Heinrich Hackel-Hütte – Aualm – Lungötz. Ganztags sonnig mit Wolken, recht heiß, die angekündigten Gewitter blieben aus. Schöne Wanderung an den südlichen Hängen, am Schluss am südlichen Fuße des Tennengebirges, oft gute Blicke auf dessen Scharten, aber auch in die Ferne zurück und auf den Gosaukamm. Fünfeinhalb Stunden unterwegs, davon viereinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Zwischen Jochriedel und Lungötz geht man durch das Truppenübungsgebiet Aualm. Auch dort erkennt man den friedliebenden Zustand unseres Bundesheers, erinnert das Gebiet doch an einen Nationalpark. Sehr schön.

Wanderung31_NikoSprungDie klitzekleine Blase (linke große Zehe oben) strafe ich mit Ignoranz. Schon wieder Feier-Abend, diesmal sanfter: Mitwanderer Michi H. und Laszlo verlassen mich, zu dritt tranken wir eine Flasche Wein, alleine rauchte ich zwölf Zigaretten Скайп для мобильного. Zu Hund Niko Poldis großer Freude gibt es bei der Aualm einen kleinen, sauberen Teich. Er ist gesprungen (Hund Niko Poldi springt mit vollem Anlauf vom Ufer Weg und schafft gut zwei Meter), hat sich geschüttelt und im Gras gewälzt, dazu harmonisch gebellt. Wir hatten unser Gaudium.

Wanderung31_NikoNachSprung



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 Axel Halbhuber am 02.08.2009  |   7 Kommentare

Drum schweige, wer etwas zu sagen hat. Tag dreißig.

Mir ist das Alter begegnet. Wie sooft auf meiner Wanderung, diesmal auf dem Weg von der Erich Hütte zum Arthur Haus. Kein exorbitantes Alter, sondern ein jugendliches. Sieben Frauen und Männer über sechzig. Auf einer Wanderung30_WegZumArthurHausAlmhütte zur Rast. Sie waren vergnügt und lachten. Sie wirkten zufrieden mit dem Wetter, den Bergen und sich selbst. Sie sangen einfach so ein Lied, mehrstimmig und kunstvoll, dabei vollkommen unprätentiös und zum Panorama der klaren Hochkönig-Felsen passend. (höre dazu den Phonecast Nummer 12) Sie störten die anderen Gäste nicht, aber nahmen sie durch das Singen ohne Gesten in ihre Runde auf. Sie genossen die Welt und ließen sie an sich teilhaben.

Und ich weiß nicht, ob es an der märchenhaften Naturszenerie lag oder an meiner grundsätzlichen Sympathie gegnüber Wiener Volksdichtern: Mir fiel Ferdinand Raimund ein. Der das Hohe Alter sprechen lässt. Das sich dem Bauer Fortunatus Wurzel aufdrängt, ihm keine Ruhe gibt und keine andere Wahl, als sich vom Alter beseelen zu lassen. Das ihm durch sein eigenes Tun und wortlos den Rat gibt, sein Leben anders zu leben. Um mehr Freude zu genießen.

Wanderung30_SängerrundeSooft ich ältere Menschen auf meinem Weg treffe, sooft habe ich das Gefühl, sie sagen mit etwas, ohne es auszusprechen. (Simon & Garfunkel nennen das in „Sound of Silence“ „talking without speaking“) Sie prahlen nicht mit ihrer Weisheit. Auch weil es dieser Weisheit innewohnt, nicht zu bekehren. Sondern einfach zu singen, ohne Rücksicht auf peinliches Gekicher. Dem wiederum der Neid innewohnt, dass man selber nicht auch manchmal einfach lossingt. Sie nehmen sich heraus, auf der Alm zu sitzen und die Gipfel anderen zu überlassen. Weil sie durch ihre Augen eine größere Fernsicht haben als von da oben.

Wer Raimund mag, neigt wahrscheinlich zum ausgeprägten Sentiment, das ist mir schon klar. Und hier oben, mitten zwischen Kuhfladen und Bergwegen, will ich mich auch gar nicht dagegen wehren. Überließe mir die Märchenfee einen Wunsch, würde ich sagen: „Ich möchte empfinden wie diese Menschen und mit ihrem Wissen durch die Welt gehen. In meinem übermütigen Körper. Mit meiner jugendlich inbrünstigen Stimme tatsächlich lossingen. Genießend, dass die Welt mich für verrückt erklären könnte.”

Wanderung30_KuhAufWegTag 30 (30.7.2009): Erich Hütte – Arthur Haus – Pfarrwerfen – mit dem Taxi nach Werfenweng. Sonnenschein bis mittags, dann zunehmend bewölkt und windig, fast bis stürmisch, Regengüsse ab 17.05 Uhr. Um 17 Uhr hatten wir Pfarrwerfen und das dortige Wirtshaus erreicht, grins. Sehr malerischer und einfacher Hangweg, ab dem Arthur Haus teils wilder Hangabstieg. Acht Stunden unterwegs, davon sechs auf den Beinen. Tipp des Tages: Der gute Schnaps im Wenger Alpenhof, Werfenweng. Das erinnert mich an einen Nachtrag: Auch der Enzian-Honig-Schnaps am Ingolstädter Haus ist einen Ausrutscher wert. Schmeckt wie Hustensaft für Große. Toll.

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Eine klitzekleine Blase (linke große Zehe oben, die ist überhaupt das Blasenmekka), Feier-Abend: Der halbe Weg ist geschafft und Mitwanderer Michi F. verlässt uns nun, es wurde also spät. Daher neunzehn Zigaretten, drei Achterl Rot und fünf Schäpse. Und ja, das ist interessant: Von drei Uhr bis acht Uhr zu schlafen entspannt mich mehr als von Mitternacht bis sechs Uhr Скайп для мобильного. Hund Niko Poldi hat auf effizientes Gehen umgestellt, läuft nicht mehr vor und zurück, sondern trottet in unserem Tempo. Schlaues Wautzi.



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 Axel Halbhuber am 31.07.2009  |   11 Kommentare

Wie geht es Axel? Tage acht- und neunundzwanzig.

Wanderung28_AxelUndNikoIch bin im Steinernen Meer ertrunken und dem Schicksal wirklich dankbar, dass ich dieses Bild anbringen kann. An sich wollte ich auf den Wellen dieses Gebirges surfen, in seine Kargheit eintauchen oder es leichtfüßig durchschwimmen. Aber eben, sehen Sie: Nichts ist so schön wie im Steinernen Meer zu ertrinken.

Dass mir die Steine bis zum Hals stehen, wurde mir bewusst, als eine liebe Freundin am Telefon zögerlich sagte: „Axel, du klingst grantig, das macht mir Sorgen.“ Das war der Ursprung einer Welle, die mich im Laufe des Tages überrollen sollte. Dazu mischte sich die Ruhe (umpf, ich muss es einfach sagen: vor dem Sturm) des Wanderns im Steinernen Meer. Die flache Steinwüste Wanderung28_SteinernesMeerdüsterschluckt an sich schon jeden Laut, kombiniert mit dem dämpfenden Hochnebel an diesem Tag, herrschte Stille. Selten hörst du einen Stein unter deinen Füßen wackeln. Noch seltener reißt dich der schrille Schrei eines Murmeltiers aus den Gedanken, den der Nebel aber sofort schluckt. Sonst Stille.

Meine Gedanken wurden also nicht extern gestört, sondern intern. Durch das regelmäßige, abschwellende und aufbrandende Schmerzen meines linken oberen Sechsers. Das beunruhigt einen 32jährigen auf Projektwanderung, der bislang gerade einmal zwei Plomben hat und den Zahnarzt auf dessen Anraten nur im Jahresrhythmus besucht. Am nächsten Morgen sollte mir dann der Maria Almer Dentist Schwaiger eröffnen, dass mein linker oberer Sechser den Nerv völlig weggeschmissen hat und seine Wurzel dringend Behandlung Wanderung28_NikoBeimAbstiegbraucht. Ganz genau: Das beunruhigt einen 32jährigen auf Projektwanderung, der bislang gerade einmal zwei Plomben hat und den Zahnarzt auf dessen Anraten nur im Jahresrhythmus besucht.

Zwischen den Zahnschmerzen (ich kann es nicht sagen: ja, sie waren ziehend, nein, nicht pochend, keine Warm-Kalt-Süß-Empfindlichkeit, kein Druckschmerz, wasweißich) holte mich mein Großhirn zum Rapport: „Junger Freund“, fing es freundlich an „wir haben da was zu besprechen. Ich halte seit einem Monat die ganze Meute zusammen, Knöchel und Knie ganz besonders, aber es zeichnet sich eine mächtige Revolte ab. Das Immunsystem bereitet einen nächtlichen Fieberschub vor, der Kreislauf will dich Schach Mattheit setzen, und der Zahn spielt auch nicht grundlos das Lied vom Tod. Und ganz ehrlich, mein Freund“, jetzt machte es auf verbündet „ich scheiß‘ langsam auch aufs tägliche kreative Mitdenken.“

Diese Worte hallten auf der nebelschwangeren Bühne des Steinernen Meers gewaltig lange nach. Und wie ein Horn dröhnte ein Satz in meinem Kopf: Ich Wanderung28_Riemannhaushabe einen Einbruch der allerfeinsten Güte. Erste Hilfe: Abstieg ins zivilisierte Maria Alm, statt einer weiteren Hüttennächtigung in der Höhe, noch dazu im wenig einladenden und nebelumschwärmten Riemann-Haus.

In der Nacht spulte mein Körper das angekündigte Programm ab. Am Morgen ließ ich meine Mitwanderer alleine ziehen, ging zum Schwaiger-Doktor und ließ mich wurzelbehandlungstechnisch entjungfern. Er war sanft. Dann rastete ich. Ich nahm den Bus zu dem Punkt auf der Straße, der am nächsten zur Erich-Hütte liegt. Und wanderte, spazierte, nein: Ich schlenderte eine halbe Stunde zum Etappenziel. Jetzt sitze ich auf der Terrasse, Blick auf Großglockner, Dachstein und Hochkönig. Die Sonne streichelt mich gesund. Der Text schreibt sich wie von selbst. Der Zahn ist wieder Untertan. Die Mitwanderer sind noch am Weg. Erfolgreiche Gegenmaßnahmen.

Und ja: Ich bin mir bewusst, dass ich hiermit Schwäche zeige. Aber erstens wundert es mich seit einem Monat, wo die bleibt. Zweitens muss man ganz allgemein immer hinhören, wenn Freunde einen „grantig“ nennen. Und in der Ruhe des Steinernen Meers kommt man im Speziellen drittens gar nicht umhin.

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Tag 28 (28.7.2009): Ingolstädter Haus – Riemann Haus – Maria Alm. Bewölkung, was im Steinernen Meer gut tut, bei vollem Sonnengleiß fühlt man sich zwischen den Felsen wie eine Backofenpizza. Leichte Nieseltropfen beim Abstieg nach Maria Alm, über den wir gesondert reden sollten. Acht Stunden Wanderung28_AbendstimmungErichhütteunterwegs, davon sechseinhalb gegangen. Tipp des Tages: Das Riemannhaus wirkt wenig einladend, daher Abstieg nach Maria Alm! Das ist ein unfassbar malerisches Örtchen. Keine Blasen, fünf Zigaretten, zwei Achterl Rot. Ach ja: Und zwei Parkemed 500, was nichts gebracht hat. Hund Niko Poldi liebt Schneefelder mehr als mich, mehr als uns alle, glaube ich.

Tag 29 (29.7.2009): Maria Alm Zentrum – Praxis Dr. Schwaiger – Maria Alm Zentrum – Bus nach Dienten – Bus nach Erich-Hütte Parkplatz – Erich Hütte. Leise treten und das nur eine halbe Stunde lang. Keine Wolke am blauen Himmel Скайп для мобильного. Tipp des Tages: Alles daran setzen, die Erich-Hütte zu kaufen, hier einziehen und jeden Tag nur schauen. Zwölf Zigaretten, drei Achterl Weißwein (meinen geliebten Grünen Veltliner). Hund Niko Poldi genoss den Quasi-Ruhetag und tat nicht einmal so, als ob er lieber am Berg wäre.

Aus der Sicht meiner Mitwanderer Michi H., Michi F. Laszlo war der Tag anders: Maria Alm – mit der Gondel zur Natrun Hütte – Hinterthal – Mußbachalm – Pichlalm – Erich Hütte. Sieben Stunden unterwegs, davon fünfeinhalb auf den Beinen. Besonderheiten: Heidelbeerwald und Walderlebnis-Parcours am Natrun. Schöner Weg mit tollem Blick auf die Silhouette des Steinernen Meers, den Sonnblick und den Großglockner.



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 Axel Halbhuber am 30.07.2009  |   Ein Kommentar

Der Heilige Laurentius. Tag siebenundzwanzig.

So ist das: Am Ende des siebenundzwanzigsten Tages hatte ich plötzlich zwei Erscheinungen. Zuerst stand Laszlo vor mir. Ja, genau der Laszlo, der geländegängige Ungar, der mich die ersten zehn Tage begleitet hatte Wanderung27_NikoGeschultertund jetzt einfach auf der Terrasse des Ingolstädter Hauses ums Eck bog. Der Laszlo, dessen Liebesgeschichte in meinem Blog so viele neugierig gemacht hatte, wer dieser Laszlo denn ist. Nun, was ich sagen kann: Er ist einer, der nach Lofer fährt, auch wenn er mich telefonisch nicht erreicht. Der auf den Berg geht, auch wenn er nicht sicher ist, ob er mich dort trifft. Und der durch diese sympathisch sture Überzeugung zur Überraschung des Tages werden kann. Dieser Laszlo ist wieder dabei, womit wir nun fünf wandernde Freunde sind: Laszlo, Michi F., Michi H., Axel und Niko, der Hund.

Als wir da in den sonnenbestrahlten Felsen des Ingolstädter Hauses saßen, erschien uns der Heilige Laurentius. Der ist 27, geht von Klosterneuburg Weidling nach Santiago. Jakobsweg ab der Haustüre, ohne Geld, Wanderung27_Großglocknernächtigen bei Bauern, im Rucksack fast nur getrocknete Melanzani. Wenig wunderlich, dass wir mit ihm reden wollten. Hier die Essenz des Gesprächs.

Warum gehst du den Jakobsweg, wenn es doch in Klosterneuburg ein Stift gibt?

„Dort sind wohlbeleibte Chorherren, das ist eher ein finanzielles Imperium. Aber ich bin hingegangen, habe es zur Weidlinger Kirche geschafft. Dann bin ich nach Mariazell gegangen. Und jetzt erweitere ich lediglich den Radius. Aber es geht gar nicht um die Kirche.“

Warum dann Santiago und nicht, sagen wir: Novosibirsk?

„Mir hat jemand eine Muschel geschenkt und gesagt, warum gehst du nicht den Jakobsweg? Ich könnte eh überall anders hingehen, aber Spanisch und Französisch liegen mir mehr als Russisch. Ich bin einfach gegangen, zuerst bis Maria Ansbach, dort war mein Kartenmaterial Wanderung27_Laurentiuszu Ende und ich hatte dort die letzte Person, bei der ich nächtigen konnte. Dann habe ich mir gedacht: Jakobsweg.“

Dieses Abenteuer des Heiligen Laurentius begann vor Jahren, mit einem Ausflug zum Wilden Kaiser und einer plötzlichen Krankheit ebendort, mit viel Durchfall und dem resultierenden Gereinigt-Sein, mit folgendem zweitägigen Gehen und nur fünf getrockneten Marillen Nahrung am Tag. Mit totaler Entleerung und dem guten Gefühl, nicht gefangen zu sein, in dem „stagnativen Leben zwischen zwei Häusern, nämlich der Universität für Jazzgesang und der Baustelle eines Hauses, in das einmal die gesamte Familie ziehen soll, insgesamt neun Menschen“, mit der Idee außerhalb dieser zwei Gefängnisse zu sein.

Was erwartest du dir vom intensiven längeren Gehen, wenn diese zwei Tage schon so erkenntnisreich waren?

„Stabilität. In den zwei Tagen habe ich gemerkt, wie schön es ist, ohne Haben nur zu sein. Ich habe sieben Geschwister und wenn neun Menschen um einen Gulaschtopf sitzen, lernt man schnell zuzugreifen. Hier am Weg esse ich an einer getrockneten Marille zehn Minuten.“

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Wo willst du ankommen?

„So ein Weg hat viele Komponenten und ich will ihn um keine Komponente beschneiden. Ich gehe ihn nicht, um ihn durchzuhalten, weil ich das die ganze Schulzeit gemacht habe. Ich will ihn voll gehen, das habe ich in der Schule nie gemacht. Und ich möchte also viel mehr auf meine Intuition hören, auf die Frage, ob ich jetzt etwas für den Alltag gelernt habe oder nur, durch die Lande zu gehen? Da geht es auch um Erdung und Rhythmus.“

Was erwartest du dir, wenn du in Santiago ankommst?

(lacht) „Einen Riesenrummel, sonst nichts.“

Wie heißt der Trieb, der dich zu alledem veranlasst?

„Das totale Raus. Eine Nonne hat einmal gesagt: Weisheit wartet jeden Tag vor deiner Türe.“

Wanderung27_BeimAufstiegOhne Geld, angewiesen auf Andere, der eigene Weg ohne Kompromisse – dein Gehen strotzt vor Egoismus. Hast du keine Angst, dass deine Freundin sich trennt?

„Ich glaube nicht an Trennung.“

Was, wenn sie daran glaubt?

„Das Lebensmodell in unserer Gesellschaft ist so: Wir gehen zuerst alleine, dann zu zweit und schlussendlich als Gruppe, Familie. Aber vielleicht habe ich bei diesem Modell etwas übersehen. Denn Einzelhelden gibt es nicht mehr.“

Ja, der Bub wirkt gesalbt. Nur das Lächeln verrät den Heiligen Laurentius ein bisschen, wenn einer seine Reise mit „oarg“ oder „pfau“ adelt. Das gefällt ihm und dann wird er zum Einzelhelden. Er versinkt darin, dieses Fremdbild zu inhalieren. Er verwendet dann Worte wie „Dualität“ und sagt Sätze wie „Das Leben ist die Kompensation des Lebens“ oder „Der Tod ist die Kompensation des Lebens.“ Spätestens da bin ich auch versunken, im Steinernen Meer. Des Gespräches wegen. Oder des Rotweins. Aber der kompensierte sich ganz durch sich selbst.

P.S. Wir haben den Heiligen Laurentius auf die Übernachtung eingeladen. Und auf ein Essen. Damit hat er sich den Verzehr einer weiteren getrockneten Melanzani erspart. Und wir uns deren Anblick. Der Gesalbte hat es uns gedankt, indem er bei unserem Abmarsch in der Früh für uns gejodelt hat. Und das war dann wirklich schön.

Tag 27 (27.7.2009): Hirschbichl – Kaltwasserstube – Kaltbrunnalm – Dießbachstausee – Ingolstädter Haus. Sonnenschein, wol-ken-los! Sieben Stunden brutto, davon nur fünf gegangen. Denn das Wichtige beim Gehen ist ja das Stehen. Und ehrlich: Wer freien und klaren Blick auf den Großglockner hat, hält gerne inne. Tipp des Tages: Eindeutig die Sonnenfelsen neben dem Ingolstädter Haus. Hinsetzen und bis zum Sonnenuntergang verharren! Keine Blasen, neun Zigaretten, ein Vierterl Rot (übrigens sehr gut).

Was ist schwarz und schläft, sobald wir auf der Hütte sind? Richtig: Hund Niko Poldi ist müde. Aber keine Angst, er ist noch immer fit und vergnügt, versucht nur seine Kräfte für Schneefeld-Tollereien zu sparen. Außerdem habe ich heute für eventuelle Leitern im Abstieg geübt, den Hund zu Schultern. Ich habe nun eine Schramme im Gesicht und Hund Niko Poldi keine Angst mehr vor dem Schultern.

Wanderung27_MitwandererMichi&MichiVorStausee



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 Axel Halbhuber am 29.07.2009  |   3 Kommentare

Heldentypus Halbschuhtourist. Tag sechzehn.

wanderung16_wieesaxelgeht1Viele haben gesagt, die Wanderung werde mich verändern. „Aber nein”, blieb ich stur, wo ich doch auf diesem Ohr eh so derrisch bin. Aber das Karwendelgebirge hat mich hörend gemacht, vielleicht weil es dort so still ist, dass man seine innere Stimme wahrnimmt, wenn sie auch noch so leise flüstert. Und ich habe eine Erkenntnis gewonnen.
Nicht dass man jetzt glaubt! Die Erkenntnis ist mir nicht erschienen wie ein brennendes Lamm auf dem Jakobsweg. Sie ist langsam gereift, irgendwo auf der disneylandhaften Forststraße ins Karwendeltal hinein. Oder auf den sanften Höhen und unaufgeregten Tiefen des Kleinen oder Großen Ahornbodens. Oder als ich im Schatten der mächtigen Felswände der Karwendelkette stand. wanderung16_bayrischepaarSpätestens aber als ich mit dem furchtbar netten bayrischen Ehepaar auf dem Hochleger der Gramaialm ins Plaudern kam. Sie haben meinem unreifen Gedanken einen Namen gegeben, haben ihn „griabig” genannt, frei übersetzt „gemütlich”, und die Erkenntnis war da: Das wichtige am Gehen ist das Stehenbleiben, das Niedersetzen, das Umschauen.

In der Welt meiner Wanderung macht diese Erkenntnis das Kilometerfressen sinnlos, der ständige Blick auf die Karte, ob das Tagesziel erreichbar ist. Die Höhenmeter auf dem GPS und die absolvierten Stunden auf der Uhr sind nur Vehikel, Werkzeug. Für den Blick, für die Pausen, für den Weg. Der ja eben das Ziel ist.

wanderung16_gramaialm1Das wäre als Erkenntnis zu abgegriffen. Aber übersetzen wir das einmal gemeinsam in die Welt meiner Welt: Nicht Geld ist das Ziel, sondern die Arbeit, bei der man es verdient. Nicht der Studienabschluss, sondern die Inhalte, die man auf dem Weg lernt. Nicht die große Wohnung, sondern das Planen und Einrichten. Nicht der Verzehr des gemeinsamen Essens, sondern das gemeinsame Kochen.

Ja genau, das habe ich mir auch gedacht: Das könnte als Erkenntnis taugen. Und schwups waren plötzlich die Innehalter und Sichumschauer meine neuen Ikonen: Eine Stunde nach dem Gramaialm Hochleger kam ich zur Gramaialm im wanderung16_gramaialm2Tal. Die ist ein Ausflugsziel, da würde jeder Vergnügunspark vor Neid kollabieren. Und die Besucher, wie sie in ihren weißen Straßenschuhen und ihren buntbestickten Jeans aus ihren klimatisierten Komfortbussen steigen und nur wegen der Bewölkung ihre extragroßen Regenschirmen aufspannen, würde ich sonst belächeln, bedauern, verabscheuen. Aber jetzt nicht mehr: Sie kultivieren das Innehalten, sie pflegen den Ausblick, sie ersetzen den Weg gänzlich durch das Ziel. Wow, wow, wow!

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wanderung16_gramaialm3Tag 16 (16.7.2009): Larchetalm – Karwendelhaus – Falken Hütte – Engalm. Viel Sonne, dann Bewölkung, der Regen kam erst eine Stunde nach der Ankunft, ätsch! Neuneinhalb Stunden unterwegs, davon knapp acht auf den Beinen. Tipp des Tages: Wer vom Karwendelhaus zur Falken Hütte geht, möge den kleinen Hang-Steig oberhalb des Kleinen Ahornbodens wählen. Das spart nicht nur Höhenmeter, sondern versetzt in eine andere Welt…
Drei böseböse Blasen (die große Zehe links hat sich zurückgemeldet: die alte Blase ist wieder gefüllt und eine neue führt mehr Wasser als die Ache nach der Schneeschmelze; beide sind schon aufgestochen. Und auf der Zeigezehe rechts hat sich auch eine gebildet, ist aber beim Abstieg heute schon geplatzt. Die habe ich mir nur eingefangen weil ich eine so furchtbar lange Zeigezehe habe, das deute angeblich auf sexuelle Fähigkeiten hin, hat man mir mal gesagt, was weiß ich) Fünf Zigaretten geraucht (ich habe vergessen, mir neue zu kaufen und Gott sei dank vier gegen Mitwanderin Claudia beim Schnapsen gewonnen.)

In eigener Sache: Wer fährt dieser Tage zufällig von Wien Richtung Tirol und kann den großartigen Hund Niko Poldi, den ich sehr vermisse, mitnehmen?

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 Axel Halbhuber am 18.07.2009  |   7 Kommentare