Wir Spitaler wir. Tag zweiundvierzig.

Wanderung42_SpitalDomDie Wanderung von Spital am Pyhrn nach Admont muss phantastisch sein. Keine lange Etappe mit überschaubar vielen Höhenmetern und toller Streckenführung zwischen den beeindruckenden Bergen Bosruck und Großer Pyhrgas. Allein: Ich ging sie heute nicht, sondern schob einen weiteren Ruhetag ein. Weil einerseits mein Rücken wundgerieben ist und Pause braucht. Und ich andererseits zu verkühlt bin, um das noch zweieinhalb Wochen mitzuschleppen. Das Merkwürdige dran: Es ärgert mich, ich möchte gehen. Nein, das hätte ich mir vor eineinhalb Monaten nicht gedacht. Jeden zusätzlichen Tag außerhalb der Wanderschuhe werde ich mit einem Kirchenkerzerl feiern – so habe ich mir das gedacht. Aber dass ich stinksauer im Bus nach Admont sitze, nicht.

Gut, dass mir am Weg zur Bushaltestelle in Spital am Pyhrn der Herr Pfarrer über den Weg lief. Denn so kämpfte sich eine Geschichte wieder in die erste Reihe meines Hirns, die mir am Vortag zugetragen wurde: Dieser Herr Pfarrer brachte die Spitalerin Gerlinde Kaltenbrunner zum Bergsteigen, als sie bei ihm in der Jungschar und Ministrantin war. Genau: Die Gerlinde Kaltenbrunner, die schon auf urvielen Achttausendern war. Die vor einer Woche zum zweiten Mal bei der Besteigung des K2 aufgab. Und die gerade deswegen eine der erfolgreichsten Bergsteigerinnen ist: Weil sie immer zurückkommt. Weil sie Wanderung42_Rückennicht übertreibt und deswegen alles verliert. Weil sie vor der Grenze „Stopp“ sagt. Weil sie ankommt, mit oder ohne Güpfi.

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Nein, natürlich vergleiche ich mich hier nicht mit der Kaltenbrunner. Aber ich tröste mich mit ihr. Schließlich fühlte ich mich in Spital am Pyhrn auch sehr wohl.

Tag 42 (11.8.2009): Spital am Pyhrn – Admont, per Bus über Liezen. Wechselhaft, kaum Sonne, gelegentlicher Regen. Tipp des Tages: Nicht ärgern.

Keine Blase, woher auch? Einige Zigaretten geraucht, kein Alkohol. Hund Niko Poldi mag nicht mehr ruhen, im Gegenteil: Er ist unruhig насос для канализации. Hund Niko Poldi will gehen, sich in Almwiesen wälzen und Seen bespringen. Ich kann dich verstehen, mein Lieber. Zum Trost bekommst du Pansensticks.

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 Axel Halbhuber am 13.08.2009  |   9 Kommentare

Musik für die Augen. Ruhetag sieben.

An Ruhetagen telefoniert Axel nach Hause. Die beiden häufigsten Fragen nach „Hallo, wie geht’s?“ sind dann „Was geht dir am meisten ab?“ und die dazugehörende Subfrage „Dein Gewand?”  Frage zwei kann ich als passionierter Modemuffel vom Tisch wischen, es ist herrlich nur drei Leiberl zu haben und immer dasjenige anzuziehen, das am wenigsten streng riecht. Auf die erste Frage antworte ich: „Mein Motorrad, meine Gitarre, aber am meisten fehlt mir Musik.“ (An dieser Stelle gestehe ich, dass mir beim Wandern permanent La pulce d’aqua von Angelo Branduardi, die englische Originalversion von Les Miserables und Wie a wüdls Wasser von den Seern ins Ohr kommt. Nein, man kann jemanden nicht nach seinem Musikgeschmack beurteilen.)

Daher probierte ich jüngst die Funktion Radio auf meinem Handy aus. Das Lied schoss mir ein wie ein Laserstrahl, ich habe getanzt, gesungen, die anderen Menschen auf der Straße schauten wie Laternen. Es grölte mir Herr Bryan Adams ins Ohr:

„Oh when I look back now  – That summer seemed to last forever – And if I had the choice – Ya – I’d always wanna be there – Those were the best days of my life.”

Herr Adams kennt mich gar nicht und wahrscheinlich auch nicht mein Wanderprojekt. Aber mein Gefühl hat er trotzdem getroffen. Lieber Bryan, hier sind meine Bilder zu deinem Song. Musik für die Augen.

Tag 41, Ruhetag 7 (10.8.2009): Spital am Pyhrn, Hotel Freunde der Natur. Beim Frühstück genügend Sonne, um draußen zu sitzen, zu Mittag bewölkt. Der Patzenregen setzte erst ein, als wir für einige Besorgungen draußen waren. Da reichte dann aber ein Vierminuten-Rückweg zur kompletten Nässe. Tipp des Tages: In Spital am Pyhrn trifft man Menschen. Denn ehrlich: Wenn dein Hüftgurt einen auf Seperatist macht und sich vom Rucksack zu lösen beginnt, brauchst du sonst ein Superspezialgeschäft. Hier fragst du dich durch bis jemand vom Tourismusbüro dich auf den Campingplatz führt und der dortige Drachenflieg- und Paragleitwerkstatt-Inhaber dir den Hüftgurt wieder annäht. Und wenn du ihn bezahlen willst, wischt er diese Beleidigung mit einem Lächeln vom Tisch. Ich meine ehrlich: Wie oft gibt es das denn?

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Keine Blase. Acht Zigaretten geraucht, kein Alkohol. Ruhetags-Programm abseits der Waschorgie, der Rucksack-Reparatur und der Körper-Instandhaltung: Scrubs, Onkel Charlie, Grey’s Anatomy und Radio hören. Denn der Geist braucht auch mal ein bisserl Trash, wenn er ständig durch die alpine Klarheit getragen wird торговое оборудование кондитерское. Hund Niko Poldi schaut nicht viel fern. Nur bei den Radio-Nachrichten lauschte er: „Laut einer Studie sind Border Collies die intelligentesten Hunde.“ Hund Niko Poldi, Mischling mit ein bisschen Border Collie-Genmaterial schaute mich so an: „Da siehst einmal, was du an mir hast.“



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 Axel Halbhuber am 12.08.2009  |   2 Kommentare

Mitwanderer am Wort. Tag vierzig.

Manchmal übersehe ich schon fast, was den Berg ausmacht. Ich übersehe die Mühe, den Schweiß. Ich übersehe das Glücksgefühl am Ende der Etappe. Auch deswegen ist es so wichtig, dass Freunde mitgehen und mich wieder daran erinnern. Wenn mich eine große Gruppe über das Warscheneck (oder sagen wir fast ganz darüber) begleitet, klingt das dann so.

Sandra: „Beherrsche ich mich. Oder beherrscht mich der Berg. Ich weiß es auch nach dieser Wanderung nicht ganz genau. Ein paar Dinge habe ich wieder mal gelernt: Stöcke sind eine große Hilfe. Studentenfutter ist ein superguter Energielieferant – am Berg schmecken sogar die Rosinen. Niko Poldi ist der beste Berghund – gämsenartig, trittsicher, fröhlich, und ein guter Gruppenhüter. Und am allerschönsten ist es, wenn nur noch der nächste Schritt zählt, der nächste Atemzug. Und der Kopf ganz leer wird. Ich kenn’ kein schöneres Runterkommen (obwohl ich aufs Runtergehen locker verzichten könnt, das geht auf die Psyche. Und auf die Knie. Aber ich weiß’ eh: Das gehört schon auch dazu :-)

Gerti: „Nirgendwo liegen Verzweiflung und Glück so dicht beieinander wie am Berg. Die letzten Schritte zum Gipfel sind unbeschreiblich: Endlich ankommen. Endlich geschafft. Jetzt weiß ich, es geht viel mehr im Leben als man glaubt. Am Berg gibt es kein Umdrehen. Und manchmal braucht man jemanden, der einen zum Gipfel führt (Danke Julia!). Heute bin ich froh, dass ich weitergegangen bin. Und sehr glücklich und stolz über diesen Gipfelsieg!“

Robert: „Wer rauf geht, muss runter gehen – auch wenn es bergab gar nicht lustig ist. Wenn man unten aber in den Rückspiegel schaut und die Wand sieht, ist das das größte Glücksgefühl. Zugegeben: Zwischendurch hat es keinen Spaß gemacht. Aber jetzt weiß ich: Ich hab’s geschafft und will es wieder erleben.“

Marc: „Ich war goschert am Anfang und hab mir gedacht: kleine Wanderung, kein Problem. Die Anstrengung und den Berg habe ich total unterschätzt – nie hätte ich mir gedacht, dass das so schwierig sein kann. Jetzt bin ich stolz, es als Nicht-Sportler geschafft zu haben. Und habe großen Respekt vor Axels Leistung und seiner Motivation. Am Berg da oben hat mich die Stille überrascht.“

Tom: „Ich liebe die Action und brauche Adrenalin. Beim Abstieg vom Toten Mann war‘s mir dann schon fast zuviel – wenn mal die Hüttenwirtin von „ausg’setzt“ spricht, verspricht das keinen Spaziergang. Mein neues Motto beim Wandern lautet ab sofort: Lieber zwei Mal rauf als ein Mal runter.“

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Julia: „Herrliches Naturerlebnis, eine tolle Wandergruppe – ein unvergessliches Erlebnis, das vor allem eine nachhaltige Erkenntnis brachte: Ich hasse bergab gehen!“

 

Tag 40 (9.8.2009): Zeller Hütte – Toter Mann – Speikwiese – Brunnsteiner See – Wurzer Alm – mit der Standseilbahn bergab – Spital am Pyhrn. Nebelig, nieselig, regnerisch, erst am Nachmittag ein wenig Sonne: Kein gutes Wetter für einen felsig-anspruchsvollen Abstieg. Acht Stunden unterwegs, davon sechseinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Man unterschätze nie den Abstieg vom Toten Mann Richtung Speikwiese. Das ist bei Regen durchaus eine alpine Sache. Trotzdem: Überwinden, man fühlt sich danach stark!

Keine Blase. Sechs Zigaretten geraucht, kein Alkohol. Am Abend wartete übrigens meine Freundin im Hotel auf mich. Und da fiel mir auf, wie sehr körperliche Nähe einem nach über einem Monat abgeht. Nein, da reden wir jetzt gar nicht blöd kichernd über das Sexuelle, sondern über das Kuscheln, werte Leserin und werter Leser. Ja, das kann einem ganz schön fehlen, lassen Sie das nicht zu! Hund Niko Poldi war es aber recht wurscht, der suchte sich das beste Eck des Zimmers aus und träumte nochmal das Tote Gebirge durch новости дом 2. Es war ein tiefer Schlaf mit gelegentlichen Seufzern. Ich sage Ihnen: Es ist sehr süß, wenn ein Hund im Schlaf tief seufzt.



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 Axel Halbhuber am 12.08.2009  |   2 Kommentare

Es war die Lärche. Tag neununddreißig.

Wanderung39_Mitwanderer1Heute ist es passiert: Am 39. Tag kam eine Hüttengaudi über mich, dass die partysüchtige Milz ihre Freude hatte. Dazu muss ich eines erklären: Zuhausesitzende Freunde und ankommende Mitwanderer glauben oft, so eine Wanderung bedeutet permanente und abendfüllende Gelage. Wie sehr das nicht stimmt, erkennt man an dem Schild, das auf fast allen Hütten hängt: „Hüttenruhe 22 Uhr“, steht da knapp. Und dieser Satz ist in den seltensten Fällen eine Diskussionsgrundlage. Er ist fast immer geltendes Recht, das pünktlich mit dem Umlegen des Lichtschalters exekutiert wird.

Auf der Zeller Hütte ergab sich das anders. Meine große Mitwanderschaft Sandra, Gerti, Sarah, Julia, Robert, Hannes, Tom und Marc wollte abends Wanderung39_Mitwanderer2Geburtstag feiern. (Sandra und Tom sind Geschwister und wurden beide an einem 12. August geboren. Sandra im Jahr 1976, Tom 1979. So etwas gehört erzählt.) Ich fragte daher schüchtern, ob denn die Rechtssprechung auf der Zeller Hütte mehr „jawohl Euer Ehren“ oder „na schauen Sie, Herr Rat“ ist? Und wie soll ich sagen: Hinter den reschen Fassaden des Hüttenwirtspaares Heidi & Robert stecken weiche Sperrstunden-Kerne. Es kam also, wie man es auf Berghütten selten hat: Gitarre, Wein in Flaschenmenge, Singen und Lachen. Das geht nur, wenn man bis auf eine kleine Gruppe die einzige Gästeschaft ist. Um elf sollte der Zauber trotzdem vorbei sein, wir waren ja auch müde.

Aber ich war wieder einmal zu langsam im Bett. Wie zwei andere auch. Für Wirt Robert das Stichwort, uns nochmal an die Theke zu bitten und seiner Einladung mit vier Schnapsgläsern Nachdruck zu verleihen. Dann ging alles ganz Wanderung39_MitwandererUndHeidschnell:

„Was wollt ihr trinken?“

„Ich hatte letztens einen großartigen klaren Zirbenschnaps, nicht den angesetzten. Hast du den auch?“

„Nein, aber da hier einen Lärchenen.“

(Eine Flasche klarer Flüssigkeit rumst auf die Theke, mittendrin ein Lärchenzweig. Er schenkt mir doppelt ein: das Glas voll, metaphorisch ordentlich. Ich trinke den Obstler mit Lärchennote)

„Na servus, mit dem machst aber nimmer viel Geschäft.“

Aus Robert spricht nun der weiche Kern: „Hast recht. Trink ihn gleich aus.“

Wanderung39_AxelGitarreIch betrachte die Flasche, in der sicher noch sieben Portionen schlummern: „??????“

Die anderen tranken Zirbenen, hatten aber auch viel Spaß. Mit jedem Schluck vom Klaren wurden die Themen unklarer, aber die Lacher deutlicher. Und ganz unschuldig stellte sich das ein, was sich alle Zuhausegebliebenen vorstellen: Eine unfassbare, rotwangige und total sinnlose Hüttengaudi. Als ich dann um ein Uhr zum Einschlafen im Bett lag, war ich zufrieden, das auch noch erlebt zu haben. Aber da wusste ich auch noch nicht, dass Wirt Robert am nächsten Morgen , nach dem Frühstück, beim Zahlen, um zehn Minuten nach acht Uhr darauf bestehen würde, zum Abschied noch einmal einen Schnaps zu trinken форум турции. Er nennt das „Zähneputzen“. Eine Gaudi.

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Tag 39 (8.8.2009): Hinterstoder – Wartegg – Mostschenke Binder – Zeller Hütte. Sonnig, zunehmend bewölkt, am Nachmittag dann langsam aufziehende verdächtige Wolken und pünktlich bei Erreichen der Hütte leichter Regen, ätsch Himmel! Sieben Stunden unterwegs, davon fünfeinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Eine gute Grundlage im Magen! Da ist der Mostbauer kurz nach Wanderung39_NikoHaubedem Wartegg, der die Vorbeiwanderer hereinruft. Da ist die Mostschenke Binder, die einen lockt. Und da ist die Zeller Hütte an sich. Also beim großartigen Frühstückbuffet im Hinterstoderer Edelweiß Alpin Lodge nur nicht g’schamig sein.

Keine Blase. Elf Zigaretten geraucht, mehrere Achtel Rot und einiges an Schnaps. Niko Poldi bewegt auf dieser Wanderung etwas: Auch Hüttenwirte, die skeptisch gegenüber Hunden sind (was ich übrigens verstehen kann, nicht alle Wauwaus sind wie Niko Poldi), erklären mir, dass dieser Hund großartig ist. Dass er sich benimmt. Und dass so einer ja eh in die Hütte rein darf.



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 Axel Halbhuber am 11.08.2009  |   11 Kommentare

Komm, stiller Tod. Tag achtunddreißig.

Wanderung38_MorgensonneWenn man es vom Loser aus begeht, stirbt das Tote Gebirge langsam. Bis zur Pühringer Hütte wirkt es sogar recht lebendig, steht gut im Saft kräftiger Farben und ist sanft im Gelände. Erst eine halbe Stunde nach der hübschen Hütte am See wird es älter. Die Steine werfen Falten und erinnern an die Gesichter des Alters. Das lebendige Grün weicht einem schalen Weiß. Und bei der mächtigen Steigung Richtung Rotkogelsattel weiß man nicht, ob die Berge röcheln oder man selbst.

Dann ist das Tote Gebirge kompromisslos, gezeichnet, erhaben. Es geht seinem Ende zu und sagt einem nur mehr das Nötigste. Es erinnert an ein Sterbebett, an dem nur mehr bedeutende Worte gesagt werden dürfen. Man geht an der Wanderung38_FaltigeBergeFleischbank vorbei, die vereinzelt durchschimmernden Blumen sind bestenfalls ein letztes Geleit. Und am Temelbergsattel ist alles aus.

Laut ist das Tote Gebirge ja nie, aber hier ist es still. Die gelegentlich rollenden Steine verstummen ehrfürchtig, der Wind flacht ab wie die Herzschlag-Kurve. Der Dachstein schaut aus der Ferne herüber, sein weißer Gletscher erinnert an den Kittel des Arztes, der den Tod feststellt. Kein Ton ist zu hören, da oben ist Totenstille. Ich habe so etwas noch nie erlebt und mache mit, kein Zeiger tickt, kein Puls ist zu hören. Hund Niko Poldi legt sich hin und erweist dem Gebirge die letzte Ehre. Die Szene ist klar und deutlich. Hier, wo man nichts hört, hört man endlich genau hin. Und wird gefangen vom Blick Richtung Osten: Da liegt die Klinser Schlucht, ein Joch aus zwei zusammenstoßenden Schotterfeldern. Sie gleichen dem Tunnel, hinter dem das Licht des offenen Stodertals hervorleuchtet. Hier oben ist Pause.

Wanderung38_TotesGebirge2Später wandere ich zum Priel Schutzhaus und gebe mir zum Leichenschmaus ein Tellerfleisch. An das Tote Gebirge denke ich den ganzen mühsamen Abstieg zurück. Und dann am Ende beginnt das Leben wieder, an einem Sandstrand an der Krummen Steyr. Wo wieder Vögel zwitschern. Wo sich im Wasser unfassbares Blau einen eindrucksvollen Kampf mit durchsichtiger Klarheit liefert. Wo Hund Niko Poldi jauchzt und bellt. Als möchte er die Erinnerung hochhalten.

Tag 38 (7.8.2009): Pühringer Hütte – Rotkogelsattel – Temelbergsattel – Klinser Scharte – Priel Schutzhaus – Hinterstoder. Sonne, Sonne, Hitze zwischen all den Steinen. Die Landesgrenze zwischen der Steiermark und Oberösterreich nimmt man kaum wahr, gut so. Aus dem Schauen kommt man Wanderung38_Temelbergsattelauch so nicht raus: Hier der Dach-, dort der Traunstein. Neun Stunden unterwegs, davon siebeneinhalb auf den Beinen. Tipp des Tages: Nach dem mühsamen Abstieg vom Priel Schutzhaus kommt man auf die Forststraße und sollte den Blick stur nach links richten. Da sieht man urplötzlich einen buchtartigen Platz an der Krummen Steyr, sowas hat man noch nicht gesehen. Wer hier nicht rastet, rastet nie. Quasi rastlos.

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Eine stille Blase an der rechten Ferse. Sieben Zigaretten geraucht, drei Achtel Rot (erstens gab es acht Mitwanderer für dieses Wochenende zu begrüßen, zweitens ist die Lounge im „Edelweiß Alpin Lodge“ mitunter das Gemütlichste weil sensibel Modernisierteste was ich unterbringungsmäßig bislang auf meinem Weg sah) русская кухня 18 века. Was hat sich der Kleine Schwarze verdient, wenn er nach dem Zehnstunden-Tag gestern heute nochmal über sieben Stunden Wanderung38_KlinserSchluchtdurch scharfkantige und heiße Steine läuft? Genau: Einen kleinen Fluss, ein geworfenes Stockerl, Sand zum Wälzen und Zeit für sich.

Wanderung38_NikoInKrummerSteyr



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 Axel Halbhuber am 11.08.2009  |   2 Kommentare

Interview auf dem Loser. Tag sechsunddreißig.

Ich lasse auf meiner Wanderung so ziemlich jede Möglichkeit aus, einen zusätzlichen Gipfel zu besteigen. Aus gutem Grund, wie ich meine. Aber heute war das anders: Der Loser musste einfach sein. Dafür war ein wenig Umplanung dieses Tages nötig, der sich sowieso nicht an den Plan hielt. Warum dann noch extra auf einen Gipfel? Gegenfrage: Warum nicht?

Interview mit Axel am Loser auf YouTube

Tag 36 (5.8.2009): Bad Goisern – Altaussee (leider mit dem Auto, weil die Telekommunikation einen weiteren Vormittag in Goisern verlangte, es tat mir leid um den Weg) – dafür außerplanmäßiger Fleißaufgaben-Aufstieg auf den Loser (das hat entschädigt) – Loser Hütte. Bewölkt, nebelig, kühl. Aber bis zuletzt trocken und gegen Abend auch sonniger, was wiederum den Ausblick von der Terrasse der Loser Hütte herrlich gemacht hat. Apropos Loser Hütte: Sehr nette Wirtin, sehr gutes Essen. Vier Stunden unterwegs, davon drei auf den Beinen. Tipp des Tages: Herumwandern am Loser. Zeit nehmen für Sitzen am See, die mystischen Winkel und die nordexotisch wirkende Natur.

Blasenfrei. Vierzehn Zigaretten geraucht (ich musste mich heute viel über Technik ärgern), ein weißer Spritzer Скайп для мобильного. Kann mir jemand erklären, warum Hund Niko Poldi sich heute kurz einmal in einer Kuhflade gewälzt und dann noch von Schafspemmerln gekostet hat? Höhenluft? Anale Phase mit sechseinhalb? Hund Niko Poldi, schlafe in dem Eck da drüben. Da ganz weit drüben!



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 Axel Halbhuber am 07.08.2009  |   5 Kommentare

Leben in der Pause. Ruhetag sechs.

Den ersten Rasttag seit Kufstein habe ich gebraucht. Auch im Kopf, daher Kurzform:

  • Wanderung35_WäschetrocknenSchuhe zum Service, da hingen allerlei Plastikstücke weg, außerdem ist auch das dichtende Goretex am Ende. Ach ja und neue Einlagen bitte.
  • Stöcke zum Service, der eine braucht eine neue Spitze, beide brauchen neue Teller. Natürlich wären neue günstiger, aber wegen der emotionalen Nähe bitte doch.
  • Grüß Gott, schönes Hotel, sagen Sie, könnten Sie, eine Waschmaschine, mehr nicht. Haben Sie sich eh gedacht, super. Danke sehr. Ach ja und Trockner? Weil ich habe nur die eine Hose. (alternativ: Oh je, nicht, schade. Also wieder Dings aus der Tube, Waschbecken, aufhängen Fön fixieren und per Hand).
  • Jawohl! Internet-Empfang. Also gemma: Die nächsten Quartiere, Emails, Kommentare und Fotos.
  • Kekse aus dem Supermarkt.
  • Erdbeersaft aus dem Supermarkt.
  • Ein Fernseher, juchauz! Bitte also Essen erst um acht, weil davor Scrubs und Onkel Charlie schauen. Ja, das ist verdammt wichtig. Huch: Fußball heute, schau an. Salzburg kann plötzlich kicken, wurde Zeit.
  • ZIB 24, schon nach zwölf? Na geh, Frühschlaf verpasst. Wurscht, bin eh schön.

Tag 35 (4.8.2009): Bad Goisern, im sehr authentischen und heimeligen Hotel Agathawirt. Es hat fast ganztags geregnet, wie es sich für meine Wanderpause gehört. Soll der Himmel loswerden, was er zu betrauern hat, denke ich mir da. Tipp des Tages: Ein Vollbad! Ich weiß, nicht jeder ist der Badetyp, aber es gibt am Ruhetag keine größere Wonne als Wanne .

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Blasenfrei. Elf Zigaretten geraucht, grüner Veltliner ungezählt. Hund Niko Poldi bekam neben Hundefutter aus dem Supermarkt auch Schweinsohren und Pansenstücke. Es gibt in der Tat kein größeres Glück für die schwarze Flohdackn. Und dass ich mir so die Liebe erkaufe, die es am Berg zur nötigen Folgsamkeit braucht, ist womöglich nur ein Gerücht.



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 Axel Halbhuber am 06.08.2009  |   2 Kommentare

Irrweg ins Glück. Tag vierunddreißig.

Wanderung34_WegweiserIn Gosau habe ich die Abzweigung auf den Wanderweg Richtung Iglmoos Alm verpasst. Ich weiß nicht, ob es an meiner morgendlichen Wirre lag oder an mangelnder Beschilderung. Ist auch egal. Jedenfalls habe ich bald gemerkt, dass die flache Forststraße, der ich folgte, nur parallel zu dem richtigen Weg verläuft. Umkehren wollte ich nicht, man schenkt auf dem Berg keine Höhenmeter her. Ich habe auf dem Plan schon gesehen, dass meine Straße demnächst mitten im Wald ein einsames Ende finden wird, aber der abenteuerliche Schelm in mir meldete sich inbrünstig: „He Alter, jetzt gehen wir seit dreiunddreißig Tagen immer auf dem Weg, den Blick immer nach der nächsten Markierung suchend, da werden wir doch in flachem Gelände ein paar hundert Meter durch das Dickicht pirschen können.“ „Ja aber“, entgegnete ich „am Berg niemals den Weg verlassen!“ „Und immer warm anziehen, nie ohne Schirm aus dem Haus, zur Vorsorgeuntersuchung rennen und abends schon das Wanderung34_Dickicht1Gewand herrichten. Lass uns einmal Piraten sein!“ Wir erreichten das Ende der Forststraße und zogen querfeldein Richtung Berg.

Im meterhohen Gras, na gut: einmeterhohen Gras, wurde der Schelm kleinlaut. Als es mich beim Überklettern eines querliegenden Baumes stummfilmmäßig hinfletschte, verstummte er. Gut so, sagte ich mir und nutzte die Ruhe zum Denken. Weil sich nämlich schon wieder eine Lebenserkenntnis aufdrängte: Wenn man auf einem Irrweg ist, weiß man nicht, wo man ist. Am richtigen Weg ist man sich sicher, aber der Irrweg kann dieser oder auch ein anderer Weg auf der Karte sein. Man ahnt es höchstens, etwa so: Wanderung34_Dickicht3Aha, das ist jetzt eine Kurve nach links, na das wird wahrscheinlich der, naja, vielleicht aber doch, da oder nein, weiß nicht, na glaube schon.

Die lebensnahe Frage dazu: Wie weit geht man auf einem Irrweg, in der Meinung, dass auch er an das Ziel führt? Oder überhaupt an ein Ziel? Wie lange sucht man Gewissheit, bis man dann doch umkehrt? Wann werden Entdeckungssinn und Pioniergeist zu Sturheit und schlussendlich zum Unglück? Wann zieht man die Notbremse? Wie lange darf ein Job unglücklich machen, bis man erkennt, dass es nicht am eigenen Willen durchzubeißen liegt? Wie lange kämpft man um eine Beziehung bis wieder gute Zeiten kommen? Wann führt sich der persönliche Kleinkrieg gegen den inneren Schweinehund ad absurdum, weil man eben einfach lieber dick bleibt?

Wer erklärt einem eigentlich die Grenze zwischen Leichtsinn und Disziplin? Wann gibt man zu Recht auf?

Wanderung34_WildsuppeNein, werte Leserin und werter Leser, diese Fragen haben kaum mit mir zu tun. So schnell öffne ich mein Innerstes nicht. Wobei, und das möchte ich auch einmal sagen: Wir kennen uns schon ganz gut.

Epilog: Ich habe nach einer halben Stunde wieder den richtigen Weg erreicht. Der restliche Tag war von einer wunderschönen Wanderung gesegnet. Und als es eine Stunde vor dem Ziel zu schütten begonnen hat, habe ich weder einen Unterstand gesucht noch mich eingemummt. Ich habe genossen, am richtigen Weg zu sein. Samt Regen.

Post-Epilog: Vom Baumsturz blieb ein mächtiger blauer Fleck am Knie. Und die Erkenntnis, dass es sich gelohnt hat.

Tag 34 (3.8.2009): Gosau – durch wegloses Dickicht zur Iglmoos Alm – Goiserer Hütte – Bad Goisern. Bewölkt, nebelig, kühl. Und die letzte Gehstunde des Tages hübsch regnerisch. Hat aber gar nichts gemacht, es war schon lange nur mehr trocken. Ich habe nur den Rucksack eingehüllt und den Regen genossen, wirklich! Fünfeinhalb Stunden unterwegs, davon knapp fünf auf den Beinen, eine davon allerdings beim Wegsuchen. Die Wanderung ist wirklich Wanderung34_Knieschön, besonders die unfassbar idyllische Schartenalm faszinierte mich. Gleich danach fiel der Nebel ein, aus dem die sehr schöne, angeblich auch mit herrlichem Ausblick gesegnete Goiserer Hütte auftauchte. Die Menschen dort waren so nett, dass sie es locker zum Tipp des Tages bringen würden. Wenn sie nicht eine so leckere Wildsuppe kochen würden, dass nur mehr Platz 2 frei ist .

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Blasenfrei. Sieben Zigaretten geraucht, kein Alkohol. Hund Niko Poldi genoss den Regen nicht. Er schüttelte ihn alle fünf Minuten ab, schaute mich an und sagte wortlos: „He Alter, wir gehen jeden Tag, ist okay. Aber das ist nicht dein Ernst, oder? Weil das ist nass und das habe ich nicht gebucht.“



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 Axel Halbhuber am 05.08.2009  |   3 Kommentare

Grenzgänger. Tag dreiunddreißig.

Der Gosaukamm ist schon besonders schön. Auch wenn er neben dem mächtigen Dachstein nur die größte Nebenrolle der Gegend abbekommen hat: Die Mischung aus wanderbaren Almen, schroffen Bergwegen und aalglatten Kletterwänden ist faszinierend. Kein Wunder, dass sich zwei Bundesländer den Gosaukamm teilen. Und so trat ich also am dreiunddreißigsten Tag über die Grenze zwischen Salzburg und Oberösterreich. Und in das vierte Bundesland meiner Wanderung ein. Bei der Rast auf dem Törleck schossen mir die vergangenen Bilder durch den Kopf. Bitte schön!

 

Tag 33 (2.8.2009): Stuhlalm – Törleck – über den Herrenweg nach Gosau. Sonne und Hitze kündigten an, was am Abend über uns fegte: Ein Gewitter, das alles zittern lässt, besonders Versicherungen. Der Herrenweg nach Gosau ist wirklich sehenswert schön, ein tolles Wandergebiet und kürzer als erwartet: Wieder viereinhalb Stunden unterwegs, davon vier auf den Beinen. (Ich muss sagen, die vier- bis fünf-Stunden-Tage mag ich am meisten. Da kommt man am frühen Nachmittag an und ist kaum erschöpft. Herrlich. Nur dass eben im Toten Gebirge wieder Schluss mit Frühschluss ist) Tipp des Tages: Umdrehen, immer wieder! Fast hätte ich beim forschen Schritt nach Vorne den Dachstein übersehen. Und man muss sagen: Immer eine Pracht. Wenn man auch bald einmal hinfahren sollte, denn der Gletscher schaut ein bisserl nach Sommergrippe aus.

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Bla-sen-frei! Elf Zigaretten geraucht, ein weißer Spritzer. Nein, zwei. Hund Niko Poldi scheint langsam zu akzeptieren, dass Wandern ein Dauerzustand ist Скайп для мобильного. Ich merke das an dem gleichmäßigen Trott, den er für immer weniger Ablenkungen verlässt, an seiner Bereitschaft, jeden kühlen Fleck zur Rast zu nutzen und an seiner schwanzwedelnden Freude, wenn ich in der Früh den Rucksack schultere.



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 Axel Halbhuber am 05.08.2009  |   4 Kommentare