Letzte Erkenntnis. Die Tage danach.

Das Leben ist gleich wieder da. Weil es nämlich nie weg war. Es war immer in Wien, meinem Alltag. Ich hatte es für zwei Monate verlassen, nicht umgekehrt. Das alltägliche Leben ist nicht auf Bergen herumgewandert, hat keine neuen Menschen im Speziellen und Sichtweisen im Allgemeinen kennen gelernt. Es hatte keine Auszeit von den kleinen und kleinsten Problemen des großstädtischen Soziotops und auch nicht entsprechende Distanz zu den großen und elementaren Sorgen meiner Mitmenschen. Mein Leben war da, erhielt Rechnungen, beantwortete Anfragen und schwitzte den Urbansommer. Da ist es nur recht und billig, dass es beim Augenblick meiner Ankunft alles auf mich warf.

Das klingt nach Klagen. Soll es nicht sein. Eine Woche nach dem Passieren des Ortsschildes geht es mir noch immer gut. Freunde nennen mich „glücklich und entspannt“, auf Menschenansammlungen klopft man mir auf die Wanderung22_Hinterstoder-SpitalAmPhyrn090808-09 175Schulter und bezeichnet mich als „den Wanderer“. Und nahezu jeder interessiert sich für meine jüngste Ver-Gangenheit, die einen privat, die anderen beruflich. Mir kann das alles nur gefallen und vor allem nichts anhaben. Weil mir beim Weitwandern eine zweite Haut gewachsen zu sein scheint. Die wie ein Filter nur das Feine an mich lässt. Das Ölige perlt ab.

Ich erzähle das, weil mir die Zeit gleichermaßen fehlt und abgeht, in der ich jeden meiner Tage reflektiert habe. Immer wenn ich beim Wandern den Computer aufgedreht und mich an Sie, werte Leserinnen und Leser, gewandt habe, ist mir der Tag durch den Kopf gegangen. Das Gute ins Köpfchen, das Schlechte ins Hinweg. Diesen Luxus des permanenten Tagesbuchs fürs Gemüt leistet man sich im gelebten Alltag nicht, weil man nicht kann, weil man nicht will, weil man nicht glaubt, dass man kann und daher nicht will. Man tut es einfach nicht. Schade darum, sehr schade.

Damit habe ich meine letzte Erkenntnis der Wanderung wohl erst hinterher gewonnen. Gar nicht dabei, sondern danach. Und gar nicht beim Wandern, sondern beim Schreiben. Dabei, wenn ich so nachdenke,  ist mir diese Erkenntnis immer wieder über den Weg gelaufen: Als mein Sentiment so vehement auf das Ver-Gangene hingewiesen hat und mich zum Rückblicken zwang. Als mir beim Anblick der westlich gelegenen Horizonte immer wieder wassrig im Auge wurde. Als mir regelmäßig der Satz „Das Wichtigste am Gehen ist das Stehen“ einschoss. Aber erst jetzt, wo ich mich wieder im Alltag niedergesetzt habe, verstehe ich es richtig.

Und so verabschiede ich mich mit meinem letzten Tipp des Tages: Wer nicht jeden Abend an den Tag zurückdenkt, ist keinen Meter wirklich gegangen.

 

Ich danke, eindringlich und aufrichtig, für Ihre und eure Aufmerksamkeit.


Axel N. Halbhuber

 

p.s. Drei letzte Sätze in eigener Sache:

Es wird ein Buch über meine Wanderung geben, ich arbeite gerade daran, über den Erscheinungstermin werde ich an dieser Stelle informieren.

Und am 1.Oktober starte ich die nächste Reise, etwas weiter, etwas länger, nämlich um die ganze Welt, worüber an anderer Stelle, aber in gewohnter Form zu lesen sein wird, und worüber ich Ende September ebenfalls hier informieren werde.

Bleiben Sie mir gewogen.

 

Das war’s.



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 Axel Halbhuber am 08.09.2009  |   4 Kommentare
 

4 Kommentare zu “Letzte Erkenntnis. Die Tage danach.”

  1. Birgit sagt:

    danke dir – schön war’s. freu mich schon auf die nächsten abenteuer und darauf ein bisschen “mitzugehen” in die große weite welt …

  2. Michi sagt:

    Der Weg ist ja doch das Ziel. Täglich. Alltäglich.
    q.e.d.

    Lieber Axel,
    vielen Dank für diesen abwechslungsreichen, anderen, und doch – alltäglichen – Sommer!
    lg
    Michi H.

  3. Hundefreund sagt:

    Mach’s gut und streichle Niko Poldi von mir! Danke für die ehrlichen Gedanken! So long!

  4. Respekt vor dem Weg, vor dir und aber auch ganz großen Respekt vor Niko Poldi, der dich als treuer Freund begleitet und dich sicher oft aufgemuntert hat “da draußen”
    An alle Globetrotter mit Hund da draußen möchte ich auch noch ein Wort in eiegener Sache sagen. Urlaub mit Hund findet ihr unter http://www.boomer-reisen.com – egal ob Wandern, Wellness oder Luxus

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