Kärnten, ein Nachtrag.

wolayersee

 Ich habe es schon erwähnt: Von Sonntag bis Dienstag weilte ich in Kärnten. Nämlich eines der beiden Bundesländer, das nicht auf meiner Wanderroute liegt. Ja, das andere ist das Burgenland und nein, da braucht jetzt niemand blöd zu lachen, Berge und so, haha. Ich gehe schließlich am Ende auch durch Wien. Wenn ich schließlich am Ende durch Wien gehe…

Auf die Diskussion, ob drei Tage Kärntenberg vor einer zweimonatigen Wanderung über Österreichberg sinnvoll sind, lasse ich mich jetzt schlicht nicht ein. (Soll heißen: Ich zweifle ja eh selbst) Aber ich traf in Kärnten auch die Bergrettung. (Weil Wanderung in Kärnten gleich Presseeinladung der Generali, die wiederum die Bergrettung fest sponsert, die dafür wiederum einmal im Jahr Wirtschaftsjournalisten an Seil und Haken auf einen Gipfel geleitet.) Für mich eine gute Gelegenheit, Tipps einzuholen und Strecken zu besprechen. Ernüchtert zu werden, hinterfragt zu sein. Gute Wünsche und neidische Blicke mit auf den Weg zu bekommen. Oder einfach nur Hinweise, was denn im Rucksack sachdienlich sein könnte. Und was vertrottelt schwer und sinnlos.

Also habe ich gestern, dem Dienstag vor dem großen Start, ein bisschen umzupacken gehabt. Und jetzt eine großartige Möglichkeit, den obligaten und viel geforderten „Was ich alles im Rucksack habe”-Eintrag zu verfassen. An dieser Stelle sei all jenen gedankt, die mir in den vergangenen Monaten geraten haben: „Nimm das und das mit. Das hat eh kein Gewicht.”

Miteinander hat es 15 Kilo. Alle Ratschläge hätten 150.

  • Steigeisenfeste Berg- oder leichte Trekkingschuhe. Wechselweise ein Paar am Fuß, eines im Rucksack. Der übrigens 70 Liter fasst.
  • Drei Paar Wandersocken, zwei davon dünn, eines mitteldick. Dazu Folgendes, und das gilt für alle Gewandutensilien: Es ist selbstverständlich mühsam und auch ein bisserl grauslich, täglich ein Paar zu tragen und das andere, soeben im Waschbecken ausgewaschene, zum Trocknen am Rucksack baumeln zu lassen. Es ist aber viel grauslicher (die hier notwendige Steigerungsstufe zu mühsam fällt mir nicht ein), noch mehr Kilo Gewand in den Rucksack zu pferchen.
  • Zweieinhalb Leibchen. Zwei Halbfunktions-Polos (aus einem Stoff, der das abgesonderte Schweiß-Flüssige nicht völlig aufsaugt) und ein Vollfunktions-Shirt. Das ist so wenig, dass es nur halb zählt.
  • Die Hose ist an den Beinen, nicht im Rucksack.
  • Drei Boxershorts. (Kein Wort!) Zwei eng anliegend, eine weiter geschnitten. (Kein Wort!)
  • Ein Fleece und eine Bergjacke, ineinander verzippbar (tolles Wort: verzippbar, verzippbar, verzippbar).
  • Teleskop-Wanderstöcke, oh ja, sehr wichtig.
  • Eine Haube, Handschuhe, röhrenartiges Hals- und Kopftuch. (Das ist total in, sagt man. Im Fachgeschäft)
  • Eine digitale Spiegelreflex, dieses HP 2140-Mini-Notbook (formvollendet, funktionell und federleicht), meinen Orange-Datenstick (formvollendet und federleicht), ein GPS (ohne Wanderkarten darauf, bitte kein Wort!) und natürlich alle Ladegeräte dazu. Alleine das würde einen Esel rechtfertigen, lieber Auftraggeber.
  • Ein Klettersteig-Set. Zur Sicherheit auf ausgesetzten Wanderwegen. (Einigen wir uns einfach darauf, dass Schwindelfreiheit immer eine Frage der potentiellen Absturzhöhe ist)
  • Biwacksack, Gamaschen & Regelschutz (für echten Rock n Roll-Rain), Hüttenschlafsack, Erste Hilfe-Klumpert, das nötigste Waschzeug (Bürste, Pasta, Nagelschneider, klitzekleines Duschgel, aus)
  • Wandkarten. Ja, trotz GPS. Romantik muss sein
  • Einen Schuh für den Hund. (Jaja, sehr witzig. Das kam so: Hund patschen2Niko Poldi ist bei mir nur auf Patchwork. Seine Fulltime-Besitzerin hat im Internet vier formschöne Pfotenschoner für schlimmen Untergrund wie Geröll besorgt. Hundert Euro. Ich habe sie in Kärnten ausprobiert: Hund Niko Poldi ist gegangen wie eine hüftkranke Giraffe und hat auch so gewinselt. Der eine Patschen ist der Kompromiss. Falls er sich verletzt.)
  • Pfeiferl, Sonnencreme, Taschenmesser. Müsliriegel vom Feinsten (Danke, Frau Coach!). Den Rest vergesse ich im Sinne der kurzweiligen Lesefreundlichkeit.
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Nur eines noch: Den Alpenvereinsausweis und den Nachweis, Bergrettungs-Förderer zu sein. Weil diese Mitgliedschaften eventuelle Bergekosten decken. Schlechtes Karma? Werter Leser, seien Sie nicht naiv!



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 Axel Halbhuber am 01.07.2009  |   9 Kommentare

We have a dream. So yes, we can.

Ich wollte gestern an sich über meine finale Pack-Schlacht schreiben. Ich wollte. Den ganzen Tag über. Aber was soll ich sagen: Wenn man die Behausung auflöst. Wenn man den Rucksack, den man seit Wochen vor sich herschiebt wie einen kasachischen Kärntenurlauber mit schiefer Nase (sprich: von einem Eck ins andere stellt), endlich doch packt, aber nur weil man muss. Wenn man noch eine Reservierung für die ersten Hütten am Weg und noch ein Rezept für ein entzündungshemmendes und schmerzmilderndes Medikament ertelefonieren muss. Dann kommt man nicht zum Schreiben.

Auch nicht zum Luftholen, aber das ist eine andere Geschichte.

Ich bin dann gestern Richtung Kärnten gefahren, aber nur bis Graz. Auf dem Weg noch Freunde besuchen, quasi letztes Abendmahl. (Das ist jetzt stilistisch ein bisserl von Wolf Haas gestohlen, quasi Entschuldigung) Und jetzt kommt es: Ich schreibe gar nicht übers Einpacken. Gar nix über meine unfassbare große Freude, dass mein hin-, her- und fast abgeschobener Rucksack samt Technik (digitale Spiegelreflexkamera, GPS, Handy und Mini-Laptop – hier übrigens ein kurzes aber inbrünstiges Hoch auf das HP 2140 Mini-Notebook: formvollendet, federleicht und saugut, sowie auf den Datenstick von Orange: formvollendet, federleicht und saugut. Natürlich alles samt stromversorgendem Kabelsalat) völlig überraschend nur unfassbar leichte 12,3 Kilo wiegt. (also pro Wandertag nur 0,246 Kilo, ja natürlich ist das falsch gerechnet, liebes Lesermathegenie, es sind vielmehr 615 Tageskilo, aber ehrlich, was macht da jetzt mehr Lust aufs Wandern?) Gar nix über die 15 Zentimeter Restplatz im Rucksack, obwohl sogar die schwereren Bergschuhe und das gesamte Notfallsbiwak-Klettersteig-Sicherheitshalber-Das-Auch-Noch-Equipment schon drin sind. Ich schreibe lieber über besuchte Freunde.

bauernhof_harald1Die haben sich dereinst kompliziert verliebt, er Wien, sie Graz. Er pendeln, sie doppelt alleine erziehend. Er Lehrer, sie Doktoressa. Er frische Trennung für die Liebe. Dann haben sie gemeinsam einen alten Bauernhof gekauft. Alt im Sinne von Planierraupe, nicht im Sinne von Roseggers Waldheimat. Damals war Herbst 2006. Jetzt gibt es dort Pferd, Gänse, Hühner, eine Kuh (die übrigens am Muttertag kalbte), aber auch neue Wandteile (wo das alte Holz vermorschte), ein repariertes Dach, ein Badezimmer, eine Stube mit mühsam eingezogenem uralten Holzpfosten als Deckenträger, Pflastersteine vor der Türe, eine schnieke Edelstahl-Küche. Aber nicht, dass man jetzt glaubt: Beide arbeiten nach wie vor in ihren Jobs, sie gehen allen Pflichten total nach. Aussteiger sind sie höchstens nach Dienstschluss. Ach ja: Und davor, manchmal ab fünf Uhr morgens.

Der Punkt ist: Sie machen es. Sie leben den Traum. Sie haben den Bauernhof nicht nur gekauft, sie machen ihn zu ihrem Leben. Andere wollen es machen und reden am Ende davon, wie toll es gewesen wäre. Einen Bauernhof kaufen, eine Weltreise machen, mit den Walen schwimmen, ein Iglu bauen, ein Instrument oder eine fremde Sprache lernen, wasauchimmer: Im eigenen Wunsch vollkommen und restlos aufzugehen, das ist doch mal ein Motto fürs Stammbuch.

Proklamation: Ich verabscheue das Könnte und plädiere für das Tun.

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Jetzt sitze ich wieder im Auto, diesmal bis Kärnten. Das verwirklichte Idyll hinter mir. Meinen eigenen Traum vor mir. Der Rucksack neben mir. Er ist derzeit fast mein bester Freund. Wäre da nicht Hund Niko Poldi. Der tut übrigens so, als ob ihm wurst wäre, was da auf uns beide zukommt, daher auch nichts dazu sagt. Aber das Glänzen in den Augen, das verrät ihn.



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 Axel Halbhuber am 28.06.2009  |   13 Kommentare

Im Kopf geht sich das aus

yetiAlle stehen auf meinen Chirurgen. Nun ist der gute Mann ein wirklich feiner Arzt, wie schon beschrieben. Aber ein Manko hat er und da kommt er mir nicht aus: Unter allen Mitmenschen während meiner Vorbereitungen war er der einzige Phlegmatiker. Da war die Internistin, die bei meiner Gesundenuntersuchung (was übrigens ein schräger Begriff ist, weil es ist doch so: wird man als Gesunder untersucht, spürt man spätestens bei der Frage, ob das weh tut, abgrundtiefen Schmerz. Das ist das hypochondrische Selbst-Ich) gesagt hat, mein zu hoher böser Cholesterin ist angeboren. Nicht selbst verschuldend angefressen. Lieb von ihr, ganz egal, ob das stimmt.

Oder vorgestern: Sportmedizinische Untersuchung, der Arzt erwähnt den hohen Fettanteil meines Edelkörpers nur ganz nebenbei und spricht umso lauter von „echten Wandererwerten“. Soll heißen: flache Lactatkurve, gute Ausdauer. (Er hat dann geglaubt, jetzt muss er auch noch etwas Negatives sagen, wegen mir hätte er nicht müssen. Aber er hat: Aus mir würde kein Sprinter mehr werden. Ach so, na schade) Und auch gestern wieder: Eine gut befreundete Fitness- und Bewegungs- und Ernährungstrainerin schoss Strom durch meinen Körper, um dessen Zusammensetzung zu prüfen. Wieder viel das Wort Fettanteil fast unhörbar leise aus, aber, mein Lieber, deine Muskelmasse ist überraschend hoch, perfekt für deine Wanderung, „schlummerndes Potential“, da kann man drauf aufbauen.

Ehrlich: Das ist alles motivierender als mein Chirurg. Und ehrlicher: Nur weil er mein Knie, quasi meine Axilles-Ferse, schon persönlich kennen gelernt hat, könnte er trotzdem so tun als ob. „Ja, das ist gut, mach so eine Wanderung lieber heute als in zehn Jahren“, könnte er sagen. Hat er aber nicht.

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Mein Untersuchungsmarathon hört sich jetzt so an, als ob ich seit Monaten vorbereite. Und das hätte meine Umwelt wohl gerne. Man thematisiert in den vergangenen Wochen nämlich öfter mal meine Vorbereitung. Wie viel ich denn trainiere? Welche Bücher ich denn lese? Ob ich denn auch Steigeisen, Pickel, Höhenmesser, Notfallsbiwaksack und Yetiflinte einpacke? In aller Kürze: Kaum, weil keine Zeit. Gar keine zu dem Thema. Nein, nein, nein, ja. Jagdmessner.

Dochdoch, besorgter Leser, ich nehme diese Wanderung ur ernst. Urernst in Reinkultur. Respekt, Nervosität und Vorfreude halten in meinem Magen seit Tagen Klausur. Aber abgesehen davon, dass ich bei allen nichtsportlichen Vorbereitungen nicht zum Trainieren komme: Wie bereite ich mich denn auf zweimonatiges Wandern vor? Wie simuliere ich denn ungefähr Tag 17 oder Woche 8? Oder auch nur den dritten Tag im Dauerregen, die sechste Gehstunde in röstender Hitze?

Richtig: Alles nur mental. Ich kann das alles nur im Kopf durchspielen. Mir Tipps holen, gut zureden lassen oder einbremsen. Und daraus ein Gesamtbild entwerfen, das die Sache für mich möglich erscheinen lässt. Nach bestem Wissen und Gewissen alles einpacken, alles andere verstauen, die Möglichkeit des öffentlichsten Scheiterns meines bisherigen Lebens zu-, aber nicht zu groß werden lassen. Sich an die Fakten halten: Ich gehe von Bregenz nach Wien. Im Sommer. Ja, es liegt noch viel Schnee, und das Wetter ist derzeit eher Hollywood als Mitteleuropa. Aber ich bewege mich durch ein Land, in dem die giftigste Schlage nur einer Fliege etwas zuleide tun kann. In dem die Berge Höhenkrankheit nur vom Hörensagen kennen. In dem sich mehr Menschen beim Bügeln verletzen als am Berg. (gut, das ist übertrieben, aber auch nicht schlimmer als chirurgisches Phlegma).

Ich verlasse mich einfach auf den Geist. Und darauf, dass der ausnahmsweise mal zu einem gesünderen Körper führt. Und ich verlasse mich auf die Etappenbegleiter. Menschen, die mit mir gehen. Ganz überraschend dastehen und sagen: ich auch. Und zwischendurch entsinne ich mich meiner Lactatwerte. Das wird dann schon. Gehen.



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 Axel Halbhuber am 26.06.2009  |   5 Kommentare

Mein reduziertes Leben. Oder: Niko lebt.

Um die Entrüstungsstürme einzudämmen: Natürlich lebt Hund Niko. Und er hat es in den sechs Jahren Hundsein zu Menschlichem gebracht. So wie jeder Hund irgendwann in einer Kommunikationsnische mit seinem Besitzer landet: Er legt den Kopf schief, wenn er nicht versteht, er streckt den Hals, wenn er etwas hört. Er grummelt, wenn es ihm zuviel wird und bellt vergnügt, wenn noch mehr geht. Er fordert, verneint, gibt Nähe und hat Angst. Ich liebe diesen Hund Niko. Und ja, mir scheint, er liebt mich auch.

Das musste gesagt sein, denn seit meinem gestrigen Eintrag wollten mich einige dem Höllenhund zum Fraß vorwerfen. Weil ich Hund Niko so nüchtern beschrieben habe.

Nur Hund Niko hat wie immer nichts dazu gesagt.

Natürlich haben mich all die Empörten gestört. Beim Packen. Schließlich reise ich nach der Österreich-Durchwanderung einmal um die Welt, ein Jahr lang. Aber das ist eine andere Geschichte. Nur eben soviel: Insgesamt werde ich 15 Monate weg sein. Für so lange Zeit, gibt man alles auf, auch die Unterkunft.

Eine Freundin, die mich gestern auch gestört hat, tat es nicht wegen Hund Niko. Sondern nur so.

how is life? hat sie geskypt.

ich packe es in kisten.

wieviel kisten hat dein leben?

dank trennung, rückzug in die untermiete und wohnungsbrand gar nimmer viel. es ist ein reduziertes leben, sehr gut.

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 Sie sagte dann nichts mehr. Denn sie kennt die Geschichten dazu. Die Geschichte von der großen Wohnung, die ich vor zwei Jahren nach einem Liebesaus verlassen habe. Um von einer lieben Freundin (again platonisch) in Untermiete aufgenommen zu werden. Sie kennt die Geschichte, wie es ist, von 100 Quadratmeter auf 12 umzuziehen. Und ich habe ihr damals berichtet, als die Wohnung, in der diese 12 Quadratmeter als Zimmer versteckt sind, abgebrannt ist. Und wie wenig da von 12 Quadratmetern übrig bleibt.

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Will sagen: Meine Sachen stehen seit zwei Jahren strategisch verteilt: In Kellern, um auf eine größere Wohnung zu warten. In meinem kleinen Kämmerlein, um mir auf die Nerven zu gehen. Oder im Himmel für Brandopfer, um mir erst recht nicht abzugehen.

Und jetzt reduziere ich gerade weiter. In einen Rucksack passen keine 12 Quadratmeter.



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 Axel Halbhuber am 24.06.2009  |   7 Kommentare

Wer ist Niko Poldi?

wanderung_niko11Um das zu klären: Natürlich habe ich Hund Niko nicht gefragt, ob er mit mir im Sommer von Bregenz nach Wien wandern möchte. Er hätte ohnehin nicht geantwortet. Das ist immer so: „Na, heute mit Rinderlunge oder lieber Huhn?“ Kein Laut. „Ein Wassi?“ Wieder keiner. „Machst noch Haufi?“ Nix.

Oh doch, ich würde mehr auf die Befindlichkeiten des schwarzen Hundes Niko eingehen. Spräche er mit mir. Oder gäbe er Zeichen, Laute, mimische oder gestische Wünsche. Aber Hunde tun das nicht, auch nicht Hund Niko. Trotzdem werden sie gefragt. Wie sonst nur Babys: „Hast du weh weh?“ „Wo ist der Schnulli?“ „Bist du schon müde. Gell?“ Kein Mucks! Wie auch mit zwei oder sieben oder elf Monaten? Daher holen die Fragesteller die Antwort postwendend bei dem sprechfähigen Sprachrohr des Babys ab. Mutter etwa.

Anders bei Hunden, anders auf der Hundewiese: „Na wer bist denn du?“ wird immer an den Hund gerichtet. Ohne postwendenden Seitenblick auf den Besitzer. „Und wie alt bist du denn?“ Ignorieren de luxe. Und dann immer derselbe Hammer: „Ein Mandi oder ein Weibi?“

Hund Niko ist ein kastriertes Mandi, sechs Jahre alt. Laut denen, die auf der Hundewiese nicht mit mir reden, sind das etwa 40 Menschenjahre. Er heißt auch Poldi, seit die Griechen im Euro 2004-Finale überraschend auch die Portugiesen geschlagen haben. Der griechische Torhüter hieß Nikopolidis. Ja, blöde Wette. Aber Hund Niko hat dagegen nichts gesagt.

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Vorigen September habe ich auch mit Hund Niko geredet. Den gesamten Binnelgrat entlang. Das ist ein hundiger Steig auf der zweiten Tagesetappe (Bregenzer Hütte – Damüls). Mir fast zu dings, Hund Niko eh wurscht. Ich habe auf ihn eingeredet, er solle ruhig bleiben, langsam gehen und brav sein. Er hat es über sich ergehen lassen. Und mich so, therapeutisch wertvoll, über den Steig gebracht.

Am 2. Juli gehe ich den Binnelgrat wieder. Hund Niko Poldi wird nichts sagen.



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 Axel Halbhuber am 24.06.2009  |   6 Kommentare

Ich darf wandern

imagesIch: „Im Sommer wandere ich von Bregenz nach Wien.“

Er (mein Unfallchirurg, sehr netter Mensch, toller Arzt, Primar, Vater meines ehemaligen Klassenkollegen): schweigt.

Ich, ergänzend: „Am Stück.“

Er: „Warum?“

Ich: schweige, denke. „Wie, warum?“

Er: „Aus sportlichem Ergeiz?“

Ich: „Achso, nein, es ist ein Projekt.“

Er, trocken: „Mit deinen Knien!“

Ich, absichtlich noch trockener: „Nein, mit der Österreich Werbung.“

Er, trocken: „Aha.“

Ich: „Und?“

Er, trocken: „Na ja.“

Ich: „Geht das?“

Er: „Das geht schon.“ Kein Schmunzeln. „Na ja. Schon.“

Ich: „Kann das ein Problem sein mit meinen Knien?“

Er: „Mit den Knien kann alles ein Problem sein.“ Trocken.

Ich: „Das weiß ich eh. Aber verschlimmert die Wanderung das vielleicht.“

Er: „Nein. Nicht unbedingt. Aufpassen muss man halt. Und auf Schwellungen achten.“

Ich: „Da komm ich nicht umhin.“

Er: „Eben.“

Ich: Ja, eben.“

Er: „Rasttage.“

Ich: „Rasttage?“

Er: „Rasttage.”

Ich: „Ja, Rasttage lege ich ein. Die werde ich brauchen.“

Er: „Und bergab nimm’ ruhig den Lift.“

Ich: „Gut.“

Er: „Gut. Alles Gute. Aufpassen. Nicht übertreiben.“

Ich: „Ja.“



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 Axel Halbhuber am 23.06.2009  |   5 Kommentare

Reaktionen

Assoziatives Denken, anders ist das nicht zu erklären. Mein Satz ist ja seit Monaten gleich: “Ich wandere im Sommer von Bregenz nach Wien.” Die Reaktionen sind meist unterschiedlich, wenn es auch Häufungen gibt. Und irgendwann habe ich ein System erkannt: Hinter der Antwort steht eine Assoziation, hinter der Assoziation eine Haltung, dahinter ein Typ. Quasi: Sag’ etwas auf „Ich wandere im Sommer von Bregenz nach Wien“ und ich sage dir, wer du bist.

   1. „Axel N., du spinnst“

Typus: Der ängstliche Antithesen-Freak. Denkt sich „Bist-du-deppert” und träumt zugleich vom zweimonatigen Aussteigen. Würde aber nie im Leben den eigenen Alltag dafür eintauschen. Und schon gar nicht gegen einen Rucksack, bestenfalls gegen den blendend weißen Sandstrand. Findet im weiteren Gespräch tausend Gründe gegen die Wanderung, aber keinen dafür.

   2. „Der Otto-Motor ist schon erfunden“

Typus: Scheiß Benzinpreise. Hat seinen Sonnenbrand von langen Cabrio-Ausfahrten und nennt sein Auto bei Namen. Sagt „Ich stehe ums Eck”, wenn das Auto dort parkt. Macht Termine in der Ferne vor allem wegen zu fahrender Romy Gala/12.4.08Kilometer aus und wird sich eine Veloursleder-Polsterung leisten, sobald die Kinder aus dem Auto sind.

   3. „Expedition Österreich?“

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Typus: Der ORF-Nostalgiker. Hat sich in Mirjam Weichselbraun verliebt, als sie ihre ORF-Karriere als Außenposten in der legendär erfolglosen Sendung begonnen hatte. Ist oft alleine, weil sich mittlerweile weniger an die Sendung erinnern als an den ersten Dancing Star. Die Liebe zu Weichselbraun wurde später von der zu den WG-Girls von „Mitten im Achten” abgelöst.

   4. „Jakobsweg?“

Typus: Der Beseelte. In Krisenzeiten wendet man sich gerne an spirituelle Instanzen, Schnaps oder Gott. Wenn der Verein Gottes selber in der Krise steckt bleiben nur Volksgottheiten, etwa das deutsche Komiker-Ass Hape Kerkeling. Seine Bibel Ich bin dann mal weg” ist in den Bestsellerlisten noch immer da. Der Beseelte überhört „Bregenz – Wien“ und ignoriert, dass der Jakobsweg in Spanien ist. (Ja, werter Leser, der Jakobsweg ist ein Netz durch ganz Europa, aber wer kennt jemanden, der ihn nicht in Spanien gegangen ist?)

   5. „Warum?“

Typus: Mein Unfallchirurg. Trockener Metzgerschmäh, morgen mehr.



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 Axel Halbhuber am 21.06.2009  |   11 Kommentare