Wetterschwankungen haben auch Gutes: Man muss den Plan ändern. Pläne gehören zur Gruppe der Berechnung, Planänderungen zur Gruppe der Befreiung, was jegliche Diskussion darüber obsolet macht, welcher man lieber angehört. Weiters führen Änderungen zu liebsamen Überraschungen. (Ja, natürlich auch zu unliebsamen, aber mit denen rechnet man wieder, also sind sie im Plan). Geht man nun des Gewitters wegen von Damüls nicht wie geplant über die Göppinger Hütte zum Flexenpass, sondern über Schröcken nach Lech, begegnet man Überraschungen. Dem Auenfeld etwa, einem lieblichen Sattel zwischen den beiden Arlberg-Metropolen, wo hinter jedem Baum Frodo Beutlin hervorhüpfen könnte. Und weil die kommenden Tage durch die Lechtaler Alpen für mich ein bisschen Schicksalsberg sein werden (hochalpin, Geröll und Schnee, womöglich Monster), denke ich gerade an die überraschenden Begegnungen mit vorarlbergischen Menschen zurück.
Da war die Bregenzerin auf dem Auenfeld Sattel, oberhalb von Oberlech (im Übrigen ist ein Teppichtennisplatz auf einem Skihochplateau mitunter das Dekadenteste, das diese Wanderung bislang zu bieten hatte. Wenigstens die Elite-Karrossen rundum waren stimmig). Sie war freundlich und schien jünger als ihre
Geburtsurkunde. Und sie hat mich überrascht. Denn sie kanalisierte ihr klassisches Sechzigplus-Mitteilungsbedürfnis in allgemein Wissenswertes statt in Information aus ihrem Leben. (Man kennt das: meine Enkel rufen nicht an, ich nehme gegen Bluthochdruck, die Nachbarn sind) Die Vorarlberger seien nämlich schon Walser, brauchen sich gar nicht einzubilden, eigene Volksgruppe und so. Das sei interessant und Sie, ach Wiener, die sind so Wiener, da brauchen die Vorarlberger gar nicht sagen, die Wiener seien nicht nett. Und die Deutschen seien ihr lieber als die Schweizer. Und Sie gehen bis Wien, na wui, und überhaupt interessiere Sie in den Bergen die Almblumen-Blüte, haben Sie Almrosen gesehen? Kann sein, wie sehen die aus?
Die fröhliche Plaudertasche war anders als die Bregenzer bis jetzt. Ich habe es verschwiegen, aber am ersten Tag schmunzelte ich vor allem darüber:
Ich (in der Nähe des Bregenzer Bahnhofs): “Wie gehe ich denn am besten nach Dornbirn?”
Bregenzer: “Mit dem Auto?”
Ich: “Nein, zu Fuß.”
Bregenzer: “Also mit der Bahn?”
Ich: “Nein, zu Fuß.”
Bregenzer: “Mit dem Bus?”
Ich: “Nein, zu Fuß.”
Bregenzer: “Das ist weit. Sicher zwei Stunden.”
Ich: “Ach so, danke.”
(Dieses Gespräch blieb bis zum Bregenzer Stadtrand gleich. Nur der Bregenzer änderte sich)
Aber halt: Franz hat mich und meine Wanderung auch verstanden. Er war auch einer der wenigen, die nicht müde wurden, mich nach dem tieferen Grund zu fragen. Aber zugegeben, Franz hat einen Vorteil gegenüber den meisten: Er ist vom Gasthaus Firstblick ob Dornbirn bis Jerusalem gegangen. Viertausend Kilometer für Israels Frieden. Und als der Kerl mit körperlichem Bodybuilder-Ansatz das in einem sanften französisch-vorarlbergisch-schwäbischen Akzent erzählt hat, mit einem sanften Gesichtsausdruck und einer Stimme, als ob er ein kleines Kind beruhigen möchte, habe ich auf die außenpolitische Diskussion um Israels Friedenswillen verzichtet. Franz, der „Liftarbeiter und im Sommer Rasenmäher, etwas ganz einfaches” war mir sympathisch. Sehr.
Wie auch Sonja, die Freschenhaus-Chefin. Erzählt ungefragt und freizügig über mühsame Verwandtschaft und die Chlorprobleme auf ihrer Hütte. Es scheitere an den Grünen, an wem sonst? (Sagt sie) Warum sie niemandem sagt, dass es einen einfacheren Weg auf den Freschen (sprich: Fröschn) gibt? (Frage ich) Fragt ja keiner. Würde ich alles sagen, ohne dass die Luit fragen, käme ich aus dem Reden nicht heraus. (Sagt sie und gibt den beiden pensionierten Freiweilligen, die eine Wegbefestigung auf den nächsten Gipfel bauen, den Tipp nicht ins Gewitter zu kommen. Das sei blöd, wo sie doch Eisenstangen im Rucksack haben. Die beiden grinsen und wünschen uns für die „höchsten zweieinhalb Stunden nach Damüls” alles Gute. Es waren dann vier.)
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Das alles erinnert mich an meine Abendgesellschaft beim vergangenen Freschenhaus-Besuch: Drei Männer an einem Tisch, drei Themen in einem Gespräch. Sie redeten in einer polyphonen Symphonie so herrlich aneinander vorbei, dass sich eine fesselnde Harmonie ergab, etwa so: Ein Alter erzählte vom Zweiten Weltkrieg und den Flugzeugen. Ein Älterer sagte alles dreimal. (Die Karten müssen ganz neu sein, ganz neu müssen die Karten sein, diese Karten, ganz neu) Und der Deutsche, der vehement und über Stunden hinweg den beiden Eingeborenen klarmachen will, dass es vom Portlajoch bis zur Gävishöhe mehr als eine Stunde ist, das sei falsch angeschrieben. Er sei nämlich an Alpenpflanzen interessiert.
Alpenflora! Man kommt immer wieder auf die schönen Dinge im Leben zu sprechen, wenn man sich so durch Vorarlberg bewegt. Gut so, ich danke euch allen.
Tag 4 (4.7.2009): Schröcken – Auenfeld Sattel – Lech. Sonnig, manchmal wolkig, zwei Regenschauer, nächtliches Gewitter. Ur gemütlich: Fünf Stunden unterwegs, davon dreieinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Schau nach links und rechts, vor allem aber sprich mit den Menschen! Keine Blase, vierzehn Zigaretten geraucht. Hund Niko Poldi, ich vermisse dich!
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