Soll ich Ihnen was sagen: Bislang haben mich 32 Menschen beim Wandern begleiten. Und zwei Hunde. Das ist schier unfassbar. Weil mir auf diese Art 32 Menschen gezeigt haben, dass sie auch gerne Wandern. Dass sie meine Leidenschaft teilen. Dass meine Begeisterung sie begeistert. Und genau das ist es: Freude an derselben Sache. Menschen um sich zu haben, die über die gleichen Witze lachen. Bei denselben Filmen weinen. Den Sonnenuntergang genau so berührend finden. Den Weg genau so beschwerlich, den Ausblick ebenso schön. Menschen, die kommentieren wie Michi H.: „…am Schneeberg dann. Beim Kaiserstein. An der letzten großen Klippe vor Wien.
Ganz an der Kante draußen. Schneebergdörfl und Puchberg unten ganz klein. Das Wiener Becken verschwommen im morgendlichen Dunst. Der letzte, weite(!) Blick zurück auf’s VerGangene…“
Ich stand genau da. Schaute zurück, sah bis zum Hochschwab. Schaute vor, sah da ganz vorne Wien. Als ich auf dieser Klippe stand, am viertletzten Wandertag, wurde mir anders. In mir rührte sich Entschlossenheit, dabei wollte ich Rührung. Ich erwartete eine Träne. Ich stand wie versteinert da, die Augen weit offen. Aber Tränen lassen sich nicht zwingen. Dass wir uns richtig verstehen: Alles war stimmig, ich freute mich auf die vor mir liegenden Mamauwiese, Dürre Leitn, Öhler und Plattenstein. Alles gut 1000 Höhenmeter
tiefer als mein Standort. Es ging mir gut, aber die Rührung mir fehlte wie der Suppe das Salz. Hallo! Träne!!! Sie ließ sich nicht zwingen.
Ich atmete durch und machte mich an den letzten langen Abstieg. Machte mich daran, wieder einmal einen Tag lang alleine zu gehen, mit niemandem zu reden. Mich hinzusetzen, wo mich der Hintern auf den Boden zieht. Und vor allem: Mich nur auf mich zu konzentrieren. Es gelang mir nicht gleich, mir schoss ein Email von Mitwanderin Steffi ein: „…das Glücks- und Hochgefühl, wenn man sein Ziel erreicht hat, ist unbezahlbar – was red ich, Du kennst es ja und Du wirst es bald in tausendfacher Ausführung erleben. Als Ingrid und ich im Auto Richtung Wien saßen, stellte sich bei uns sowas wie, hmm, Wehmut ein. Und es war ganz seltsam plötzlich wieder in die Stadt zu kommen. Wir wären eigentlich lieber in
den Bergen geblieben. Danke, schön war’s.(Auch wenn dieser Satz schon oft verwendet wurde, er trifft es doch.)“
Plötzlich war mir klar, warum ich wieder einmal allein sein sollte. Wollte. Um dieses Gefühl wieder zu erleben, pur und unverdünnt. Meinen Blick aufs Glück wieder zu schärfen. Da lag es doch: Wien, das Ziel, das Ende einer langen Reise. Nur auf mich und mein Gefühl zu fokussieren, nicht auf das, was Mitwanderer sehen. Nicht die Ausblicke bewundern, die sie bewundern. Selber schauen. Ich roch also an Blumen. Blieb stehen, wo es mir gefiel. Und dann tatusch: Am Öhlerschutzhaus aß ich ein Würstel. розовые герберы Und nach zwanzig Minuten fiel mir auf, was sich da als Topfpflanze vor mir räkelt und was ich die ganze Zeit nicht gesehen hatte: Edelweiß. Edelweiß, das ich mir auf meiner Wanderung so lange wünschte und nie gesehen hatte. Ich schmunzelte über die List des Schicksals.
Eine Stunde später erreichte ich die geschlossene Gauermann Hütte. Die direkt neben dem felsigen Plattenstein-Gipfel liegt. Da war kein Mensch, weit und breit nicht. Ich setzte mich zum Gipfelkreuz, blickte Richtung näher gerücktem Wien. Schaute ins Tal, das tief unten an der Felswand lag. Spürte die Sonne auf meiner Haut brennen. Inhalierte die wolkenlose Luft und die Stille. Ich wusste genau, dass ich mich wieder einmal in einem der Momente befinde, die man niemandem vermitteln kann. Nicht mit Bildern, nicht am Telefon, schon gar nicht mit Worten. „Macht gar nichts“, sagte ich leise. Und wischte mir die Träne von der Wange.
Tag 56 (25.8.2009): Fischerhütte – Fadensteig – Dürre Leitn – Mamauwiese – Öhlerschutzhaus – Plattenstein – Ungerberg – Frohnberg – Waidmannsfeld. Sonne und trockene Hitze. Da der Weg nach dem Fadensteig aber großteils durch den Wald ging, ein herrliches Wanderwetter und schöne Lichtspiele. Sieben Stunden unterwegs, davon knapp sechs auf den Beinen.
Tipp des Tages: Einerseits der Kaiserstein oberhalb der Fischerhütte. Andererseits der Plattenstein neben der Gauermann Hütte. Orte, um zu sich zu finden.
Keine Blase, da kommt auch keine mehr. Sieben Zigaretten geraucht, kein Alkohol (Wie auch, so alleine in Waidmannsfeld, wo es keine Lokale gibt, die offen hätten. Ich habe mir also eine Pizza aus Pernitz liefern lassen. Die erste Pizza seit langem. Mit Schinken, Salami, Pfefferoni, nah Sie wissen eh, so auf Rusticana-Style. Hieß aber Pizza Roberto. Egal.) Und, lieber vermisster Hund Niko Poldi: Du hättest auch eine Pizza bekommen. Con Carne per Cane.
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