Alle stehen auf meinen Chirurgen. Nun ist der gute Mann ein wirklich feiner Arzt, wie schon beschrieben. Aber ein Manko hat er und da kommt er mir nicht aus: Unter allen Mitmenschen während meiner Vorbereitungen war er der einzige Phlegmatiker. Da war die Internistin, die bei meiner Gesundenuntersuchung (was übrigens ein schräger Begriff ist, weil es ist doch so: wird man als Gesunder untersucht, spürt man spätestens bei der Frage, ob das weh tut, abgrundtiefen Schmerz. Das ist das hypochondrische Selbst-Ich) gesagt hat, mein zu hoher böser Cholesterin ist angeboren. Nicht selbst verschuldend angefressen. Lieb von ihr, ganz egal, ob das stimmt.
Oder vorgestern: Sportmedizinische Untersuchung, der Arzt erwähnt den hohen Fettanteil meines Edelkörpers nur ganz nebenbei und spricht umso lauter von „echten Wandererwerten“. Soll heißen: flache Lactatkurve, gute Ausdauer. (Er hat dann geglaubt, jetzt muss er auch noch etwas Negatives sagen, wegen mir hätte er nicht müssen. Aber er hat: Aus mir würde kein Sprinter mehr werden. Ach so, na schade) Und auch gestern wieder: Eine gut befreundete Fitness- und Bewegungs- und Ernährungstrainerin schoss Strom durch meinen Körper, um dessen Zusammensetzung zu prüfen. Wieder viel das Wort Fettanteil fast unhörbar leise aus, aber, mein Lieber, deine Muskelmasse ist überraschend hoch, perfekt für deine Wanderung, „schlummerndes Potential“, da kann man drauf aufbauen.
Ehrlich: Das ist alles motivierender als mein Chirurg. Und ehrlicher: Nur weil er mein Knie, quasi meine Axilles-Ferse, schon persönlich kennen gelernt hat, könnte er trotzdem so tun als ob. „Ja, das ist gut, mach so eine Wanderung lieber heute als in zehn Jahren“, könnte er sagen. Hat er aber nicht.
Mein Untersuchungsmarathon hört sich jetzt so an, als ob ich seit Monaten vorbereite. Und das hätte meine Umwelt wohl gerne. Man thematisiert in den vergangenen Wochen nämlich öfter mal meine Vorbereitung. Wie viel ich denn trainiere? Welche Bücher ich denn lese? Ob ich denn auch Steigeisen, Pickel, Höhenmesser, Notfallsbiwaksack und Yetiflinte einpacke? In aller Kürze: Kaum, weil keine Zeit. Gar keine zu dem Thema. Nein, nein, nein, ja. Jagdmessner.
Dochdoch, besorgter Leser, ich nehme diese Wanderung ur ernst. Urernst in Reinkultur. Respekt, Nervosität und Vorfreude halten in meinem Magen seit Tagen Klausur. Aber abgesehen davon, dass ich bei allen nichtsportlichen Vorbereitungen nicht zum Trainieren komme: Wie bereite ich mich denn auf zweimonatiges Wandern vor? Wie simuliere ich denn ungefähr Tag 17 oder Woche 8? Oder auch nur den dritten Tag im Dauerregen, die sechste Gehstunde in röstender Hitze?
Richtig: Alles nur mental. Ich kann das alles nur im Kopf durchspielen. Mir Tipps holen, gut zureden lassen oder einbremsen. Und daraus ein Gesamtbild entwerfen, das die Sache für mich möglich erscheinen lässt. Nach bestem Wissen und Gewissen alles einpacken, alles andere verstauen, die Möglichkeit des öffentlichsten Scheiterns meines bisherigen Lebens zu-, aber nicht zu groß werden lassen. Sich an die Fakten halten: Ich gehe von Bregenz nach Wien. Im Sommer. Ja, es liegt noch viel Schnee, und das Wetter ist derzeit eher Hollywood als Mitteleuropa. Aber ich bewege mich durch ein Land, in dem die giftigste Schlage nur einer Fliege etwas zuleide tun kann. In dem die Berge Höhenkrankheit nur vom Hörensagen kennen. In dem sich mehr Menschen beim Bügeln verletzen als am Berg. (gut, das ist übertrieben, aber auch nicht schlimmer als chirurgisches Phlegma).
Ich verlasse mich einfach auf den Geist. Und darauf, dass der ausnahmsweise mal zu einem gesünderen Körper führt. Und ich verlasse mich auf die Etappenbegleiter. Menschen, die mit mir gehen. Ganz überraschend dastehen und sagen: ich auch. Und zwischendurch entsinne ich mich meiner Lactatwerte. Das wird dann schon. Gehen.






Sag ich ja.
das tolle an phlegmatikern ist, dass sie einem selbst enorm viel spielraum zur interpretation und einschätzung lassen. das tut gut. eine lanze für diese leute. brich sie, axilles
hi axel,
bin kein blogger, mag kein blogging und habe auch noch nie gebloggt – ABER das was du da machst ist so lustig, amüsant und herzig – da muss man einfach zum blogger werden. reihe mich nun hochoffiziell in die schlange deiner fans ein und werde regelmäßig (am comp.)”mit dabei sein”. wenn es zeitlich passt würde ich dich auch gerne ein stück begleiten!
alles liebe und gute … halte durch -
bussl Sandra
Vergiss das Schweizer Messner nicht, vielseitig in der Verwendung und Potenzial für eine Gschicht
s’ländle schtellt extra da reaga i für di. damit s’dir ou net so schneall vatloadat bei üs dahoam. an guata schtart – und no eppas: jedar grot isch des zwoate mol nümm so wild, wirsch seanna… und da rescht macht da niko! bg.