Urlaub in Österreich  |  Presse  |  Kontakt  |  RSS

Archiv für das Tag: einheimische

 

Über das Aussteigen im Speziellen. Tag fünfundfünfzig.

Wanderung55_MichiFischerhütteÜber 2000 Höhenmeter ist man per Du. Vor allem mit dem Leben. Hier oben begegnet man sich aufrecht, aber nicht untertänig. Auch dem Leben gegenüber nicht. Und deswegen kannst du hier schon mit 25 eine breite Brust haben. So wie Fischerhütten-Wirt Michi. Der steht sowas von im Leben und gestern Abend am Otto Haus stand er vor mir: „Bist du jetzt der Axel? Ich hole dich ab und geh morgen mit dir auf meine Hütte rüber.“

Ich gebe zu, das hat mich dual gefreut: Der Wachthüttelkamm war mir als Abstiegsteig nicht geheuer, da gleicht ein eingeborener Hüttenwirt und Wanderung55_WachthüttelkammBergretter schon einiges im Kopf aus. Noch am Otto Haus haben wir darüber geredet und kamen über die Sätze „jaja, ich bin schon schwindelfrei“ über „solche Wege sind halt auf der Karte schwierig zu bewerten“ recht bald zu der alten Diskussion um die Einschätzung von versicherten Steigen im Besondern und die Frage, wer soll Bergsteigen, wer soll wandern und wer lieber gar nichts im Allgemeinen. Aber das gehe ich hier nun nicht nochmal durch. Viel wichtiger: Es hat mich zweitens gefreut, weil Michi ein ganz Netter ist. Was ich aber zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wusste.

Erst heute hatte ich Zeit, das zu bemerken, 1100 Meter im Ab- und 1500 im Aufstieg lang. Auf denen mir Michi immer wieder etwas erzählte, über das Höllental zum Beispiel: „Da gab es den Hübner, das war der erste, der sich da rein getraut hat. Über den gibt es ein Buch, das war das erste, das ich gelesen habe. Weil sonst hab ich als Kind nicht so unbedingt lesen müssen. Überhaupt war das mit den Lehrern so eine Sache.“ Wir tauschten Lausbuben-Geschichten aus, denn auch der Blogschreiber Ihres Wanderung55_MichiInWeichtalklammVertrauens, liebe Leserinnen und Leser, war kein Vaserl. „Aber heute kommen meine alten Lehrer mich auf der Hütte besuchen. Ich sage immer: Du musst im Leben einen Schmäh haben und rechnen können.“ Michi hat einen Schmäh. Wenn er über den Schneeberg redet. Seinen Schneeberg, den er in guten Jahren bis zu 70 Mal bestiegen hatte. Wenn er über Bergrettungseinsätze und Selbstüberschätzung der Menschen spricht. Und am meisten, wenn er über seine Kathi erzählt, seine 22jährige Freundin, die mit ihm die Hütte betreibt. Die immer wieder angerufen hat, während wir am Weg waren. Weil sich eine Aushilfe vorstellen gekommen ist. Oder eine Frage betreffend der Baustelle aufgetaucht ist, die Fischerhütte bekommt gerade Wasser und Kanal. „Sie vermisst mich auch und macht sich halt auch Sorgen“, sagte Michi.

Bei solchen Sätzen ist Hüttenwirt Michi sanft und überzeugt. Bei anderen Geschichten ist er direkt und bestimmt. Wenn er etwa über die Schwierigkeiten, eine Hütte auf 2049 Meter zu führen, redet. Oder Geschichten erzählt, was ihm Wanderung55_HüttenwirtinKAthida oben alles unterkommt. „Einmal hat eine Frau angerufen und gefragt, ob eh Wind ist. Sie möchte gerne die Asche ihres verstorbenen Vaters am Schneeberg verstreuen.“ Oder ein Anrufer, der sagte, er möchte nun einmal eine Skitour auf dem Schneeberg machen. Und also wissen, wo man sich da die Ski an- und wo wieder abschnallt? „Na wir schnallen sie an, wenn der Schnee anfängt und ab, wo er aufhört. An manchen Tagen rufen hundert solche Leute an, da wirst deppert.“ Aber das hat Michi im Griff. Solche Anrufer im Besondern und das Leben im Allgemeinen.

Nur wenn ihn bei knallvollem Hüttenbetrieb wieder einmal ein Gast herholt und fragt: „Wie wird man eigentlich so ein Aussteiger?“, dann könnte er ihn am liebsten von seinem Schneeberg werfen. Tut er nicht, sondern sagt stattdessen: „Ich habe vier Angestellte, eine sauschwierige Logistik und arbeite sechs Monate wie ein Viech. Wo bin ich ein Aussteiger?“ Im Übrigen wäre das gar nichts für ihn, denn so gerne mir Michi die 700 Fotos vom vergangenen Wanderung55_FischerhütteGangNeuseeland-Urlaub mit Kathi zeigen will: „Länger als einen Tag am Strand halte mich nicht aus. Wo wir hinfliegen, muss es auch Berge geben. Und mehr als drei Wochen brauche ich keinen Urlaub.“ Kathi seufzt leise, aber mit dem Blick eines verliebten Mädchens und Michi direkt ins Gesicht.

P.S. Die beiden gaben mir das Zimmer mit Blick Richtung Wien und Michi zeigte mir, wie ich das Bett verschieben soll, um aus dem Fenster nach Hause zu sehen. Ich danke euch beiden. Für diesen Tag und diesen Abend im Besonderen. Und dass es solche wie euch gibt im Allgemeinen.

Wanderung55_SonnenuntergangFischerhütteTag 55 (24.8.2009): Otto Haus – Wachthüttelkamm – Weichtal Haus/Höllental – Weichtalklamm – Kienthaler Hütte –Hochschneeberg/Klosterwappen – Fischerhütte. Sonnenschein. Achteinhalb Stunden unterwegs: fünfeinhalb auf den Beinen, eineinhalb beim gemeinsamen Rasten und ich alleine eineinhalb am Klosterwappen. Tipp des Tages: Die Fischerhütte im Allgemeinen. Die Gipfelpalatschinken, die Gespräche mit Kathi und Michi, die Atmosphäre da oben und der Blick auf das ganze Land und mein Wien im Speziellen.

Keine Blase. Zehn Zigaretten geraucht, abends zwei Spritzer weiß. Mein lieber Hund Niko Poldi, da hast du heute nichts versäumt, denn nach dem Wachthüttelkamm, den du gepackt hättest, wärest du an der Weichtalklamm gescheitert, senkrechte Eisenleitern und so. Da hätte ich dich schultern müssen, wobei: Das wäre auch ein Spaß geworden. Das holen wir nach. Ich vermisse dich.

Wanderung55_FischerhütteBlickWienAusZimmerfenster

 26.08.2009 | Tags: , , , , | 2 Kommentare
 

Axel, der Höhlenforscher. Oder: Als ich wieder zehn war. Tag achtundvierzig.

Wanderung48_MeinAusflug

Liebes Tagebuch!

Heute habe ich einen tollen Ausflug gemacht. Zuerst sind die Helga, der Ferdl und ich von Eisenerz weg ein Stück zum Berg hingegangen, bis wir bei der Gsoll Alm waren. Da habe ich dann nicht genau geschaut und die zwei sind einen Wanderung48_SteileStiegeanderen Weg gegangen. Ich bin zur Frauenmauerhöhle gegangen. Die ist ganz dunkel und ur gefährlich, haben alle gesagt. Da darf man nicht alleine durchgehen. Aber es steht immer ein Führer davor, haben alle gesagt.

Da haben sich alle geirrt. Zuerst bin ich durch einen tollen Wald gegangen. Und dann habe ich die Höhle gesehen, ein ganz schwarzes Loch war das am Berg. Ich bin den steilen Hang hinauf gegangen und habe gehofft, dass die Helga und der Ferdl auch dort sind. Am Schluss war eine ur steile Stiege zur Höhle. Aber die Helga und der Ferdl waren nicht da. Und der Führer auch nicht. Ich habe in die Höhle hineingeschaut und ein bisschen Angst bekommen, weil es war ur dunkel und ich habe gar nichts gesehen.

Nach einer halben Stunde habe ich Helga angerufen. Sie hat gesagt, sie und der Ferdl sind falsch gegangen und gehen zum Ausgang von der Höhle auf der anderen Seite. Ich habe jetzt gewusst, dass ich alleine durch die Höhle gehen Wanderung48_AxelNikoEingangmuss oder wieder hinunter und auch den anderen Weg hinaufgehen muss. Aber das wollte ich nicht, weil das ist anstrengend. Ur.

Ich habe mir die Stirnlampe aufgesetzt und beim Eingang haben Niko und ich noch ein Foto gemacht. Der Niko war ängstlich, aber er hat sich mit mir in die Höhle getraut. Ich war auch ängstlich, aber auch ein bisschen aufgeregt. Weil die Höhle so toll war.

Am Anfang habe ich die falsche Abzweigung genommen, aber ich habe mir gedacht, dass das nicht schlimm ist. Weil ich die Lampe gehabt habe und mein Handy hat zur Not auch eine Taschenlampe intreg… intrigi… intergier… eingebaut. Ich habe dann gleich wieder den anderen Weg genommen und da hat man eh gesehen, dass da oft Leute gehen. Aber zur Sicherheit habe ich dem Niko Wanderung48_HöhlenEingangsein Futter immer ein bisschen ausgestreut. Das hätte er wieder gefunden, wenn ich mich verlaufen hätte und mich aus der Höhle gerettet.

An einer Stelle war es dann ur eng. Ich habe fast nicht durchgepasst, aber dann habe ich doch durchgepasst. Nur den Rucksack habe ich vorschieben müssen, das war anstrengend. Ich war nachher ganz schmutzig und auch nass, weil die Wände ganz feucht waren. Immer wieder waren ganz hohe Ecken in der Höhle und manchmal auch kleine Sackgassen. Aber ich habe mich immer ausgekannt. Es war ur aufregend.

Nach einer halben Stunde habe ich den Ferdl jodelt gehört. Er ist mir von der Wanderung48_Engstelleanderen Seite aus entgegengekommen, ich habe mich voll gefreut, dass ich ihn höre. Auch der Niko hat sich gefreut. Der Ferdl hat zwei Taschenlampen am Kopf gehabt und eine auf der Hand, weil eine alleine zu dunkel war. Dann habe ich ein Foto von Ferdl und Niko gemacht, aber mit Blitz, da haben Nikos Augen geleuchtet. Beim Ausgang hat schon die Helga gewartet. Sie hat sich ein bisschen Sorgen gemacht, aber es war ehrlich gar nicht arg. Wir haben noch etwas vor der Höhle gejausnet und Ferdl hat Fotos von Niko und mir gemacht. Die sind schön, ich schaue ure schlank darauf aus.

Die anderen Sachen wie der Weg Richtung Hochschwab und so Almenhütten waren heute auch schön. Aber die Höhle war toller. Am Abend auf dem Sonnschien Haus haben mir die Menschen von der Umgebung gesagt, dass sie sich nicht alleine durch die Höhle trauen würden. Und dass man nicht alleine gehen solle. Da war ich sogar ein bisschen stolz. Aber Wanderung48_NikoHöhlegesagt habe ich: „Ja eh blöd.“

Es war ein tolles Abenteuer.

Dein Axel

Tag 48 (17.8.2009): Eisenerz – Gsoll Alm – Frauenmauerhöhle Westeingang – Frauenmauerhöhle Osteingang – Pfaffing Alm – Androth Alm – Sonnschien Haus. Sonnig und recht heiß. Ein zehnminütiger Regenguss mit kleinem Hagel, aber olé: Eine Minute vor dem Wolkenbruch erreichten wir die Androth Alm. Acht Stunden unterwegs, davon sechseinhalb auf den Beinen. Wun-der-schön-er Tag, sowohl das Abenteuer Höhle als auch die Wege und das Gelände. Tipp des Tages: Alleine nie in Höhlen gehen. Und wenn schon unbedingt, dann braucht man dazu verlässliches Licht und gute Nerven. Wer die Übersicht verliert, ist in echter Gefahr. Nicht in einer „Scheiße, die Zigaretten sind aus“-Gefahr. In einer echten.

Keine Blase. Zwölf Zigaretten geraucht, am Abend mit drei Oberösterreichern Wanderung48_FerdlNikoHöhleauf der Hütte drei weiße Spritzer getrunken. Was ich an Hund Niko Poldi so toll finde? Wahrscheinlich die Tatsache, dass der schwarze Zottel vollendetes Vertrauen beherrscht. Die Idee mit der Höhle fand er gar nicht so toll. Aber er ging mit mir. Als ich ihn dann im Stockfinsteren Platz legte, um einen Sackgassen-Höhlen-Ast zu überprüfen, fand er das gar nicht toll. Aber er blieb liegen. Warum? Weil er mir total vertraut. Und das verpflichtet mich. Ein gutes Gefühl.

Wanderung48_AxelNikoHöhlenausgang

 20.08.2009 | Tags: , , , | 9 Kommentare
 

Gefühl in zivil. Ruhetag acht.

Wanderung47_BlickAusMeinemFensterEine Frage kann ich nicht mehr hören: „Freust dich schon wieder auf die Zivilisation?“ Wir besprechen in unserer heutigen Vorlesung gar nicht, ob man sich prinzipiell auf sie freuen kann, sondern widmen uns der Frage, werte Kolleginnen und Kollegen, was die Zivilisation denn genau ist? Denn zwischen Berghütten und dem Tal verschwimmen die Grenzen der Zivilisation. Oder zumindest die Grenzen ihrer Definition. Oben fehlen einem heiße Duschen, eine Schlafstätte für weniger als zwölf Menschen und selbst zu entscheiden, wann Bettruhe ist. Kommt man unten an, fehlt einem das Oben. Genau: Es ist verzwickt.

An meinem Eisenerzer Ruhetag wurde mir das wieder einmal bewusst, als ich meiner Lieblings-Zivilisations-Gewohnheit nachging: Fernsehen. Im Frühstücks-Horoskop auf Puls 4 erfuhr ich, dass Liebe und Beruf meinem Sternzeichen heute zu 62 Prozent gewogen sind. Fast zwei Drittel, zufrieden, da bin ich Minimalist. Nachmittags plätscherte neben mir eine deutsche Reality-Sendung a la „So ist das Leben, aber ganz echt wirklich, lieber Seher“. Da begann ich an der Zivilisation zu zweifeln. Und abends lieferte mir die geschätzte Elisabeth Spira via ORF volltätowierte Menschen, die über das Leben philosophierten. Da hatte ich Angst.

Und ließ meine Gedanken eine Runde Ringelspiel fahren. Mir fiel mein freundlicher Wirt Karl Prem ein, der am Nachmittag erzählt hatte, dass im schönen Eisenerz einst 18.000 Menschen lebten (im Jahr 1944), heute sind es 5260, Tendenz sinkend. Zwar werde sich das „bei 5000 scho ei’pendeln“, aber es drücke aufs Gemüt. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Am Erzberg wird noch immer gleichviel abgebaut wie einst. Nur dass das heute von den zivilisierten Maschinen und 150 Menschenresten gemacht wird statt wie einst von 5000 Arbeitern. Ich sagte ihm, dass Eisenerz trotzdem noch immer schön sei, vor allem die Fassaden. Wirt Karl Prem gab mir zwei der soeben gefertigten Palatschinken, nur so. Ganz unzivilisiert in die Hand. Seine Frau wusch mir derweil die Wäsche, weil ich darum gebeten hatte. Weil „man muss halt scho selber arbeiten, wenn man verdienen will. Und Spaß daran haben, sonst geht das hier nicht mehr.“ Wirt Karl Prem hat ein sehr nettes Lächeln, das immer überraschend kommt.

Wanderung47_ErzbergZur Verabschiedung ging ich mit meinen Mitwanderern auf ein Eis. Wir überlegten, was man aus der hübschen Stadt machen könnte. Plötzlich fuhr ein hochzivilisierter Porsche durch die äußerst verlassene Stadt. Es saßen höchstziviliserte Städter darin. Sie hören unzivilisert laute Musik. Ich sehnte mich in genau diesem Moment nach einer Hütte da oben, ohne Dusche. Aber mit viel Gefühl.

Tag 47, Ruhetag acht (16.8.2009): Eisenerz, Gasthaus Zur Post. Sonne ganztags. Tipp des Tages: Die Küche des Hauses, wirklich erwähnenswert.

Keine Blase. Zehn Zigaretten geraucht, kein Alkohol, aber ein Eisbecher. Hund Niko Poldi zeigt anhand des Trockenfutters, wie Toleranz geht: Man muss sich nicht lieben, um sich zu akzeptieren. Kriegsführende dieser Welt, hört her: Dieser Hund ist weise und des Friedensnobelpreises würdig.

 19.08.2009 | Tags: , , , | 3 Kommentare
 

Wir Spitaler wir. Tag zweiundvierzig.

Wanderung42_SpitalDomDie Wanderung von Spital am Pyhrn nach Admont muss phantastisch sein. Keine lange Etappe mit überschaubar vielen Höhenmetern und toller Streckenführung zwischen den beeindruckenden Bergen Bosruck und Großer Pyhrgas. Allein: Ich ging sie heute nicht, sondern schob einen weiteren Ruhetag ein. Weil einerseits mein Rücken wundgerieben ist und Pause braucht. Und ich andererseits zu verkühlt bin, um das noch zweieinhalb Wochen mitzuschleppen. Das Merkwürdige dran: Es ärgert mich, ich möchte gehen. Nein, das hätte ich mir vor eineinhalb Monaten nicht gedacht. Jeden zusätzlichen Tag außerhalb der Wanderschuhe werde ich mit einem Kirchenkerzerl feiern – so habe ich mir das gedacht. Aber dass ich stinksauer im Bus nach Admont sitze, nicht.

Gut, dass mir am Weg zur Bushaltestelle in Spital am Pyhrn der Herr Pfarrer über den Weg lief. Denn so kämpfte sich eine Geschichte wieder in die erste Reihe meines Hirns, die mir am Vortag zugetragen wurde: Dieser Herr Pfarrer brachte die Spitalerin Gerlinde Kaltenbrunner zum Bergsteigen, als sie bei ihm in der Jungschar und Ministrantin war. Genau: Die Gerlinde Kaltenbrunner, die schon auf urvielen Achttausendern war. Die vor einer Woche zum zweiten Mal bei der Besteigung des K2 aufgab. Und die gerade deswegen eine der erfolgreichsten Bergsteigerinnen ist: Weil sie immer zurückkommt. Weil sie Wanderung42_Rückennicht übertreibt und deswegen alles verliert. Weil sie vor der Grenze „Stopp“ sagt. Weil sie ankommt, mit oder ohne Güpfi.

Nein, natürlich vergleiche ich mich hier nicht mit der Kaltenbrunner. Aber ich tröste mich mit ihr. Schließlich fühlte ich mich in Spital am Pyhrn auch sehr wohl.

Tag 42 (11.8.2009): Spital am Pyhrn – Admont, per Bus über Liezen. Wechselhaft, kaum Sonne, gelegentlicher Regen. Tipp des Tages: Nicht ärgern.

Keine Blase, woher auch? Einige Zigaretten geraucht, kein Alkohol. Hund Niko Poldi mag nicht mehr ruhen, im Gegenteil: Er ist unruhig. Hund Niko Poldi will gehen, sich in Almwiesen wälzen und Seen bespringen. Ich kann dich verstehen, mein Lieber. Zum Trost bekommst du Pansensticks.

Wanderung42_FalterImHotelzimmer

 13.08.2009 | Tags: , , , , | 9 Kommentare
 

Es war die Lärche. Tag neununddreißig.

Wanderung39_Mitwanderer1Heute ist es passiert: Am 39. Tag kam eine Hüttengaudi über mich, dass die partysüchtige Milz ihre Freude hatte. Dazu muss ich eines erklären: Zuhausesitzende Freunde und ankommende Mitwanderer glauben oft, so eine Wanderung bedeutet permanente und abendfüllende Gelage. Wie sehr das nicht stimmt, erkennt man an dem Schild, das auf fast allen Hütten hängt: „Hüttenruhe 22 Uhr“, steht da knapp. Und dieser Satz ist in den seltensten Fällen eine Diskussionsgrundlage. Er ist fast immer geltendes Recht, das pünktlich mit dem Umlegen des Lichtschalters exekutiert wird.

Auf der Zeller Hütte ergab sich das anders. Meine große Mitwanderschaft Sandra, Gerti, Sarah, Julia, Robert, Hannes, Tom und Marc wollte abends Wanderung39_Mitwanderer2Geburtstag feiern. (Sandra und Tom sind Geschwister und wurden beide an einem 12. August geboren. Sandra im Jahr 1976, Tom 1979. So etwas gehört erzählt.) Ich fragte daher schüchtern, ob denn die Rechtssprechung auf der Zeller Hütte mehr „jawohl Euer Ehren“ oder „na schauen Sie, Herr Rat“ ist? Und wie soll ich sagen: Hinter den reschen Fassaden des Hüttenwirtspaares Heidi & Robert stecken weiche Sperrstunden-Kerne. Es kam also, wie man es auf Berghütten selten hat: Gitarre, Wein in Flaschenmenge, Singen und Lachen. Das geht nur, wenn man bis auf eine kleine Gruppe die einzige Gästeschaft ist. Um elf sollte der Zauber trotzdem vorbei sein, wir waren ja auch müde.

Aber ich war wieder einmal zu langsam im Bett. Wie zwei andere auch. Für Wirt Robert das Stichwort, uns nochmal an die Theke zu bitten und seiner Einladung mit vier Schnapsgläsern Nachdruck zu verleihen. Dann ging alles ganz Wanderung39_MitwandererUndHeidschnell:

„Was wollt ihr trinken?“

„Ich hatte letztens einen großartigen klaren Zirbenschnaps, nicht den angesetzten. Hast du den auch?“

„Nein, aber da hier einen Lärchenen.“

(Eine Flasche klarer Flüssigkeit rumst auf die Theke, mittendrin ein Lärchenzweig. Er schenkt mir doppelt ein: das Glas voll, metaphorisch ordentlich. Ich trinke den Obstler mit Lärchennote)

„Na servus, mit dem machst aber nimmer viel Geschäft.“

Aus Robert spricht nun der weiche Kern: „Hast recht. Trink ihn gleich aus.“

Wanderung39_AxelGitarreIch betrachte die Flasche, in der sicher noch sieben Portionen schlummern: „??????“

Die anderen tranken Zirbenen, hatten aber auch viel Spaß. Mit jedem Schluck vom Klaren wurden die Themen unklarer, aber die Lacher deutlicher. Und ganz unschuldig stellte sich das ein, was sich alle Zuhausegebliebenen vorstellen: Eine unfassbare, rotwangige und total sinnlose Hüttengaudi. Als ich dann um ein Uhr zum Einschlafen im Bett lag, war ich zufrieden, das auch noch erlebt zu haben. Aber da wusste ich auch noch nicht, dass Wirt Robert am nächsten Morgen , nach dem Frühstück, beim Zahlen, um zehn Minuten nach acht Uhr darauf bestehen würde, zum Abschied noch einmal einen Schnaps zu trinken. Er nennt das „Zähneputzen“. Eine Gaudi.

Tag 39 (8.8.2009): Hinterstoder – Wartegg – Mostschenke Binder – Zeller Hütte. Sonnig, zunehmend bewölkt, am Nachmittag dann langsam aufziehende verdächtige Wolken und pünktlich bei Erreichen der Hütte leichter Regen, ätsch Himmel! Sieben Stunden unterwegs, davon fünfeinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Eine gute Grundlage im Magen! Da ist der Mostbauer kurz nach Wanderung39_NikoHaubedem Wartegg, der die Vorbeiwanderer hereinruft. Da ist die Mostschenke Binder, die einen lockt. Und da ist die Zeller Hütte an sich. Also beim großartigen Frühstückbuffet im Hinterstoderer Edelweiß Alpin Lodge nur nicht g’schamig sein.

Keine Blase. Elf Zigaretten geraucht, mehrere Achtel Rot und einiges an Schnaps. Niko Poldi bewegt auf dieser Wanderung etwas: Auch Hüttenwirte, die skeptisch gegenüber Hunden sind (was ich übrigens verstehen kann, nicht alle Wauwaus sind wie Niko Poldi), erklären mir, dass dieser Hund großartig ist. Dass er sich benimmt. Und dass so einer ja eh in die Hütte rein darf.

 11.08.2009 | Tags: , , | 11 Kommentare
 

Blutiges Steak. Tag siebenunddreißig.

Wanderung37_Wolkenmeer„Man muss nicht nur Zeit zum Anschauen haben, sondern die Zeit, es überhaupt zu sehen.“ Mit diesem Satz beeindruckte mich eine der beiden älteren Damen am Hochklapfsattel. Wir waren gerade in einem dieser Kurzrast-Gespräche: Und Sie, aha, von Altaussee, nur so zum Wandern, aha, nein ich gehe länger, ja das ist weit, ja das ist schön, aber kommen wir wieder zu Ihnen. Anfangs plätscherte der Talk mit den beiden. Diejenige mit den viel zu schönen Zähnen verriet, dass sie auf dem Weg zu einer Geschichtenerzähler-Performance am Gipfel des Redenden Stein unterwegs sind. (Ja, toller Name für einen Gipfel, aber er hatte mir nichts zu sagen, als ich vorbei ging.) Und als ich so nachdachte, ob sich aus der Kombination Geschichtenerzähler und Redender Stein ein Wortwitz generieren lässt, kam die andere mit der „Rasten und sich Umschauen ist das wichtigste am Gehen“-Kiste und eben dem Einleitungssatz. Und da schoss sie mir wieder ein, Wanderung37_Hirtendie Weisheit der Älteren: Sich die Zeit nehmen, eine schöne Blume anzuschauen, ist der Komperativ des Wanderns. Aber superlativisch wandert, wer nicht zufällig auf diese Blume aufmerksam wird, sondern vom ersten Schritt an so geht, dass er sie sieht. Sehen muss. Wow.

Das ältere Paar, das ich eine Stunde davor getroffen hatte, suchte zum Beispiel ein Schaf. Seit vierzehn Tagen. Die beiden Pensions-Hirten gehen seit nunmehr zwei Wochen jeden Tag ihre Runden, um das verlorene Schaf mit schwarzem Kopf, ein schönes von einer Versteigerung, zu suchen. Ihr Lächeln und die Antihektik verrieten die beiden ein bisschen: Ihre Suche ist ein Grund, kein Anlass. Sie lieben es, in ihren Bergen zu gehen und sind dem Schaf ein wenig dankbar. Überhaupt schien es an diesem Tag, dass die Ausseer gerne in ihre Berge gehen. Scheinbar waren alle, die ich traf, einheimisch. Nur bei den vier Jugendlichen kurz vor dem Appelhaus war ich mir nicht sicher, ich konnte sie auch nicht fragen, sie sprachen nur Tschechisch.

Wanderung37_WeiseDamenDas dritte Treffen des Tages waren Kühe. Verrückte, entsetzlich depperten Kühe. Eine von ihnen sprintete auf Hund Niko Poldi zu, der sich verhängnisvoller Weise auf Weiden gerne an mich kuschelt. Die Kuh sprintete also auf mich zu. Und wenn gefühlte achttausend Tonnen auf dich zusprinten, läuft ein Film in dir ab: Zuerst schießt dir ein, woher das Tote Gebrige seinen Namen haben könnte. Dann überlegst du, wie sich ein Torero mit Wanderstöcken anstellen würde. Und schlussendlich gibst du Hund Niko Poldi den Befehl zu laufen, quasi Ablenkungsmanöver, und der Kuh den Befehl: „Aus!“ Beide gehorchten. Gerade noch. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich niemandem traue, der einen größeren Kopf als ich hat?

Tag 37 (6.8.2009): Loser Hütte – Karl-Stöger-Steig – Augstwiesenalm (besonders depperte Kühe, wahnsinnig böse zu Hunden, wahrscheinlich etwas Traumatisches) – Albert Appel-Haus – Elmgrube – Pühringer Hütte. Die Tatsache, dass ich seit gestern Abend auf steirischem Boden bin, behandle ich Wanderung37_BlickVonPühringerHüttehier nicht, der gefühlte Grenzübertritt folgt später. Sonnig mit schönen weißen Kuschelwolken. Zehn Stunden unterwegs, davon achteinbisserl auf den Beinen. Tipp des Tages: Legt die verrückten Kühe in Ketten!

Eine stille Blase an der rechten Ferse. Sechs Zigaretten geraucht, ein Vierterl Rot. Weil das war nötig, als ich den Deutschen Andreas auf der Pühringer Hütte traf. Der wanderte die vergangenen Wochen vom Neusiedler See bis hierher. Gemeinsam haben wir den Weg fertig, darauf tranken wir eben. Bad day for Niko Poldi: Nach manigfaltigen (die beschriebene Szene wiederholte sich noch zweimal) Kuhattacken durfte der Hund in der überfüllten Pühringer Hütte nur in der Winterraum-Gaststube schlafen. Durchaus gemütlich, aber einsam. Ihm war es aber offenbar wurst, er lag morgens so da, wie ich ihn abends gebettet hatte.

 08.08.2009 | Tags: , , , , | Ein Kommentar
 

Antworten. Tag sechsundzwanzig.

Wanderung26_MitwandererMichiMitFreundZur Klarstellung: Die Berge zwischen Lofer und Maria Alm haben in punkto Handyempfang bei den Lechtaler Alpen gelernt. Nur deswegen konnte ich die werte Leserinnen- und Leserschaft über die vergangenen drei Tage noch nicht informieren. Und genau deswegen häuften sich in den Kommentaren die Fragen. Und eben deswegen ist jetzt der richtige Zeitpunkt für Antworten.

  • Am zweiundzwanzigsten gewanderten Tag meiner Reise ist dem Himmel der Regen ausgegangen. Es war ganztags trocken. Was wieder einmal Wanderung26_BlickLofererSteinbergebeweist, dass Petrus auch nur mit Wasser kocht.
  • Die vom Weitwanderweg-Führer vorgeschlagene Tagesetappe Lofer – Ingolstädter Haus halte ich schlicht für größenwahnsinnig. Selbst wenn man den Weg direkt geht, was wir ob des Naturjuwels Strohwollner Schlucht nicht getan haben, können einem die Füße das am Ende des Tages nicht verzeihen.
  • Außerdem bleibt man dann zu kurz in Hirschbichl. Wer dort länger sitzt, wird früher oder später von dem Mann, der einst Dienst am hiesigen Grenzübergang versah, einen gejodelt bekommen. Nein, das kann er nicht und ja, der Mann ist verhaltensauffällig. Aber: Solche Menschen zu treffen, die Mitteilungsbedürfnis und Dachschaden auf solch Wanderung26_GoldiFansympathische Weise vereinen, ist eine Bereicherung. Dachschaden ist zu hart? Der Mann hat mitten auf der Straße zehnmal einen Skispringer imitiert und dazu „Andi Goldberger“ geschrien. Dann hat er gejodelt.
  • Über Sex spricht man nicht, nicht einmal in den Bergen. Nur soviel: Zur Brautschau lohnt sich der Aufstieg nicht, weil die Frauen in der Unterzahl, meistens mit dem Mann ihrer Begierde und am nächsten Tag immer weg sind.
  • Hund Niko Poldi hat gar nichts gegen Würsteln. Weil ich aber gestern im Wanderung26_LeimbichlGräbenOrt war, eilte ich in den Supermarkt. Der bot Hundefutter nur in Industriemengen, also kaufte ich für Niko Poldi Katzenfutter. Hund Niko Poldi hat gar nichts gegen Katzenfutter.

Tag 26 (26.7.2009): Lofer – Strohwollner Schlucht – Hundalm – Leimbichlgräben – Hirschbichl. Sonnenschein, punkt! Wir hatten beschlossen, den geplanten Ruhetag in Lofer zu opfern, um die mörderische Neun-Stunden-Etappe Lofer-Ingolstädter zu zerbrechen. Bevor sie nämlich uns bricht. Weil dann aber nur vier Stunden Gehzeit blieben, haben wir uns für eine Umgehungs-Fleißaufgabe entschieden. Ja, das klingt wuki für einen, der von Bregenz nach Wien geht, aber so ist das Wanderung26_KühlenUndWaschenhalt. Fazit: Sechs Stunden unterwegs, davon gut fünf auf den Beinen. Tipp des Tages: Fleißaufgaben und Weitwanderungen verhält sich wie Schokolade und Chili: anfänglich komisch, aber doch irgendwie mmmmh.

Hund Niko Poldi geht es saugut. Er liebt den Berg und der Berg liebt ihn. Was mich wirklich begeistert: Er läuft immer ein bisschen vor zum Gruppenersten, dann wieder zurück, um zu sehen, ob es allen gut geht. Und gestern dann der Hammer: Er kommt zurück, ich sitze, um kurz zu rasten. Er läuft aufgeregt her und schleckt mir das Gesicht ab. Niko Poldi kümmert sich um mich. Ich liebe diesen Hund.

 29.07.2009 | Tags: , , , , , | Keine Kommentare
 

Superlativ günstig abzugeben. Tag dreiundzwanzig.

wanderung23_nikowasserDer Aufstieg von Erpfendorf über den Gernkogel auf das Straubinger Haus ist von der Sorte „wahrscheinlich der anstrengendste, den ich je gegangen bin”. Und eben das ist multipler Blödsinn. Weil nämlich: Einerseits waren Sie, geschätzter Leser, bei noch keinem Aufstieg meines Lebens dabei, auch nicht beim Erpfendorfer. Und können ihn also genauso wenig nachvollziehen wie alle anderen Axel-biografischen Aufstiege. Andererseits war er natürlich auch nur der anstrengendste meines Lebens, solange ich in ihm verhaftet war, kaum oben war es halb so schlimm. Was bleibt ist die zwanghafte menschliche Neigung zum unerklärten Superlativ.

Immerzu war es bei uns „der schönste Urlaub”, „das beste Essen”, „der schlimmste Moment”, „der tollste Sex”… Dieses unqualifizierte Bewerten wanderung23_igaaufschmalemwegtreiben dir die Berge aus. Ein Beispiel? Der kometenhafte Aufstieg ab Erpfendorf war idyllisch, weil durch den Wald und über steile Wiesen. Er war voller Überaschungen, weil Bach-Schwimmbecken und verfallene Almhütten. Er war unberechenbar mühsam, weil Hitze ohne Wind. Und ja: Er war unfassbar anstrengend, weil gut 700 Höhenmeter ohne Umschweife. Aber der anstrengendste? Ob mehr Schweiß floss als bei allen anderen davor und danach? Weiß ich nicht, ist auch egal. Es gilt, sich auf die Eigenschaften zu konzentrieren. Andere Anstiege waren lehmig, verregnet, rutschig, hinterlistig. Und was weiß ich, welcher da der mühsamste war.

Worauf ich hinaus will? Deinen beschwerlichsten Weg von gestern kannst du meistens heute gleich in den Erinnerungspapierkorb legen. Deshalb musst du den Dingen einen Namen geben. Und ja, richtig: Das ist wanderung23_eggenalmstraubingerhaus1wieder so eine Erkenntnis fürs Leben. Statt ein Erlebnis mit der Farblosigkeit eines namenlosen Superlativs kaltzustellen, lieber einmal sagen, wie Urlaub, Essen und Sex genau waren. Nicht nur best- und tollst-. Geben wir unserem Leben Namen und Farben.

Folglich: Der Gernkogel-Aufstieg von Erpfendorf war so anstrengend, wie kerzengerade hinauf eben ist. Ich würde ihm ein sattes Rot geben. (Aber im Übrigen ein großartiger Weg, lassen Sie sich nicht von den Einheimischen abschrecken und die alternative Forststraße einreden!) Als ich dann auf dem Straubinger Haus saß und der Schweiß getrocknet war, blieben nur die Bilder im Kopf: Blick auf das Unterland, das Kitzbüheler Horn und bis in die Hohen Tauern. Und, ach ja: Abends fegte dann ein Unwetter über uns, wanderung23_hagelkornwahrscheinlich das schwerste Unwetter meines ganzen Lebens…

Tag 23 (23.7.2009): Stripsenjoch Haus – Kaiserbachtal – von Griesenau bis Erpfendorf per Taxi (nein, ich gehe keine Straßenkilometer mehr…) – über Gernalm-Steig zum Straubinger Haus. Sehr sonnig am Tag, Weltuntergang am Abend: Gewitter und 20 Minuten Hagel, danach Winter-Wonderland. Die Nachrichten verrieten aber, dass es anderswo in Österreich noch schlimmer war, trotzdem: Für den Berg Abenteuer genug. Trotzdem: Ein großartiges Erlebnis, vom Trockenen aus. Und noch immer kein gänzlich trockener Wandertag seit 1. Juli. Acht Stunden unterwegs, davon sechseinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Schwierige Wege gehen, die Herausforderung suchen.
Die zwei Blasen sind Geschichte, die Gegenwart gehört einer aufmüpfigen Unterhornhaut-Blase an der rechten Ferse. Elf Zigaretten geraucht, der wanderung23_hagelRotwein vor dem Bettgang wird langsam zur ständigen Einrichtung.
Weil die Frage in einem Kommentar auftauchte, wo Hund Niko Poldi schläft: Der gute Wauwau und ich pflegen derzeit einen Disput um das Thema. Niko Poldi findet, mein Bett ist auch sein Bett. Ich verhalte mich dann wie folgt: Ich blicke ihm streng in die Augen, er schaut interessiert zurück. Damit bin ich meist sicher, dass er seine Lektion gelernt hat und lasse ihn im Bett. Nein, das gehört sich nicht, aber das weiß er ja offensichtlich.

In eigener Sache: Danke, liebe Bergrettung, die ihr mich so toll auf eurer Homepage begleitet…!

 26.07.2009 | Tags: , , , , | Ein Kommentar
 

Der Weihnachtsmann trägt Batik. Ruhetage vier und fünf.

Von der Gegend um Kitzbühel kann man halten, was man will. Aber das Liebliche kann man ihr nicht absprechen: Diese geschnitzten Hausfronten, diese Grünheit der Wiesen, das Funkeln und Glitzern in den Gassen – Kitzbühel ist wie „Disneyland”, wenn es Hansi Hinterseer ausspricht. Hier, wo Fiona die Gütige sich wohl fühlt, neigt man zum Glauben an das friedvoll und problemlos Schöne auf der Welt. Und man neigt, daran zu glauben, dass auch der Weihnachtsmann hier den Sommer verbringt. Obwohl er kein Münchner ist.

wanderung20_santa1Alleine: Ich weiß, dass der Weihnachtsmann diesen Sommer in Scharnitz verbringt, wenn auch nur auf der Durchreise. Ich habe ihn dort getroffen und genau das fiel mir an meinen Kitzbüheler Rasttagen wieder ein. Er kam damals urplötzlich in das kleine Kaffeerestaurant im Herzen von Scharnitz herein, in dem ich das Ende eines Regens abwartete. Er sagte nicht Hoho, sondern Hello. Er trug ein batikbuntes T-Shirt am prallen Körper und ein zufriedenes Lächeln im Gesicht, das zu gut zwei Drittel vom weißen Bart verdeckt war. Er setzte sich hin und war von Anfang freundlich. Und offenherzig. Er sprach mit der mittelalterlichen Besitzerin, laut und herzlich. Bestellte sein alkoholfreies Bier und seine Gulaschsuppe, die er später über den Klee loben, aber auch in seinem Bart verteilen sollte. Er sprach die Menschen an. Sie sprachen nicht zurück, diese Offenheit war ihnen suspekt. Dann sprach er mich an.

wanderung20_santa2Santa heiße er, dabei verzog er nicht einmal einen Mundwinkel zu einem Lächeln. Europa habe er bereist, immer schon, jetzt wieder, von Rom mit dem Mietwagen über die Schweiz und Deutschland und nun hier über Scharnitz zurück, das müsse er machen, weil er ja nicht wisse, wie lange er noch habe. Seine Mutter habe er früher, viel früher einmal in die Schweiz gebracht, aus medizinischen Gründen. So toll sei das alles hier, die Menschen so freundlich, dabei lächelte er die Besitzerin an, die suspektiert wegschaute.

„Eine 800 Meilen-Wanderung beginnt mit dem ersten Schritt” schrieb er auf mein T-Shirt und dazu Bob Dunlup, wohl der bürgerliche Name vom Weihnachtsmann. Seine Unordentlichkeit schlug sich mit seinen klaren Worten. Er war Landstreicher und Philosoph, stellte alle Lieblichkeit rund um ihn in einen Schatten. Die Liebenswürdigkeit in seinem Blick rang mit den unterlaufenen Augen eines Trinkers. Ja, gut sei es ihm einmal gegangen, ein Hotel habe er gehabt. Aber dann wurde er Alkoholiker und habe alles verloren, wife, friends, money. Aber das mache gar nichts, jetzt sei er hier und – er wandte sich Richtung Theke, an der die Besitzerin stand – „Diese Suppe ist unglaublich gut!”

wanderung20_santa3Santa ist mehr als ein schräger Typ. Er ist Gammler und Geber, eben für alle da. Und für die Scharnitzer mindestens so sehr wie für die Kitzbüheler.

Ruhetage 4 und 5 (20. und 21.7.2009). Bei Freunden in Kitzbühel. Die haben für mich gegrillt, ich habe meine Wäsche gewaschen und wieder einmal ein bisschen soziales Leben inhaliert, von „Grey‘s Anatomy” bis Zeitung im Kaffeehaus. Tipp der Tage: Halte deinen Körper im Zaum, wenn er so tut, als ob solche Ruhetage gar nicht bräuchte! Zwinge ihn zur Pause in Gemütlichkeit und bringe ihm schonend bei, dass Bruder Geist das einfach haben muss! Die beiden Blasen (große Zehe links, Zeigezehe rechts) konnten an den beiden Ruhetagen entscheidend zurückgedrängt werden. Fast zwei Packungen Zigaretten geraucht, fünf weiße Spritzer getrunken.
Hund Niko Poldi? Ist back on the Route. Wir feuern ihn an, wir fiebern mit seinen Pfoten, wir wünschen ihm das Beste!wanderung20_santa4

 22.07.2009 | Tags: , , , , | 6 Kommentare
 

Fünfzehn Tage Tiere

Meine Zu- und Abneigungen gegenüber verschiedenen Tieren haben sich verschoben. Früher waren mir solche unsympathisch, die einen größeren Kopf als ich haben. Vor allem Pferde und Kühe. Wer weiß schon, was wanderung15_kalb1die sich in dem großen Kopf denken, dachte ich immer, da ist sicher allerlei drin. Kombiniert mit ihren starren großäugigen Blicken, die immer von der Seite daherkommen, entwuchs daraus ein gewisses Befinden. Wobei „unsympathisch” schon übertrieben ist, weil es ein Gefühl impliziert. Sie waren mir nur suspekt.

Das hat sich geändert. Kühe sind liebgewordene Markierungen am Weg: Wo Kuh ist Alm und Almen sind auf der Karte immer eingezeichnet, da weiß man, wo man ist. Pferde sind da ein bisschen unterprivilegiert, die kann man nicht immer zuordnen. Aber auch das wurde besser.

Den Platz des unnötigsten, unsympathischsten und unfassbar penetrantesten Tieres hat sich derweilen die gemeine, urgemeine Bremse erbissen. Auf dem Waldweg zwischen Leutasch und Scharnitz (den ich demnächst übrigens mit meiner Leutascher Vermieterin gehen will, die dafür nur eine Stunde veranschlagt. Pah! Es sind wanderung15_kalb2zweieinhalb, ohne Trödeln) haben die Bremsen ordentlich Gas gegeben: vorne Bremsen, hinten Bremsen, auch auf der Hand Bremsen. Ekelhaftes Getier aus der Familie der Fliegen. Mitten im Heiligen Land Tirol sehe ich das so: Gott schuf die Fliege und der Teufel hat sie mit schmerzhafter Hinterhältigkeit versehen.

Ich mag die Kühe lieber.
Tag 15 (15.7.2009): Leutasch – Hoher Sattel – Scharnitz – Larchetalm (Karwendeltal). Erst Sonne, dann „heftige Regenschauer und Gewitter”. Vier Stunden auf den Beinen, drei auf Regenasyl in einem Scharnitzer Kaffeehaus. Tipp des Tages: Einheimische Wegzeiten kritisch hinterfragen! Keine Blase, sieben Zigaretten geraucht, kein Wein.
Hund Niko Poldi, ich vermisse dich. Dich alten Fliegen-Fänger.

 16.07.2009 | Tags: , | 6 Kommentare