Menschen in Vorarlberg. Tag vier.

wanderung4_laszlo1Wetterschwankungen haben auch Gutes: Man muss den Plan ändern. Pläne gehören zur Gruppe der Berechnung, Planänderungen zur Gruppe der Befreiung, was jegliche Diskussion darüber obsolet macht, welcher man lieber angehört. Weiters führen Änderungen zu liebsamen Überraschungen. (Ja, natürlich auch zu unliebsamen, aber mit denen rechnet man wieder, also sind sie im Plan). Geht man nun des Gewitters wegen von Damüls nicht wie geplant über die Göppinger Hütte zum Flexenpass, sondern über Schröcken nach Lech, begegnet man Überraschungen. Dem Auenfeld etwa, einem lieblichen Sattel zwischen den beiden Arlberg-Metropolen, wo hinter jedem Baum Frodo Beutlin hervorhüpfen könnte. Und weil die kommenden Tage durch die Lechtaler Alpen für mich ein bisschen Schicksalsberg sein werden (hochalpin, Geröll und Schnee, womöglich Monster), denke ich gerade an die überraschenden Begegnungen mit vorarlbergischen Menschen zurück.

 

Da war die Bregenzerin auf dem Auenfeld Sattel, oberhalb von Oberlech (im Übrigen ist ein Teppichtennisplatz auf einem Skihochplateau mitunter das Dekadenteste, das diese Wanderung bislang zu bieten hatte. Wenigstens die Elite-Karrossen rundum waren stimmig). Sie war freundlich und schien jünger als ihre wanderung4_alpenblumenfanGeburtsurkunde. Und sie hat mich überrascht. Denn sie kanalisierte ihr klassisches Sechzigplus-Mitteilungsbedürfnis in allgemein Wissenswertes statt in Information aus ihrem Leben. (Man kennt das: meine Enkel rufen nicht an, ich nehme gegen Bluthochdruck, die Nachbarn sind) Die Vorarlberger seien nämlich schon Walser, brauchen sich gar nicht einzubilden, eigene Volksgruppe und so. Das sei interessant und Sie, ach Wiener, die sind so Wiener, da brauchen die Vorarlberger gar nicht sagen, die Wiener seien nicht nett. Und die Deutschen seien ihr lieber als die Schweizer. Und Sie gehen bis Wien, na wui, und überhaupt interessiere Sie in den Bergen die Almblumen-Blüte, haben Sie Almrosen gesehen? Kann sein, wie sehen die aus?

Die fröhliche Plaudertasche war anders als die Bregenzer bis jetzt. Ich habe es verschwiegen, aber am ersten Tag schmunzelte ich vor allem darüber:
wanderung4_tennisplatzIch (in der Nähe des Bregenzer Bahnhofs): “Wie gehe ich denn am besten nach Dornbirn?”
Bregenzer: “Mit dem Auto?”
Ich: “Nein, zu Fuß.”
Bregenzer: “Also mit der Bahn?”
Ich: “Nein, zu Fuß.”
Bregenzer: “Mit dem Bus?”
Ich: “Nein, zu Fuß.”
Bregenzer: “Das ist weit. Sicher zwei Stunden.”
Ich: “Ach so, danke.”
(Dieses Gespräch blieb bis zum Bregenzer Stadtrand gleich. Nur der Bregenzer änderte sich)

Aber halt: Franz hat mich und meine Wanderung auch verstanden. Er war auch einer der wenigen, die nicht müde wurden, mich nach dem tieferen Grund zu fragen. Aber zugegeben, Franz hat einen Vorteil gegenüber den meisten: Er ist vom Gasthaus Firstblick ob Dornbirn bis Jerusalem gegangen. Viertausend Kilometer für Israels Frieden. Und als der Kerl mit körperlichem Bodybuilder-Ansatz das in einem sanften französisch-vorarlbergisch-schwäbischen Akzent erzählt hat, mit einem sanften Gesichtsausdruck und einer Stimme, als ob er ein kleines Kind beruhigen möchte, habe ich auf die außenpolitische Diskussion um Israels Friedenswillen verzichtet. Franz, der „Liftarbeiter und im Sommer Rasenmäher, etwas ganz einfaches” war mir sympathisch. Sehr.
Wie auch Sonja, die Freschenhaus-Chefin. Erzählt ungefragt und freizügig über mühsame Verwandtschaft und die Chlorprobleme auf ihrer Hütte. Es scheitere an den Grünen, an wem sonst? (Sagt sie) Warum sie niemandem sagt, dass es einen einfacheren Weg auf den Freschen (sprich: Fröschn) gibt? (Frage ich) Fragt ja keiner. Würde ich alles sagen, ohne dass die Luit fragen, käme ich aus dem Reden nicht heraus. (Sagt sie und gibt den beiden pensionierten Freiweilligen, die eine Wegbefestigung auf den nächsten Gipfel bauen, den Tipp nicht ins Gewitter zu kommen. Das sei blöd, wo sie doch Eisenstangen im Rucksack haben. Die beiden grinsen und wünschen uns für die „höchsten zweieinhalb Stunden nach Damüls” alles Gute. Es waren dann vier.)

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Das alles erinnert mich an meine Abendgesellschaft beim vergangenen Freschenhaus-Besuch: Drei Männer an einem Tisch, drei Themen in einem Gespräch. Sie redeten in einer polyphonen Symphonie so herrlich aneinander vorbei, dass sich eine fesselnde Harmonie ergab, etwa so: Ein Alter erzählte vom Zweiten Weltkrieg und den Flugzeugen. Ein Älterer sagte alles dreimal. (Die Karten müssen ganz neu sein, ganz neu müssen die Karten sein, diese Karten, ganz neu) Und der Deutsche, der vehement und über Stunden hinweg den beiden Eingeborenen klarmachen will, dass es vom Portlajoch bis zur Gävishöhe mehr als eine Stunde ist, das sei falsch angeschrieben. Er sei nämlich an Alpenpflanzen interessiert.

wanderung4_auenfeldAlpenflora! Man kommt immer wieder auf die schönen Dinge im Leben zu sprechen, wenn man sich so durch Vorarlberg bewegt. Gut so, ich danke euch allen.

Tag 4 (4.7.2009): Schröcken – Auenfeld Sattel – Lech. Sonnig, manchmal wolkig, zwei Regenschauer, nächtliches Gewitter. Ur gemütlich: Fünf Stunden unterwegs, davon dreieinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Schau nach links und rechts, vor allem aber sprich mit den Menschen! Keine Blase, vierzehn Zigaretten geraucht. Hund Niko Poldi, ich vermisse dich!



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 Axel Halbhuber am 05.07.2009  |   3 Kommentare

Das Wetter hat immer recht.

Wenn dir am Vorabend ein Unwetter auf den Kopf gefallen ist, bei dem Noah seine wanderung3_gulleAche verheizt hätte und dein Hund frühmorgens hinkt, als ob er dir etwas damit sagen möchte: Dann denkst du ganz automatisch nach, ob der heutige Etappenweg am hochgelegenen Hang einer ausgesetzten Bergkette passend ist. Der Weg heißt Hochschere und die Antwort: Natürlich nicht.

Wenn dann noch Mitwanderin Livi ihre zwei fetten Fersenblasen zum Frühstück mitbringt, bei dem die ortskundige Frühstücksgeberin das Wort „Gewitteranfälligkeit” mitserviert: Dann bist du mit deiner Antwort zufrieden. Da braucht der Himmel gar nicht mehr finster dreinzuschauen, du entscheidest, dass Ferse Livi und Freundin Katrin den Hund nehmen und mit ihm den Bus nach Schröcken. Und dass du selber mit den verbleibenden Männern Laszlo und Paul den Bus nach Buchboden nimmst, dann von dort den weniger hochgelegenen Weg auf die Biberacher Hütte und auch weiter nach Schröcken.

Wenn dann der Bus gar nicht bis Buchboden fährt, gehst du wanderung3_hochschere1halt selber. Kommst du dann in einen Regenguss, von dem auch die Unterhose noch was hat: Dann fragst du nicht nur nach einem heißen Tee, sondern auch nach einer Transportmöglichkeit in die richtige Richtung (nein, kein Mensch fragt hinter den hohen Bergen in den dunklen Wäldern nach einem Taxi). So sparst du zumindest eine Stunde Weg, zumal die eingeborenen Quaxis das für diesen wechselhaften Tag durchaus so empfehlen. Und auch, wenn die Luft mittlerweile wieder wasserfrei ist, denkst du: Scheiß Regen.

Dann gehst du Richtung Biberacher Hütte, natürlich nach dem Gewitter herrlicher Sonnenschein, dir dampft die Nässe aus den Knochen. Dann passiert etwas Lustiges: Des Bauers Traktor steht auf deinem Weg und schießt Gülle durch einer Spritzkanone auf die Almwiese. Du wartest geduldig, gehst erst weiter, als die Kacke in Ruhe auf der Weide dampft. Aber Gülle hält sich scheinbar so lange fein zerstäubt in der Luft, bis du vorbeikommst. Und da denkst du dir: Scheißregen.

Wenn du dann auf der Biberacher den prächtigen, wanderung3_almauftriebsonnendurchfluteten Hochschere -Weg siehst, denkst du dir: Das wäre gegangen, woher denn Regen, was haben die alle? Prompt serviert dir die Hüttenwirtin ein herzhaftes „Quellwolken” zur Erbsensuppe. Wenn dir dann beim Abstieg nach Schröcken Kühe begegnen (nennen wir es Almauftrieb) und du sie fotografierst (weil man das nicht oft sieht, eigentlich noch nie): Dann schauen dich beide mitleidig an: die Kühe und ihre Besitzer. Und du beziehst das Mitleid irgendwie darauf, dass du den coolen Weg ausgelassen hast. Und wenn du dann die Unterkunft in Schröcken erreichst und es ist noch immer trocken: Dann grummelst du. Und als ob der vorarlbergische Himmel seine Landsleute unterstützen will, grummelt er zurück. Und es beginnt. Wieder. Voll.

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Und dann weißt du genau: Wetter wanderung3_regenund Eingeborene haben immer recht.

Tag 3 (3.7.2009): Damüls – Buchboden – Biberacher Hütte – Schröcken. Bewölkt, Gewitter, sonnig, spätes Gewitter. Gemütlich: Sieben Stunden unterwegs, davon fünf auf den Beinen. Tipp des Tages: Gib der Gülle ihre Zeit und gehe den Hochschere-Weg! Eine fast vollständig abgeklungene Blase (kleine Zehe links), vierzehn Zigaretten geraucht.
Hund Niko Poldi tat der Rasttag gut, aber er humpelt noch immer, ist definitiv überanstrengt.



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 Axel Halbhuber am 04.07.2009  |   2 Kommentare

Zweiter Tag: Gratwanderung.

wanderung2_freschen„Einen Gipfel zu bezwingen ist schöner als ein Orgasmus”, hat eine Freundin einmal gesagt. Und so verdutzt ihr Freund ¬ ihr damaliger ¬ da geschaut hat, so recht hatte sie. Sie widersprechen, werter Leser? Waren Sie gestern am Hohen Freschen dabei, als fünf Menschen aus dem Flachen den Binnelgrat bezwungen hatten oder ich? Adrenalin und Endorphin machen Liebe und das alles ganz langsam und zum Genießen. Bis man auf den Gipfel kommt.

Na eben.

wanderung2_freschen2Dass der Weg von Kehlegg zum Binnelgrat für durchschnittliche Zu-Fuß-Menschen der geschmeidigere ist als jener über Bödele – Dornbirner First – Mörtzelspitze – undundund, verschweigen die Vorarlberger. Verständlich, sie sehen im Binnelgrat auch nicht mehr als einen hohen Gehsteig. Dabei ist er uh ah, beiderseits geht es tief genug hinunter, dass unten die Hölle beginnen könnte. Ein Schritt nach dem anderen. Konzentration auf den Weg, keine Ablenkung. Jeder Fehltritt wäre der letzte. Genau das ist es: Der Binnel ist nicht nur ein Grat. Er ist eine Gratwanderung. Angst und Freude auf vierzig Zentimetern Wegbreite. Wann hat man beim Sex je soviel zu verlieren? Oben angekommen ist es ähnlich: Man sieht die Welt und hat das Gefühl, sie dreht sich nur um einen selbst. Und manche rauchen eine.

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wanderung2_freschen31Wir haben uns trotzdem mit dem Wegkommen beeilt, das Wetter rollte mit lautem Donner von Westen heran. Da will man nicht kuscheln, sondern diese zwölf Stunden lange, 29 Kilometer weite und knappe 2500 Auf- und Ab-Höhenmeter anstrengende Tagesetappe beenden. Und was soll ich sagen: Nach kurzem Stopp am Freschenhaus waren die verbleibenden drei Stunden nach Damüls wie eine Wanderung am Grat. Und das Gefühl am Ziel war wie am Freschen. Nur ohne Gipfel.

Tag 2 (2.7.2009): Kehlegg (Gasthaus Firstblick) – Hoher Freschen – Damüls. Sonnig, schwül, spätes Gewitter. Monstertour: Zwölf Stunden unterwegs, davon neuneinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Früher Aufbruch (halbacht ist fast zu spät, vom Freschenhaus bis Damüls ist es schon noch weit! Eine abklingende Blase (kleine Zehe links), neun Zigaretten geraucht.

Traurig: Hund Niko Poldi humpelt, er scheint überanstrengt zu sein.



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 Axel Halbhuber am 04.07.2009  |   4 Kommentare

Erste Änderung…

wanderung1_spiegel… am ersten Tag. Und: Ja, ich fühle mich dabei ausgezeichnet. Es ist auch ganz leicht gewesen, nämlich weil das Leben einem manchmal wirklich zur Hilfe eilt. In etwa so:
Meine Etappengefährten und ich sind um 17 Uhr in Kehlegg (die Vorarlberger variieren zwischen „der Weg nach Kehlegg”, „der Weg ins Kehlegg” und „der Weg aufs Kehlegg” als ob es völlig wurscht wäre, ob Kehlegg nun ein Ort, eine geografische Einheit oder ein Berg ist. Und ehrlich: Ist es auch.) im herrlichen Gasthaus Firstblick (weil Blick auf den Dornbirner Fist) gesessen, sie im Kampf mit dem Hungergefühl, ich im Kampf mit meinem Blog. Der guten Stimmung stand im Weg, dass wir noch über drei Stunden Weg vor uns hatten. (Die einheimische Gasthaus-Chefin nennt das „naja, gut zwei Stunden”) Und dann kawumm. Ein Wolkenbruch, dass du die Tropfen für Hagelkörner hältst. Und so sehr uns das Gewitter den ganzen Tag mit Abwesenheit geärgert hatte (weil sein mühsamer Stellvertreter, die Schwüle, dominierte) – wir tanzten innerlich. Äußerlich wechselten wir gegenseitig Bekundungen aus, wie traurig das jetzt aber auch ist. Aber nur bis wir Zimmer bei der einheimischen Frau Wirtshaus erbeten und bei unserer eigentlichen Zieletappe storniert hatten.

Natürlich ist eine Art Scheitern: Planänderung, Etappenverkürzung, das alles am ersten Tag. An dieser Stelle mögen sich die Zyniker an jene wenden, die mir seit Wochen einimpfen: Nix übertreiben, langsam angehen, gerade am Anfang nicht erzwingen, das gefährde das gesamte Projekt. Liebe Freunde, ihr habt recht, ich beuge mich. Weil den ganzen ersten Tag (der im übrigen mit drei Stunden Gehsteig-Wanderung beginnt, so ist das halt zwischen Bregenz und Dornbirn) die hämmernde Frage „Warum” auf mich eindrosch. Sie ist wie eine lästige Fliege: Sie schwirrt dir um den Kopf und geht dir mächtig am Popo. In jedem verdammten Moment, auf jedem vermaledeiten Höhenmeter und nährt ihre Kraft aus jedem ekelhaften Kilo in meinem Rucksack. Warum macht die Romantik am ersten Tag einer Wanderung eigentlich immer blau?

Die Frage im Gewand der Fliege lässt sich nicht vertreiben, nur in Schach halten. Durch das Absingen von Liedern. „Wie beim ersten Mal”. „First Cut is the deepest”. „Beim ersten Mal tats noch weh”.

Ich sage es offen: Es war für den ersten Tag einfach genug und einen solchen Firstblick tritt man nicht mit Füßen. Schon gar nicht mit geschwollenen. Ich dusche jetzt, lege mich ins Kuschelbett. Und summe „Die erste große Liebe” von Wolfgang Ambros.

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wanderung1_nikoTag 1 (1.7.2009): Bregenz Hauptbahnhof – Kehlegg (statt Bregenzer Hütte). Grauenhaft schwül, spätes Gewitter. Sieben Stunden unterwegs, davon fünf neben der Straße. Tipp des Tages: von Bregenz bis Dornbirn nimmt man den Bus, basta! Eine Blase (kleine Zehe links), zwölf Zigaretten geraucht.



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 Axel Halbhuber am 02.07.2009  |   3 Kommentare