Tag vierundzwanzig. Oder: Drei Blickwinkel.

wanderung24_stallenalmDer Wirt der schnieken Stallenalm grinste das Grinsen des Einheimischen. Er stand in seiner fleckenlosen Leserhose vor uns, das Flinserl blitzte am Ohrläppchen. Der Klemmerichsteig zur Loferer Alm, das sei kein Weg. Die Forststraße sei bekömmlicher. Wir mögen keine Forststraßen, also gingen wir den Klemmerichsteig. Und wie soll ich sagen: Der blanke Urwald, wunderschön. Genau das suchen Stadtmenschen auf dem Berg. Beschwerlich? Nicht, solange man den Blick hat, wo er hingehört. Zwischen regelmäßigen Schönheitsbekundungen dachte ich über den Wirt nach: Wieso sagen dir die Tiroler im Oberland beim seilversicherten Weg über Felsen, man könne ihn mit dem Rollstuhl rauffahren? Und im Gegenzug wird man hier unterländisch auf die Forststraße empfohlen, sobald der Weg nicht Turnschuh-tauglich ist? Hätte ich mir jüngst nicht den Superlativ an sich verboten, wäre der Klemmerichsteig nun der schönste Weg meiner Alpin-Historie. In meiner Welt gehörte er unter Natur- und Denkmalschutz gestellt und als wahres Naturerlebnis beworben, warum ist er dem Stallen-Chef ein Hindernis? Und dann fiel es mir ein: Wegen des Blickwinkels.

Wie das mit neuen Erkenntnissen so ist, wurde diese Antwort alsbald bestätigt. Im großartigen Haus Gertraud auf der großartig gelegenen Loferer Alm. Da saßen wir – meine Mitwanderer Manuela, Michi und ich – nach dem Essen bei der zweiten Flasche St. wanderung24_hausgetraudcheffreundLaurent. Jaja, das musste einfach mal sein. Aber darum geht es jetzt nicht.

Denn am Nebentisch saß Gertraud-Chef Peter, vertieft in der dritten Falsche Weißwein und einem Gespräch mit seinem Freund. Beide Bayern, beide pfundig. Ich weiß nicht, worüber die beiden davor sprachen, aber dann kamen wir ins Plaudern. Und nach fünf Minuten wusste ich über diese beiden Männer in den bestenserhaltenen 60ern, dass sie 46 beziehungsweise 47 Jahre verheiratet sind, vier beziehungsweise fünf Kinder haben und sieben beziehungsweise zwölf Enkel. Die genauen Anzahlen habe ich mir so gut gemerkt, wie zwei Flaschen schweren Rotweins es eben erlauben. Aber das weiß ich noch ganz genau: Ich habe die beiden gefragt, was sie zu meiner Generation sagen, wenn sie keine Kinder will, weil dann das eigene Leben vorbei sei. Oder nur eines und das möglichst spät. Noch genauer weiß ich, was sie geantwortet haben: Das kann man niemandem erklären, der sein eigenes Kind noch nicht im Arm hält. Dass man nie möchte, dass die Kinder groß werden. Dass sie traurig sind, weil ihre jüngsten Enkel jetzt auch schon sieben sind und jetzt etwas fehlen würde. Dann haben sie die vierte Flasche aufgemacht und ein bisschen verklärt geschaut. Beide randvoll mit groß- und väterlichem Stolz. Und mit Leben, dass die schummrige Stube gestrahlt hat. Blickwinkel.

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Eine liebe Freundin hat an dem Tag noch zu mir gesagt, wie sehr sie sich darüber freue, dass ich die Wanderung wirklich schaffe. Und dass sie schon skeptisch gewesen wäre, körperliche Verfassung und so. Aber sie wisse, warum ich das so durchziehe: Wegen meines Zugangs, mental. Wegen des Blickwinkels.

Wie soll ich sagen: Was soll ich da noch sagen?

 

Tag 24 (24.7.2009): Straubinger Haus – Steinplatte – Klemmerichsteig – Loferer Alm. Sonnig-wolkig, abends Dauerregen. Und noch immer kein gänzlich trockener Wandertag seit 1. Juli. Sieben Stunden unterwegs, davon sechs auf den Beinen. Tipp des Tages: Glaube nie einem Hüttenwirt in fleckenloser Lederhose, dass die Forststraße schöner ist. Er meint schlicht „unspektakulärer”. Und: Auf der Loferer Alm sollte man im Haus Gertraud schlafen, des Essens, des Ambientes oder schlicht der Gastfreundlichkeit wegen скачать фото цветы.
Eine Blase an der rechten Ferse, unproblematisch. Zehn Zigaretten geraucht, mit den Mitwanderern zwei Flaschen (pssst!) St. Laurent gezwitschert. Bundesland-Begrüßung sozusagen.
Hund Niko Poldi hat seit zwei Tagen nur Frischgekochtes wie Nudeln mit Würstel bekommen. Fazit: Ich wäre gerne mein Hund.



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 Axel Halbhuber am 26.07.2009  |   4 Kommentare

Superlativ günstig abzugeben. Tag dreiundzwanzig.

wanderung23_nikowasserDer Aufstieg von Erpfendorf über den Gernkogel auf das Straubinger Haus ist von der Sorte „wahrscheinlich der anstrengendste, den ich je gegangen bin”. Und eben das ist multipler Blödsinn. Weil nämlich: Einerseits waren Sie, geschätzter Leser, bei noch keinem Aufstieg meines Lebens dabei, auch nicht beim Erpfendorfer. Und können ihn also genauso wenig nachvollziehen wie alle anderen Axel-biografischen Aufstiege. Andererseits war er natürlich auch nur der anstrengendste meines Lebens, solange ich in ihm verhaftet war, kaum oben war es halb so schlimm. Was bleibt ist die zwanghafte menschliche Neigung zum unerklärten Superlativ.

Immerzu war es bei uns „der schönste Urlaub”, „das beste Essen”, „der schlimmste Moment”, „der tollste Sex”… Dieses unqualifizierte Bewerten wanderung23_igaaufschmalemwegtreiben dir die Berge aus. Ein Beispiel? Der kometenhafte Aufstieg ab Erpfendorf war idyllisch, weil durch den Wald und über steile Wiesen. Er war voller Überaschungen, weil Bach-Schwimmbecken und verfallene Almhütten. Er war unberechenbar mühsam, weil Hitze ohne Wind. Und ja: Er war unfassbar anstrengend, weil gut 700 Höhenmeter ohne Umschweife. Aber der anstrengendste? Ob mehr Schweiß floss als bei allen anderen davor und danach? Weiß ich nicht, ist auch egal. Es gilt, sich auf die Eigenschaften zu konzentrieren. Andere Anstiege waren lehmig, verregnet, rutschig, hinterlistig. Und was weiß ich, welcher da der mühsamste war.

Worauf ich hinaus will? Deinen beschwerlichsten Weg von gestern kannst du meistens heute gleich in den Erinnerungspapierkorb legen. Deshalb musst du den Dingen einen Namen geben. Und ja, richtig: Das ist wanderung23_eggenalmstraubingerhaus1wieder so eine Erkenntnis fürs Leben. Statt ein Erlebnis mit der Farblosigkeit eines namenlosen Superlativs kaltzustellen, lieber einmal sagen, wie Urlaub, Essen und Sex genau waren. Nicht nur best- und tollst-. Geben wir unserem Leben Namen und Farben.

Folglich: Der Gernkogel-Aufstieg von Erpfendorf war so anstrengend, wie kerzengerade hinauf eben ist. Ich würde ihm ein sattes Rot geben. (Aber im Übrigen ein großartiger Weg, lassen Sie sich nicht von den Einheimischen abschrecken und die alternative Forststraße einreden!) Als ich dann auf dem Straubinger Haus saß und der Schweiß getrocknet war, blieben nur die Bilder im Kopf: Blick auf das Unterland, das Kitzbüheler Horn und bis in die Hohen Tauern. Und, ach ja: Abends fegte dann ein Unwetter über uns, wanderung23_hagelkornwahrscheinlich das schwerste Unwetter meines ganzen Lebens…

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Tag 23 (23.7.2009): Stripsenjoch Haus – Kaiserbachtal – von Griesenau bis Erpfendorf per Taxi (nein, ich gehe keine Straßenkilometer mehr…) – über Gernalm-Steig zum Straubinger Haus. Sehr sonnig am Tag, Weltuntergang am Abend: Gewitter und 20 Minuten Hagel, danach Winter-Wonderland. Die Nachrichten verrieten aber, dass es anderswo in Österreich noch schlimmer war, trotzdem: Für den Berg Abenteuer genug. Trotzdem: Ein großartiges Erlebnis, vom Trockenen aus. Und noch immer kein gänzlich trockener Wandertag seit 1. Juli. Acht Stunden unterwegs, davon sechseinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Schwierige Wege gehen, die Herausforderung suchen.
Die zwei Blasen sind Geschichte, die Gegenwart gehört einer aufmüpfigen Unterhornhaut-Blase an der rechten Ferse. Elf Zigaretten geraucht, der wanderung23_hagelRotwein vor dem Bettgang wird langsam zur ständigen Einrichtung.
Weil die Frage in einem Kommentar auftauchte, wo Hund Niko Poldi schläft: Der gute Wauwau und ich pflegen derzeit einen Disput um das Thema. Niko Poldi findet, mein Bett ist auch sein Bett. Ich verhalte mich dann wie folgt: Ich blicke ihm streng in die Augen, er schaut interessiert zurück живой цветок. Damit bin ich meist sicher, dass er seine Lektion gelernt hat und lasse ihn im Bett. Nein, das gehört sich nicht, aber das weiß er ja offensichtlich.

In eigener Sache: Danke, liebe Bergrettung, die ihr mich so toll auf eurer Homepage begleitet…!



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 Axel Halbhuber am 26.07.2009  |   Ein Kommentar

Dialog im Dunkeln. Tag zweiundzwanzig.

wanderung22_karteAn sich wollte ich heute schreiben, dass der nun dominierende Sonnenschein natürlich auch Probleme beim Wandern macht. Aber, ganz genau: Das darf sich einer, der seit drei Wochen über das schlechte Wetter jammerbloggt, nicht erlauben. Idee zwei war eine Hommage an das wunderschöne und erst seit kurzem erschlossene Kaisertal, etwa so: Alle schönen Täler auf meinem Weg scheinen mit K zu beginnen, von Karwendeltal bis Kroßes Walsertal. Sie sehen schon: Da wäre ich nicht weit gekommen, rein humoristisch.

Also habe ich mich nach dem Leeren eines üppigen Rotweinglases zu Bett begeben. Und konnte mich nicht entscheiden: Auf der rechten Seite liegend sah ich aus dem Fenster und Richtung Westen, wo ich zuvor, bei Sonnenuntergang, die vergangenen Gebirgsetappen wiedererkannte. Auf der linken Seite liegend sah ich nur die Wand, fad genug um einzuschlafen. Genau daran war aber ohnehin nicht zu denken, denn mein Kopf war voll mit folgendem Gespräch.

Rotwein: „Gute Nacht, alle miteinander!”
Sentiment: „Moment noch! Der Blick vorhin auf die vergangenen Etappen war toll. Versteht ihr: Wir haben das Ver-Gangene gesehen. Wow!”
Unterschenkel: „Total super. Gute Nacht!”
Sentwanderung22_blickzuruckiment: „Das Ver-Gangene, versteht ihr!”
Schultern: „Jaja, alle haben es verstanden.”
Augen: „Mir gefällt das. Wir sehen jetzt das Vergangene, in dem wir uns Gott sei Dank nicht vergangen haben.”
Knöchel: „Weil wir sonst beim Vergehen vergangen wären. Schlaft gut!”
Unterschenkel: „Ruhe, sonst komm ich rauf.”
Rotwein: „Guten Abend, gut Nacht.”
Sentiment: „Dann wären wir nie hierher gekommen, was morgen übrigens auch schon wieder Vergangen ist.”
Knie: „Nicht, wenn es hier noch länger laut bleibt.”
Rotwein: „Trink ma noch ein Glaserl Wein.”
Sentiment: „Heut kommen d’Engerl auf…”
Kreislauf: „Meint ihr nicht, dass uns ein wenig Schlaf gut täte?
Sentiment: „Großhirn, dreht ihn nochmal zum Fenster, wegen des Blicks!”
Augen: „Ich glaube, es ist schon zu dunkel draußen.”
Unterschenkel: „Hauen wir das Weichei doch einfach raus!”
Augen: „Und für wen schau ich dann? Du Klotz interessierst dich ja für nix außer Protein.”
wanderung22_tunnelmitwandererUnterschenkel: „Oh Gott, was mache ich hier? Ich geh ein!”
Sentiment: „Ver-Gangen, verstehst du?”
Unterschenkel: „Komm, geh ma vor die Tür!”
Kreislauf: „Ruhig, das löst ja nichts. Aber langsam sollten wir zu Ende kommen, nicht?”
Milz: „Ist die Party hier?”
Knöchel: „Nix Party!”
Sentiment: „Ver-Gangen…”
Unterschenkel: „Es reicht, du fliegst raus! Dann bist du auch vergangen.”
Sentiment: „Jetzt hast du es. He: Er hat es.”
Unterschenkel: „Umpf.”
Großhirn: „An alle: Es reicht.”
Sentiment: „Hihi, Ver…”
Rotwein: „…gang ich zum Brunnen vor dem Tore!”
Magen: „Vorsc hlag zur Güte: Hauen wir den Rotwein raus!”
Blase: „Ich bin dabei! Unterschenkel, kriegen wir dich nochmal hoch?”
Unterschenkel: „Dafür schon!”
Knöchel: „Ich geh auch mit!”
Großhirn: „Nix da, liegen bleiben, schlafen.”

wanderung22_nikoTag 22 (22.7.2009): Kufstein – Kaisertal – Stripsenjoch Haus. Durchgehend äußerst sonnig, meist ohne Wolken. Nach der Ankunft lag ich also erstmals bei meiner Wanderung auf einer Sonnenterrasse. Trotzdem: Gegen Abend regnete es. Zwar nur gezählte vier Tropfen, aber genug, um weiterhin sagen zu können: Es gab noch keinen gänzlich trockenen Wandertag seit 1. Juli. Herrliche Wanderung durch ein herrliches Tal, der Hitze trotzte der herrliche Bach. Einzig die letzten beiden Stunden waren von einem sakrischen Anstieg geprägt. Tipp des Tages: Einkehr beim Hans Berger Haus ja. Kaspressknödel-Suppe dort nein. Jegliche üppige Kost dort nein, weil der Anstieg zum Stripsenjoch jeden Schweinsbraten als sündigen Fehler entlarvt.
Reden wir nicht mehr über die zwei Blasen. Acht Zigaretten geraucht, vor dem Bettgang ein Vierterl Rot.
Hund Niko Poldi ist super drauf. Und er ist so gescheit: Jede Lacke, jeden Zugang zum Bach nützt er, um seine Pfoten zu kühlen.

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 Axel Halbhuber am 24.07.2009  |   9 Kommentare

Der Weihnachtsmann trägt Batik. Ruhetage vier und fünf.

Von der Gegend um Kitzbühel kann man halten, was man will. Aber das Liebliche kann man ihr nicht absprechen: Diese geschnitzten Hausfronten, diese Grünheit der Wiesen, das Funkeln und Glitzern in den Gassen – Kitzbühel ist wie „Disneyland”, wenn es Hansi Hinterseer ausspricht. Hier, wo Fiona die Gütige sich wohl fühlt, neigt man zum Glauben an das friedvoll und problemlos Schöne auf der Welt. Und man neigt, daran zu glauben, dass auch der Weihnachtsmann hier den Sommer verbringt. Obwohl er kein Münchner ist.

wanderung20_santa1Alleine: Ich weiß, dass der Weihnachtsmann diesen Sommer in Scharnitz verbringt, wenn auch nur auf der Durchreise. Ich habe ihn dort getroffen und genau das fiel mir an meinen Kitzbüheler Rasttagen wieder ein. Er kam damals urplötzlich in das kleine Kaffeerestaurant im Herzen von Scharnitz herein, in dem ich das Ende eines Regens abwartete. Er sagte nicht Hoho, sondern Hello. Er trug ein batikbuntes T-Shirt am prallen Körper und ein zufriedenes Lächeln im Gesicht, das zu gut zwei Drittel vom weißen Bart verdeckt war. Er setzte sich hin und war von Anfang freundlich. Und offenherzig. Er sprach mit der mittelalterlichen Besitzerin, laut und herzlich. Bestellte sein alkoholfreies Bier und seine Gulaschsuppe, die er später über den Klee loben, aber auch in seinem Bart verteilen sollte. Er sprach die Menschen an. Sie sprachen nicht zurück, diese Offenheit war ihnen suspekt. Dann sprach er mich an.

wanderung20_santa2Santa heiße er, dabei verzog er nicht einmal einen Mundwinkel zu einem Lächeln. Europa habe er bereist, immer schon, jetzt wieder, von Rom mit dem Mietwagen über die Schweiz und Deutschland und nun hier über Scharnitz zurück, das müsse er machen, weil er ja nicht wisse, wie lange er noch habe. Seine Mutter habe er früher, viel früher einmal in die Schweiz gebracht, aus medizinischen Gründen. So toll sei das alles hier, die Menschen so freundlich, dabei lächelte er die Besitzerin an, die suspektiert wegschaute.

„Eine 800 Meilen-Wanderung beginnt mit dem ersten Schritt” schrieb er auf mein T-Shirt und dazu Bob Dunlup, wohl der bürgerliche Name vom Weihnachtsmann. Seine Unordentlichkeit schlug sich mit seinen klaren Worten. Er war Landstreicher und Philosoph, stellte alle Lieblichkeit rund um ihn in einen Schatten. Die Liebenswürdigkeit in seinem Blick rang mit den unterlaufenen Augen eines Trinkers. Ja, gut sei es ihm einmal gegangen, ein Hotel habe er gehabt. Aber dann wurde er Alkoholiker und habe alles verloren, wife, friends, money. Aber das mache gar nichts, jetzt sei er hier und – er wandte sich Richtung Theke, an der die Besitzerin stand – „Diese Suppe ist unglaublich gut!”

wanderung20_santa3Santa ist mehr als ein schräger Typ. Er ist Gammler und Geber, eben für alle da. Und für die Scharnitzer mindestens so sehr wie für die Kitzbüheler.

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Ruhetage 4 und 5 (20. und 21.7.2009). Bei Freunden in Kitzbühel. Die haben für mich gegrillt, ich habe meine Wäsche gewaschen und wieder einmal ein bisschen soziales Leben inhaliert, von „Grey‘s Anatomy” bis Zeitung im Kaffeehaus. Tipp der Tage: Halte deinen Körper im Zaum, wenn er so tut, als ob solche Ruhetage gar nicht bräuchte! Zwinge ihn zur Pause in Gemütlichkeit und bringe ihm schonend bei, dass Bruder Geist das einfach haben muss! Die beiden Blasen (große Zehe links, Zeigezehe rechts) konnten an den beiden Ruhetagen entscheidend zurückgedrängt werden. Fast zwei Packungen Zigaretten geraucht, fünf weiße Spritzer getrunken.
Hund Niko Poldi? Ist back on the Route. Wir feuern ihn an, wir fiebern mit seinen Pfoten, wir wünschen ihm das Beste!wanderung20_santa4



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 Axel Halbhuber am 22.07.2009  |   6 Kommentare

Big Berge, Big Talks. Tage achtzehn und neunzehn.

wanderung18_busfahrt-regenIn den Bergen ist die Luft für Small Talk zu dünn. Das passt gut für mich, weil ich solches Sinnlosgerede auf Wiener Sinnlosveranstaltungen manchmal nach einer Minute mit den Worten „Das ist ein Scheiß-Gespräch, nicht wahr?” beende. Mein Gegenüber schaut dann meist böse, eigentlich immer. Ganz so, als ob es nicht der gleichen Meinung wäre. Lächerliche Situationen sind das.

In den Bergen braucht es kein verbales Warmwerden. Nach „Griaß di”, „Servus” oder „Hallo” geht es immer gleich zur Sache. Am äußerst verregneten Samstag nämlich so:
Ich (steige in den Bus, der mich von Achenkirch nach Steinberg führt, ein Minibus mit neun Sitzen, ich der einzige Fahrgast): „Servus!”
Er (der Busfahrer, legt die Zeitung weg): „Hallo!”
Ich: „Wann fahren Sie denn?”
Er: „Ich bin Anton, wohin musst du?”
Ich: „Nach Steinberg.”
Anton (fährt los): „Wohin genau?”
wanderung18_fuse-regenIch: „In die ASI-Lodge. Kommen wir da noch bei einem Supermarkt vorbei?”
Anton: „Nein. Aber was brauchst du?”
Ich: „Batterien.”
Anton: „Musst du mir genau sagen, welche. Ich kann sie dir besorgen und dann um fünf Uhr ins Hotel bringen.”
Ich: „Äh, wirklich?”
Anton: „Ist kein Problem. (reicht mir einen Apfel) Gerade ist nicht viel los, da habe ich Zeit. Wohin gehst du?”
Ich: „Von Bregenz bis Wien, morgen bis Kufstein. Du bist nicht von hier, oder?”
Anton: „Nein, Kroatien.”
Ich: „Aber schon lange hier? Du sprichst gut deutsch.”
Anton: „Ja, seit zwölf Jahren. In Kroatien bin ich nur ein Monat im Jahr.”
Ich: „Und deine Familie ist auch hier?”
Anton: „Ich habe nur Mutter und Bruder und so. Aber keine Frau.”
Ich: „Wieso nicht?”
Anton (atmet langsam und tief aus): „Ach, weißt du: Ist nicht leicht. Verdiene nicht viel, ist schwierig. (hebt die Hand und zeigt geradeaus) Da schau, das ist ASI-Lodge. Und hier in Steinberg leben ungefähr 295 Menschen. Und das ist das Dorfwirtshaus, Waldhäusl. Und hier ist die Feuerwehr.”
Ich: „Du kennst dich gut aus.”
Anton (lächelt): Ja, habe ich einmal Bürgermeister hergeführt. Der ist ein netter Mensch, war der jüngste Bürgermeister Österreichs, als er begonnen hat. Und der hat gesagt, wenn mich jemand über Steinberg fragt, soll ich das erzählen.”
Ich (schon beim Aussteigen, bedeutsam): „Danke, Anton. Und danke, dass du mir die Batterien besorgst.”
Anton (gibt mir noch einen Apfel): „Ah, gerne. Und pass auf dich auf. Wenn Gewitter ist, schalte Gerät aus. Wegen Magnetfeld.” (lächelt offen, fast bedeutsam)

wanderung19_sanfte-hugelAm Sonntag wanderte ich dann die bislang mühsamste Etappe, stundenlang nur Forststraße. Und was soll ich sagen: Erstmals zog sich der Weg und mir gewaltig den Nerv. Aber erstmals ging ich mich in eine Trance, jetzt verstehe ich, warum die Menschen am Jakobsweg alle irgendwann einen brennenden Dornbusch oder Erscheinungsäquivalent sehen: Die Ödheit macht dich einfach wukiwuki. Ich beschloss, nie den Jakobsweg zu gehen. Eine Erscheinung hatte ich trotzdem, eine handfeste:

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(Szene: altes Wochenendhaus mitten im Wald, davor Auto mit Münchner Kennzeichen. Eine junge Schäferhündin läuft mir entgegen, wild bellend)
Ich (unsicher): „Ja hallo, bist du eine liebe?”
Hündin (bellt unbeirrt)
Ich (motivierend): „Sicher bist du eine liebe!”
Er (bayrischer Akzent, aus dem Off): „Flora, gib a Ruh!” (kommt um die Ecke) Die tut nix, will nur g’streichelt werden.”
Ich: „Ah so. (streichle Flora) Schön haben Sie es hier.”
Er: „Ja, ich bin ja schon seit zwanzig Jahren da. Wo sind Sie her?”
Ich: „Aus Wien.”
wanderung19_forststraseEr: „Da ist mein Sohn gestorben. Da war er 34 Jahre. Herzinfarkt.”
Ich (sprachlos): „…”
Er: „Vor fünfzehn Jahren. Heuer wäre er 50 geworden.”
Ich (unbeholfen): „Au weh. Ihr einziges Kind?”
Er (auch unbeholfen, blickt in die Luft): „Die Tochter hat sich von uns abgewendet. Weil meine Frau liegt im Heim, sie hat Altzheimer, kennt mich gar nicht mehr richtig. Und seit es ihr so schlecht geht, hat die Tochter den Kontakt eingestellt.”
Ich (völlig sprachlos)
Er: „Naja. Aber ich bin im Sommer halt viel da.”
Ich: „Ist schön da.”

wanderung19_forststrase2Tag 18 (18.7.2009): Maurach – Steinberg am Rofan mit dem Bus. Als ich in der Früh aus dem Fenster sah, hat es geschüttet, als ob Wasser nix wert wäre. Ab 1400 Meter aufwärts dominierte Nebel, aus dem nur wenige Bergspitzen hervorblitzten. Sie waren schneebedeckt. Folglich wurde aus meiner geplanten Überquerung des Rofan-Gebirges samt Abstieg über einen seilversicherten Steig eine 40minütige Busfahrt. Ach ja: Es regnete bis 23.48 Uhr in der Nacht durch. Gute Entscheidung also, wenn es mir auch um das Rofan leid tat. Tipp des Tages: Die Zimmer in der ASI-Lodge in Steinbgerg haben ein unglaublich gelungenes Innen- und Licht-Design. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, ein Lob dem Innenarchitekten.
Aus drei bösebösen Blasen (zwei große Zehe links, eine Zeigezehe rechts) wurden zwei urmegabösebösen (die auf der linken Zehe fusionierten). Neun Zigaretten geraucht (nicht viel für einen Tag im Tal), zum Abendessen einen halben Liter Rotwein genossen.

Tag 19 (19.7.2009): Steinberg am Rofan – Thiersee – per Anhalter nach Kufstein. Sonne mit sanfter Bewölkung. Der Dauerregen des Vortages hatte die Wiesen getränkt, weshalb meine Hose nach einer Stunde patschnass war, und die Bäche anschwellen lassen, weshalb ich bei einer Überquerung in einen solchen hineinstieg. Ich war also nass, keine gute Voraussetzung für zehn Stunden Gehzeit und über 40 Kilometer Weg. Nach 36 war ich in Thiersee und konnte dem Ruf der überaus freundlichen Tirolerin nicht widerstehen: „Ein Saft?” lockte sie zuerst und dann: „Wir fahren dann Richtung Kustein, sollen wir dich mitnehmen?” Tipp des Tages: Unterschätze nie die Macht der monotonen, erschlagenden, demotivierenden und die Füße stets an denselben Druckstellen belastenden Forststraße. Weite ohne Ausblick ist des Wanderers jüngstes Gericht.
Die zwei Blasen entwickeln sich zu Massengräbern (eine große Zehe links, eine Zeigezehe rechts) und schmerzen. Elf Zigaretten geraucht, um gegen die Fadesse der Forststraße anzukämpfen.

In eigener Sache: Danke für alle, die sich anboten, Hund Niko Poldi zu chauffieren! Er wird ab morgen wieder dabei sein. Yipieh!



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 Axel Halbhuber am 21.07.2009  |   4 Kommentare

Tag siebzehn ohne Worte.

Ich habe erzählt, wie schön das Karwendelgebirge ist.
Jetzt zeige ich es her.

Tag 17 (17.7.2009): Eng – Binsalm (völlig ungeplanter 40 Minuten-Aufenthalt, weil die Chefin so nett ist) – Binssattel – Gramaialm – Falzthurn – Pertisau – Maurach (zehn Minuten mit dem Bus). Sonne, Bewölkung, Nieselregen, abends Heavy Metall-Regen. Acht Stunden unterwegs, davon gut fünf auf den Beinen. Tipp des Tages: Nach drei Tagen Gebirge ist die Schotter- und Asphaltautobahn von der Gramaialm nach Pertisau wie Fegefeuer. Gehen Sie das nicht, fahren Sie mit dem Bus.
Die drei bösebösen Blasen (zwei große Zehe links, eine Zeigezehe rechts) bekomme ich in den Griff. Zwölf Zigaretten geraucht (in Europas größtem Almdorf Eng akzeptiert man allerlei Bankomat- und Kreditkarten).

In eigener Sache: Wer fährt dieser Tage zufällig von Wien Richtung Tirol und kann den großartigen Hund Niko Poldi, den ich sehr vermisse, mitnehmen?



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 Axel Halbhuber am 18.07.2009  |   3 Kommentare

Heldentypus Halbschuhtourist. Tag sechzehn.

wanderung16_wieesaxelgeht1Viele haben gesagt, die Wanderung werde mich verändern. „Aber nein”, blieb ich stur, wo ich doch auf diesem Ohr eh so derrisch bin. Aber das Karwendelgebirge hat mich hörend gemacht, vielleicht weil es dort so still ist, dass man seine innere Stimme wahrnimmt, wenn sie auch noch so leise flüstert. Und ich habe eine Erkenntnis gewonnen.
Nicht dass man jetzt glaubt! Die Erkenntnis ist mir nicht erschienen wie ein brennendes Lamm auf dem Jakobsweg. Sie ist langsam gereift, irgendwo auf der disneylandhaften Forststraße ins Karwendeltal hinein. Oder auf den sanften Höhen und unaufgeregten Tiefen des Kleinen oder Großen Ahornbodens. Oder als ich im Schatten der mächtigen Felswände der Karwendelkette stand. wanderung16_bayrischepaarSpätestens aber als ich mit dem furchtbar netten bayrischen Ehepaar auf dem Hochleger der Gramaialm ins Plaudern kam. Sie haben meinem unreifen Gedanken einen Namen gegeben, haben ihn „griabig” genannt, frei übersetzt „gemütlich”, und die Erkenntnis war da: Das wichtige am Gehen ist das Stehenbleiben, das Niedersetzen, das Umschauen.

In der Welt meiner Wanderung macht diese Erkenntnis das Kilometerfressen sinnlos, der ständige Blick auf die Karte, ob das Tagesziel erreichbar ist. Die Höhenmeter auf dem GPS und die absolvierten Stunden auf der Uhr sind nur Vehikel, Werkzeug. Für den Blick, für die Pausen, für den Weg. Der ja eben das Ziel ist.

wanderung16_gramaialm1Das wäre als Erkenntnis zu abgegriffen. Aber übersetzen wir das einmal gemeinsam in die Welt meiner Welt: Nicht Geld ist das Ziel, sondern die Arbeit, bei der man es verdient. Nicht der Studienabschluss, sondern die Inhalte, die man auf dem Weg lernt. Nicht die große Wohnung, sondern das Planen und Einrichten. Nicht der Verzehr des gemeinsamen Essens, sondern das gemeinsame Kochen.

Ja genau, das habe ich mir auch gedacht: Das könnte als Erkenntnis taugen. Und schwups waren plötzlich die Innehalter und Sichumschauer meine neuen Ikonen: Eine Stunde nach dem Gramaialm Hochleger kam ich zur Gramaialm im wanderung16_gramaialm2Tal. Die ist ein Ausflugsziel, da würde jeder Vergnügunspark vor Neid kollabieren. Und die Besucher, wie sie in ihren weißen Straßenschuhen und ihren buntbestickten Jeans aus ihren klimatisierten Komfortbussen steigen und nur wegen der Bewölkung ihre extragroßen Regenschirmen aufspannen, würde ich sonst belächeln, bedauern, verabscheuen. Aber jetzt nicht mehr: Sie kultivieren das Innehalten, sie pflegen den Ausblick, sie ersetzen den Weg gänzlich durch das Ziel. Wow, wow, wow!

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wanderung16_gramaialm3Tag 16 (16.7.2009): Larchetalm – Karwendelhaus – Falken Hütte – Engalm. Viel Sonne, dann Bewölkung, der Regen kam erst eine Stunde nach der Ankunft, ätsch! Neuneinhalb Stunden unterwegs, davon knapp acht auf den Beinen. Tipp des Tages: Wer vom Karwendelhaus zur Falken Hütte geht, möge den kleinen Hang-Steig oberhalb des Kleinen Ahornbodens wählen. Das spart nicht nur Höhenmeter, sondern versetzt in eine andere Welt…
Drei böseböse Blasen (die große Zehe links hat sich zurückgemeldet: die alte Blase ist wieder gefüllt und eine neue führt mehr Wasser als die Ache nach der Schneeschmelze; beide sind schon aufgestochen. Und auf der Zeigezehe rechts hat sich auch eine gebildet, ist aber beim Abstieg heute schon geplatzt. Die habe ich mir nur eingefangen weil ich eine so furchtbar lange Zeigezehe habe, das deute angeblich auf sexuelle Fähigkeiten hin, hat man mir mal gesagt, was weiß ich) Fünf Zigaretten geraucht (ich habe vergessen, mir neue zu kaufen und Gott sei dank vier gegen Mitwanderin Claudia beim Schnapsen gewonnen.)

In eigener Sache: Wer fährt dieser Tage zufällig von Wien Richtung Tirol und kann den großartigen Hund Niko Poldi, den ich sehr vermisse, mitnehmen?

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 Axel Halbhuber am 18.07.2009  |   7 Kommentare

Fünfzehn Tage Tiere

Meine Zu- und Abneigungen gegenüber verschiedenen Tieren haben sich verschoben. Früher waren mir solche unsympathisch, die einen größeren Kopf als ich haben. Vor allem Pferde und Kühe. Wer weiß schon, was wanderung15_kalb1die sich in dem großen Kopf denken, dachte ich immer, da ist sicher allerlei drin. Kombiniert mit ihren starren großäugigen Blicken, die immer von der Seite daherkommen, entwuchs daraus ein gewisses Befinden. Wobei „unsympathisch” schon übertrieben ist, weil es ein Gefühl impliziert. Sie waren mir nur suspekt.

Das hat sich geändert. Kühe sind liebgewordene Markierungen am Weg: Wo Kuh ist Alm und Almen sind auf der Karte immer eingezeichnet, da weiß man, wo man ist. Pferde sind da ein bisschen unterprivilegiert, die kann man nicht immer zuordnen. Aber auch das wurde besser.

Den Platz des unnötigsten, unsympathischsten und unfassbar penetrantesten Tieres hat sich derweilen die gemeine, urgemeine Bremse erbissen. Auf dem Waldweg zwischen Leutasch und Scharnitz (den ich demnächst übrigens mit meiner Leutascher Vermieterin gehen will, die dafür nur eine Stunde veranschlagt. Pah! Es sind wanderung15_kalb2zweieinhalb, ohne Trödeln) haben die Bremsen ordentlich Gas gegeben: vorne Bremsen, hinten Bremsen, auch auf der Hand Bremsen. Ekelhaftes Getier aus der Familie der Fliegen. Mitten im Heiligen Land Tirol sehe ich das so: Gott schuf die Fliege und der Teufel hat sie mit schmerzhafter Hinterhältigkeit versehen.

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Ich mag die Kühe lieber.
Tag 15 (15.7.2009): Leutasch – Hoher Sattel – Scharnitz – Larchetalm (Karwendeltal). Erst Sonne, dann „heftige Regenschauer und Gewitter”. Vier Stunden auf den Beinen, drei auf Regenasyl in einem Scharnitzer Kaffeehaus. Tipp des Tages: Einheimische Wegzeiten kritisch hinterfragen! Keine Blase, sieben Zigaretten geraucht, kein Wein.
Hund Niko Poldi, ich vermisse dich. Dich alten Fliegen-Fänger.



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 Axel Halbhuber am 16.07.2009  |   6 Kommentare

Und ewig lockt das Häusl. Tag vierzehn.

wanderung14_forststraseIch habe lange überlegt, ob ich über meine erotische Ausstrahlung oder Stuhlgang schreibe, beides Abfallprodukte meiner Langwanderung. Ich hatte gestern viel Zeit zu überlegen, den ganzen langen Weg von Biberwier nach Leutasch. Der ist nämlich in der Tat ein „leichter Spazierweg”, also ohne Ablenkung, erinnert er doch in Gefälle und Ebenmäßigkeit an den Trott einer Einkaufsstraße. Das Publikum ist dementsprechend mehr Kinderwagen und Krückstock, was ich wirklich genossen habe: Nach all den Lechtaler Fexen endlich Menschen, die in die Berge gehen ohne ihre Grenzen im Tal zu lassen. Die genau dort sind, wo sie hinwollen. Und hingehören: An den Füßen der Berge, zwischen Mieminger Kette und Wettersteingebirge statt obendrauf. Menschen, die keinen Gipfel brauchen und erkannt haben, dass ein Berg auch von 1400 Höhenmetern aus imposant aussieht.

wanderung14_weidetafelFür das Thema „erotische Ausstrahlung” spricht die immer wiederkehrende gleiche Begebenheit: Ich überhole Wanderer und vor allem -innen mittlerweile, als ob sie stünden, ach was: als ob sie langsam rückwärts gingen. Wenn ich so an ihnen vorbeifliege, merke ich weibliche Blicke in meinem Sog. Erzähle ich von meinem brachialen 1200 Kilometer-Weg, schlagen Frauen auf der Hütte stellvertretend für ihr Dekolleté ihre Augen auf. Ihre bewundernden Fragen verleihen mir Heldenhaftes. Dabei rücken sie langsam und nur wenig von ihren mitwandernden Männern ab und degradieren sie zu männlichen Mitwanderern. All diese Indizien meiner gewonnen Unwiderstehlichkeit sind für das Publikum kaum zu merken, für mich aber mit jedem zusätzlichen Tag meiner sexuellen Abstinenz deutlicher. Und es kümmert mich gar nicht, ob das vor allem an meinem schweißnassen T-Shirt liegt oder an meiner Schmutzigkeit. Ob es der intellektuelle Weitblick ist, der mich umgibt oder der testosteronschwangere Dunst.

wanderung14_lusternekuheAls ich dann über die planierte Forststraße an Almen vorbeizog, schien mir sogar eine Kuh nachzublicken. Eine besonders schöne, mit besonderen Augen. Mit großen, lüsternen Augen. Da dachte ich in mir, es gibt bessere Themen: Dauergehen, werte Leserin, treibt Stoffwechsel und schlussendlich Stuhlgang zu ungeahnter Regelmäßigkeit. Bis zu zwei Sitzungen pro Tag. Unwiderstehlich.

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Tag 14 (14.7.2009): Biberwier – Ehrwald – Gaistal – Leutasch. Viel Sonne, wenige Wolken, Regen erst nach der Ankunft: Gutes Wanderwetter, wenn auch etwas schwül. Idyllischer Spazierweg zwischen Wettersteingebirge und Mieminger Kette, eignet sich für Mountainbiketouren und Familien: Sechs Stunden unterwegs, davon fünfeinhalb auf den Beinen (alleine mache ich ja wanderung14_ehrwaldalmkaum Pausen). Tipp des Tages: Die Touristenbastion Ehrwalder Alm schnell verlassen! (dort wird gerade der Stausee vergrößert: „Wir bauen für Sie das neue Ausflugsziel.” Aaaaaaargh!) Dafür Zeit reservieren, um kurz vor Leutasch die Füße in die gleichnamige Ache zu hängen. Paradiesisch! Keine Blase, neun Zigaretten geraucht, abends schon wieder Wein getrunken (Willkommensachterl Mitwanderin Claudia).
Hund Niko Poldi, ich vermisse dich. Das wäre heute deine Strecke gewesen: Viel Bach, kaum Stein!wanderung14_leutscherache



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 Axel Halbhuber am 15.07.2009  |   4 Kommentare

Über die alpine Gleichheit des Menschen. Ruhetagsrückblick.

wanderung8_hollanderBerge sind in Stein ruhende Toleranz. Sie hüpfen weder mit Demonstrationsplakaten noch vor Parlamenten herum, sie maßregeln die Intoleranten nicht. Sie sind einfach. Und sie sind tolerant. Auf eine derart unprätentiöse Weise, Lessing muss seine Ringparabel in den Bergen geschrieben haben. Es ist den Bergen völlig wurscht, wer auf ihnen latscht. Wer von ihnen fällt oder sich mit ihnen rühmt. Wer auch immer sie bezwingen mag, die Berge merken gar nichts von diesem Kampf. Sie müssen sich nicht einmal rühren, um solche Menschen abzuwerfen.

Das färbt ab. Auch die Menschen werden in den Bergen gleicher. Der eine ist farbig, der andere Zimmermann. Die eine hat Geld, die andere schon drei Achttausender bestiegen. Sie sind alt oder viel zu jung. Siehe Memminger Hütte. Da übernachteten vergangenen wanderung10_vorderedremelscharte5Mittwoch rund 120 Menschen. Ja, das ist eine Menge: Auf dieser Hütte kreuzen sich der Europäische Weitwanderweg 4 (der in Österreich entlang meines Weitwanderwegs 01 verläuft) und der E5: Oberstdorf-Meran in sechs Tagen. Und wie soll ich sagen: Die Wiener Südosttangente ist dagegen wenig befahren. Nein, ich weiß auch nicht, ob es eine echte Gaudi ist, im Gänsemarsch die Alpen zu überqueren, da müsste man Hannibal fragen. Aber das ist jetzt gar nicht das Thema.

Das Thema sind zum Beispiel die vier hannovanischen Jugendkinder zwischen 10 und 19, die spät abends, waschelnass die Memminger erreichten. Ich kannte die Gesichter, sie waren am Vorabend auch in Bach (Lechtal). Dort hatte ich mir schon Geschichten zu ihnen überlegt: Pfadfinder, Jungschar, wanderung10_anhalterhuttehelmutmit den Eltern in Urlaub und für zwei Tage auf Erkundungstour. Für etwas Aufregenderes hatte die Szene nicht gereicht, ein Zehnjähriger, eine Dreizehnjährige, ein Bursche und ein Mädchen, die beide wie sechszehn aussehen, alle mit Rucksäcken, an denen Blechhäferl baumeln. Auf der Memminger erzählte mir Julia, dass sie 19 und wie die Lage wirklich ist: „Die beiden Kleinen und ich sind Geschwister, er (der tatsächlich 16jährige) ein Freund von uns. Wir gehen einen Monat, bis Verona.” Auf meinen geistesverwirrter Blick gepaart mit dem gestammelten Wort „Eltern” sagte sie weiter: „Ich musste sie fast ein halbes Jahr überreden.” Ja, aber, äh, ich meine, na sag mal, bearbeiten 19jährige Mädchen ihre Eltern sonst nicht eher wegen einer USA-Reise, einer Schauspielausbildung oder eines wanderung10_anhalterhuttechristoffesten Boyfriends, der in einer Dark-Heavy-Gothic-Metal-Band spielt? „Ja sicher. Aber die Berge sind doch toll.” Julia sagte das wie nebenbei.

Die anderen Jugendlichen auf der Memminger waren aus sozial schwierigen Verhältnissen, auch auf dem Weg über die Alpen und Protagonisten einer arte-Doku. Dem dazugehörigen Kamerateam gehörte auch ein Farbiger an. Der plauderte lange mit den beiden ellenlangen, drahtigen Holländern, die vor dem Essen Schach auf der Hütte spielten und danach von ihrer Wanderung erzählten: Amsterdam-Rom. Warum? Warum nicht! Die beiden waren an dem Abend die Surferboys und wurden auch so umschwärmt. Nur die beiden Rumänen schauten nicht verliebt auf sie, ich glaube, die wollten ein wanderung11_geretteteinnsbruckerbisschen von der Ehrerbietung haben. Aber mit „sechs Tage durch die Lechtaler” eroberst du auf der Memminger bestenfalls den Kameramann von arte. Das muss die beiden Rumänen demotiviert haben, denn am nächsten Tag wollten sie auch bis zur Steinsee Hütte, aber abends habe ich sie dort nicht mehr gesehen. Egal, ich unterhielt mich dort stattdessen sehr eingehend und intelligent mit dem Deutschen über den Zustand des Journalismus. Was er denn mache? „Ganz einfach erklärt: Zimmermann.” Er ging am folgenden Tag klettern und reagierte auf meine Sorgen über ausgesetzte Höhenwege wie die meisten: mild, aber mit ein bisschen „kein Problem”.

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Bei Hosenschissern wie mir stößt nämlich selbst die montane Toleranz an ihre Grenze, siehe Alois. Dabei habe ich es so klar gesagt: Ich gehe wandern. Das ist in meinem Gedankenlexikon: „Wandern, das. Begehen der Berge auf Wegen, die wanderung11_romanschaferhuttePlatz für beide Füße bieten und aufrechtes Stehen und Gehen erlauben.” Punkt punkt punkt! Und was soll ich sagen: Der Freitag Abend auf der Anhalter Hütte gab mir auf traurige Art recht. (Wo ich übrigens ein vergnügliches Dinner mit den beiden Schwaben Helmut und Christof hatte, die zwei sind Freunde und ehemalige Kollegen, aber in manchen Dinge so unterschiedlich, dass das Gespräch etwas von Kabarett hatte, da Helmut der pragmatische Familienmensch mit ausgeprägter Konsensneigung, dort der investigative No-Kids-Fan Christof mit dem Drang zum widersprechenden anderen Standpunkt) Die unglaublich lebensfrohe und freundliche Hüttenwirtin Carmen (es geht nicht anders: Prädikat abgedrehte Nudel) ist Hamburgerin und vor 21 Jahren wegen eines Pitztalers nach Tirol gezogen. Die Fotos von ihm, mitten im Speisesaal, zeigen den Vollbärtigen als echten Alpinisten, wie ein Double von Reinhold Messner. Auf hohen Gipfeln steht er, das mutig Alpinistische ihm ins Gesicht geschrieben. Unter einem Foto steht „2002″ und „Lawine”. Da hörte ich zwischen all dem Menschenlärm im Saal die Radionachrichten: „Nanga Parpat” und „Österreicher vermisst”. Und der tolerante Hosenschisser in mir dachte sich: Mit mir nicht, liebe Berge, nur mit den Anderen, nicht mit mir! Auch weil er in diesem Moment noch nicht wusste, dass er am nächsten Tag ungewollt und verzweifelt in einem Erdhang hängen und die Berge sagen hören wird: „Anders? Ha, ihr seid doch alle gleich!”wanderung11_tarrentonalmmenschen

(Anmerkung: Die Menschen auf den Fotos zeigen nicht unbedingt die Protagonisten der Geschichten. Weil einerseits nicht alle davon plakativ dargestellt werden sollen. Und weil die Fotos anderer Menschen, die ich treffe, auch Geschichten haben. Solche, die man nicht gar nicht erst beschreiben muss.)

Ruhetage 2 und 3 (12. und 13.7.2009). Hotel Cube (erfrischend anders, wenn auch mit Schönheitsfehlern) in Biberwier: Zimmer – Frühstück – Lobby mit WLAN – Sonnenterrasse mit Blick auf die Zugspitze – Waschraum mit Trockner – Bar – Zimmer. Tipp des Tages: Wenn die Waschmaschine nicht funktioniert, ärgere dich nicht alleine. Sondern mit dem hessischen Pärchen ohne hessischen Akzent. Keine Blase mehr (!), zu viele Zigaretten geraucht, einige Achtel Rotwein getrunken, Zeit wieder auf den Weg zu kommen.
Hund Niko Poldi, ich vermisse dich. Bist du schon wieder fit? Wie wäre denn dein Comeback in Kufstein?

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 Axel Halbhuber am 14.07.2009  |   Keine Kommentare