Mitwanderer am Wort. Tag zweiunddreißig.

Wanderung32_NachtwächterStändiger Abschied gehört dazu. Man sieht den Berg in der Ferne auftauchen, besteigt ihn und verlässt ihn, bis er wieder am vergangenen Horizont verschwindet. Oder Menschen: Man trifft sie, führt satte Gespräche und verzichtet dafür auf den Austausch von Telefonnummern. Verabschiedet sich intensiv, aber nur so herzlich wie es eben authentisch ist. Wie auf der Körner-Hütte: Den Mann mit der bemerkenswerten Frisur getroffen, ins Gespräch gekommen, von ihm zu einer Bergmesse im Druiden-Stil eingeladen worden und gestaunt, als der Ex-Gendarm von seinem heutigen Wirken als Welser Nachtwächter und seinem erfüllten Leben sprach. Dann wieder gegangen.

Mit den Mitwanderern ist das ähnlich unaufgeregt. Nur, dass ich sie beim Abschied um eine Reflexion bitte.

 

Michi H. (39 Jahre, mitgewandert von Kufstein bis Lungötz)

„Nun sitze ich im EC „Vorarlberg“ und lasse mich von ÖBB und SBB nach zehn Wandertagen mit Axel und Co. bequem nach Zürich zurück bringen. „Vorarlberg“, wo Axels langer Weg begonnen hat. Die Alternative wäre der „Transalpin“ gewesen, hätte thematisch auch ganz gut gepasst. Sei’s drum, der Zug fährt gerade an Kufstein vorbei, wo mein Mitwandern begonnen hat. Hier nutze ich nun die Zeit um das Ver-Gangene (déja vu) ein bisschen zu reflektieren.

Wie kam ich überhaupt zum Mitwandern? Die Begeisterung bei mir dazu musste Axel erst gar nicht wecken, da hätte er offene Türen eingerannt. Ich war eh’ schon geistig auf diesen Zug aufgesprungen, als er mir das erste Mal mit all seiner Leidenschaft und Intensität von diesem Projekt erzählt hat. Nur noch ein Check der Urlaubsplanung und des Wanderplans und mein Entschluss stand fest: ich gehe mit! Von Kufstein bis Lungötz. Vom Inn zur Salzach. Und noch ein Stück weiter ins Lammertal. Ich bin zwar viel in den Bergen unterwegs, aber die Ecke mit Wilder Kaiser, Waidringer Steinplatte, Steinernes Meer, Hochkönig und Tennengebirge war von mir bisher noch unberührt.

Dann bei der Anreise: Im Panorama-Wagen des EC „Transalpin“ (jetzt kommt der doch noch zum Zug) der Blick steil hinauf in die Lechtaler Alpen, im Wanderung00_MichiHAmHPZeitraffer laufen die ereignisreichen Etappen von den ersten Juli-Tagen wie ein Film ab, nur bei strahlendem Kaiserwetter halt. Dieses blieb uns auch zum Großteil von Kufstein bis Lungötz treu.

Unsere Wege in diesem Abschnitt waren geprägt von steilen, teilweise verwachsenen, dafür umso wildromantischeren Aufstiegen. Von urwaldartigen Märchenwäldern. Von viel Wasser in Bächen und in über lange Zeit im Kalkfels ausgehöhlten Whirlpool-Becken. Von unzähligen steinigen Meilen (statt den im Arbeitsalltag dominierenden Meilensteinen). Und über all dem von den Logenplätzen mit dem Blick auf die Zillertaler Alpen und die gesamten Hohen Tauern. Am beeindruckendsten die glitzernde Gletscherwelt des Großvenedigers und seiner Trabanten und die kühnen Gestalten des Großen Wiesbachhorns und unseres Höchsten – des Großglockners.

All das Erlebte in die richtigen Worte zu fassen, interessante Begegnungen lebendig wieder zu geben, das ist wohl Axels Profession. Emotional geht er dabei überall mit. Sei es mit einem sentimentalen Blick auf das Ver-Gangene. Mit glänzenden Augen auf die hohen Berge nah und fern. Mit Respekt vor tiefen Abgründen. Fluchend, wenn mal was nicht klappt. Vor Glück jauchzend, wenn’s wieder mal “afoch schee is” Скайп для мобильного. Unermüdlich und einfallsreich beim Organisieren der Unterkünfte bzw. beim Umdisponieren, falls es mal nicht so geht wie geplant. Zweifelnd und unruhig, wenn er mit seinem Blog in Rückstand gerät (es ist wirklich hart, so viel zu gehen und täglich darüber einen ausgereiften Blog zu verfassen). Hart zu sich selbst, vor allem dann, wenn es um die Zahnwurzel geht. Nachgebend, wenn eine Lösung für die Zahnschmerzen unumgänglich wird (Axel hat sich lange dagegen gewehrt). Wieder voll da (yesssss!), wenn sich derartige Probleme in Wohlgefallen auflösen. Traurig, wenn sich Mitwanderer verabschieden (müssen) – when it’s over, it’s over. Begeistert, wenn Niko Poldi ins Wasser springt und sich nachher in der Wiese wälzt (Axel überlegt sich dann, wieso er das nicht auch tut). Und überhaupt: dieser Hund Niko Poldi ist Klassenkasperl und Gruppenzusammenhalt in einem.

Gemeinsam haben wir wohl in den vergangenen zehn Tagen oder rund zweihundert Kilometern unsere Liebe zu den Bergen anständig und kräftig ausgelebt. Die Wellenlänge hat eindeutig gepasst. Und jetzt, zum Abschluss meiner Nachbetrachtung, eröffnet sich gerade wieder ein grandioser Blick in die Lechtaler Alpen …

Vielen Dank, lieber Axel! Komm gut nach Wien. Vielen Dank auch an die anderen Mitwanderer Iga, Laszlo, Manu, Marc und Michi F., welche ich alle als liebenswerte Menschen kennen gelernt habe. Jeden auf seine Art.

PS: Als Nachtrag noch der (Bier-)Tipp des letzten Juli-Drittels am Weitwanderweg 01. Einerseits wird im Tiroler Unterland ein hervorragendes Huber-Bräu aus St. Johann ausgeschenkt. Man kann sozusagen getrost “A Hoibe Huba” (!) bestellen. Andererseits gilt im Salzburger Land: immer nach der S-Klasse Ausschau halten: Stiegl. Wohl bekomm’s!

PPS: Keine Blasen.“

 

Michi F. (36 Jahre, mitgewandert von Lofer bis Werfenweng)

Der heilige Jakob am Berg

Letztes Jahr im Herbst war ich Jakobspilger. 800 lange Kilometer in 28 Tagesetappen, von den Pyrenäen nach Santiago de Compostella. Zu Fuß, Wanderung00_MichiFAmHPversteht sich. Die Erleuchtung will schließlich verdient sein.

Erlangt hab ich sie trotzdem nicht. Drei Dinge aber habe ich unter anderem am Jakobsweg gelernt: erstens, beurteile niemanden nur aufgrund seines Aussehens oder seines augenscheinlichen Alters; zweitens, teile dir den Weg zu einem weit entfernten Ziel gut ein und überschätze dich dabei nicht; und drittens, glaub ja nicht, dass Frauen weniger schrecklich schnarchen können als Männer.

Nein, keine Erleuchtung, nur ein wenig mehr Reife hat mir der Jakobsweg gebracht. Ein paar einfache Erkenntnisse über mich selbst, die Menschen und das Leben an sich. Und ein paar magische Momente an ganz besonderen Orten und/oder mit ganz besonderen Menschen. Wieder zuhause war der Alltag schnell wieder da. 60-Stunden-Woche, Großstadt-Hektik, Lifestyle-Hedonismus, alles wie gehabt. Geblieben ist die Sehnsucht nach Entschleunigung, nach Kontemplation auf langen Wegen.

Axel pilgert nicht, er wandert. Sagt er. Ohne große Erwartungen hat er sich einfach aufgemacht und geht von Bregenz nach Wien. Für die Österreich-Werbung. Nachzulesen täglich neu im Internet. So erzählt er es zumindest mehrmals am Tag all den fremden Menschen, die ihm am Weg begegnen. Die staunen dann zumeist und die Frage nach dem Warum wird erst gar nicht gestellt. Aber er erzählt es niemals ohne einen gewissen Stolz, und das lässt vermuten, dass es vielleicht doch nicht einfach so einfach ist, dass vielleicht doch mehr dahintersteckt als der Sommer-Job eines freien Journalisten im Web 2.0 Zeitalter.

5 Tage hab ich Axel bei seinem „Projekt“ begleitet. Von Lofer über Maria Alm bis nach Pfarrwerfen. Durch wilde Schluchten und über grüne Almen, durch das Steinerne Meer und entlang des Hochkönig-Massivs.

5 Tage volle Kanne Österreich, seine Berge und den damit verbundenen Tourismus, oder Fremdenverkehr, wie es früher einmal hieß. 5 Tage Speckbrot und Kas´pressknödel, Buttermilch und Soda-Radler, Lederhosen und Dirndlkleider, spartanische Alpenvereinshütten und Berghotels mit Vollausstattung. Das klingt zwar auch nicht nach Erleuchtung, doch auch hier gab es sie, die magischen Momente an ganz besonderen Orten und/oder mit ganz besonderen Menschen. Das Glühen der Berge, wenn die Sonne untergeht; der grenzenlose Blick auf schneebedeckte Gipfel in weiter Ferne; der frische Schluck aus eiskalten Bächen; Sterne, die ungestört vom schmutzigen Licht der Städte vor sich hin funkeln, dass einem der Mund offen stehen bleibt; die treuen Augen des besten Hundes der Welt (Niko Poldi, ich liebe dich auch!); tiefgehende Gespräche mit den Wanderkollegen (wenn auch nach mehreren Runden Schnaps). Tourismus (fast) ohne Hedonismus, Kontemplation im wahrsten Sinne des Wortes, weil hoch über dem Meeresspiegel. Nach diesen 5 Tagen bin ich mir jedenfalls sicher: Axel wandert nicht nur. Er pilgert doch. Spätestens am Ziel seiner Reise wird er das auch wissen.

Boun Camino, lieber Axel! Dein Michi F.“

Tag 32 (1.8.2009): Lungötz – Scherlreith – Pommer Parkplatz – Stuhlalm – Theodor Körner-Hütte – zurück zur Stuhlam. Ganztags sonnig, sehr heiß, abends bewölkt, die angekündigten Gewitter blieben schon wieder aus. Ich wählte den kürzesten Weg von Lungötz zur Körner Hütte, wo ich schlussendlich eh keinen Platz bekam (dazu muss man sagen: Ich hatte zwar reserviert, aber aufgrund der Ruhetagsverschiebung von Lungötz nach Bad Goisern war ich einen Tag zu früh dran) Gut, dass auf der fünf Minuten entfernten Stuhlalm noch Platz war. Wie alle praktischen Dinge war auch dieser Weg zweckdienlich kurz, aber nicht erstrebenswert schön, weil viel Forststraße. Viereinhalb Stunden unterwegs, davon knapp vier auf den Beinen. Tipp des Tages: Auf der Stuhlalm kommt der Kaiserschmarrn mit marinierten Erdbeeren. Ja, das ist ebenso lecker wie es ungewöhnlich klingt.

Die klitzekleine Blase (linke große Zehe oben) kann sich nicht zum Durchbruch entscheiden. Sieben Zigaretten geraucht, zwei Achterl Wein gezwitschert. Hund Niko Poldi durfte gestern ganz ausnahmsweise im Lager der Stuhlalm schlafen. Und obwohl da drei leere Matratzen gewesen wären, blieb er die ganze Nacht im ihm zugewiesenen Holzboden-Eckerl. Braaaver Niko!

Wanderung32_Abschied



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 Axel Halbhuber am 03.08.2009  |   2 Kommentare
 

2 Kommentare zu “Mitwanderer am Wort. Tag zweiunddreißig.”

  1. Lili sagt:

    Hallo Axel!

    Gratuliere, das ist wirklich ein genialer Blog! Ich habe ihn erst heute entdeckt und bin gerade dabei ihn von vorn bis hintern durchzulesen. Ich gehe den Weg nämlich auch, allerdings in die andere Richtung. Und nicht wie du in einem durch, sondern jedes Jahr nur ein kleines – maximal einwöchiges- Stück. Hier auf der Theodor Körner Hütte müssen wir einander fast begegnet sein, meine Begleiter und ich waren dort auch am 1.August. Der Typ mit der Prinz-Eisenherz-Frisur und der Bursche mit der Ziehharmonika sind mir gleich bekannt vorgekommen. Meine Begleiter und ich haben dort auch genächtigt, wir hatten reserviert (für den richtigen Tag :-) ).

    Ich wünsche dir weiterhin Spaß und viel Genuß auf deinem Weg!

    Schöne Grüße aus Wien!
    Lili

    • das ist aber schade, dass wir uns da verpasst haben. hätten viel zu plaudern gehabt, meine ich. wie weit seid ihr denn bei der heurigen etappe gekommen? falls ihr ein paar tipps für die zweite hälfte wollt, gebt mir bescheid.

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