Probleme? Herausforderungen! Tag vierundfünfzig.

Wanderung54_NebelDas Leben schießt Sprüche wie Blitze durch den Alltag und immer wenn sie einen streifen, greift man sich an den Kopf. „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung.“ Oder: „Alles hat auch etwas Gutes.“ Mein absoluter Favorit: „Wer will, sucht einen Weg. Wer nicht will, sucht einen Grund.“ Wow, dieser Superstar unter den Weisheiten, ist so wahr, dass er weh tut.

Ich merke, dass ich seit Wochen keine Gründe mehr suche. Anfangs war das schon so, manchmal hoffte ich nach dem Aufstehen auf einen Regentropfen. Ich wollte einen Grund haben, mehr Pausen zu machen. Oder gar mit dem Bus fahren zu müssen. Ich wollte, dass mich das Schicksal mit seinem großen Hammer niederstreckt und ich gar nicht anders kann als eben… Das Schicksal ist in dem Punkt ein feiner Gefährte, es deckt dich mit seinem Mantel wohlig ein Wanderung54_HamEggsund schützt gegen alle hämischen Stimmen, auch gegen die innere eigene. Aber seit irgendwo suche ich nicht mehr nach Gründen, die mir das Schicksal liefert. Ich suche nach Wegen: Wie kann ich diesen Tag doch gehen, wenn es regnet? Wie kann ich den Weg ändern, wenn ich festsitze (festsitzen ist übrigens gleich: Blog schreiben)? Wenn sich ein motorisierter Abkürzer anbietet, sage ich lieber nein. Ich will jeden Weg probieren.

Ich erkläre mir das mit dieser Yin & Yang-Geschichte. Ich finde mittlerweile zu jedem Grund einen Weg. Und auch wenn auf den ersten Blick die Lösung nicht immer zum Problem passt, hat es mir am heutigen Tag immer geholfen:

  • Früh morgens schauten Mitwanderinnen Ingrid, Steffi und ich vor die Türe des Schneealpen Hauses, um das Wetter zu kontrollieren. Es Wanderung54_LurgbauerHütteschlug uns bösartiger, die Sinne wirrender Nebel ins Gesicht, meine Reaktion: Zum Frühstück Ham & Eggs statt schnödem Schwarzbrot.
  • Die erste Gehstunde glich einem Sehtest, das Wetter machte die Schneealpe zur Markierungswüste. Aber nach einer Stunde tauchte die Lurgbauerhütte aus dem weißen Nichts auf. Man muss die Feste feiern, wie sie aus dem Nebel fallen, sagten wir zueinander und rasteten bei einem netten Wanderung54_SteffiFruchtGespräch mit dem unfassbar sympathischen Alm-Paar bei noch unfassbarer leckeren Almkäse.
  • Der Nebel reagierte gehässig und wurde nasser. Die Feuchtigkeit kroch wie Ungeziefer Richtung Knochen. Einzig wahre Reaktion: Die rote Rüstung, volle Montur gegen das Wetter.
  • Da und dort tauchten aus der weißen Luft Schreckgespenster auf, an mehreren Stellen Geisterkühe. Nein, im Ernst: Der Nebel wird lichter, da ist eine Kuh mitten auf dem Weg, der Nebel wird dicht, sie ist weg, er ist wieder lichter, die Kuh ist nicht mehr da. Gruselig. Белгород-Днестровский Meine Mitwanderinnen reagierten richtig: Sie schauten stur auf den nassen Weg und fanden Walderdbeeren.
  • Wanderung54_GamsecksteigDas Schicksal legt dir Bäume in den Weg? Reiße sie aus, lege sie um, posiere für das Foto. Motto: Zähne zeigen!!!
  • Die größte Herausforderung des Tages war der Gamsecksteig. Heißt: Zahmes Gamseck, ich möchte das Wilde gar nicht kennenlernen. Aber: Wären vor Wochen Drahtseil-Versicherungen, leichte Klettereien und Eisenleitern noch gute, sehr gute Gründe gewesen, sind es heute Wege. Die mir als Herausforderung gerade recht kommen, die ich bewältigen will, um danach oben zu stehen und zurückzuschauen. Oh ja!
  • Ist man einmal auf dem Raxplateau, gehen dem mächtigen Weg die Herausforderungen aus: Wind pfeift dir auf der Heukuppe um die Ohren. Lächerlich! Gämsen nähern sich dir und pfauchen wild, wenn du entgegengehst. Pah! Distanzen werden für Langzeitwanderer zeitlich viel zu großzügig bewertet. Kann mir gar nichts! Trotzdem kam uns das Otto Haus sehr gelegen, als es beim Jakobskogel plötzlich ums Eck bog. Apropos: Der Tourismusverband Wanderung54_Baumtöterhatte mich gebeten, am Abend ein bisschen von den Erlebnissen meiner Wanderung zu erzählen, im Rahmen eines Angebots der Hütte: Schmankerlteller, Nächtigung und Axels Erlebnisse um wohlfeile 17 Euro. Oh ja, ich fühlte mich wie ein in die Jahre gekommener Schlagerstar, als ich davon hörte. Aber soll ich was sagen: Es war ein netter, sehr netter Abend. Warum? Weil die Zuhörer (ja, das hat wirklich jemand gebucht!) begeistert waren von meiner Sache. Und weil dich das dann rückbegeistert. Von Problemen sagte ich übrigens kein Wort. Weil mir bewusst wurde, dass ich da bin, am Otto Haus. Und immer einen Weg gefunden hatte. Bis hier. Und weiter.

Tag 54 (23.8.2009): Schneealpen Haus – Lurgbauerhütte – Karl Alm – Naßkamm – Gamsecker Hütte – Zahmes Gamseck – Heukuppe – Carl Ludwig Haus – Otto Haus. Dichter, nasser Nebel mit winzigen Hoffnungsfenstern. Dazu Wanderung54_RoteRüstungkriechende, hinterlistige Kälte. Es war subjektiv der kälteste Tag bisher, aber Regen-frei. Achteinhalb Stunden unterwegs, davon sechseinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Wer auf der Schneealpe nächtigt, muss, ich meine: MUSSSSSSSSSSSS, in der Lurgbauerhütte nächtigen. Das sind so nette Menschen, die machen so leckeren Käse, wie gesagt: muss!

Keine Blase. Neun Zigaretten geraucht, abends zwei weiße Spritzer (es kamen meine Traubezeugte Anna und ihr Gatte Martin auf das Otto-Haus, um am nächsten Tag ein Stück mitzugehen. Sie brachten auch zwei Überraschungsgäste mit: Sabine und Edi. Dazu noch die Zuhörer des Hüttenabends.) Lieber Hund Niko Poldi, du fehlst mir schon, muss ich sagen. Und das Zahme Gamseck hätte dir gefallen, da wäre nix passiert. Komm bald wieder!

Wanderung54_Hüttenabend



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 Axel Halbhuber am 25.08.2009  |   2 Kommentare

Ever ending story. Tag dreiundfünfzig.

Wanderung53_BaumAmWegAxéju war traurig, dass sein treuer Gefährte Nikartax nun nicht mehr an seiner Seite war. Überall hatte er ihn begleitet, durch die nassglitzernden Almen Tirols und die grellsengende Hitze des Toten Gebirges. Über scharfe Kanten des Meeres aus Stein, rutschige Wurzelstöcke und die erschöpfenden Pässe des Gesäuses. Aber der tapfere Junge Axéju wusste genau, dass Nikartax die folgenden Tage nicht mit ihm gehen konnte, waren es doch die schwierigsten Prüfungen auf seiner langen Reise. Die Schneealpe mit ihren hohen Metern und tiefen Gräben. Das Geröll und die Drahtseile im gefürchteten Gamseck, dem Aufstieg auf die sagenumwobene Rax. Der steile Weg hinunter ins trefflich benannte Höllental. Und dann die bislang schwerste Aufgabe: Die senkrechten Eisenleitern durch die finstere Weichtalklamm. Das konnte Axéju seinem schwarzen Freund nicht zumuten.

Denn der mächtige Weg warf Axéju noch einmal seine gefürchteten Schergen vor die Füße. So leicht sollte er sein Ziel nicht erreichen. Der erste Endgegner stemmte sich erhaben vor Axéju, als er Neuberg im Tale verlassen hatte. Er hatte von diesem Farfelsteig in alten Büchern gelesen, gehört hatte er davon Wanderung53_DuschenRegennichts, denn niemand wagte den Namen diesen Steiges auszusprechen. Der mächtige Weg war sicher, dass Axeju schon am Fuße des Farfel umkehren würde. Aber der Junge ging raschen Schrittes in den dunklen Wald. Überquerte die Baumstämme, die der Weg für ihn ausgebreitet hatte, schob sich weiter hinauf auf die weiße Schneealpe. Der strömende Regen prasselte auf ihn nieder. Axéju trotzte. Der Nebel nahm ihm Sicht und Gefühl. Er trotzte. Die Kälte kroch in seine Kleider und nagte an den Knochen.

Es kam ihm keine Sekunde in den Sinn, jetzt aufzugeben. Hier, bei seinem drittletzte Aufstieg. Und das machte den Weg noch wütender. Er zog den Farfelsteig in die Höhe, ließ ihn die Zähne fletschen. Axéju war schweißnass. Aber er ging weiter und erreichte das Schneealpen Haus. Der mächtige Weg spielte weiter seine Asse aus: Keine Dusche, Axéju zog sich aus und duschte im Regen. Der Weg zürnte furchtbar und griff zu seinem gemeinsten Trick: Er sandte Axéju eine Niko Morgana. Axéju spürte die Sehnsucht nach seinem Gefährten, das Verlangen nach dessem treuen Blick. Aber er wusste, dass vor ihm nicht der wahre Nikartax winselte. Also ignorierte er den hinterlistigen Hund.

Wanderung53_NikoMorganaDer Zorn des Weges wuchs. Er riss sein Maul auf und alle Lebewesen verschwanden in dem Dunkel. Keiner glaubte nun mehr an Axéju, die Felsen verkrochen sich in der schwarzen und nebelnassen Nacht, die aus des Weges Maul strömte. Axeju trotzte. Als der Weg dann aber zu seiner gefürchtetsten Waffe griff, brach in Axéju der Glaube: Der Weg sog fest an und nahm jeden Internet-Empfang aus Raum und Zeit. Da wurde Axéju müde. Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und rief die Königin Mercury an, denn nur ihr Gesang konnte ihm nun helfen. Axéju nahm die Kampferklärung des Weges an, indem er summte: „Don’t stop me now!
I’m burning through the skies Yeah!
Two hundred degrees
That’s why they call me Mister Fahrenheit
I’m trav’ling at the speed of light…

… There’ no stopping me.“

Tag 53 (22.8.2009): Neuberg an der Mürz – Farfelsteig – Schneealpen Haus. Wanderung53_AmComputerGanztags wechselten sich nasser Nebel und starker Regen ab. Zwei Stunden zwanzig unterwegs, davon zwei zehn auf den Beinen. Tipp des Tages: 1000 Höhenmeter am Stück sind kein einfacher Gegner. Aber ein zu schneller Angriff kann leicht zu Stillstand führen.

Keine Blase. Fünf Zigaretten geraucht, abends zwei weiße Spritzer und zwei Schnäpse, mit Mitwanderinnen Steffi und Ingrid. Hund Niko Poldi, ich vermisse dich. Aber der heutige Aufstieg wäre dir nicht geheuer gewesen. Eher Ungeheuer.

Wanderung53_BöseNacht



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 Axel Halbhuber am 25.08.2009  |   6 Kommentare

Schau‘ ma mal. Ruhetag neun.

Ich will ehrlich sein: Neuberg an der Mürz begegnete mir bayrisch. Es hing ein notorisches Schau‘ ma mal, dann seh‘ ma schon in der Luft, die besonders von jenen Neubergern inhaliert werden dürfte, denen ich begegnet bin. Aber an einem Ruhetag ist dir sowas ganz wurscht, mein Zimmer und der Schanigarten des Gasthofes waren pipifein. Also lümmelte ich mit der Sonne um die Wette und machte mich daran, die Fotos der vergangenen Woche (ver-gangen, verstehen Sie…) in eine kleine Revue zu formieren, die ich für die geschätzten Leserinnen und Leser nun passieren lassen kann. Viel Spaß damit.

 

Tag 52, zugleich neunter Ruhetag (21.8.2009): Neuberg, Landgasthaus Anni Holzer. Sonne, was meiner Wäsche beim Trocknen gefiel, sie tanzte an der Wäschespinne. Mir gefiel die Sonne im feinen Gastgarten bei der Arbeit, allerdings tanzte ich nicht. Tipp des Tages: Liegt man in der Badewanne, darf man beim Kampf gegen eine Wespe nie die eingeschränkte Fluchtmöglichkeit übersehen. Sie hat mich gestochen, grummel.

Keine Blase. Elf Zigaretten geraucht, kein Alkohol (wie gesagt: ich bin schon wieder etwas marod, ich glaube das ist die Überanstrengung beim Alleine-Geh-Tempo) Hund Niko Poldi verweigert Schweinsohren. Ein altes Sprichwort sagt: „Wenn dein Hund Schweinsohren verweigert, ist er ehrlich müde.“ Aber ich mache ihm keinen Stress und mir keine Sorgen, denn was der schwarze Wau nicht weiß: Morgen wird er von Frauchen Sandra geholt, denn die kommenden Rax- und Schneeberg-Steige will ich ihm nicht zumuten. скачать скайп для андроид Er fährt derweilen auf Sommerfrische nach Alpbach und stößt Mittwoch wieder zu mir. Das wird ihm gefallen, dem Schweinsohr.



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 Axel Halbhuber am 24.08.2009  |   2 Kommentare

Recht auf Glück. Tag einundfünfzig.

Wanderung51_GrafMeranHausSchon ein paar Meter nach dem Graf Meran Haus wusste ich, dass ich den kommenden Ruhetag in Neuberg brauche. Nach ein paar Metern mehr wusste ich, wie dringend. Aber eigentlich wusste ich es ja schon gestern Abend, als mir die Frage nach einer Dusche auf dem Graf Meran Haus mit dem Satz beantwortet wurde: „Wengan Umbau hamma derzeit net amoi Wausser.“ Das war der dritte Abend en suite ohne gescheite Waschmöglichkeit, dazwischen waren Tage voll schweißtreibender Aufstiege, inklusive zweier Gipfel. Es klebte.

Auf dem Weg nach Neuberg potenzierte sich die Lust auf Dusche und Ruhe dann minütlich. Weil diese Etappe ganz grauenhaft mühsam ist. Weil es auf und ab Wanderung51_Morgennebelgeht. Weil das Ende nicht in Sicht, sondern immer in der Weite ist. Weil ich auch keine Nahrung mehr mit hatte und mich der erotische Traum der Vornacht penetrant plagte. Wenigstens diese Sorge wurde ich hinter einer Tanne los. Während diese Lust sank, wuchs jene auf eine Dusche. Doch Neuberg war noch immer weit.

Wenigstens hatte ich nach Tagen wieder durchgängigen Handyempfang. Telefonieren lenkt ab, das kennen wir ja vom Autofahren. Also penetrierte ich meinerseits Freunde mit inhaltsleeren Plaudereien. Und eine gute Freundin war bereit, sie eröffnete mir ihre Sorgen, von Jobmöglichkeiten, die ihr die Wahl schwer machen. Von ihren Lebensumständen, die sie gerne anders mag. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Sie hat einen guten Job und könnte einen anderen tollen haben. Sie lebt glücklich und sucht daher das Glücklichere. Ich warf etwas Wanderung51_Morgennebel2ein, das wie „Diese Sorgen möchten andere haben“ klang. Sie replizierte gekonnt: „Jeder hat die Sorgen, die er hat.“

Ja, solche Gespräche kennen wir. Aber diesmal stemmte ich mich gegen dieses hingenommene Schicksal, gegen das neuartige Luxussorgen-Wälzen und dagegen, dass wir diese Unzufriedenheit immer mit dem Recht auf die eigenen Probleme rechtfertigen. Diesmal widersprach ich, wahrscheinlich weil ich nach sieben Wochen Reduziertheit diesen Umstand anders sehe, ganz anders. „Wenn wir aber unsere Sorgen nie relativeren, nie versuchen, einen objektiven Blick darauf zu werfen, wie es uns geht. Wenn wir immer auf unser Recht pochen, uns Sorgen machen zu dürfen, bringen wir uns um ein anderes Recht: Das höchste, wichtigste und beste Recht auf eigenes Glücksgefühl. Glücklich kann nur sein, wer einmal Stopp zu immer neuen Sorgen sagt.“ Die gute Freundin lauschte, also schoss ich ein Beispiel nach: „Hüttenwirt Georg sitzt derzeit in seinem Graf Meran Haus mit einem gerissenen Knöchel-Band in einer einzigen Baustelle und erduldet einen richtig miesen Sommer mit schwachem Geschäft. Das berichtete er mir in jedem zehnten Satz. Die neun dazwischen waren immer voll Freude, mit einem Strahlen im Gesicht zeigte er da Fotos, die er macht, wenn Zeit, weil wenig los ist. Er erzählt von seiner leidenschaftlichen Motivation, dass ihm Gäste noch immer Neues auf seinem Berg zeigen können. Neun Sätze lang ist er glücklich. Und nur der zehnte ist eine Sorge.“ Meine gute Freundin gab mir schweigend Recht.

Wanderung51_PWegweiserIch kam, gut in der Zeit aber am falschen Ortsende, nach Neuberg. „Jetzt muss ich noch da durchlatschen“, dachte ich, rief mich aber gleich zur Ordnung. Und siehe da: Auf dem 15minütigen Weg zum sympathischen Landgasthaus Holzer wurde ich alle meine Sorgen los: Ich kaufte die nächste Wanderkarte, Lebensmittel, Hundefutter und Batterien. Es lag alles auf dem Weg und als Draufgabe stellte sich sorgenloses Glücksgefühl ein. магазин насосов Und jetzt werde ich in meiner Regenhose und mit nacktem Oberkörper die Wäsche holen, die auf der Wäschespinne hängt. Dazu muss ich am idyllischen Gastgarten vorbei. Die Gäste werden schauen. Was mir Glückspilz gar nichts macht.

Tag 51 (20.8.2009): Graf Meran Haus – Veitschalmhütte – Veitschbach Törl – Hallegg – Neuberg an der Mürz. Gespenstischer Morgennebel, dann zunehmend klares Wetter, schlussendlich viel Sonne, was die Wäsche beim Trocknen freute. Sechseinhalb Stunden unterwegs, davon fünf auf den Beinen in den Bergen, eine halbe im Ort. Tipp des Tages: Geht man meinen Weg, muss man in Eisenerz Geld und Lebensmittel aufladen wie ein Esel. Denn bis Neuberg Wanderung51_Neuberggibt es weder Bankomat, noch Supermarkt. Im übrigens auch keine Duschen auf den Hütten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Eine Mini-Blase (Ferse rechts). Elf Zigaretten geraucht, kein Alkohol (ich fühle mich ein bisserl krank) Hund Niko Poldi scheint sich ein bisschen an das Tempo der letzten Gemeinschafts-Wanderwochen gewöhnt zu haben und mag mein jetziges Solo-Marschtempo offenbar nicht. Er ist diszipliniert und trottet nach, aber: Es ist gut, wenn wieder Mitwanderer kommen und mich einbremsen.



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 Axel Halbhuber am 22.08.2009  |   2 Kommentare

Weil der Mensch zählt. Tag fünfzig.

Wanderung50_HelgaNikoAxelWas ich am meisten vermissen werde? Immer neue Menschen zu treffen, mit immer neuen Geschichten. Sie auf dem Berg zu erleben, in dieser Einheitssituation, wo du nichts verstecken kannst. Nicht vor dir und nicht vor den Anderen. Mit jedem Meter, den ich Wien näher komme, wächst meine Erkenntnis, dass es die erlebten Menschen sind, die meine Wanderung so einzigartig und daher schön machen. Mir ist das wahrscheinlich auch heute umso bewusster, weil mich zu Mittag Mitwanderer Helga und Ferdl verlassen haben. Und wenn man wieder einmal alleine geht, sieht man die Umwelt durch eine andere Brille. (beachte: Text-Bild-Einklang, grins)

Wanderung50_PfaffingalmAuf der Pfaffingalm, am Weg zum Hochschwab, haben wir zum Beispiel niemanden getroffen, die Menschen waren zum Einkaufen ins Tal abgestiegen. Aber einen Zettel haben sie hinterlassen: Durstige Wanderer mögen sich selbst bedienen. Soviel Mensch begegnet mir daheim oft nicht einmal in der knallvollen U-Bahn.

Eine Stunde später kamen meine Mitwanderer und ich nicht aus dem Staunen, als der Kärntner Walter uns erzählte, diesen meinen Weg gerade von Ost nach Wanderung50_AndrothalmWest zu gehen. Um abzunehmen. 25 Kilo wolle er loswerden, weshalb er nichts esse. Seit neun Tagen nichts außer Suppen. Auf unsere schnöden Zweifel reagierte er mit wirrem Lächeln. Er schien uns eigen. Ihm war das egal. Er bestellte sich eine „ordentliche Brettljause.“

Auf dem Sonnschien Haus trafen wir dann zwei Paare, eines aus Graz, das andere aus Wien. Die wohnen bei mir ums Eck. Wir sprachen also über das Leben im Allgemeinen und Strebersdorfer Grätzlpolitik im Speziellen. Am nächsten Tag ergab sich aus uns allen eine Quasi-Wandergemeinschaft hin zum Hochschwab. Nein, nicht Cluburlaub, sondern ungezwungen.

Wanderung50_BlindEin menschliches Highlight war der Voisthaler Hüttenwirt Hans. Den hatten mir alle Nachbar-Hütten-Bosse und Insider als so Hunde-unlieb geschildert, dass er „sogar Zwinger vor der Hütte aufgestellt hat. Dem Hans (sprich: Hauns) kommt ka Hund in die Hüttn.“ Wie soll ich sagen: Hans, der vermeintliche Hundefresser vom Hochschwab, und ich haben das ausgeredet. Und Hunde wie Niko Poldi lässt Hans sogar im Zimmer auf dem Boden schlafen. Aber er kennt Geschichten, der Hans: von Hunden, die vom Tisch essen und Besitzern, die das verteidigen. Von trächtigen Dalmatiner-Hündinnen, die ihre Jungen auf dem Hochschwab werfen und Besitzern, die sie eben dorthin schleppen. Ich finde, Hans ist ein Michel. Ein ganz gerader.

Am Morgen machte sich übrigens ein blinder Mann am Arm seiner sympathischen Frau auf zum Hochschwab. Schlicht beeindruckend. Wir haben Wanderung50_HelgaFerdlhingegen den Weg ins Tal in Angriff genommen. Wir, das waren im konkreten Fall Helga, Ferdl, Niko Poldi, ich und die zwei Hollabrunner, die wir kennen gelernt hatten. Der eine heißt Franz und ist der Onkel des Exfreundes meiner Katrin. Solche Zufälle lassen mich natürlich längst kalt, aber auf der Voisthaler Hütte wusste ich ja auch noch nicht, dass ich zwei Tage später in Neuberg Wiener treffen werde, die bei meiner Mama ums Eck wohnen. Die eine heißt Elisabeth und war meine Kindergartentante.

Zu Mittag trennte ich mich schweren Herzens von den so lieb gewordenen Mitwanderern Helga und Ferdl. Es ist mir nämlich höchst zuwider, solch freundliche, jugendliche und wertvolle Menschen ziehen zu lassen, wenn ich sie einmal gefunden habe. Helga schickte post Trennung folgendes Mail:

„Hallo Axel!

Der Steffel ist nicht mehr fern. Nachdem Du auf den beiden letzten Etappen Wanderung50_Benedikteinen fachkundigen Wanderbegleiter hast, der Dich vorantreibt, wobei nur kurz links und rechts geschaut wird, die Bilder im Gehen geschossen werden, wirst Du bald am Ziel sein. Spaß beiseite, es ist völlig wurscht, ob Du fünf Stunden früher oder später ankommst, Hauptsache, Du hast Freude, so wie wir, die wir von Admont bis zum Seeberg mitgewandert sind.

Ferdinand und ich haben zwar das Durchschnittsalter Deiner Mitwanderer erheblich in die Höhe geschraubt, man sieht aber, auch im „Alter“ kann man fit sein. Uns hat‘s richtig gefreut!!! Wenn ich mich zurückerinnere an meinen Weitwanderweg 01, den ich im Jahr 2004 beendet habe, muss ich sagen, der bewegendste Moment war, als wir am Freschen gestanden sind und in der Ferne unser Ziel, den Bodensee, gesehen haben. Uns sind vor Freude die Tränen gekommen. Ich glaube, Dir wird es nicht anders ergehen, wenn Du die Ortstafel WIEN erblickst.

Ich wünsche Dir für die restlichen Tage nur Sonnenschein, denn Regen hast Du schon genug genossen.

Gib Niko eine Sonderstreicheleinheit von mir, er hat sichs verdient!!!

Liebe Grüße, Helga“

Am Ende des Tages wurde ich herzlich von den Wirtsmenschen des Graf Meran Hauses aufgenommen. Die machen durch ihre Art wett, dass es wegen des Umbaus da oben derzeit kaum Wasser und Strom gibt. Und der zwölfjährige Benedikt begleitete mich zum Gipfel der Hohen Veitsch. Er schnappte sich das Gipfelbuch und schrieb: „Hier ist Friede und Liebe sicher“. Das sei von ihm. Und als ob es ihm seine kindliche Weisheit befahl, ließ er mich damit alleine. In der Stunde bis zum Sonnenuntergang ging mir dann einiges durch den Kopf. Was genau? Wertvolle Leserin und Leser, das geht nun wirklich niemanden etwas an. Denn solche Momente gehören einem ganz alleine.Wanderung50_Sonnenuntergang

 

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Tag 50 (19.8.2009): Voisthaler Hütte – Reitsteig – Florlhütte – Seewiesen – mit dem Auto zum Bankomat nach Turnau und zurück zur Seeberg Alm – Göriacher Alm – Turnauer Alm – Rotsohl Alm – Teufelssteig – Graf Meran Haus. Nebel, Sonnendurchbruch , Sonne pur. Und rechtzeitig zum schönen Sonnenuntergang auf der Hohen Veitsch (ganz genau: seit gestern ist der Axel ein Gipfelfreak!) zogen hübsche Wolken auf, um sich bescheinen zu lassen. Zehn Stunden unterwegs, davon sechseinhalb auf den Beinen, zwei beim Schreiben (nach Tagen der Internet-Abstinenz wieder einmal Empfang in Seewiesen, huhuuuu!) und eineinhalb bei der Rast. Tipp des Tages: Man lasse alle Tage so wie auf dem Veitschgipfel im Sonnenuntergang ausklingen… Zumindest vom Gefühl her.

Keine Blase. Vier Zigaretten geraucht (sie gingen mir schlicht aus, was mir gut tut. Meine Lunge rebelliert seit Längerem gegen das Getschicke), zwei weiße Spritzer (man sagt dazu „weiße Mischungen“). Hund Niko Poldi machte heute auf Ghandi und versuchte erstmals den gewaltlosen Widerstand. Am der Teufelssteig, wo die Hitze mit der Steilheit um die Herrschaft buhlten, legte er sich hin und reagierte auf mein „Komm weiter“ mit einem klaren „Alter, dein Tempo reicht echt, jetzt ist Pause“-Blick. Ich sah die Sinnlosigkeit der Strenge ein und setzte mich dazu. Ein Charakterhund eben.



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 Axel Halbhuber am 22.08.2009  |   2 Kommentare

Tränen lügen nie. Tag neunundvierzig.

Das muss unter uns bleiben: Ich habe heute am Hochwab-Gipfel vor Freude geweint. Natürlich so, dass es keiner mitbekommt und ich damit mein Coole Sau-Image gefährde. Aber der Blick auf die Rax hat mich überwältigt. Denn es ist doch so: Von mir aus gesehen liegt hinter der Rax mein Wien. (Machen Sie jetzt nicht alles mit dem berechtigten Einspruch kaputt, dass dazwischen noch der Schneeberg zu überschreiten ist) Und nun rede ich seit über sieben Wochen von dieser Rax wie man eben von einem letzten großen Etappenziel spricht. Für mich ist dieses Hochplateau mittlerweile wie für Kinder das Schlafengehen am 23. Dezember. Die Rax und den Schneeberg noch, dann bin ich daheim. Und heute habe ich nicht von ihr gesprochen, ich habe die Rax gesehen. Augen nass.

 

Aber diese Tränen kamen nicht überraschend. Das Wasser hat sich irgendwie mit jedem Höhenmeter gesammelt. (Ich muss an dieser Stelle einfach den Satz loswerden, der mir den ganzen Tag durch mein Hirn ging: Wenn ich so auf den Hochwab hochtrab, werden die Augen immer nasser, wengan Wasser). Es begann schon in der Früh: Der himmlische Bühnenbeleuchter hat sein sanftestes Nebelblau herausgeholt. Ein Nebel, der dich blendet und die Kulisse in einen Schimmer taucht, den kein Künstler hinbekommt, sondern eben nur die Natur. Apropos Kulisse: Das Hochschwab-Gelände habe ich vorher nicht gekannt. Und nicht damit gerechnet, dass es da oben so schön ist. Eine Schönheit, die leicht zu begehen ist, keine ausgesetzten Steige, keine unfassbaren Anstiege, sondern immer die Gelegenheit, den Blick kurz vom Weg abschweifen zu lassen.

Die entgegenkommenden Wanderer berichteten von einer Steinbock-Herde, die am Weg liegt. Sie lag da. Sie sagten, dass am Gipfel nur Nebel ist und keine Sicht. Bei mir war der Nebel weg. Sie sprachen vom Schiestl Haus unterhalb des Gipfels und dass dieser moderne Kobel Geschmacksache sei. Mir hat er dann gefallen. Sie erzählten vom Kreuz, vom Biwak am Weg. Meine Lust nach diesem Berg schoss mir in die Beine, ich wurde schneller, ohne dass ich es wollte. Ich ließ Mitwanderer Helga und Ferdl ihre Pause machen und zog mit Niko Poldi weiter. Als ich das Gipfelkreuz sah, erhöhte ich das Tempo nochmal. Es war viel zu schnell, ging sich aber für die verbleibenden zehn Minuten (statt angeschriebener 20) aus. Dann war ich oben. Überwältigt vom Blick. Eingeschüchtert von der Atemlosigkeit. Beeindruckt von dem Moment des Gipfelsieges, den ich auf meiner Wanderung so selten gesucht habe. Aber hier, am leichten Hochschwab schoss mir genug Sentiment für sieben Wochen ein.

Dann erreichten auch Helga und Ferdl den Gipfel. Und als sie mir das obligate „Berg Heil“ wünschten, spürte ich meine Dämme brechen. Ich drehte mich von Ihnen weg, aber auf der anderen Seite lachte mir wieder die Rax zu. Da musste ich weinen. Aber das muss unter uns bleiben.

Tag 49 (18.8.2009): Sonnschien Hütte – Häuselalm – Baumstall – Hirschgrube – Hundsböden – Rauchtal Sattel – Fleischer Biwak – Hochschwab Gipfel – Schiestl Haus – Graf Meran Steig – Voisthaler Hütte. In der Früh hatte es heute ein ganz eigenes Licht, schwer zu beschreiben: feuchte Luft, die himmelseitig quasi von hinten beleuchtet wird, wodurch der gesamte Nebel blendete. поют сестры колесниченко Alles in allem ein bisschen J.R.R. Tolkien. Die Stimmung passte jedenfalls zum Gelände, in das ich mich ein bisschen verliebt habe. Später setzte sich zunehmend die Sonne durch, aber nie restlos. Achteinhalb Stunden unterwegs, davon sechseinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Geh auf den Gipfel! Das Gefühl ist unfassbar.

Keine Blase. Fünf Zigaretten geraucht, zwei Achterl Rot, ein Schnaps mit den beiden Hollabrunnern, dazu morgen mehr. Und: Ein hervorragendes Gams-Gulasch auf der Voisthaler bekommen. Nur Niko Poldi speiste noch feudaler: Auf meine Frage nach einem Restl-Futter für den Hund servierte ihm Hüttenwirt Hans Steinbock-Restln mit Nudeln. Dass Hans also nicht der von allen angekündigte Hunde-Hasser sein kann, bespreche ich ebenfalls morgen.



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 Axel Halbhuber am 21.08.2009  |   5 Kommentare

Axel, der Höhlenforscher. Oder: Als ich wieder zehn war. Tag achtundvierzig.

Wanderung48_MeinAusflug

Liebes Tagebuch!

Heute habe ich einen tollen Ausflug gemacht. Zuerst sind die Helga, der Ferdl und ich von Eisenerz weg ein Stück zum Berg hingegangen, bis wir bei der Gsoll Alm waren. Da habe ich dann nicht genau geschaut und die zwei sind einen Wanderung48_SteileStiegeanderen Weg gegangen. Ich bin zur Frauenmauerhöhle gegangen. Die ist ganz dunkel und ur gefährlich, haben alle gesagt. Da darf man nicht alleine durchgehen. Aber es steht immer ein Führer davor, haben alle gesagt.

Da haben sich alle geirrt. Zuerst bin ich durch einen tollen Wald gegangen. Und dann habe ich die Höhle gesehen, ein ganz schwarzes Loch war das am Berg. Ich bin den steilen Hang hinauf gegangen und habe gehofft, dass die Helga und der Ferdl auch dort sind. Am Schluss war eine ur steile Stiege zur Höhle. Aber die Helga und der Ferdl waren nicht da. Und der Führer auch nicht. Ich habe in die Höhle hineingeschaut und ein bisschen Angst bekommen, weil es war ur dunkel und ich habe gar nichts gesehen.

Nach einer halben Stunde habe ich Helga angerufen. Sie hat gesagt, sie und der Ferdl sind falsch gegangen und gehen zum Ausgang von der Höhle auf der anderen Seite. Ich habe jetzt gewusst, dass ich alleine durch die Höhle gehen Wanderung48_AxelNikoEingangmuss oder wieder hinunter und auch den anderen Weg hinaufgehen muss. Aber das wollte ich nicht, weil das ist anstrengend. Ur.

Ich habe mir die Stirnlampe aufgesetzt und beim Eingang haben Niko und ich noch ein Foto gemacht. Der Niko war ängstlich, aber er hat sich mit mir in die Höhle getraut. Ich war auch ängstlich, aber auch ein bisschen aufgeregt. Weil die Höhle so toll war.

Am Anfang habe ich die falsche Abzweigung genommen, aber ich habe mir gedacht, dass das nicht schlimm ist. Weil ich die Lampe gehabt habe und mein Handy hat zur Not auch eine Taschenlampe intreg… intrigi… intergier… eingebaut. Ich habe dann gleich wieder den anderen Weg genommen und da hat man eh gesehen, dass da oft Leute gehen. Aber zur Sicherheit habe ich dem Niko Wanderung48_HöhlenEingangsein Futter immer ein bisschen ausgestreut. Das hätte er wieder gefunden, wenn ich mich verlaufen hätte und mich aus der Höhle gerettet.

An einer Stelle war es dann ur eng. Ich habe fast nicht durchgepasst, aber dann habe ich doch durchgepasst. Nur den Rucksack habe ich vorschieben müssen, das war anstrengend. Ich war nachher ganz schmutzig und auch nass, weil die Wände ganz feucht waren. Immer wieder waren ganz hohe Ecken in der Höhle und manchmal auch kleine Sackgassen. Aber ich habe mich immer ausgekannt. Es war ur aufregend.

Nach einer halben Stunde habe ich den Ferdl jodelt gehört. Er ist mir von der Wanderung48_Engstelleanderen Seite aus entgegengekommen, ich habe mich voll gefreut, dass ich ihn höre. Auch der Niko hat sich gefreut. Der Ferdl hat zwei Taschenlampen am Kopf gehabt und eine auf der Hand, weil eine alleine zu dunkel war. Dann habe ich ein Foto von Ferdl und Niko gemacht, aber mit Blitz, da haben Nikos Augen geleuchtet. Beim Ausgang hat schon die Helga gewartet. Sie hat sich ein bisschen Sorgen gemacht, aber es war ehrlich gar nicht arg. Wir haben noch etwas vor der Höhle gejausnet und Ferdl hat Fotos von Niko und mir gemacht. Die sind schön, ich schaue ure schlank darauf aus.

Die anderen Sachen wie der Weg Richtung Hochschwab und so Almenhütten waren heute auch schön. Aber die Höhle war toller. Am Abend auf dem Sonnschien Haus haben mir die Menschen von der Umgebung gesagt, dass sie sich nicht alleine durch die Höhle trauen würden. Und dass man nicht alleine gehen solle. Da war ich sogar ein bisschen stolz. Aber Wanderung48_NikoHöhlegesagt habe ich: „Ja eh blöd.“

Es war ein tolles Abenteuer.

Dein Axel

Tag 48 (17.8.2009): Eisenerz – Gsoll Alm – Frauenmauerhöhle Westeingang – Frauenmauerhöhle Osteingang – Pfaffing Alm – Androth Alm – Sonnschien Haus. Sonnig und recht heiß. Ein zehnminütiger Regenguss mit kleinem Hagel, aber olé: Eine Minute vor dem Wolkenbruch erreichten wir die Androth Alm. Acht Stunden unterwegs, davon sechseinhalb auf den Beinen. Wun-der-schön-er Tag, sowohl das Abenteuer Höhle als auch die Wege und das Gelände. Tipp des Tages: Alleine nie in Höhlen gehen. Und wenn schon unbedingt, dann braucht man dazu verlässliches Licht und gute Nerven. Wer die Übersicht verliert, ist in echter Gefahr. Nicht in einer „Scheiße, die Zigaretten sind aus“-Gefahr. In einer echten.

Keine Blase. Zwölf Zigaretten geraucht, am Abend mit drei Oberösterreichern Wanderung48_FerdlNikoHöhleauf der Hütte drei weiße Spritzer getrunken. Was ich an Hund Niko Poldi so toll finde? Wahrscheinlich die Tatsache, dass der schwarze Zottel vollendetes Vertrauen beherrscht. Die Idee mit der Höhle fand er gar nicht so toll. турецкий чат Aber er ging mit mir. Als ich ihn dann im Stockfinsteren Platz legte, um einen Sackgassen-Höhlen-Ast zu überprüfen, fand er das gar nicht toll. Aber er blieb liegen. Warum? Weil er mir total vertraut. Und das verpflichtet mich. Ein gutes Gefühl.

Wanderung48_AxelNikoHöhlenausgang



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 Axel Halbhuber am 20.08.2009  |   9 Kommentare

Gefühl in zivil. Ruhetag acht.

Wanderung47_BlickAusMeinemFensterEine Frage kann ich nicht mehr hören: „Freust dich schon wieder auf die Zivilisation?“ Wir besprechen in unserer heutigen Vorlesung gar nicht, ob man sich prinzipiell auf sie freuen kann, sondern widmen uns der Frage, werte Kolleginnen und Kollegen, was die Zivilisation denn genau ist? Denn zwischen Berghütten und dem Tal verschwimmen die Grenzen der Zivilisation. Oder zumindest die Grenzen ihrer Definition. Oben fehlen einem heiße Duschen, eine Schlafstätte für weniger als zwölf Menschen und selbst zu entscheiden, wann Bettruhe ist. Kommt man unten an, fehlt einem das Oben. Genau: Es ist verzwickt.

An meinem Eisenerzer Ruhetag wurde mir das wieder einmal bewusst, als ich meiner Lieblings-Zivilisations-Gewohnheit nachging: Fernsehen. Im Frühstücks-Horoskop auf Puls 4 erfuhr ich, dass Liebe und Beruf meinem Sternzeichen heute zu 62 Prozent gewogen sind. Fast zwei Drittel, zufrieden, da bin ich Minimalist. Nachmittags plätscherte neben mir eine deutsche Reality-Sendung a la „So ist das Leben, aber ganz echt wirklich, lieber Seher“. Da begann ich an der Zivilisation zu zweifeln. Und abends lieferte mir die geschätzte Elisabeth Spira via ORF volltätowierte Menschen, die über das Leben philosophierten. Da hatte ich Angst.

Und ließ meine Gedanken eine Runde Ringelspiel fahren. Mir fiel mein freundlicher Wirt Karl Prem ein, der am Nachmittag erzählt hatte, dass im schönen Eisenerz einst 18.000 Menschen lebten (im Jahr 1944), heute sind es 5260, Tendenz sinkend. Zwar werde sich das „bei 5000 scho ei’pendeln“, aber es drücke aufs Gemüt. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Am Erzberg wird noch immer gleichviel abgebaut wie einst. Nur dass das heute von den zivilisierten Maschinen und 150 Menschenresten gemacht wird statt wie einst von 5000 Arbeitern. Ich sagte ihm, dass Eisenerz trotzdem noch immer schön sei, vor allem die Fassaden. Wirt Karl Prem gab mir zwei der soeben gefertigten Palatschinken, nur so. Ganz unzivilisiert in die Hand. Seine Frau wusch mir derweil die Wäsche, weil ich darum gebeten hatte. Weil „man muss halt scho selber arbeiten, wenn man verdienen will. Und Spaß daran haben, sonst geht das hier nicht mehr.“ Wirt Karl Prem hat ein sehr nettes Lächeln, das immer überraschend kommt.

Wanderung47_ErzbergZur Verabschiedung ging ich mit meinen Mitwanderern auf ein Eis. Wir überlegten, was man aus der hübschen Stadt machen könnte. Plötzlich fuhr ein hochzivilisierter Porsche durch die äußerst verlassene Stadt. Es saßen höchstziviliserte Städter darin. Sie hören unzivilisert laute Musik. Ich sehnte mich in genau diesem Moment nach einer Hütte da oben, ohne Dusche. Aber mit viel Gefühl.

Tag 47, Ruhetag acht (16.8.2009): Eisenerz, Gasthaus Zur Post. Sonne ganztags. Tipp des Tages: Die Küche des Hauses, wirklich erwähnenswert.

Keine Blase. Zehn Zigaretten geraucht, kein Alkohol, aber ein Eisbecher. Hund Niko Poldi zeigt anhand des Trockenfutters, wie Toleranz geht: Man muss sich nicht lieben, русская кухня в лучших традициях um sich zu akzeptieren. Kriegsführende dieser Welt, hört her: Dieser Hund ist weise und des Friedensnobelpreises würdig.



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 Axel Halbhuber am 19.08.2009  |   3 Kommentare

Errare Fexum est. Tag sechsumvierzig.

Im Sinne eines geordneten letzten Wegfünftels (Jubel, Jubel allerorts!!!) will ich hier und heute einige Fehler aufklären, die sich in das Bild meiner wunderbaren Wanderung eingeschlichen haben. Anbei auch die fotopittoreske Auflösung der rätselhaften Errari.

Irrtum 1: Niko Poldi ist ein lieblicher Hund.

Das ist so nicht richtig. Niko Poldi ist ein lieber Hund, kein lieblicher, dafür lege ich meine Hand ins Feuer, aber ihm nicht ins Maul. Das Bild zeigt deutlich Niko Poldis unendliches Talent als Hauptrollen-Mime im gepflegten Horrorfilm. Die schwarze Bestie kann also auch anders, das ewige Good-Dog-Image ist eindimensional und unzureichend.

 

Irrtum 2: Axel rennt wie aufgezogen.

Ganz im Gegenteil nützt Axel jede Pause aus, um gediegen herumzulehnen. Dabei ist ihm völlig egal, ob die Last seines Nobelkörpers von einem gemeinen Wanderstock oder einem speziellen Mitwanderer getragen wird, Hauptsache Entlastung. Zwar achtet Axel immer darauf, dass dieser Akt der Faulnis (nein, nicht Fäulnis!) nie von einer Kamera gebannt wird, aber wie zu sehen, misslingt das gelegentlich.

Irrtum 3: Laszlo rennt wie aufgezogen.

Der mimische Ausdruck auf diesem Bild beweist, dass auch vierzehn Tage Alpinkur den sympathischen Ungarn noch nicht zum Hunnenkönig machen. Es gilt Ähnliches wie für Axel.

Irrtum 4: Mit knapp 79 ist man alt.

Früher wollte ich aussehen wie Clooney, heute will ich aussehen wie Ferdl. Wenn der Mann sein Hemd ablegt und barbrüstig durch die Berge zieht, dreht sich nach mir nämlich keine Kuh mehr um. Ich meine das ganz ernst: Ferdinand ist mein Beweis für den Spaß nach 66, nicht Udo Jürgends.

Irrtum 5: Der Berg ist nie kitschig.

Diesen Irrtum konnte ich bei der Rast auf dem Radmerhals schlagartig entkräften. Da gibt es diese katholische Gedenktafel und ich nehme mir die Freiheit heraus, diese als den schlimmsten Kitsch zwischen Bisamberg und Großglockner zu bezeichnen. Natürlich macht das ja nix. Aber gesagt gehört es einmal.

Irrtum 6: Wandern ist eine ernste Sache.

Mit dieser sagenhaften Falschmeldung versuchen eingefleischte Bergfexe den ulkigen Stadtwanderer von den schwindligen Höhen fernzuhalten. Denn da oben habe man immer fokussiert und ernst zu sein, wegen der Gefahr, wegen der Ehre, wegen wasweißich. Ich aber sage euch: Auch Spaß muss sein.

Irrtum 7: Die Musikanten sind im Stadl.

Die Musikanten sind immer dort, wo sich die Stimmen erheben. Denn auf Almhütten und Aplenvereinshäusern scheinen Instrumente klimatisch bestens zu gedeihen. Wer also singen will, kann singen. Im konkreten Fall die Runde auf einer Ramsauer Alm.

Was uns zu Irrtum 8 führt: Die Ramsau liegt am Dachstein-Fuß.

Das stimmt zwar an sich schon eh, aber eben nur eh auch: Auch Eisenerz hat eine Ramsau, die ist sehr familienfreundlich und perfekt für den Ausflug zwischendurch. Und als ob es einem die Ramsauen (nicht zu verwechseln mit den Schweinsschnitzerln in Rahmsauce) besonders schwer machen wollen, gibt es in der Eisenerzer ein nordisches Trainingszentrum, wo doch die Dachsteiner für das Nordische bekannt ist. Da kann man das schon verwechseln.

Irrtum 9: „Alpenverein oder Bergrettungs-Förderer? Das brauche ich nicht!“

Da war zum Beispiel dieser eine Mitwanderer, der mir erklärte, er brauche die Alpenvereins(AV)-Mitgliedschaft nicht. Auf der ersten Hütte fragte er, ob ich das Zimmer für ihn mitzahlen könne, wo ich doch den AV-Preis bekäme. Oder anderer Fall: Auf der heutigen Etappe plauderte ich mit Mitwanderern Romy und Peter über die Bergrettungsförderschaft, dass das auch eine Ehrensache sei. Und wie zur Unterstützung ratterte in dem Moment der ÖAMTC-Hubschrauber Christophorus Richtung Felswand Kaiserschild, um einen Kletterer zu bergen. Der war nicht verletzt, sondern nur erschöpft. Gutes Timing, trotzdem bleibe ich dabei: Es ist eine Frage der Ehre.

Irrtum 10: Peter sei kein Steirer.

Freunde belächeln Mitwanderer Peter seit Jahren, wenn er seine steirischen Wurzeln betont. Aber der Mann hat Recht: Wer sich den ganzen Tag auf den Steirerkas freut wie die Wüste auf den Regen und dann so eine Freude im Blick hat, muss Steirer sein. Wuff!

Tag 46 (15.8.2009): Radmer an der Stube – über die Forststraße auf den Radmerhals (der Weg über den Lahngraben ist gesperrt – Eisenerzer Ramsau – Eisenerz. Diesen Weg würde ich als echten Spazierweg beschreiben, stellenweise mit tollem Blick auf die Berge. Und am Ende dieser gemütlichen Wanderung fühlt man sich am besten noch ein bisschen in der Ramsau wohl. одеваемся на выпускной Ganztags Sonnenschein. Knapp fünf Stunden unterwegs, davon vier auf den Beinen. Tipp des Tages: Wissen belastet. Irren befreit!

Keine Blase. Elf Zigaretten geraucht, zwei Achterl Rot, zwei Schnäpse (Zur Verabschiedung meiner Mitwanderer Katrin, Peter, Romy und Laszlo). Hund Niko Poldi hat seine Horror-Fratze auf dem Bildschirm gesehen und träumt nun schlecht neben mir. Sich selbst zum Fürchten bringen, das ist Schauspiel vom Feinsten.



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 Axel Halbhuber am 19.08.2009  |   2 Kommentare

Rain Fan. Tag fünfundvierzig.

„Lass regnen, wenn es regnen will, dem Wetter seinen Lauf;
denn wenn es nicht mehr regnen will, so hört‘s von selber auf!“

Das habe nicht ich gesagt, sondern Meister Goethe. Aber ich sage das jetzt auch. Dem Regen wird ja oft Unrecht getan, wenn Wanderer morgendlich aus dem Fenster schauen, naserümpfend den Rucksack ins Eck und sich selbst wieder unter die Decke legen. Sie betrachten ihn als natürlichen Feind des gelungenen Wanderns. Jaja, die nun folgenden Erbostheiten über den doppelzüngigen Halbhuber, dieses Wendeblatt, das in den vergangenen Wochen oft den zynischsten Kritiker des Regens gegeben hat, überhöre ich gelassen. Weil mir die Schönheit des heutigen Regentages eine unfassbare Gelassenheit in Hirn trommelte.

Und weil man einem lyrischen Meister wie Goethe nicht widerspricht. Oder einer Dichterin wie Mascha Kaléko (aus „Es regnet“):

„Es regnet Blümchen auf die Felder,
Es regnet Frösche in den Bach.
Es regnet Pilze in die Wälder,
Es regnet alle Beeren wach!“

Recht hat Kalénko, der Regen belebt den Wandertag. Er lässt die Blätter unter dem Gewicht fallender Tropfen tanzen, den Nebel im Steigen und Sinken Figuren in die Luft malen. Er macht den Weg zwar glatt, aber er schenkt ihm ein Schillern und Glitzern. Moment, Hugo von Hofmannsthal kann das besser (aus „Regen in der Dämmerung“):

„Der wandernde Wind auf den Wegen
War angefüllt mit süßem Laut,
Der dämmernde rieselnde Regen
War mit Verlangen feucht betaut.
(…)
Der Weg im dämmernden Wehen,
Er führte zu keinem Ziel,
Doch war er gut zu gehen
Im Regen, der rieselnd fiel.“

Was mich auf der heutigen Almenwanderung zum derartigen Rain Fan gemacht hat? Ich weiß es gar nicht. Vielleicht der unglaubliche Kampf der Schnecke, die gegen das Wasser auf der Straße ankam. Oder die Farbenpracht des Waldes, den der Regen heute besonders herausgeputzt hat. Oder der Dampf, mit dem sich das Nass still verzog, als die Sonne zurückschlug. Wahrscheinlich aber die monotone Harmonie des Prasselns, das alle anderen Waldgeräusche übertönte. Dazu sagt Joachim Ringelnatz in „Landregen“ übrigens „(…) der Wald hat Ruh. Gelabte Blätter blinken. Im Regenrauschen schweigen – alle Vögel und zeigen sich nicht.“

Egal, was es war: Ich lege jedem Wanderer ans Herz, sein Regenzeug zu überprüfen und sich bei folgenden Bildern Lust auf den nächsten Regenwandertag zu holen.

 

Tag 45 (14.8.2009): Johnsbach – Ebner Alm – Neuburgsattel – Neuburgalm – Radmer an der Hasel – Radmer an der Stube. Regen andante, Regen vivace, Regen grave, am Nachmittag Finale. Danach feierte die Sonne eine strahlende Rückkehr. Sieben Stunden unterwegs, davon gut fünf auf den Beinen. Tipp des Tages: Die Einkehr in der Neuburgeralm ist herzlich, schmeckt lecker und verrät einem, dass es einen ganz besonders schönen Abkürzer durch den Wald gibt. продажа роз

Keine Blase. Sechs Zigaretten geraucht, zwei Achterl Rot, ein Schnaps (Zur Begrüßung meiner Mitwanderer Peter und Romy. An dieser Stelle möchte ich auch erwähnen, dass heute wieder Laszlo ums Eck bog. Wie immer überraschend, wie immer zur großen Freude aller.) Hund Niko Poldi findet den Regen an sich nicht so toll. Aber dann war er mir doch dankbar: Mit Peter und Romy kam auch Hündin Chili und auf die hat das gewaschene und luftgetrocknet lockere schwarze Fell mächtig Eindruck gemacht. Ja, das ist auch einem kastrierten Niko Poldi nicht egal.



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 Axel Halbhuber am 16.08.2009  |   14 Kommentare